Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land
Part 4
Am verabredeten Tage hatte sich Bernhard von Miltitz pünktlich auf der Höhe vor dem Lommatzscher Tor eingefunden. Es war derselbe Ort, an dem er Sonnhild zum erstenmal gesehen. Er konnte sich genau entsinnen: unter diesem hohen Baum hatte er gestanden, und dicht hinter ihm, wo jetzt ein Bündel Farren mit breiten Wedeln wuchs, hatte sie im Grase gelegen.
Dann trat er so weit vor, daß sein Blick ungehindert in die Weite schweifen konnte. Drüben auf dem andern Elbufer erhoben sich die Hügel, bedeckt von dem leuchtenden Grün der frischen Reben, und zu seiner Rechten, dicht vor der Stadt, ragten der Dom und die alte Markgrafenburg in das lichte Himmelsblau noch hinein. Auch heute lag leuchtender Sonnenschein über dem entzückenden Bild, und die Luft wehte weich und warm und spielte leise mit den Zweigen.
Bernhard war so in Gedanken versunken, daß er Sonnhild erst bemerkte, als das Mädchen neben ihm stand. Jetzt sah er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie trug ein enganliegendes weißes Kleid, das die schlanke Gestalt der aufblühenden Jungfrau deutlich erkennen ließ.
Der Jüngling war von Sonnhilds Schönheit aufs neue betroffen. Er sah eine kurze Weile stumm in das liebliche Gesicht, bis das Mädchen unter seinem Blick errötete und die Augen niederschlug. Da trat er rasch heran, und sie begrüßten sich.
Wie bei ihrem letzten Zusammensein brauchten sie erst eine Zeit lang, um ihre Verlegenheit zu überwinden. Dann aber drängten sich die Worte auf ihre Lippen und sie erinnerten sich beide daran, wie es vor fünf Jahren an dieser Stelle ausgesehen und was sie damals miteinander gesprochen.
So kamen sie ins Plaudern und gingen dabei tiefer in den Wald hinein, der sich neben der Landstraße auf der Anhöhe hinzog. Bernhard legte auch heute wieder seinen Arm behutsam in den der Jungfrau, ohne daß sie durch ein Zeichen peinliche Überraschung verraten hätte. War sie sich dessen im Eifer des Sprechens nicht bewußt geworden, oder erlaubte sie ihm diese Vertraulichkeit? Der Jüngling hoffte das letztere.
Dann pflückten sie die am Wege stehenden Waldblumen und banden sie zum Strauß. Bernhard ließ sich auf das Knie nieder und steckte den seinen in Sonnhilds Gürtel. Darauf trat das Mädchen heran und nestelte ihre Blumen an seinem Kragen fest. Dabei standen sie so eng beisammen, daß ihr Atem sein Gesicht streifte und er die feinen Härchen unterscheiden konnte, die Ohren und Wangen des Mädchens bedeckten. Als Sonnhild aber bei einer unwillkürlichen Bewegung mit der Stirn des Jünglings Wange leicht berührte, trat dieselbe dunkle Röte auf ihr Gesicht, die Bernhard schon wiederholt darin hatte aufsteigen sehen. Und ihre feinen Finger zitterten, bis es ihr gelang, die widerspenstigen Blumen zu befestigen.
Von da an blieb das Mädchen einsilbig, und wenn sie lachte, klang es nicht so natürlich wie sonst. Als Bernhard dies merkte, bemühte er sich, dem Mädchen die Beklemmung überwinden zu helfen, indem er harmlos weiterplauderte. Aber ihr Schweigen raubte ihm endlich die Unbefangenheit, und sein Redefluß versiegte.
Da sagte Sonnhild:
»Junker, ich weiß nicht, ob Euch hinlänglich bekannt ist, welch unseliger Zwist zwischen der Bürgerschaft und Eurem Vater besteht.«
Bernhard erschrak. Doch faßte er sich rasch und entgegnete, wie er wohl wisse, daß eine starke Bewegung zugunsten der Reformation in der Stadt sei. Seinem Vater liege es als Amtmann von Meißen ob, den Befehlen des Herzogs, der von der Einführung der Reformation im meißnischen Sachsen nichts wissen wolle, Geltung zu verschaffen. Und Bernhard fügte hinzu, das Volk würde die Wünsche seines Fürsten gewißlich achten und seine eigenen Wünsche fallen lassen.
