Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land

Part 12

Chapter 123,631 wordsPublic domain

Wie würde die Strafe sein? Man wagte kaum, davon zu sprechen. Es war eine vom Amtmann anberaumte Versammlung zweier strittigen Parteien gewesen, zu der dieser als Vertreter des Herzogs gekommen war, um Recht zu sprechen. Und während der gesetzlichen Verhandlung hatte der Burgemeister den Amtmann persönlich angegriffen! Sicherlich würde bei Betrachtung der Schuldfrage der verhängnisvolle Umstand mildernd in die Wagschale fallen, daß das Pferd stieg und Waltklinger argwöhnen konnte, der von ihm Gekränkte wolle ihn züchtigen.

Aber viel sprach das nicht für ihn. Denn ein im Namen des Landesfürsten Recht sprechender Amtmann, so würde man erwidern, läßt sich zu Tätlichkeiten nicht hinreißen. Er besitzt genug Mittel, Verletzungen seines Ansehens zu ahnden. Solches ist selbst dem gemeinen Volke bekannt. Wie erst muß ein Burgemeister dies wissen!

Zur Verschärfung der Schuld mußte aber der betrübende Umstand beitragen, daß Ernst von Miltitz aus seiner Ohnmacht noch nicht erwacht war! Die aus Dresden herbeigerufenen Ärzte hatten die Köpfe geschüttelt und sehr ernste Gesichter gemacht. Ob die Schädelwandung zerbrochen sei, wußten sie noch nicht.

Jedenfalls lastete auf der Bürgerschaft Meißens schwere Kümmernis, denn es gab niemand, der für den Burgemeister Waltklinger keine warme Empfindung besaß. Er war der Stolz der Stadt und ihr Liebling.

Von allen Menschen hatte das Unglück Sonnhild natürlich am schwersten getroffen. Als sie die entsetzliche Kunde vernommen, war sie nach der Fronfeste geeilt, um dem geliebten Vater Trost zuzusprechen. Hier hatten die Burgknechte am Fuße der Treppe sie zurückgewiesen.

Darauf war Sonnhild in die zu ebener Erde gelegene Wohnung des alten städtischen Hüters des Gefängnisses getreten, von dem sie wußte, daß er dem Vater aus früherer Zeit Dank schuldete. Aber der alte Mann hatte bedauernd den Kopf geschüttelt. Der Gefangene stand nicht unter seiner Obhut. Und wie er wußte, hatten die Knechte strenge Weisung, keinen Menschen, wer es auch sei, zu ihm zu lassen. Dieser Befehl stamme vom Schloßhauptmann, bei ihm möge sie ihre Bitte vorbringen.

Da war Sonnhild zum Schloß hinaufgegangen und hatte gebeten, vor den Schloßhauptmann gelassen zu werden. Aber ihre Bitte war abgeschlagen worden. Sonnhild hatte sich jedoch im Hause versteckt und ohne Speise und Trank an ihrem geschützten Platze bis zum Abend ausgehalten. Als dann der Schloßhauptmann die Treppe herabgeschritten kam, hatte sie sich vor ihm auf die Knie geworfen und seine Füße umklammert und in den Tönen der Verzweiflung gefleht, sie zu ihrem Vater zu lassen.

Herr Hans von Minkwitz war ein edler Charakter. Und als er in das wunderschöne Mädchenantlitz gesehen, das leichenfahl und von Schmerz entstellt war und aus dem ihn zwei große Augen flehentlich anstrahlten, mochte es ihm unsagbar schwer geworden sein, seine Pflicht zu tun.

Aber er mußte das Mädchen abweisen. Bevor der untersuchende Staatsrat aus Dresden nicht gekommen sei und ihren Vater verhört habe, dürfe er niemandem Zutritt zu dem Gefangenen gewähren.

Da hatte sich Sonnhild aufgerafft und war müden Schrittes gegangen.

Am nächsten Tage hatte sie den Versuch erneuert. Hans von Minkwitz ließ die Unglückliche bescheiden, die Untersuchung sei zwar beendet, der herzogliche Abgesandte habe aber die strenge Haft verfügt, wonach der Burgemeister keinen Besuch erhalten dürfe. Daß diese scharfe Maßregel nur in solchen Fällen angewendet wurde, wenn der Beschuldigte eine schwere Strafe gewärtigen mußte, hatte Hans von Minkwitz wohlweislich verschwiegen.

