Sidsel Langröckchen

Part 3

Chapter 33,850 wordsPublic domain

Und da kamen sie in feierlichem Zuge, Kjersti selbst an der Spitze, die Schelle mit dem eisenbeschlagenen Kloben in der Hand, hinter ihr die Sennerin, dann die Untersennerin, die Stallmagd und darauf die beiden Knechte, die dicke Knüppel austeilten, -- auch Sidsel bekam einen -- und zu allerletzt Bär, der heute auch mit dabei war.

Sie gingen in den Stall hinein. Da wurde es mit einem Mal wieder still; alle Kühe drehten die Köpfe nach der Seite, von wo der Zug hereinkam, und sahen mit großen, erwartungsvollen Augen drein.

Dann wurde das Vieh verteilt. Die Sennerin sollte die Ketten lösen. Sidsel, die Untersennerin und die Stallmagd sollten es mit ihrem Stecken durch die Tür hinausleiten; draußen im Viehgatter sollten die Knechte bereitstehen, um die Tiere in Empfang zu nehmen und auf den rechten Weg zu bringen -- das Vieh sollte heute auf den Nordanger -- und diejenigen, die zusammengerieten, trennen, und draußen wollten Kjersti und Bär stehen und sich das Schauspiel durch das Gatter ansehen.

Der große Augenblick war gekommen.

Kjersti ging zur Schellenkuh in den Stand hinein. Die richtete sich auf, hob stolz den Kopf, so hoch sie vermochte, und stand bumsstille, wie eine Mauer. Sie wußte genau, daß sie die vornehmste hier war, die als erste durch die Stalltür aus- und eingehen durfte; sie mußte aber auch zeigen, daß sie die Ehre wohl zu würdigen verstand, von Kjersti selbst das Ehren- und Machtzeichen, die Schelle, an- und abgeschnallt zu bekommen. Kjersti band ihr die Schelle um den Hals und löste ihr die Kette, die klirrend zu Boden fiel. Da schwenkte die Kuh langsam und bedächtig, wie ein großes, schweres Schiff, aus dem Stande heraus; feierlich und ernst nahm sie die Richtung auf die Tür zu, den Kopf hoch haltend und so ruhig, daß man kaum die Hörner sich bewegen sah, und die Schelle gab bloß einen kurzen, bestimmten Ton bei jedem Schritte.

Der nächste war der Bulle; dem löste die Sennerin die Kette; der ging ebenso ruhig und schwerfällig, und seine Hörner ragten so hoch, daß sie beinahe das Dachgebälk streiften, und waren so breit, daß es aussah, als füllten sie den ganzen Mittelgang aus. Sidsel hatte noch nie bemerkt, daß er so groß war. Und dann kamen der Reihe nach die andern, Brandros und Morlik, Kranslin und Reindrople, Svartsi und Drive, Farskol und Litago, Sommerlöv und Spasergang, Mörkei und Guldros, die ganze, lange Reihe abwärts bis zu den Färsen, deren Namen keines richtig behalten konnte, und die jungen Ochsen, die überhaupt keine Namen hatten. Und je weiter sie den Gang hinunterkamen, um so schneller ging es; sie streckten die Hälse und zerrten an den Ketten, sie stürzten auf die Kniee, wenn die Kloben an den Ketten nachgaben, sprangen wieder auf, daß es in den Gelenken krachte, liefen geradeswegs gegen die Wand oder oben in den Futtergang hinauf, scharten sich dann alle bei der Tür zusammen, kamen zwei und zwei nebeneinander her, liefen sich so fest, daß ihre dicken Bäuche wackelten, und bereits kamen neue von hinten nach und drängten vorwärts, schlugen mit den Hörnern, stießen und brüllten; plötzlich gab dann der Widerstand vorn nach, und der ganze Klumpen stürzte ins Freie.

Das Letzte, was Sidsel sah, war Krummhorn, die hinten ausschlug und mit einem langen Satz durch die Stalltür den andern nachsetzte.

Draußen war Lärm und Leben. Sie hoben die Köpfe, schnauften nach der Halde hinauf, und dann wurden sie wie besessen; alte, steifbeinige Kühe schlugen übermütig wie die Kälber mit den Hinterbeinen aus, machten mutwillige Sätze über den Hof hin, gerieten in ihrer Ausgelassenheit aneinander, daß die Hörner nur so krachten, stießen ein kurzes, wildes Gebrüll aus, wenn sie den kürzeren zogen, und fuhren auf eine zweite und dritte los -- das Ganze ward ein einziger großer Wirrwarr von Schnaufen und Brüllen, Krachen der Hörner und Knacken der Gartenzäune, Aufklatschen und Knallen der Stecken, Rufen und Schreien von Menschenstimmen; und durch den Wirrwarr hindurch bahnte sich der Bulle, auf und abschreitend, die Hörner hoch über dem Ganzen, den Weg wie ein gewaltiger Schneepflug.