Aber Sonnhild schüttelte den Kopf und versetzte mit wehmütigem Lächeln:
»Junker, Eure Harmlosigkeit von früher ist Euch verblieben. Wenn Ihr glaubt, daß die Bürgerschaft Meißens ihre Wünsche aufgäbe, weil der Herzog die Reformation nicht einführen will, dann täuscht Ihr Euch über die Gesinnung der Meißner. Die Gegensätze verschärfen sich mit jedem Tage. Und Euer Vater? Ich glaube bestimmt, daß er nichts anderes tut als seine Pflicht! Aber der ganze Groll der vielen unbefriedigten Menschen richtet sich zuerst doch nur gegen ihn.«
Hier sah Bernhard von Miltitz erstaunt auf.
»Gewiß, Junker, gegen Euern Vater! Der Herzog ist weiter entfernt, und er steht viel zu hoch, daß man es wagte, die gereizten Reden gegen ihn auszustoßen, mit denen die ergrimmte Bürgerschaft ihrem Herzen Luft macht.«
»Aber mein Vater ist doch nur ein Diener des Herzogs, und was er tut, tut er in seinem Namen,« warf Bernhard voll Eifer ein.
»Ich möchte Euch nicht wehtun, Junker,« entgegnete Sonnhild, »deshalb dürft Ihr auch nicht denken, die Worte, die ich jetzt spreche, seien meine eigene Überzeugung: die Bürgerschaft ist Eurem Vater bitter gram, weil sie meint, er schüre den Zwist zwischen ihr und dem Herzog, wo er nur könne, und bestärke diesen in seiner Abneigung gegen die Lutherische Lehre. Denn Euer Vater, Junker, gilt als ein fanatischer Papist.«
Diese Worte, so einfach sie gesprochen waren und obgleich ihnen jeder Ton des Vorwurfs fehlte, machten auf Bernhard einen tiefen Eindruck. Er erwiderte nichts und sah seitwärts in das Gebüsch. Da fühlte er eine weiche Hand, die sich leicht auf seinen Arm legte. Und wie er aufsah, blickte er in Sonnhilds große Augen, die traurig auf ihn gerichtet waren.
»Habe ich Euch doch eine Kränkung bereitet?« sagte sie leise. »Verzeiht, Junker, es war nicht bös gemeint!«
Bernhard war gerührt von dem weichen Ton in Sonnhilds Stimme und dem unaussprechlich lieblichen Ausdruck ihres Gesichts, das dem eines flehenden Kindes glich.
»Liebe Sonnhild,« sagte er herzlich, »was für ein edles Gemüt Ihr doch besitzt.«
Da nahm sie ihre Hand von seinem Arm. Und als sie sich abwandte, schlug ihr die Röte wieder ins Gesicht.
»Was Ihr da sagtet, Jungfrau,« begann Bernhard, »war eine Anklage gegen meinen Vater. Ich bin noch zu unerfahren, um urteilen zu können, ob mein Vater wirklich das tut, wessen man ihn bezichtigt. Wohl weiß ich, daß sein Einfluß auf den Herzog groß ist, und daß ihn dieser vor vielen anderen schätzt. Aber ich weiß auch, Jungfrau, daß mein Vater nicht nur nach Rang und Geburt ein Edelmann ist! Er ist streng, ja, das ist er! Er ist auch zuweilen -- heftig. Das habe ich als Kind wiederholt fühlen müssen. Aber er ist auch gerecht! Und hinter seinem strengen Äußeren verbirgt sich ein mildes Herz! Schon als Knabe habe ich meinen Vater innig geliebt und tiefe Ehrfurcht vor ihm besessen. Jetzt aber, nachdem ich sein Inneres geblickt, ist es mein sehnlichster Wunsch, die Eigenschaften des väterlichen Charakters möchten sich auch in mir reich entwickeln.«
Sonnhild warf einen warmen Blick auf Bernhard, ohne daß dieser es bemerkte. Von dem Ernst seiner Rede ganz erfüllt, fuhr er fort:
»Mein Vater ist ein strenggläubiger Christ. Ob er der neuen Lehre feindlich gegenübersteht, weiß ich nicht.«
»Ich glaube Euern Worten, Junker,« versicherte Sonnhild. »Dieser unselige Zwist! Wieviel Tränen und Ärgernisse hat er nicht schon gekostet. Wenn doch nur der Herzog die evangelische Lehre freigeben wollte! Meint Ihr nicht auch, daß es Gott gleich gefällig ist, ob man ihm nun so oder so dient? Nicht die Form ist doch hier das Wertvolle, sondern der Inhalt.«
Bernhard wurde leicht verlegen. Es hätte ihn geschmerzt, dem Mädchen zu widersprechen. Deshalb sagte er nur:
»Ich kenne nichts anderes, als den alten Glauben. Aber wir wissen ja, daß es allein darauf ankommt, dem Höchsten mit ganzer Seele anzugehören.«
Damit war Sonnhild zufrieden.