Der Urteilspruch pflegte in allen Fällen, in denen die Hoheitswürde empfindlich geschädigt war, rasch verkündet zu werden. Zudem lag hier der Fall klar zutage. Der Verhaftete bestritt seine Schuld nicht. Als ihm aber der Staatsrat nahegelegt, die Gnade des Herzogs anzurufen, hatte er stumm den Kopf geschüttelt.

Was die alsbaldige Festsetzung der Strafe jedoch verhinderte, war der Zustand des Amtmanns, der noch immer zwischen Leben und Tod schwebte. Je nachdem, wofür das Geschick sich entschied, würde das Herzogliche Hofgericht ein schärferes oder milderes Urteil fällen.

Die Einwohnerschaft horchte daher gespannt auf jede Nachricht, die aus Siebeneichen über das Befinden des Schloßherrn in die Stadt drang. Allstündlich ließ Peter Sorgenfrei, als Vertreter des in Haft gesetzten Burgemeisters, auf dem Marktplatz den Bescheid ausrufen, der dem Boten des Rats in Siebeneichen geworden.

Die Verkündung blieb tagelang dieselbe: Ernst von Miltitz habe die Besinnung noch nicht wieder bekommen. Seine Ernährung erfolge künstlich.

Sobald des Ausrufers Klingel ertönte, öffnete sich eines der Fenster des stattlichen Bürgerhauses auf dem Marktplatz und eine in tiefe Trauer gekleidete Mädchengestalt beugte sich weit heraus. Wenn die Mitteilung über das unveränderte Befinden des Kranken verklungen war, verschwand das blasse Antlitz mit dem Ausdruck schmerzlicher Enttäuschung, und das Fenster schloß sich wieder.

So wurde die Bürgerschaft Meißens Tage hindurch in atemloser Spannung gehalten.

Die alte Hanne, selbst tief erschüttert, hatte in dieser Zeit schwer zu kämpfen. Sonnhild saß vom Morgen bis zum Abend am Fenster, starrte hinab auf den Marktplatz und weigerte sich, etwas zu genießen. Nur mit Mühe konnte die Greisin ihren Liebling dazu bewegen.

Es war um die Mittagstunde, und das Klingelzeichen tönte wieder einmal herauf. Sonnhild erwachte aus ihrer Erstarrung und öffnete mechanisch das Fenster. Da klangen auch schon die Worte des Ausrufers an ihr Ohr:

»... zwar noch nicht völlig zum Bewußtsein gekommen, aber die Ärzte haben erklärt, daß keine Lebensgefahr mehr bestünde!«

Sonnhild sank in den Stuhl zurück. Mit geschlossenen Augen saß sie eine Weile regungslos.

Endlich erhob sie sich mühsam und ging durch die Flucht der Zimmer, bis sie vor der Tür des letzten stehenblieb. Feierlich, als wenn sie ein Heiligtum beträte, öffnete sie und schritt über die Schwelle.

Unterdessen hatte eine fremde Frau das Waltklingersche Haus betreten. Die alte Hanne, die ihr auf der Treppe begegnete, war erschrocken stehengeblieben und hatte kein Wort vom Munde gebracht.

Mürrisch und ohne Gruß trat die Fremde zu der Greisin und sprach ein paar Worte zu ihr. Darauf zeigte die Hanne stumm auf eine Tür, durch die die Fremde verschwand. Die Greisin aber lief in die Küche und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl.

Das Zimmer, worin sich die Fremde nun befand, war das nämliche, das Sonnhild soeben verlassen hatte. Sie betrachtete die schweren Möbel und die Eichentäfelung der Wände. Bald wandte sie die Augen aber unwillig ab und ging durch die weitgeöffneten Türen von einem Zimmer ins andere. Zuletzt stand sie vor einem Raum, aus dem durch die Türspalte Kerzenlicht schimmerte.

Zögernd blickte sie hinein und unterschied in dem Halbdunkel eine kniende Mädchengestalt, die ihr den Rücken zuwandte. Da fiel ihr Blick auf ein Frauenbildnis an der Wand. Die Fremde zuckte zusammen und trat zurück.