Nur die Schellenkuh stand ruhig ein Stück abseits und sah zu; ihr wagte keines zu nahe zu kommen.

Endlich war die Sennerin an die Spitze des Zugs gekommen und begann zu locken; da hob die Schellenkuh den Kopf, brüllte, daß es weit über den Hof schallte, und sprang hinterdrein. Ihr nach kam Brandros, die immer noch voller Wut schnaubte; nun hatte sie alle gezüchtigt, die es überhaupt der Mühe wert waren, und hatte sie auch nicht die Schelle bekommen, wollte sie doch wenigstens die nächste nach der Schellenkuh sein. Ihr wieder dicht auf den Fersen kam Krummhorn angesetzt, den Kopf hoch und mit wichtiger Miene; aber Brandros verstand heute keinen Spaß, schlug mit dem einen Hinterbeine aus und traf sie so mitten auf den Kopf, daß es Krummhorn vor den Augen flimmerte. Aber die Ziege schüttelte bloß den harten Schädel -- tat, als wenn gar nichts geschehen wäre -- das war wohl so Sitte unter Kühen.

Das Locken der Sennerin wurde immer lauter, eine nach der andern wurde aufmerksam, kam nachgesetzt, und bald lief der ganze Haufen unter lautem Schnaufen und Brüllen, Rufen und Schellenklang, Locken und klatschenden Schlägen hastig zum Nordanger hinauf.

Dort oben war das Gelände flach und weit weniger gefährlich; das Jungvieh tänzelte in wildem Spiele herum, und hier fand der letzte Kampf statt zwischen denen, die die Kräfte noch nicht gemessen hatten; denn dieser erste Kampf war für den ganzen Sommer entscheidend. Aber bald beruhigten sie sich, und ein paar Stunden später grasten sie friedlich Seite an Seite.

Die Knechte fingen an, heimzugehen. Bloß die Sennerin und Sidsel sollten noch eine Weile zurückbleiben, um aufzupassen, daß nichts geschah. Und richtig, es geschah etwas.

Brandros war die einzige, die sich nicht beruhigen konnte, schnaufend schritt sie hin und her -- eigentlich hätte sie die sein sollen, die die Schelle trug -- und mit einem Mal fuhr sie wie toll auf die Schellenkuh los. Es entstand ein Ringkampf, daß die Rasenstücke nur so in der Luft herumflogen; dann hörte man ein Krachen und ein kurzes, wildes Brüllen -- Brandrosens eines Horn hing gebrochen herab und schlenkerte hin und her. Sie schüttelte den Kopf, daß das Blut weit herumspritzte, stieß von neuem ein lautes Brüllen aus, kehrte um und setzte in langen Sprüngen geradeswegs nach dem Hof zurück, auf die Stalltür zu, und dort begann sie zu brüllen, als ob sie den ganzen Gutshof niederreißen wollte.

* * * * *

Nach dem Mittagessen wurden die Kälber herausgelassen. Sidsel taufte sie Gulddrople, Rödsi und Morskol -- der Ochse sollte noch keinen Namen bekommen --; sie sah wohl, daß Kjersti sich darüber wunderte, daß sie kein Tier Bliros genannt hatte, aber sie ließ sich nichts merken.

Sie trieben sie aus dem Verschlage heraus und über den Boden des Stalles hin in der Weise, daß jede von den Mägden ihnen einen Bottich mit etwas Dünnmilch vorhielt; die Kälber fuhren mit den Köpfen in die Eimer bis auf den Boden, die Mägde liefen dann mit den Kübeln voran, und die Kälber, die auch den letzten Tropfen mitnehmen wollten, ihnen nach, den Eimer wie große Hauben über den Köpfen tragend. Draußen vor der Stalltür schnappten die Mägde ihnen die Kübel wieder weg -- und da standen sie, die noch niemals zuvor außerhalb des Verschlags gewesen waren, auf einmal inmitten der großen, wunderlichen, neuen Welt.

Sie sahen nieder und stelzten rückwärts, als ständen sie auf einer Treppe. Aber bald wagten sie, vorsichtig den einen Fuß vorzusetzen, dann den andern.