»Für heute,« sprach sie, »ist es aber genug, Junker! So Ihr jedoch kommenden Samstag für ein Stündchen Zeit hättet ...«
»Aber Jungfrau, wie mögt Ihr nur so fragen,« erwiderte Bernhard, indem er bemüht war, seiner Stimme einen Anflug von Vorwurf zu geben.
Sonnhild lächelte.
»Und wieder hier?« fragte sie neckend.
»Wieder hier,« antwortete er und drückte voll Wärme die Hand, die sie ihm reichte.
Dann sah er ihr lange nach, bis die jungfräuliche Gestalt seinen Blicken entschwand.
Langsam ging er darauf quer durch den Wald, bis zur Landstraße, die er stadtwärts verfolgte. Da holte ihn ein junges Mädchen ein, das ihn aufmerksam betrachtete und alsdann dicht in seiner Nähe blieb.
Bernhard fühlte, wie ihn die Unbekannte dreist ansah. Auch als er seinen Blick verweisend auf sie richtete, fuhr sie fort, ihn anzustarren.
Sie mochte zwanzig Jahre zählen. Ihr Körper war gut gewachsen und von leichter Fülle. Beim Gehen wiegten die Schultern ein wenig, und der wohlgerundete Busen schwebte auf und nieder. Ihr Gesicht war sehr bleich, fast durchsichtig. Unter den starken, schwarzen Brauen glänzten zwei herrliche Augen. Die schmale Nase besaß eine scharfe Krümmung. Das Mädchen war eine Jüdin.
Bernhard sah von ihr weg. Aber er empfand, daß sie kein Auge von ihm ließ. Ihrem abgenutzten Kleide nach stammte sie aus dem niederen Volke.
Nachdem beide ein Stück fast nebeneinander gegangen waren, sah er wieder zu ihr hin und blickte eine kurze Weile in ihre großen, blauen Augen.
Ein seltsames Gefühl überkam den Jüngling. Erinnerten ihn diese Augen nicht an Sonnhild? Er verwarf den Gedanken. Doch mußte er bald eingestehen, daß die Augen des Judenmädchens denen Sonnhilds glichen. Aber sie sahen ihn ganz anders an. Die Augen Sonnhilds leuchteten wie zwei Sterne am nächtlichen Himmel, die der Jüdin blickten starr und frech. Und verhaltene Glut blitzte in ihnen.
Da sah er zum drittenmal hinüber, und ihre Blicke trafen sich wieder. Eine magnetische Kraft schien von diesen Augen auszugehen.
Bernhard wurde ärgerlich, schwieg aber. So gingen sie bis zum Stadttor. Hier angekommen, blieb das Mädchen stehen, während er durch das Tor weiterging. Als er sich aber in geraumer Entfernung noch einmal umsah, bemerkte er die Jüdin unbeweglich neben dem Torhaus an die Stadtmauer gelehnt, ihm nachschauend.
Unwillig wandte er sich um. Aber lange hatte er das Gefühl, als ob die starren Augen noch immer auf ihn gerichtet seien.
