Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land
Part 2
Da lief plötzlich ein Zittern über des Jünglings Gestalt und mit einem Ruck richtete er sich straff auf. Dazu blickte er angestrengt nach der Tür hinüber. War ihm nicht gewesen, als wenn er durch den offenen Flügel in dem dunklen Hausgang etwas Helles hatte schimmern sehen? Vielleicht ein weißes Gewand? Mit verhaltenem Atem sah er hin. Da erschien eine Frauengestalt auf der Schwelle, die aber sogleich wieder in das Haus zurücktrat, wohl deshalb, um eine noch rechtzeitig entdeckte Unordnung an ihrem Kleide zu beseitigen.
Wie ein Wirbelwind war der Jüngling über den Platz hinweggeeilt und stand nun klopfenden Herzens vor der offenen Tür. Er schaute mit den geblendeten Augen unsicher in den dämmrigen Hausflur hinein. Da gewahrte er in der Mitte des weiten Raumes ein junges Mädchen von hoher Schönheit. Sie trug ein feines, schneeweißes Linnengewand, das ein ärmelloser Überrock von blauem Tuch, mit goldenen und kristallenen Knöpfen verziert, bedeckte. Der Hals war bloß, und unter dem Ausschnitt war ein breiter Rand der köstlichen Leinwand zu sehen.
Wie gebannt sah der Jüngling auf die lichte Gestalt. Da unterschied er die feinen Züge, ein Paar große, blaue Augen und eine überreiche Fülle leuchtenden Haares, das sich unter dem Hute vordrängte. »Sie ist es!« rief in ihm eine Stimme, und er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe drang. Sein Herz schlug stürmisch. Was er in diesen fünf Jahren geträumt und was er heiß ersehnt, hatte sich in dieser Stunde erfüllt. Er stand wieder vor ihr!
Heimliches Bangen und heller Jubel tönten in seiner Stimme, als er fragte:
»Sonnhild! -- -- -- kennst du mich wieder?«
Darauf blieb es beklemmend still in dem steinernen Gewölbe der Hausflur. Die beiden jungen Menschen standen sich stumm gegenüber. Das Gesicht des Mädchens zeigte große Überraschung, die aber bald durch den Ausdruck lebhaften Unwillens verdrängt wurde. Wie konnte es dieser fremde Mann wagen, sich ihr so gegenüber zu stellen? Tiefe Entrüstung flammte in ihren Augen auf und in dem stolzen Zurückwerfen des feinen Kopfes lag eine strenge Zurechtweisung.
Die Augen des Jünglings hatten während dieser Zeit voll Spannung auf dem schönen Mädchen geruht. Jetzt empfand er, wie seine vertrauliche Begrüßung sie erzürnt hatte. War sie darüber entrüstet, daß er es wagte, sich ihr zu nähern, weil sie als Kinder einmal zusammen gescherzt hatten? Oder hatte sie ihn vergessen? Die Freude über das Wiedersehen hatte ihn fortgerissen, -- unter dem zürnenden Blick des in seinem Stolze verletzten Mädchens erhielt er jedoch die verlorene Beherrschung rasch wieder.
Und so nahm er denn nach ritterlichem Brauch das Sammetbarett vom Kopfe, verneigte sich tief und mit feinem Anstand und sprach in ehrfurchtsvollem Tone:
»Mit Gunst, edle Jungfrau! Erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?«
Kaum hatte der Jüngling diese Worte gesprochen, als mit dem Mädchen eine rasche Veränderung vorging. Sie betrachtete sinnend seinen jetzt unbedeckten Kopf, als wenn sie in der Erinnerung ein Erlebnis aus früherer Zeit suche. Auch der Klang der Stimme schien ihr bekannt wie ein alter, lieber Freund. Der Jüngling sah, wie sich die Augen des Mädchens halb schlossen und wie sich ihr Kopf beim Nachdenken ein wenig neigte.