Es ging langsam, Schritt für Schritt, aber dann -- dann begriffen sie, daß sie auch hier festen Grund unter den Füßen hatten; dies war bloß ein größerer, aber so herrlich heller Verschlag, wo es gewiß weit bis zur Wand war -- schwupp! reckten sie die Schwänze gerade in die Höhe und setzten davon wie die wildesten Waldtiere.

Das war ein Gelaufe von Zaun zu Zaun, der Kreuz und Quer und rund im Kreise über die weiten Felder hin, und jedes Mal, wenn sie über einen Erdhaufen wegliefen, sahen Kjersti und Sidsel die aufgerichteten Schwänze sich wie Steuer gegen den Himmel abzeichnen. Sidsel fand, sie habe noch nie so etwas Lustiges gesehen. Aber lange blieben sie nicht beisammen; bald lief jedes in andrer Richtung, und am Abend mußte Sidsel sie einzeln aus den entlegensten Winkeln auf dem Felde zusammensuchen und eins nach dem andern wieder mit einem Eimer heimlocken; denn begreiflicherweise hatten sie noch nicht genügenden Verstand, um zu wissen, daß sie auch wieder nach Hause müßten, sie, die zum ersten Male im Freien waren.

* * * * *

Sidsel lag wieder in ihrer kleinen Gangkammer. Es war am Abend des ersten Tages.

Erst sprach sie das kurze Nachtgebet, wie sie zu tun pflegte, streckte sich und fühlte sich wundervoll wohlig und müde im ganzen Körper.

Was das für ein Tag gewesen war! Sie wußte er war lang gewesen; aber wie schnell war er ihr vergangen. Sie mußte wirklich alles noch einmal überdenken.

Aber der Schlummer überraschte sie und warf die Bilder bunt durcheinander.

Dort sah sie ein paar große Hörner, die wie ein Schneepflug durch ein unentwirrbares Gewimmel hindurchpflügten, und dort wieder sah sie Brandros in ihrem Stande stehen; den Kopf zur Seite geneigt und einen großen Lappen um das eine Horn gewickelt, glich sie genau einem alten Weibe, das sich Kopfschmerzen wegen ein Tuch um die Stirn gebunden hat; und dort -- ihr war, als sähe sie deutlich einen Vers geschrieben, den sie einmal gehört hatte:

Kälbchen springen, Schwänzchen schwingen Hoch in der Luft.

Und dann schlummerte Sidsel Langröckchen ein.

* * * * *

Am nächsten Tage bekam Sidsel Langröckchen den Hirtenranzen aufgeschnallt und zog mit dem Kleinvieh in den Wald -- Krummhorn bekam sie nicht mit; die trabte spornstreichs nach dem Nordanger hinauf zu den Kühen.

Dieser Tag wurde ihr lang; es war so wunderlich einsam und still im Walde; sie mußte unwillkürlich an so vielerlei denken, an die Mutter, an Jakob und an Schloß Guckaus, und da konnte es wohl geschehen, daß ihr die Tränen kamen.

Die Alpfahrt.

Die Halde jenseits des Tals hinauf zieht ein langer Zug.

Am Kammerfenster daheim steht Kjersti Hoël und folgt ihm mit den Augen, soweit sie vermag, bis er über dem Bergkamm im Gebirge verschwindet.

An der Spitze reitet die Sennerin auf dem Soldatenpferd,[1] dem ein Frauensattel aufgeschnallt worden ist, ein hohes Gestell wie ein Lehnstuhl; und dort hoch oben thront sie in sonntäglichem Putz, im weißen Kopftuch, rotbäckig, rund und selbstbewußt. Nun ist sie die Hauptperson, diejenige, die das Regiment führt.

[Fußnote 1: d. i. das Pferd auf jedem Hofe, das im Kriegsfall an das reitende Jägerkorps abgegeben werden muß.]

Nach ihr kommen zwei Knechte, jeder leitet eins der beiden Saumpferde, die unter dem schweren Packsattel im Rücken förmlich einsinken. Darauf kommt das Vieh in stolzem Zuge. Erst die Schellenkuh, dann Brandros mit ihrem schiefen Horn, dicht hinter ihr Krummhorn, darauf Mörkei und dann die ganze Schar -- mit Ausnahme von Farskol und Litago, die heuer Stallkühe sein und die Kälber anlernen sollen, mit auf die Weide zu gehen -- bis zum Stier, der zuletzt geht, als hätte er auf die ganze Schar aufzupassen. Dann kommen die Ziegen, die es immer eilig haben und gern an den andern vorbeikommen möchten; darauf die Schafe in einem dichten Klumpen, weiterhin vier große Schweine, und schließlich die Untersennerin und Sidsel Langröckchen mit dem Hirtenranzen auf dem Rücken.