Sechstes Kapitel
Unerwarteter Besuch im Rathaus
Der Unfrieden der Bürgerschaft bereitete Georg Waltklinger nicht wenig Sorge. Zudem hatte er in seinem Gewerbe fleißig zu schaffen. Vom frühen Morgen bis zum Abend war er mit den Gesellen bei der Arbeit. Das Tuch, das er anfertigte, stand bei den Kaufleuten in besonderem Ruf, und sie bestürmten ihn mit Wünschen und großen Aufträgen.
Nur wenn ihn die Pflicht als Stadtoberhaupt rief, war er nicht in der Werkstatt anzutreffen. Dann legte er die große Schürze ab, vertauschte das Arbeitsgewand mit dem Kleide des Burgemeisters und begab sich auf das Rathaus.
Zuweilen traf es sich, daß ein Bittender, um seinen Rat zu heischen, ihn bei der Arbeit aufsuchte. Dieser mußte sich neben ihn setzen und so sein Anliegen vortragen. Währenddem arbeitete Waltklinger schweigend weiter und warf nur ab und zu eine Frage ein.
Besonders der Tuchmacher und Ratmann Niclas Anesorge saß wiederholt bei ihm. Der alte Mann war ein Feuerkopf und ein eifriger Protestant. In der Werkstatt daheim schaffte sein Sohn, er selbst überwachte die Erfolge der evangelischen Lehre im ganzen Lande. Da er des jüngeren Waltklingers Verstand und Mäßigung hoch schätzte, ordnete er sich ihm willig unter.
Anesorge redete viel und heftig. Wenn er auf sein Lieblingsgespräch kam, konnte er ganz wild werden. Dann schrie er nicht selten seine Zuhörer an, daß es manchem bänglich zumute ward. In der Innungsstube und in den Schenken wurde es rasch lebhaft, wenn Anesorge eintrat. Natürlich bildete der Religionszwist seit langem den Mittelpunkt aller Unterhaltung. Deshalb war der Stoff schon abgebraucht. Fuhr aber Meister Anesorge irgendwo dazwischen, dann kam die Masse schnell in Fluß.
Seine drei größten Feinde waren der Bischof, der ihm, wie er sagte, den ganzen schönen Dom oben auf der Schloßfreiheit verleidete, ferner Ernst von Miltitz und Herzog Georg. Von diesen dreien sprach er am liebsten. Für jeden hatte er sich eine erkleckliche Anzahl liebevoller Kraftausdrücke zurechtgelegt, die er scharf voneinander unterschied. Wenn er lebhaft wurde, und dieses pflegte bald einzutreten, ließ er die Kernworte als Würze in seine Rede einfließen.
Dazu schlug er mit der Faust öfters auf den Tisch und begleitete seine Worte mit unvorsichtigen Handbewegungen. Dies rächte sich bisweilen, denn er warf damit seinen eigenen Wein und den anderer unterschiedslos um. Das machte ihn hitziger, als wenn er ihn getrunken hätte. Er verstieg sich zu gewagten Ausfällen und entkräftete Behauptungen, die niemand aufgestellt hatte. Ab und zu blickte er sich im Kreise um, als wenn er Widerspruch erwarte. Aber die Umsitzenden hüteten sich. Denn es war hinlänglich bekannt, daß der alte Anesorge mit demselben Nachdruck, mit dem er die evangelische Bewegung verteidigte, den leisesten Widerspruch gegen seine Ansichten ablehnte.
Wenn er endlich lange genug gewettert hatte, war die Last von seiner Brust für diesen Tag herunter. Die hellen Augen leuchteten jugendlich in dem vom Wein geröteten Gesicht, und mit sich selbst zufrieden, strich er über das kurze, weiße Haar. Traf er alsdann auf dem Nachhauseweg einen Handwerksburschen oder einen vagierenden Bettler, so gab er diesem reichlich.