Da sah sie auf, und den Bangenden traf aus ihren großen Augen ein warmer Blick. Und er vermeinte, den süßen Klang der Stimme des jubelnden Kindes von einst wieder zu hören, als sie rief:
»Bernha...!«
Aber schon verstummte sie wieder, und auf ihr Gesicht trat der Ausdruck hoher Verlegenheit. Sie suchte sich zu fassen und sagte endlich, die Silben scharf trennend:
»Junker von Miltitz ...«
Der aber trat an sie heran und fragte:
»So erinnert Ihr Euch meiner wirklich noch, Jungfrau?«
Das Mädchen neigte die feine Stirn.
»Daß Ihr so groß geworden, machte Euch mir fremd. Aber wie sollte ich Eurer vergessen, Junker?«
Da traf sein Auge das ihrige warm und innig, daß sich der Blick des Mädchens herabsenkte. Gleichzeitig schlug eine dunkle Röte in das liebliche Gesicht und färbte dieses bis unter die weichen Wellen des blonden Haares purpurn.
»Hier im Hausgang kann unseres Bleibens nicht länger sein,« sagte sie hastig. »Auch auf den Gassen darf man uns nicht beisammen sehen. Ihr wißt, Junker, -- unsere Väter! Geht deshalb; ich folge Euch! Droben auf dem Plossenberg mögt Ihr meiner warten!«
Damit wandte sie sich um und ging tiefer in den Hausflur zurück. Der Jüngling aber trat ins Freie und schlug den Weg nach dem Fleischtor ein. Die grell scheinende Sonne blendete ihn anfänglich, daß er die Hand schützend über die Augen legen mußte.
Unwillkürlich sann er darüber nach, welcher Sinn in den letzten Worten des Mädchens gelegen hatte. Man dürfe sie nicht zusammen sehen! Nun ja, Bürger und Adel vertragen sich seit langem nicht. Und er wußte, daß gerade gegenwärtig die Spaltung zwischen ihnen größer war denn je. Besonders die Reichen unter den Bürgern waren voll Erbitterung. Ja, einzelne Geschlechter der Städte waren mit adligen Familien tödlich verfeindet.
Doch bald wurden diese Gedanken von freundlicheren verdrängt. Er hatte sie wiedergesehen! Die Sehnsucht fünf langer Jahre war erfüllt! Das Mädchen war sein schönster Traum gewesen!
Bernhard von Miltitz rief sich noch einmal zurück, wie er ihr vorhin gegenüber gestanden. Dieses leuchtende Auge! Das glänzende Haar! Das liebliche Gesicht! Und dazu der Jubel in der Stimme! -- Alles wie einst! Und wie schön sie geworden war! Und mit wieviel Freundlichkeit sie sich seiner erinnerte ... »Sonnhild!« flüsterte er.
Bald hatte er das Stadttor und den schmalen Steg über die Triebisch hinter sich. Dann ging er auf der Straße weiter, die durch Wiesen und Felder hinauf auf den Plossenberg führte. Oben angekommen, setzte er sich ins weiche Gras und lehnte den Rücken gegen den breiten Stamm einer mächtigen Birke, deren herabhängende, saftiggrüne Zweige ihn fast berührten. So richtete er den Blick die Straße hinab. Aber bald sah er nichts mehr von seiner Umgebung, sondern überließ sich willig den Träumereien, die ihn erfüllten.
Da wurde er von seinem Nachdenken aufgescheucht, eilende Tritte auf der Straße drangen an sein Ohr. Und wie er aufsah, erkannte er Sonnhild. Sie hatte ihn schon von weitem bemerkt und winkte ihm aus der Ferne zu.
Nach wenigen Minuten war sie bei ihm, und nun gingen sie langsam die Straße weiter. Anfänglich waren sie so beklommen, daß keines von ihnen ein Wort sprechen konnte.
Allmählich aber kamen sie ins Plaudern und sagten sich gegenseitig, wie sich jeder von ihnen doch so verändert habe. Fünf Jahre seien freilich hingegangen; eine lange Zeit, fünf Jahre! Und nun verlor Sonnhild die Befangenheit und erzählte von ihren Erlebnissen während dieser Zeit.
Bernhard von Miltitz ging in Entzücken versunken neben dem schönen Mädchen her. Ihre liebe Stimme hatte er, ach, wie viele Male, in der Erinnerung erklingen lassen. Jetzt hörte er sie wieder! Sie tönte ihm wie die Melodie eines alten Liedes aus den Tagen der Kindheit. Und wenn das Mädchen lachte, drang ihm der Wohllaut ihrer Stimme tief ins Herz.