Im Anfang ist es flott wie im Tanze gegangen; alle erinnern sich des Gebirges vom vorigen Sommer her, alle haben sich dorthin zurückgesehnt, es geht keinem rasch genug vorwärts. Aber je weiter sie bergauf steigen, desto steiler wird es, die Sonne steigt höher und brennt ihnen auf den Rücken; die Schweine fangen an, zurückzubleiben, versuchen, bei jedem Seitenpfad einen Abstecher zu machen, lauern nur darauf, etwas Schatten zu erhaschen oder eine Pfütze zu finden, in der sie sich abkühlen können; die Ziegen und Schafe merken, daß sie hungrig werden, schlüpfen zur Seite, wo sie einen Busch sehen und ein paar Blätter abknabbern können, oder sie entdecken ein Gatter, durch das sie neugierig hindurchgucken müssen, oder einen grünen Fleck; und die Färsen, die bisher noch nicht mit auf der Alp gewesen sind, begreifen gar nicht, wozu die unnötige Eile, und tun einfach nicht mehr mit, wenn nicht der Stecken über ihnen ist.

Also muß Sidsel oft vom Wege abbiegen, hinauf auf Seitenpfade, hinter Büsche und Sträucher, hinab ins Waldgestrüpp und in den Moorgrund und sie einzeln wieder auflesen, und kaum hat sie sie auf der einen Seite des Weges zusammengetrieben, so wischen sie ihr auf der andern wieder aus.

Sie hat eins ihrer Strumpfbänder nehmen müssen, um den langen Rock heute damit aufzubinden, damit er ihr nicht im Wege ist; denn sie muß tüchtig laufen und sich abmühen, ununterbrochen locken und rufen.

Es ist wirklich ein schweres Stück Arbeit; das blonde Haar wird ganz feucht, und ihr Gesicht ist so rot wie eine Preiselbeere; aber sie merkt es gar nicht, so ist sie in Anspruch genommen von all dem, was sie zu tun hat. Denn sie ist den ganzen Sommer über für das Kleinvieh verantwortlich, daß keins verloren geht und daß alle fett und blank zum Herbst wieder heimkommen; sie und die Sennerin haben gewissermaßen die Verantwortung, jede für ihren Teil des Viehbestandes, und wenn es auch bloß die Nachhut ist, die sie hat, so will sie doch nicht die Schande auf sich sitzen haben, daß sie nicht alle vorwärtsbringen könne.

Langsam steigen sie höher und höher hinauf, bald liegt das ganze Tal breit und hellgrün tief unter ihnen. Die Tannen werden niedriger und kahler, die kleinen Birken dichter, bald treffen sie die ersten Abgesandten der Krähenbeere und Zwergbirke. Aber nun sind sie auch über den Bergkamm gekommen.

Da ist es allen, als ob eine schwere Bürde von ihnen genommen wäre, alle Müdigkeit ist von Volk und von Vieh wie weggewischt, die ganze wunderbare Ruhe und Frische des Hochgebirgs strömt auf sie ein, sie befinden sich wie in einer neuen Welt; vor ihnen liegt das Gebirge mit seinen unendlichen Höhenzügen und Abhängen, bis es sich weit, weit in der Ferne in den blauenden Bergspitzen mit ihren weißen Schneestreifen verliert; und sehen sie zurück, so ist das Tal weg, versunken; jenseits sehen sie ebenfalls weite Bergrücken mit blitzenden Wassern und grünen Matten.

Alle holen tief Atem und sehen sich um; eine feierliche Ruhe kommt über alles; ganz von selbst ordnet das Vieh sich auf dem steinigen Weg, der sich schier ins Unendliche vorwärts schlängelt; sie versuchen nun nicht mehr zu entwischen, sondern gehen gleichmäßig und langsam. Nun bekommt auch Sidsel Zeit, sich umzuschauen. So weit hat sie noch nie sehen können, und hier oben soll sie den ganzen Sommer über bleiben!

Sie fühlt sich auf einmal so wunderlich klein und nichtig inmitten dieser überwältigenden, großartigen Natur; aber ihr wird gar nicht bange, nur feierlich und still zu Mute.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken vorwärts, über diesen Tag, diesen Sommer, über viele Sommer hinaus; einmal wird sie groß und erwachsen sein, wie die Sennerin, die sie dort hoch zu Roß sieht, einmal wird vielleicht auch sie so sitzen und an der Spitze reiten.