Daheim erwartete ihn sein Weib, das jedesmal sagte:
»Ich seh' dir's schon wieder an. Geh ins Bett, Mann! Dich muß der Tod noch einmal besonders aufs Maul schlagen.«
Er aber kniff seine greise Ehehälfte zärtlich in die volle Backe und entgegnete:
»Laß es nur gut sein, Alte! Wir erleben es noch beide, daß die ganze schwarze Klerisei mit Sack und Pack -- heidi -- zum Stadttor hinauszieht!«
Eines Tages wurde dem Burgemeister und den Ratmannen eine große Überraschung. Sie waren wieder im Rathaus versammelt, als plötzlich einer der beiden Stadtknechte mit dem Spieß in der, Hand die Treppe heraufgestampft kam, die Tür zum großen Saal aufriß und hineinschrie:
»Seine Gnaden, der Herr Amtmann!«
Gleich darauf war zu aller höchlichstem Erstaunen Herr Ernst von Miltitz eingetreten. Der Burgemeister selbst war es gewesen, der sich als Erster erhoben, um den Vertreter des Herzogs zu begrüßen. Er tat dies mit eisiger Miene. Und wie er sich verbeugte, sah es aus, als wenn er des Stadtknechts Spieß verschluckt hätte.
Die Ratmannen, die ohne Ausnahme auf ihren Burgemeister guckten, taten ebenso steif wie er.
Dann lud Waltklinger Herrn Ernst von Miltitz ein, zu seiner Rechten am Tische Platz zu nehmen. Denn Gesetz und Recht forderten es, daß der Amtmann den Beratungen der Ratsversammlung anwohnen durfte.
Die lange Tagesordnung wurde weiter besprochen. Als sie zu Ende war, richtete sich Herr Ernst von Miltitz aus seiner zurückgelehnten Haltung auf und sprach:
»Es fügt sich heute zum erstenmal, daß ich bei einer Gemeindeversammlung gegenwärtig bin. Den Wunsch, dies einmal zu tun, habe ich schon seit langer Zeit gehegt. Doch haben mich meine zahlreichen Berufspflichten bisher daran gehindert. Ich habe mich nunmehr davon überzeugt, mit welcher Ordnung und strengen Sachlichkeit die Verhandlungen geführt werden. Darüber bin ich erfreut, aber nicht verwundert. Denn nur so konnte ich es vorfinden. Welch ersprießliche Tätigkeit der Burgemeister und die Ratmannen von Meißen entfalten, das lehrt auf den ersten Blick der Zustand der blühenden Gemeinde. Es ist weithin bekannt, wie die Stadt Meißen hierin unter den sächsischen Städten obenan steht. Dieser Rang gebührt ihr mit Recht! Auch Herzog Georg, unser allergnädigster Herr, weiß solches, und er freut sich seiner guten und treuen Stadt. Ich wünsche, daß die Bürgerschaft Meißens jederzeit genug solcher Männer findet, mit denen sie ihren Rat beschickt!«
Ernst von Miltitz hatte diese Worte ruhig und hier und da mit Nachdruck gesprochen. Der warme Ton ehrlicher Überzeugung hatte durchgeklungen. Selbst der leiseste Verdacht, daß er schmeicheln wolle, hätte in keinem der Zuhörer aufsteigen können.
Jetzt sah er sich im Kreise um, gleichsam als wollten die Augen bestätigen, was sein Mund gesprochen. Aber die Männer saßen stumm am Tische und hielten ihre Blicke gesenkt.
Über die ernsten Züge des Amtmanns lief ein Schatten. Er wartete noch eine kurze Weile, dann fuhr er fort:
»Wo man soviel ehrliches Wollen und gutes Vollbringen antrifft, soll freundliche Nachsicht Richter sein, wenn die Erreichung von Zielen angestrebt wird, die man sich besser nicht gesteckt hätte. Die Bürger kennen sattsam des Herzogs Entschlüsse in Sachen der Religion. Sie haben als treue Untertanen die Pflicht, sie zu achten und sich ihnen unterzuordnen. Wer seinen Fürsten liebt, beugt sich vor ihm! Ein braver Untertan tut nicht gut daran, über die Grenzen des Landes hinauszuschauen, damit er erblicke, was seine Unzufriedenheit erregt.