»Nun, Junker,« rief Sonnhild, »berichtet Ihr einmal, wie es Euch in all den Jahren ergangen ist!«
Und er erzählte dem aufhorchenden Kinde von dem Leben in der herzoglichen Residenzstadt, von den glänzenden Festen bei Hofe und von seinen weiten Reisen, die er gemacht. Denn in Begleitung seines Vaters hatte er bereits Prag, Leipzig und Erfurt gesehen.
Dabei blickte er von Zeit zu Zeit verstohlen zu ihr auf. Das reine Profil ihres Gesichts, der entzückende Ansatz des in einer edlen Linie verlaufenden Halses, die feinen Nasenflügel und die niedlichen rosigen Ohren! Er konnte sich an all diesem Schönen nicht sattsehen. Und wenn er etwas Lustiges sprach, daß sie lachte, dann öffneten sich ihre roten, vollen Lippen, und die beiden Reihen herrlicher Zähne wurden sichtbar.
Plötzlich blieb Bernhard stehen.
»Hier führt ein lauschiger Weg durch den Wald nach Siebeneichen. Laßt uns ihn einschlagen, Jungfrau.«
Langsam und dicht nebeneinander verfolgten sie den schmalen Weg. Die Sonnenstrahlen drangen durch die Baumkronen und fingen sich in Sonnhilds Haar, von dem sie den Hut genommen hatte. Und es schien dem Jüngling, als wenn blitzende Funken daraus hervorsprängen.
Bernhard von Miltitz setzte seinen Bericht fort. Ab und zu warf das Mädchen eine klug gestellte Frage ein, den Jüngling dergestalt zum Weitersprechen ermunternd. Bernhard fand Gefallen an dem Interesse seiner lieblichen Zuhörerin. Er ging aus seiner natürlichen Zurückhaltung unwillkürlich heraus, und sein blasses Gesicht bekam den Anflug einer feinen Röte. Bis mit einem Male Sonnhild fragte:
»Junker, wie alt ist Eure Familie eigentlich?«
»Das Geschlecht der Miltitz,« antwortete der Jüngling, »wird im Jahre 1186 zum ersten Male genannt. Es ist also fast ebenso alt,« fuhr er mit bescheidenem Stolze fort, »wie die Wettiner als erbliche meißnische Fürsten. Die Geschichte meiner Vorfahren ist mit der ihres Landes eng verknüpft. Durch die Jahrhunderte haben sie den Markgrafen treu gedient und allzeit die höchsten Ämter verwaltet. Vor wenigen Jahren kaufte mein Vater unsern heutigen Stammsitz und ließ das Schloß Siebeneichen errichten. Nun steht es hoch auf dem Berge, nahe dem Elbstrom, und seine Mauern und Türme sind weithin sichtbar. Mögen die beiden Namen Miltitz und Siebeneichen fest miteinander verbunden bleiben, -- so Gott will, für alle Zeiten!«
Sonnhild hatte diesen Worten mit Aufmerksamkeit gelauscht. Nun fragte sie:
»Sagt mir doch, Junker, woher kommt der Name Siebeneichen?«
»Die Eiche,« antwortete Bernhard, »durfte nach dem Baumkultus der Germanen nicht von jedem Markgenossen geschlagen werden. Sie stand unter den geheiligten Bäumen obenan. Unter ihr wurden Opfer gebracht und Gottesurteile gesprochen. Die sieben Urteiler saßen rund im Kreise unter den Bäumen; in ihrer Mitte thronte der Richter auf einem Stein oder Hügel. Eine solche Gerichtsstätte mag sich zu alten Zeiten auf unserm Berge befunden haben. Die noch heute vor dem Schlosse stehenden sieben Eichen verkünden dies.«
Hier schwieg der Jüngling und blieb stehen. Und als Sonnhild aufsah, bemerkte sie eine hohe Mauer, an der sich Efeu hinaufrankte.
»Wir haben Siebeneichen erreicht,« sagte Bernhard. »Möchtet Ihr in seinem weiten Schloßpark nicht einmal lustwandeln, edles Fräulein?«
Sonnhild sah ihn erfreut an.