Die Saumpferde wollen trotz ihrer schweren Last nicht langsam gehen, sie greifen aus, überholen die Sennerin, und bald sind sie über einen Bergkamm verschwunden, allen weit voran. Der Zug kommt langsam nach, Stunde um Stunde geht es vorwärts über Auen und Bäche, an Sennen und Moorgründen und klaren Gebirgswässern vorüber.

Sidsel darf sogar aufsitzen und eine Weile an Stelle der Sennerin reiten, die gern ein Stück gehen will.

Der Abend rückt heran. Jetzt ziehen sie hoch oben durch eine tief eingeschnittene Kluft in der Bergwand, die sie frühmorgens in weiter Ferne sahen, und nun geht es wieder bergabwärts; sie begegnen Birken und einer vereinzelten, verkrüppelten Fichte, und von unten herauf dringt das Rauschen eines großen Flusses. Nun stehen sie am Rande des Hochtals, wo die Hoëlalp liegt, und sehen hinab. Da unten auf einer weiten Matte liegt die Alp friedlich und grün, drei Sennhütten, Högseth, Lunde und Hoël. Aus zweien steigt der Rauch aus dem Schornstein empor in die stille Abendluft.

Sie bleiben stehen und halten Umschau: Dort also sollen sie den Sommer verbringen!

Die Kühe beginnen zu brüllen, und das Kleinvieh drängt sich vor und eilt den Weg hinab. --

Am nächsten Morgen treibt Sidsel schon früh die Schafe und Ziegen über die Matte auf der Hoëlalp. Sie hat keinen Ranzen; denn hier oben auf der Alp soll sie um die Mittagszeit heim zur Sennhütte.

Es ist strahlender Sonnenschein. Die Kühe sind bereits im Freien und traben in einer langen, schnurgeraden Linie von dannen, die Schelle ertönt in gleichmäßigen, tiefen Tönen, ihr Klang vermischt sich mit dem ebenso tiefen andrer Schellen von den Nachbarsennen, und mitten in dies ernste, feierliche Geläute klingt das feine, rasche Tingeln der kleineren Schellen der Ziegen und Schafe.

Nun soll Sidsel hinein in dieses große Unbekannte, wo sie nie zuvor war. Die Sennerin hat ihr deshalb auch gesagt, sie solle sich heute zum erstenmal nicht zu weit weg wagen, damit sie sich wieder nach Hause zurückfinde; sie solle sich nach den anderen Hirten richten und sich nur in deren Nähe halten -- sie wüßte übrigens nicht ob es Buben oder Mädel wären, die heuer auf Högseth und Lunde hüteten.

Sidsel sah immerfort zurück, um sich die Richtung des Weges zu merken, und es wurde ihr förmlich schwer, die Sennhütte aus den Augen zu lassen. Aber das Vieh lief schnell von dannen, sie mußte ihm nacheilen, um es nicht ganz zu verlieren, und auf einmal, als sie sich wieder umsah, war die Hütte verschwunden; rings umher war bloß das unendliche Gebirgsland mit Anhöhen und Gründen und hohen Berggipfeln in weiter Ferne, und es war so weit und still, man hörte nur die Schellen, nicht einmal das Rauschen des Flusses drang bis hier herauf.

Sie fühlte sich auf einmal so unendlich einsam, so weit weg, fühlte ein so heftiges Bedürfnis, ein lebendes Wesen zu liebkosen, daß sie in die Herde hineinging und bald das eine, bald das andre der Tiere an sich zog und streichelte und hätschelte, und bald wurde die Schellenziege ganz eifersüchtig, stieß die andern weg und schmiegte sich schmeichelnd an sie. -- --

Ho--i--ho, ho--i--ho! ertönte es plötzlich, daß es weit über das Gebirge schallte. Die Ziegen spitzten die Ohren, und Sidsel blieb gleichfalls stehen und horchte mit verhaltenem Atem; der Ruf kam so unerwartet, sie konnte nicht unterscheiden, aus welcher Richtung, wie aus allernächster Nähe und doch wieder wie von allen Seiten auf einmal.

Ho--i--ho, ho--i--ho! klang es noch etwas stärker.

Bald darauf hörte sie Schellen, viele Schellen gleichzeitig, und dann sah sie einen großen Haufen Schafe und Ziegen im Zug über den Bergkamm kommen.