Die kurfürstlichen Sachsen beten im neuen Glauben, wie sie es nennen; wir herzoglichen feiern unsere Andachten im alten. Die Evangelischen beteuern, daß der Weg, den sie gingen, ebenso zur ewigen Seligkeit führe. Es ist nicht mein Beruf, diesem zu widersprechen. Aber damit erkennen sie an, daß auch die bisherige Straße dieses Ziel erreicht. Glauben ist Herzenssache! Wer aber zwei Möglichkeiten des Vollbringens sieht, kann _die_ Ausführung wählen, die sich mit den Pflichten eines treuen Untertanen verträgt. Doch soll, was ich jetzt gesagt, nicht die lobende Anerkennung abschwächen, die ich vorhin ausgesprochen.«
Ernst und eindringlich, fast väterlich hatte diese Rede geklungen. Doch hatte sie keinen Eindruck hinterlassen, sie war wirkungslos verhallt. Die Männer hatten mit eisigem Schweigen zugehört, das auch jetzt noch anhielt.
Endlich räusperte sich der Burgemeister und erwiderte in achtungsvollem Ton:
»Es erfüllt uns mit Genugtuung, Herr Amtmann, aus Euerm Munde zu vernehmen, daß das Land und selbst des Herzogs Hoheit anerkennt, wie der Rat der Stadt Meißen seine Pflicht tut. Diese Anerkennung soll uns darin bestärken, wie bisher weiter zu wirken. Die Zustimmung zu unserem Tun aber als Lob zu betrachten, weist der Rat zu Meißen ab! Denn er tut eben nichts anderes als seine Pflicht!«
Zu diesen Worten erklang zum ersten Male ein beifälliges Murmeln.
»Was das andere betrifft, Herr Amtmann,« setzte Georg Waltklinger mit weiser Mäßigung hinzu, »so haben uns Eure Worte die erhoffte Befriedigung nicht gebracht. Glauben ist Herzenssache, sagtet Ihr. Nun, Herr Amtmann, unsere Herzen verlangt es eben nach jener hohen Befriedigung, die ihnen die Lehre des Doktors Luther gibt. Der alte Glaube aber kann dem keine Erbauung mehr spenden, der die köstliche Weihe empfunden, die das große Werk des Wittenbergers ausgießt. So Ihr der Bürgerschaft von Meißen einen Dienst tun möchtet, den sie Euch nie vergessen würde, dann geht hin zu unserm erlauchten Herrn und öffnet ihm die Augen darüber, wie hoch die Not gestiegen ist, die sein Volk im Innern leidet!«
Der Burgemeister hatte mit fließender Beredsamkeit und allen aus der Seele gesprochen. Die Männer fühlten die tiefe Wirkung der Worte ihres Oberhaupts. Kein Beifallszeichen ertönte, aber auf ihren Mienen stand das Einverständnis zu dem Gehörten. Doch Ernst von Miltitz machte eine abweisende Gebärde.
»Männer, die fest und wahr zu dem Herzog stehen, sprechen anders!«
Waltklinger richtete sich groß auf.
»Die zum Herzog stehen?« entgegnete er mit niedergehaltener Erregung. »Nicht weniger treu und fest, als Ihr, Herr Amtmann, bekennt sich der Rat und die Einwohnerschaft zu unserm gnädigen Herrn! Aber warum setzt sich der Herzog so scharf in Widerspruch mit seinen Untertanen? Warum gibt er die Kirchen für den lutherischen Glauben nicht frei? Warum erlaubt er nicht, daß uns das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht werde? Denkt er vielleicht, durch sein Sträuben für alle Zeiten das zu verhindern, was mit zwingender Notwendigkeit doch einmal eintreten muß? Treue und Anhänglichkeit zu der Person des Herzogs sind hohe Tugenden, Herr Amtmann. Und wir üben sie. Aber über Fürstendienst steht Gottesdienst!«
Da war es heraus! Nun wußte der Vertraute des Herzogs alles. Und er konnte es seinem Herrn berichten. Das waren unerschrockene Worte gewesen, die der Burgemeister gesagt hatte. Alle empfanden es! Die freimütige Haltung Waltklingers hatte sie begeistert.
Ernst von Miltitz war vom Stuhl aufgestanden, und mit ihm erhob sich die Versammlung.