»So Ihr es erlaubtet, Junker, tät ich es recht gern!«
Bernhard lächelte befriedigt.
»Dort ist das Tor,« sprach er, »treten wir ein.«
Der ausgedehnte Park prangte in der herrlichsten Frühlingspracht. Unter den hohen Bäumen führte ein Netz von Wegen an herrlichen Blumenbeeten vorüber bis in die entferntesten Teile. Weite Flächen saftiggrünen Rasens wechselten mit dichtbewachsenen Laubengängen, und hinten an der Mauer befanden sich, von fast undurchdringlichem Blattwerk umgeben, lauschige Winkel.
Sonnhild brach wiederholt in Ausrufe des Entzückens aus. Diese Schönheit hatte sie noch nicht gesehen! Und sie bedauerte, daß in der engen Stadt die Anlage selbst eines kleinen Gartens nicht möglich sei.
Jetzt dauerte es auch nicht mehr lange, bis das Mädchen die bisher bewahrte Zurückhaltung vergaß. Flüchtigen Fußes entlief sie ihm, daß der Jüngling Mühe hatte, sie zu fangen. Dann wieder war sie plötzlich verschwunden, und Bernhard von Miltitz sah ihr helles Kleid zwischen den grünen Laubengängen schimmern, bis sie ein gutes Versteck gefunden hatte. Nun ging er ans Suchen.
Obwohl er alle verschwiegenen Winkel des Parkes genau kannte, tat er doch so, als bereite es ihm Mühe, sie zu entdecken. Absichtlich lief er einige Male dicht an ihrem Versteck vorüber, selbst ihr leises Kichern überhörend. Und wenn er das verborgene Plätzchen endlich erreichte und die dicht verschlungenen Ranken auseinanderbog, dann sah er das Mädchen niedergeduckt auf dem Erdboden, und ihre lachenden Augen waren auf ihn gerichtet. Bis sie mit einem Freudenruf aufsprang und jubelte:
»Nein, Junker, wie schön es hier doch ist!«
So wiederholte sich das anmutige Spiel oft, ohne daß eines von ihnen merkte, wie rasch der Nachmittag verging.
Als aber die Schatten der Bäume immer länger wurden, erklärte Sonnhild, heimkehren zu müssen. Und Bernhard von Miltitz erkannte, wie sich die Freude des Mädchens dämpfte und leises Bedauern sie erfüllte.
»Ich bringe Euch bis zum Plossenberg zurück, Jungfrau,« sagte er tröstend. Damit führte er sie zum Park hinaus wieder auf den schmalen Waldweg den sie gekommen. Und da dieser Pfad eben recht eng war und sie doch zu zweien bleiben wollten, mußten sie dicht nebeneinander gehen. So kam es, daß sich ihre Hände wiederholt berührten. Bis mit einem Male Bernhard ihre weiche Hand ergriff und festhielt.
Bei dieser Berührung schreckte das Mädchen zusammen, und ihr sprudelndes Plaudern stockte für einen Augenblick. Doch sie entzog ihm die Hand nicht. Als sie aber nach einer kleinen Weile fühlte, wie sich der Arm des jungen Mannes leise in den ihrigen legte, schwieg sie plötzlich. Eine dunkle Röte flammte in dem lieblichen Gesicht der Jungfrau auf, und ein langer, flehender Blick aus ihren großen Augen traf ihn.
Da bemächtigte sich auch des Jünglings tiefe Verwirrung. Er preßte ihren Arm sanft an sich, und es klang wie eine Bitte, als er den Mund zu ihrem Ohre neigte und so leise flüsterte, als ob selbst die Vögel des Waldes es nicht hören sollten:
»Sonnhild!«
Das Mädchen schwieg. Und da auch Bernhard die Unterhaltung nicht wieder aufnahm, legten sie das letzte Stück Wegs stumm zurück. Die Verwirrung, die sie nicht verlassen wollte, spiegelte sich in den Gesichtszügen der beiden jungen Menschen ab.
Bevor sie aus dem Wald auf die Straße traten, zog Sonnhild ihren Arm sanft aus dem des Jünglings, strich mit den Händen ein paarmal über die schweren, glänzenden Zöpfe und setzte den Hut wieder auf.