Sonnhild hatte das Geräusch gehört, das die rasche Bewegung gemacht, und trat aus dem Zimmer. Fragend betrachtete sie die Fremde. Hatte sie diese harten Züge nicht schon einmal gesehen? Aber so kummervoll wie heute waren sie nicht gewesen. Sonnhild sann nach. Der Schmerz und die Angst hatten ihr Gedächtnis geschwächt

Da wachte die Erinnerung an ein grausiges Erlebnis auf. Sie sah im Geiste die wutverzerrten Züge und die funkelnden Augen des Mädchens, von dem sie in jener Nacht verfolgt worden war.

Unwillkürlich wich Sonnhild einen Schritt zurück, und ihr Blick ging besorgt zur Tür, ob nicht das Mädchen dahinter laure.

Mit spröder Stimme sagte jetzt die Frau:

»Meine Tochter läßt Euch bitten, sie noch heute zu besuchen. Sie ist krank und liegt zu Bett.«

Sonnhild sah erstaunt auf.

»Ich soll Eure Tochter besuchen? Sie, die Böses wider mich im Schilde geführt? Das kann doch unmöglich Euer Ernst sein.«

»Doch,« antwortete die Frau kurz, »es ist so. Sie läßt Euch dringlich bitten.«

Sonnhilds Stolz regte sich.

»Dann sagt ihr, daß ich nicht käme.«

»Ihr tätet etwas Gutes, so Ihr sie besuchtet.«

»Wer so gehandelt, wie sie, hat das Anrecht auf die Freundlichkeit des von ihm Bedrohten verwirkt.«

»Sie hat gefleht, ich solle nicht eher von Euch gehen, bis Ihr mir die Zusage gegeben.«

»Dann tut es mir um Euretwillen leid, daß Ihr Euch vergeblich bemühtet.«

»Aber wenn sie Euch um Verzeihung bitten möchte?«

»Verzeihen? Warum, frage ich, tat sie mir dies Schlimme?«

»Das fragt sie selbst.«

Da überdachte Sonnhild ihr eigenes Weh, und Mitleid kam sie an.

»Sagt, Frau, durchlebt Eure Tochter Stunden, in denen sie ohne Verstand ist?«

»Nein,« erwiderte die Frau, der die weiche Regung Sonnhilds nicht entgangen war, »ihr Verstand ist gesund. Oder doch, -- Ihr habt recht, sie hatte in jener unseligen Stunde den Verstand verloren.«

Die Frau tat einen tiefen Atemzug. Dann sprach sie weiter.

»Hört, was ich Euch sage. Mein armes Kind besitzt das Blut seiner Mutter. Sie liebt mit grenzenloser Leidenschaft. Auch ich tat es einst. Heute hasse ich ihn, den ich liebte.«

Sonnhild empfand Unbehagen beim Klang dieser Worte.

»Aber was habe ich mit der Liebe Eurer Tochter zu schaffen?« fragte sie.

»Sie hat Euern Junker wiederholt von der Ferne gesehen. Seine männliche Schönheit hat ihr's angetan. Leidenschaft hat ihre Vernunft erdrückt, sonst wäre es nicht dahin gekommen. Die Eifersucht eines Weibes ist um so maßloser, je größer ihre Liebe ist ...«

Sonnhild erzitterte. Darum also! Einer warmen Empfindung nachgebend, sagte sie:

»Seht, Frau, und versichert Eurer Tochter, daß ich ihr verzeihe.«

»Möchtet Ihr das meinem Kinde nicht selbst sagen?«

»Nicht jetzt. Die Erinnerung an die häßliche Stunde ist noch zu frisch. Ich bin besorgt, der Ton meiner Stimme möchte die Herzlichkeit meiner Worte mindern.«

Da wurde die Frau weich.