»Herr Burgemeister,« sagte der Amtmann tief verstimmt, »ich habe das Äußerste versucht, Euch von Euern unausführbaren Plänen abzubringen. Es ist mir mißlungen. Ich bedaure es! Seid Ihr Euch aber auch bewußt, was Eure abweisende Haltung bedeutet?«
Wie zwei Gegner standen die beiden Männer einander gegenüber. Georg Waltklinger, der den Amtmann um eines Hauptes Länge überragte, stand hoch aufgerichtet mit zurückgeworfenem Kopf. Noch nie hatte er die Würde als Burgemeister so gefühlt, wie in dieser Minute, und noch nie war er so stolz gewesen, ein freier Handwerksmeister zu sein, wie gerade jetzt.
»Ja, Herr Amtmann,« kam es mit männlicher Festigkeit von seinen Lippen. »Ich weiß es, was diese Stunde bedeutet. Sie eröffnet den Kampf. Die Bürgerschaft von Meißen steht hinter mir, -- ich werde ihn ausfechten!«
Ernst von Miltitz fühlte, wie er in den Augen der Männer als der Unterlegene erschien. Schon war er im Begriff, die Kühnheit des Burgemeisters scharf zurückzuweisen, um dergestalt die starke Wirkung seiner Rede abzuschwächen. Aber er verschmähte es. In vornehmer Haltung und mit einem stummen Gruß verließ er den Saal.
Jetzt brach das Schweigen. Die Mitglieder der Ratsversammlung priesen mit lauten Worten die Klugheit und den Freimut ihres Oberhaupts. Einer nach dem andern drängte sich an Waltklinger heran, damit er ihm die Hand drücke, als Zeichen des Einverständnisses zu seiner mannhaften Rede. Niclas Anesorges Gesicht strahlte. Er hatte immer eine hohe Meinung von der Tüchtigkeit Waltklingers gehabt. Heute war dieser aber über sich hinausgewachsen. Wie kraftvoll die Worte geklungen hatten -- und wie stolz!
So gingen die Ratmannen auseinander und trugen die Kunde von dem bedeutsamen Vorfall hinaus. Sie flog von Gasse zu Gasse und huschte in jedes Haus. Die Einwohnerschaft der Stadt Meißen aber empfand große Befriedigung und war wieder einmal stolz auf ihren Burgemeister.
Nur einer legte seiner Freude kurze Zügel an -- Georg Waltklinger. Nicht daß er die Gefahr scheute, die der heraufbeschworene Kampf ihm bringen mußte. Er kannte keine Furcht! Wer so wie er im innersten Herzen von der Rechtlichkeit seines Wollens überzeugt war, wer so gerade Wege ging, der konnte allem, was auch kam, ruhig entgegensehen.
Als er aber zu später Abendstunde beim Kerzenschein in seinem Zimmer saß, kamen ihm allerhand Gedanken und Zweifel, ob er recht gehandelt. Ernst von Miltitz, das fühlte er jetzt, war sicherlich als heimlicher Abgesandter seines Herrn erschienen. Herzog Georg liebte seine alte Markgrafenstadt und es war ihm daran gelegen, mit ihrer Bürgerschaft in Frieden zu leben. Wohl war es die Mehrzahl der sächsischen Städte, die unaufhörlich um die Reformation baten, aber von Meißen schallte dieser Ruf doch am stärksten. Deshalb hatte der Herzog seinem Vertrauten wohl auch die Weisung gegeben, den Rat unverfänglich und in Güte zu überreden, damit er seinen Einfluß auf die Bürger geltend mache. Und der Amtmann, das war nicht zu leugnen, hatte sich seines Auftrags mit Geschick entledigt.
Die hohen Herren waren jedoch, als sie den Plan schmiedeten, von der wirklichen Stimmung im Volke nicht unterrichtet gewesen. Der Bürger _wollte_ nicht nachgeben, ja, er _konnte_ es nicht mehr. Der Geist des Wittenbergers war schon zu tief in aller Seelen eingedrungen. Und wenn der Herzog selbst käme und es versuchte, und wenn er bäte! -- man könnte ihm doch nur _eine_ Antwort geben! Soweit also war Waltklinger beruhigt.