»So,« sprach sie und blieb stehen, »nun müssen wir Abschied nehmen! Habt vielen Dank, Junker, für Eure freundliche Begleitung und für die kurzweilige Unterhaltung, die Ihr mir geboten.«
Bernhard von Miltitz wehrte ab.
»Sprecht nicht also, Jungfrau! Ihr gabt mir ebensoviel, wie Ihr meint, empfangen zu haben. Nehmt auch Ihr vielen Dank!«
Hierauf legte Sonnhild ihre weiße Hand für einen Augenblick in die seine und wandte sich zum Gehen.
»Wollen wir uns nicht wiedersehen, Jungfrau?« kam es bestürzt von Bernhards Lippen.
»Doch, Junker, wenn Ihr mögt ...«
»Ob ich wollte? Könnt Ihr so fragen? Schon morgen am liebsten ...«
»Nein,« entgegnete sie bestimmt, »nicht morgen. Aber nach drei Tagen, von heute an gerechnet, just um dieselbe Stunde.«
»Und wo?«
Sonnhild sann nach.
»Jungfrau, laßt uns wieder dahin gehen, wo ich einst wähnte, eine Waldfee zu erblicken.«
Sonnhild ließ leise ihr wohlklingendes Lachen hören.
»Sei es, Junker. Also, lebt wohl -- bis dahin!«
»Auf fröhliches Wiedersehen, Jungfrau!«
Bernhard von Miltitz zog das Barett und verneigte sich. Dann schritt Sonnhild den Berg hinab, während der Jüngling den Waldweg wieder zurückging.
Drittes Kapitel
Frau Magdalena erlebt eine Überraschung
In dem Erker des Turmzimmers im Schlosse Siebeneichen saß Frau Magdalena von Miltitz. In ihrem Schoß lag ein Kleid von grauem Leinen, an dem sie eifrig nähte.
Die Schloßherrin von Siebeneichen war eine große, schöne Frau von noch nicht fünfzig Jahren. Ihre Gesichtsfarbe war ein blühendes Rot, und in das braune Haar hatte sich noch kein einziger Silberfaden gestohlen. Deshalb hielt man sie allgemein für jünger. Sie war eine kluge und entschlossene Frau, die ihre Pflichten im Hause vortrefflich ausübte und die von ihrem Gatten als eine verständige und liebevolle Ehegattin hoch geschätzt wurde.
Frau Magdalena war eine geborene Pflug. Ihr Vater war der angesehene Herr auf Zabeltitz, Heinrich Pflug. Derselbe, der einmal auf die Frage, warum er das Wörtchen »von« doch nie vor seinen Namen setze, geantwortet:
»Warum das? Die Pflugs gehören zu den vier Prinzipalgeschlechtern des meißnischen Heldenadels und wurden immer an erster Stelle genannt. Das weiß jedes Kind!«
Der Stolz des Vaters hatte sich auf die Tochter vererbt. Zwar war sie weit davon entfernt, hochmütig zu sein. Aber tief im Herzen fühlte sie die heimliche Freude, einem uralten, hochgeachteten Adelsgeschlecht zu entstammen.
Frau Magdalena ließ das Kleid sinken. Und während die fleißigen Hände einmal ruhten, schweifte ihr Blick zum Fenster hinaus. Tief unten rauschte die Elbe. Am jenseitigen Ufer stiegen hohe Weinberge empor, hinter denen sich das Land in einer weiten Ebene verlor. Ihre Augen glitten achtlos über das schöne Bild hinweg; sie dachte an ihren Sohn Bernhard. Seine älteren Brüder weilten draußen in der Welt, er, der Jüngste, war ihr verblieben. Dazu hatte er ihrem Mutterherzen heimlich immer am nächsten gestanden. Denn dieselben Eigenschaften, die sein Vater besaß, zeigten sich auch bei ihm recht deutlich.
Schon während seiner Kindheit war der hervorstechendste Zug ihres Jüngsten die Ritterlichkeit gewesen. Mit heimlicher Freude hatte sie immer beobachtet, wie der Knabe sich bemühte, gegen seine Mutter artig und zuvorkommend zu sein. Und als er noch nicht den Kinderschuhen entwachsen war, zeichnete er sich durch selbstbewußte Höflichkeit gegen Frauen vor allen Altersgenossen aus. Auch die vornehme Gesinnung des Vaters hatte er geerbt, und dessen ruhiges Wägen, bevor er handelte.