»Ihr verdient Dank! Aber welcher edle Mensch tut das Gute nur halb, wenn er es ganz verrichten kann?«

»Später einmal, verlaßt Euch darauf!«

»Jungfrau,« erwiderte die Bittende ernst, »sagt nicht: später. Es würde sicher zu spät sein! Denn das Leben meiner Tochter währt nur noch Stunden ...«

Der wehmutsvolle Zug in Sonnhilds bleichem Gesicht trat schärfer hervor, als sie mit unsäglicher Ergebung antwortete:

»Gute Frau, auch ich stehe an der Schwelle zur Ewigkeit. Ihr kennt sicherlich das furchtbare Schicksal, das uns betroffen, und dessen zermalmende Ungewißheit vielleicht schon tötet, bevor der Richtspruch fällt. Der Trostlose vermag nicht, Trost zu spenden. Kehrt deshalb rasch heim zu Eurer Tochter, damit sie keine Minute ihrer letzten Stunden der mütterlichen Liebe entbehre.«

Und als Sonnhild wahrnahm, wie es in dem strengen Gesicht der Frau arbeitete, fügte sie, um ihr Tröstung zuzusprechen, hinzu:

»Euer Kind ist reich gegen mich Arme, denn sie hat noch eine Mutter. Vielleicht auch den Vater ...«

»Den hat mein Kind nie besessen!« stieß die Frau aus. »Kommt mit mir!« flehte sie gleich darauf wieder.

»Ich habe alles verziehen, sagt ihr das ...«

»Möchtet Ihr einem Todkranken nicht das Sterben erleichtern?« stammelte die Frau schluchzend und die Hände ringend. »Es ist ja mein Kind, mein einziges Kind, zu dem Ihr kommen sollt!«

Da schrie Sonnhild gequält auf:

»Ich, die ich vor Kummer vergehe, soll trösten? Frau! Wer hat denn für mich Trost in meinem entsetzlichen Weh?«

»Meine Tochter wird Euer tröstender Engel sein ...«

»Eure sterbende Tochter? Welchen Anteil sollte sie an meinem Schicksal nehmen und an dem meines Vaters?«

Die Frau hatte die Augen niedergeschlagen; ihr Gesicht war wie von Stein. Plötzlich sah Sonnhild, wie die Fremde dicht an sie herantrat, und vernahm ihre leise, tonlose Stimme. Ein Schwindel überfiel das Mädchen. Sie taumelte gegen die Wand und griff mit den Händen in die Luft, um Halt zu finden. Die Frau aber wich ein paar Schritte zurück, dann war auch ihre Kraft zu Ende. Vom Schmerz überwältigt, lehnte sie die Wange an die Tür und blieb in zusammengesunkener Haltung stehen.

Endlich raffte sie sich wieder auf und strich die rabenschwarzen Haare von den Schläfen zurück. Schon war sie im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als sie, ohne sich umzusehen, noch einmal fragte:

»Was darf ich Mirjam ausrichten, Jungfrau?«

Eine bange Sekunde verstrich, dann klang es leise von Sonnhilds zuckenden Lippen:

»Ich komme ...«

* * * * *

Erst geraume Zeit darauf, als die Frau das Zimmer verlassen hatte, richtete sich Sonnhild auf und ging in ihr Zimmer zurück. Hier setzte sie sich wieder in den Armstuhl und stützte den Kopf in die Hand. --

Wollte der Boden, auf dem das väterliche Haus stand, denn nicht wanken?

Sonnhild überdachte ihr junges Leben. Die zartesten Erinnerungen an die verstorbene Mutter stiegen herauf, und sie entsann sich, ach, wie vieler Gelegenheiten, wo sie die Liebe und unerschöpfliche Güte ihres Vaters warm empfunden hatte. Ihr Leben war heiter und sonnig gewesen, wie ein köstlicher Frühlingstag. Kein Wunsch war ihr versagt geblieben. Und sie hatte ihren Vater von ganzer Seele wiedergeliebt. Als sie aus den Kinderjahren getreten, war sie stolz auf ihn gewesen, weil er so hohe Verehrung genoß und weil alle stolz auf ihn waren.

Sie kannte sein weiches Herz und wußte, daß fremde Not ihm näher ging, als eigene. Wieviel Gutes tat er nicht heimlich! Was für ein wahrhaft gläubiger Christ er war, und mit welch tiefer Liebe er an seiner unersetzlichen Heimgegangenen hing! Seine Rechtschaffenheit in Handel und Wandel, seine hohen Ehrbegriffe, sein Streben nach Erfüllung edler Menschlichkeit ...