Freilich wußte Frau Magdalena, daß Bernhard auch die Schwächen seines Vaters besaß: den zuweilen aufflammenden Zorn und die trotzige Beharrlichkeit, die keine Strenge beugen konnte.
Da schreckte sie aus ihrem Nachdenken auf. Draußen hatten hastige Schritte geklungen. Und wie sie den Blick nach der Tür richtete, trat Bernhard ins Zimmer. Frau Magdalena erkannte alsbald, daß ihn etwas bewegte. Seine sonst blassen Wangen waren von einer leichten Röte verfärbt.
Bernhard von Miltitz besaß für seine jungen Jahre ein großes Maß von Beherrschung. Mit dem vollendeten Anstand eines Jünglings aus edlem Geschlecht begrüßte er seine Mutter. Als er sich jedoch zum gewohnten Handkuß vor ihr verneigen wollte, umschlang sie ihn, und er fühlte ihre Lippen auf seiner Stirn. Das machte ihn betroffen, denn er wußte, daß solche Beweise von Zärtlichkeit bei seiner Mutter selten waren.
Frau Magdalena hatte die Hände an des Sohnes Schläfen gelegt und sah ihm liebevoll ins Gesicht. Und bevor sie ihn freiließ, küßte sie ihn noch einmal.
Dieser Ausdruck von mütterlicher Liebe stimmte Bernhard weich, daß er plötzlich den Drang empfand, mit seiner Mutter von dem zu sprechen, was sein Herz erfüllte. Und so begann er denn mit stockenden Worten:
»Mutter, heute nachmittag bin ich mit einem fremden Fräulein in unserm Park gelustwandelt ...«
Frau Magdalena horchte auf.
Da fuhr er schon im Sprechen fort. Aber jetzt kam der Redefluß leicht von seinen Lippen:
»Ein vornehmes Fräulein, lieblich, zierlich und anmutig zugleich. Keine, die ich je sah, glich ihr! Ihr Antlitz ist süß, wie das der heiligen Maria, und ihre Gestalt zart, wie die eines jungen Rehs. Und ihr Fuß, ihr kleiner, schmaler Fuß, liebe Mutter, ist so gewölbt, daß sich ein Vöglein darunter verstecken könnte ...« Hier brach die Schilderung jäh ab, und eine dunkle Röte bedeckte das Gesicht des Sprechers.
Frau Magdalena war vor Überraschung sprachlos. War das ihr Sohn Bernhard, der jungfräuliche Reize so beredt schildern konnte? Ihr Jüngster von dem sie wußte, daß er es wohl verstand, Frauen ritterlich zu dienen, dessen junges Herz aber, wie sie wähnte, von kühler Gelassenheit beherrscht wurde?
»Du verstehst dich ja meisterlich darauf,« versetzte sie endlich, »die Schönheit junger Fräulein zu rühmen! Aber sag' mir doch vorerst, wer ist denn dieses Mädchen?«
Bernhard war an eines der hohen Erkerfenster getreten und sah, scheinbar gefesselt von dem Fernblick, hinaus. Er kämpfte sichtlich mit einer leichten Verlegenheit. Deshalb wandte er sich auch nicht um, als er antwortete:
»Sie ist ein Meißner Bürgerkind, Mutter.«
»Ich dachte es schon,« versetzte diese. »O ja,« fuhr sie nach kurzem Schweigen fort, »die Bürgersleute von Meißen sind sehr achtbar, und sie werden ihr Kind sicherlich ebenso vortrefflich erzogen haben, wie du es anmutig findest. Der Stolz der Bürger, solange er nicht zur Hoffart wird, ist wohlbegründet in ihrer Tüchtigkeit. Aber sieh, Bernhard, wir gehören nun einmal nicht zu ihnen, und sie mögen uns auch gar nicht zu den ihrigen zählen. Wie heute die Verhältnisse liegen, sollen Adel und Bürgertum hübsch voneinander bleiben. Und, lieber Sohn, der Frieden im Herzen einer Jungfrau ist sehr bald gestört. Hüte dich davor! Was du als ritterliche Aufmerksamkeit betrachtest, wird leicht anders gedeutet. Ein gesittetes Bürgermädchen aber mit schönen Worten zu betören, danach, mein lieber Bernhard, wird es dich nicht verlangen.«
Der Jüngling wandte sich hastig um.
»Nimmermehr!« rief er. »Ich bin ein Miltitz und werde immer nur das tun, was mein Gewissen gutheißt. Dürfte aber die Kluft zwischen Bürger und Adel ein Hindernis für die Vereinigung zweier Herzen sein? Verstieße solches, so man es verlangte, nicht gegen die göttlichen Gebote?«
Diesen mit edler Wärme gesprochenen Worten folgte tiefes Schweigen. Bis Bernhard in ruhigem Tone fortfuhr:
»Die Jungfrau, von der ich sprach, besitzt eine reine, herrliche Seele. Ihr Vater trägt einen hochangesehenen Namen, er ist der Burgemeister ...«
»Waltklinger?« Frau Magdalena richtete sich steil auf.
Bernhard sah verwundert auf.
»Ja, liebe Mutter,« antwortete er, »Sonnhild ist die Tochter des Burgemeisters Georg Waltklinger.«
Frau von Miltitz schöpfte tief Atem. Dann sagte sie:
»Nein, Bernhard, der jahrhundertealte Zwist zwischen Adel und Bürgertum darf Herzen, wo sie sich nähern, nicht im Wege stehen. Aber wir können es ruhig denen überlassen, sich hierüber zu verständigen, die es angeht. Für dich mit deinen achtzehn Jahren ist dieses Gespräch zu ernst. Und ich will dir auch sagen, warum ich erschrak, als du vom Burgemeister sprachst. Du bist erst zu kurze Zeit wieder hier, daß du wissen könntest, wie zwischen deinem Vater und dem Rat der Stadt Meißen gegenwärtig eine starke Spannung besteht. Wie dir bekannt, ist vor einigen Jahren drüben im Kurfürstentum Sachsen die Reformation eingeführt worden, während sie bei uns herzoglichen Sachsen vergeblich um Einlaß angeklopft hat. Darüber ist die Bürgerschaft Meißens erbittert, weil sie die lutherische Lehre zur Staatsreligion erhoben sehen möchte. Aber unser Herzog Georg ist ein Feind des Wittenbergers. Deinem Vater fällt es nun als Amtmann von Meißen zu, die widerspenstige Einwohnerschaft in Schach zu halten, wofür er vom Herzog ausreichende Vollmacht erhalten hat. Das Haupt dieser Religionsbewegung ist in Meißen aber der Burgemeister Waltklinger. Dieser stolze und adelsfeindliche Mann betrachtet deinen Vater als einen böswilligen Widersacher und ist ihm bitter gram. Was müßte dein Vater nun empfinden, so er erführe, sein Sohn hofiere dem Burgemeistertöchterlein, und wie müßte das Mädchen leiden, wenn solches dem Waltklinger zugetragen würde. Denn der Jähzorn dieses Mannes soll schlimm sein.«
Frau Magdalena hatte sich bei den letzten Worten erhoben.
»Ich weiß, daß ich mich auf deine Klugheit und auf dein Zartgefühl verlassen kann. Du wirst nie vergessen, welches Maß von Rücksicht du dem Namen, den du trägst, und deinem Vater schuldig bist.«
Hier verließ Frau von Miltitz in mühsam verhehlter Erregung das Zimmer. Bernhard hatte ihre Rede stumm angehört. Jetzt sah er in starrer Haltung noch eine Weile auf die Tür, durch die seine Mutter ihn verlassen. Dann trat er in den Turmerker und schaute lange hinaus über das weite Land.
Viertes Kapitel
Eine stürmische Ratsversammlung
Der Burgemeister Georg Waltklinger trat aus seinem Haus auf den Marktplatz. Er warf einen kurzen Blick über die Zelte und Stände der Marktfieranten und schlug alsdann den Weg nach der Kirche ein; zwei Stadtknechte mit Spießen auf den Schultern folgten ihm mit respektvollem Abstand.