Sonnhild verfiel in tiefes Sinnen. Noch nie hatten ähnliche Gedanken sie bestürmt wie in dieser Stunde. Ein lichter Funke war in ihre Seele gefallen, und sie prüfte und urteilte mit dem Verständnis eines gereiften Menschen. Das schwere Geschick hatte ihr geistiges Auge sehend gemacht. Sollte sie verweilen? Sicherlich war viel Schmerz und Weh bereitet worden! Aber das leuchtende Bild des Vaters ließ sich nicht aus ihrer Seele verdrängen. Wie oft mochte auch an seinem Herzen bittrer Schmerz genagt haben!

Das Mädchen sprang auf, eilte zu dem Wandbrett, riß das Bild des Vaters herunter und küßte es mit Inbrunst.

Dann begab sie sich auf den schweren Weg.

Auf dem Markt verkündete der Ausrufer eine weitere Besserung des Schwerkranken in Siebeneichen. Sonnhild vernahm es, und ihre Lippen sprachen ein stummes Dankgebet. Wer der Schmerzgeprüften begegnete, sah voll Mitleid auf sie. Und sie fühlte, wie alle ihren Vater lieb hatten.

Achtzehntes Kapitel

Die beiden roten Rosen

Der Torhüter des Lommatzscher Tores war ein hochbetagter Jude und hieß Rebbe Liebmann. Obgleich die Juden nicht geachtet waren, erfreute sich der alte Liebmann eines guten Rufs. In ernster Zeit, als die Pest, die grausige Würgerin, wieder einmal durch die deutschen Lande fegte, hatte er sein schweres Amt übernommen. Mit sprichwörtlicher Zuverlässigkeit hütete er das Stadttor, und die ehrwürdige Erscheinung des Alten wurde im Laufe der vielen Jahre zu einem Wahrzeichen der alten Markgrafenstadt. Nicht nur das herangewachsene Geschlecht Meißens kannte und schätzte ihn, sondern auch alle Fuhrleute weit und breit. Vielen hohen und niederen Reisenden war er bekannt und einer großen Anzahl der Vaganten und Handwerksburschen, die das liebe deutsche Vaterland unausgesetzt nach allen Richtungen hin durchzogen.

Denn unter diesen Herumstreichern wurde _der_ nicht als zunftmäßig angesehen, der nicht wenigstens einmal die spitzen Domtürme und die verwitterten Mauern des hochragenden Schlosses von Alt-Meißen gesehen hatte. Gerade diese Stadt galt vor vielen andern deutschen Städten als ein beliebtes Ziel der Wanderfahrten.

Am Bodensee und am Niederrhein, in den Marschen und im Bereiche des flatternden schwarz-goldenen Kreuzbanners vom Deutschen Ritterorden sprach man daher von dem eisgrauen Torhüter Meißens. Und alle fahrenden Burschen, die wieder einmal, von Leipzig kommend, durch das Lommatzscher Tor in die Stadt einzogen, begrüßten ihn mit freudigem Zuruf. So vieles sich im Laufe der Jahre auch veränderte -- die Burg, der Dom und der alte Rebbe in Meißen blieben.

Sein Weib war ihm gestorben. Dafür besorgte die Tochter den Haushalt der Familie, die ein Enkelkind vermehrt hatte. Und als Liebmann -- fast hundertjährig und noch immer rüstig -- erblindet war, gab man ihm einen Gesellen zur Hand. Der Alte durfte seine Wohnung im Torwärterhaus behalten, und die Stadt gewährte ihm den Unterhalt bis ans Lebensende.

Mit beklommenem Herzen trat Sonnhild in das Haus des alten Torhüters, wo ihr Mirjams Mutter entgegenkam.

»Ihre Kammer ist die erste im Oberstock,« sagte sie und führte Sonnhild zu der dunkeln Holzstiege. Die ausgetretenen Stufen knarrten, als des Mädchens leiser Tritt sie berührte.

Sonnhild öffnete die nächste Tür und trat ein. In der kleinen Kammer stand am Fenster ein Bett, in dem die Kranke lag. Erschreckt blieb Sonnhild stehen und betrachtete die Züge des Mädchens, die sich so verändert hatten, daß sie fast nicht mehr zu erkennen waren. Das Gesicht war wachsbleich, und die roten Flecken auf den eingefallenen Wangen zeugten für die Fieberhitze, die in diesem welken Leib raste.

Sonnhild bemerkte, wie die in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen des Mädchens mit einem todesbangen Ausdruck sie ansahen. Da senkte sich auf das Bürgerkind tiefes Mitleid herab. Die Unglückliche! Wie hart hatte sie das Schicksal von Geburt an behandelt! Hier mußte sie versuchen, eine große Schuld zu mildern!

Sonnhild trat heran und legte ihre Hand auf die abgezehrte, fieberheiße der Kranken, deren Blicke noch immer mit herzzerreißendem Flehen auf ihr ruhten.

»Schwester, -- liebe Schwester,« sagte Sonnhild leise.

Da erbebte der Körper des Mädchens unter heftigen Zuckungen. Überwältigt schloß sie die Augen, und Tränen rannen über ihre Wangen. Sonnhild setzte sich auf den Bettrand, zog aus dem an ihrer Seite hängenden Täschchen ein Spitzentuch und trocknete Mirjams Tränen. Bei dieser Berührung öffnete diese die Augen wieder, und ein unbeschreiblicher Dankesblick strahlte zu der Wohltäterin auf.

Dann verharrten die Mädchen lange Zeit ganz still. Nur die großen, blauen Augen beider hielten stumme Zwiesprache.

»Kann ich etwas für dich tun?« fragte Sonnhild, sich tief zu Mirjam hinabbeugend.

Die aber lächelte nur und schüttelte leise den Kopf.

»Ich bin ja so unsäglich glücklich!« flüsterte sie.

Darauf sahen sie sich wieder stumm in die Augen, und keines von ihnen empfand, wie die Zeit verrann. Die Gegenwart war ihren Sinnen entrückt, nur ihre Seelen sprachen zueinander. Auch daß sich einmal die Tür leise öffnete und Mirjams Mutter in dem Spalt flüchtig sichtbar wurde, bemerkten sie nicht.

Endlich erhob sich Sonnhild; die Kranke kämpfte mit einem Schwächeanfall.

»Nun will ich dich für heute allein lassen,« sagte sie, »morgen besuche ich dich wieder.«

Ein neuer Dankesblick lohnte das Versprechen, und die Kranke machte Anstrengung, zu reden. Sonnhild neigte sich über sie und vernahm die Worte:

»Darf ich's sagen?«

»Sprich es aus, Mirjam,« antwortete sie weich.

»Nenne mich noch einmal, wie du mich nanntest.«

Da küßte Sonnhild die marmorweiße Stirn und sprach:

»Liebe Schwester!«

»Du Gute,« flüsterte die Kranke und schloß die müden Augen.

Sonnhild wartete noch so lange, bis die gleichmäßigen Atemzüge verkündeten, daß Mirjam schlief. Dann verließ sie leise die Kammer.

Wie die letztvergangenen Nächte, verbrachte Sonnhild auch diese Nacht ohne Schlaf. Mechanisch kleidete sie sich am andern Morgen an und nahm auf das dringende Bitten der bekümmerten Haushälterin einige Bissen Nahrung zu sich. Dann setzte sie sich ans Fenster und wartete geduldig, bis auf dem Markt das Klingelzeichen ertönte. Sie lehnte sich hinaus und hörte wie im Traum die weiterschreitende Besserung des kranken Amtmanns verkünden.

Auf dem Lustgänglein befand sich Sonnhilds kleiner Blumengarten. Hier schnitt sie von einem hohen Stock zwei dunkelrote Rosen ab, die über Nacht aufgebrochen waren, sie der Kranken zu bringen.

Als sie in Mirjams Kammer trat, schlief diese. Sonnhild näherte sich leise und ließ sich wie gestern auf dem Bett nieder. Der Gesichtsausdruck Mirjams erschien ihr heute weniger leidend. Aber die verfallenen Züge führten eine eindringliche Sprache und riefen Sonnhilds ganzes Erbarmen wach.

Da zuckte es einige Male in dem Gesicht der Schlafenden, und dann schlug sie die Augen auf.

»Guten Morgen, liebe Mirjam,« sagte Sonnhild und legte die Rosen auf die Bettdecke.

Über das Gesicht Mirjams lief ein glückliches Lächeln, und eine schwache Röte verfärbte ihr Stirn und Schläfen. Das Gefühl der höchsten Freude erstickte ihre Worte. Endlich stammelte sie:

»Sonnhild -- habe Dank!«

Nun erblickte sie auch die Rosen und sog deren starken Duft mit tiefen Zügen ein. Sonnhilds Brust schnürte die Wehmut zusammen, als sie die dunkelroten Blumen neben dem bleichen Gesicht sah.

Auch heute fiel der Kranken das Sprechen schwer. Aber Sonnhild bemerkte, wie glücklich ihre Gegenwart sie machte. Die beiden Mädchen sahen sich wie gestern wortlos in die Augen. Alles, was ihre Lippen hätten sagen mögen, sprachen ihre Blicke, die in unendlicher Liebe ineinander ruhten.

»Kannst du mir wirklich verzeihen?« flüsterte die Kranke.

»Liebe Schwester,« tröstete sie Sonnhild. »Sprich nicht also! Alles, was hinter uns liegt, wollen wir vergessen. Wir haben uns gefunden, um uns zu lieben.«

Der Schauer eines unfaßbaren Glücks überlief Mirjam. Die ganze Lebenskraft der Heimgehenden schien sich in ihren Augen zu vereinigen, die in unnatürlichem Glanze strahlten.

Da beugte sich Sonnhild herab und fragte mit tiefem Ernst:

»Mirjam, ein schweres Verhängnis hat es gefügt, daß du des Vaters entbehren mußtest. Zürnst du ihm dafür?«

Wieder lief eine feine Röte über das bleiche Gesicht der Kranken, und sie flüsterte:

»Ich bete allstündlich für meinen unglücklichen Vater.«

»Mirjam!« schrie Sonnhild gepreßt auf, dann sank ihr Kopf auf die Bettdecke nieder. In dem Gesicht der Kranken leuchtete es auf, und ihre abgemagerten Hände streichelten Sonnhilds goldglänzendes Haar. Feierliches Schweigen herrschte in dem kleinen Raum. Die Mädchen gedachten wohl des einen, der ihnen teuer war, und in dem Flehen für sein Heil vereinigten sich beider Seelen.

Dann nahm Sonnhild Abschied. Schmeichelnd berührte sie Mirjams Wangen, deren Blick für alles Liebe dankte, das sie empfing.

»Zum Abend komm' ich noch einmal,« sprach Sonnhild.

»Liebe, liebe Schwester,« stammelte die Kranke. Aber die Stimme versagte für mehr Worte, und Tränen füllten ihre Augen.

Noch einmal nickte die Gehende von der Tür aus zurück; dann war Mirjam allein. Sie nahm die beiden Rosen und betrachtete sie lange und mit liebevollem Blick. Und als sie die Blumen küßte, fielen ein paar Tränen darauf, die wie glänzende Tautropfen auf den dunkelroten Blättern lagen.

Neunzehntes Kapitel

Im »Gasthof zur Dürren Henne«

Die Kunde von den Vorgängen in Meißen hatte im Lande großes Aufsehen erregt. Der Urteilsspruch war nunmehr stündlich zu erwarten, da sich der Verletzte außer Lebensgefahr befand. Eine große Menge Neugieriger strömte deshalb in die Stadt, da alle Zeugen des Ausgangs der Tragödie sein wollten.

Eine Viertelmeile vor dem Lommatzscher Tor lag an der Landstraße der »Gasthof zur Dürren Henne«. Hier fand zu allen Zeiten mancher Fahrende Unterschlupf, der sich tagsüber müde weitergeschleppt und die Stadt nicht mehr erreichen konnte, oder dem sich das Stadttor mit Sonnenuntergang geschlossen hatte.

Mittag war längst vorüber. Die Schenke war gefüllt. Da sah man alles Volk vereinigt, das die Landstraße befuhr: Handwerksburschen, einen reisenden protestantischen Geistlichen, dem am Tische gegenüber ein Kapuzinermönch saß, Landsknechte, die vor der Schenke ihre Lanze in den Boden gestoßen hatten, Bauern, rittermäßige Leute und ihre Knechte und wildes Volk.