Das mußten wohl die andern Hirten sein. Dort in der Ferne sah sie nun auch zwei Strohhüte über die Anhöhe auftauchen, und nach und nach wuchsen zwei lange Burschen empor, mindestens so groß wie der Jakob.

Sie wurde so verschüchtert, daß sie sich niederkauerte und hinter einem Erdhügel versteckte.

Die Burschen beschatteten die Augen mit der Hand und sahen hinab. Ho--i--ho! Sie lauschten. Ho--i--ho! Keine Antwort.

Ho hei, du Bursch im Hoëlsennerrock, Bist du ein Mann, so zeig dich doch!

Sie standen eine Weile still. Dann machten sie ein paar Luftsprünge, schlugen einen Purzelbaum und liefen ein Stück weiter, den Abhang hinab, juchheiten und riefen von neuem. Dann machten sie wieder Halt und horchten, als wären sie ihrer Sache nicht sicher.

Ho--i--ho! Sie lauschten von neuem.

Liegst du verborgen hinter Busch und Stein, Komm vor, laß sehen, ob du hast Mark im Bein!

Darauf kamen sie vollends herab zu Sidsels Herde und sahen sich um. Nein sie sahen niemand. Das mußte wirklich ein Teufelskerl sein, der neue Hirt auf Hoël, daß er sich gleich am ersten Tag von seiner Herde so weit wegwagen durfte. Das war sicherlich einer für sie! Vielleicht hatte er von ihrem Badeteich drunten im Moorgrund gehört; -- war vielleicht schon dort!

Ja, ja, dann mußten sie wohl seine Herde mitnehmen und dorthin gehen; aber erst noch einmal juchheien -- vielleicht war er gar nicht so weit weg und konnte sie hören, wenn sie ordentlich laut schrieen.

Ho--i--ho! Das Echo ertönte lang wie ein hallender Donner.

Als es wieder still geworden war, kam es aus allernächster Nähe, zitternd und dünn wie das Piepsen eines Vogels:

Ho--i--ho! Es war Sidsel Langröckchen; als sie hörte, daß sie ihre Herde mit forttreiben wollten, da meinte sie sich denn doch zu erkennen geben zu müssen, obschon es ihr furchtbar unangenehm war.

Die Buben blieben aufs äußerste überrascht stehen. Dort hinter dem Erdhaufen wuchs ein kleines, winziges Wesen langsam empor, wie ein richtiger, kleiner Bergkobold mit karriertem Halstuch und einem weiten, viel zu langen Weiberrock, blieb unbeweglich stehen und starrte sie mit großen, verlegenen Augen an.

Auch sie wurden etwas verlegen; da waren sie hergelaufen gekommen, hatten grobe Worte gebraucht gegen so ein armes, kleines Geschöpf! Aber ärgerlich wurden sie auch. Sie hatten sich schon auf einen gleichaltrigen, ebenbürtigen Kameraden gefreut.

Da konnte man sehen, daß ein Frauenzimmer auf Hoël das Regiment führte, nicht einmal einen Hirtenbuben hatten die!

Wäre es wenigstens noch ein ordentliches, großes Frauenzimmer gewesen, ihretwegen größer, als sie selbst waren; die hätten sie wenigstens veralbern und jagen können -- aber mit dem Rumpelstilzchen da! Nein, erwachsene Burschen mußten sich ja schämen, mit so einem Ding sich zu befassen; gegen diesen Zwerg konnten sie doch wirklich weder Mundwerk noch Fäuste gebrauchen. Aber immerhin, mit ihr reden und sie aushorchen, ob nicht doch vielleicht späterhin ein andrer Hirt käme, mußten sie gleichwohl, und dann brauchten sie sich nicht weiter um das Mädel zu kümmern; sie mußten sich eben heuer den Sommer die Zeit allein vertreiben.

Nur ein bißchen Angst machen wollten sie ihr, damit sie ihnen vom Leibe blieb.

Sie kamen heran und stellten sich, die Hände in den Hosentaschen, herausfordernd vor Sidsel auf. Der eine sagte:

Du bist's also, die heuer Hirtin auf Hoël sein soll?

Ja -- und sie setzte, wie um sich zu entschuldigen, rasch hinzu, ja, es war Kjersti selber, die es so haben wollte.

Wie heißt du denn?

Sidsel -- -- und Jakob nennt mich Langröckchen.

Wo bist du denn her?

Aus Guckaus.

Du bist doch nicht gar die Schwester von Jakob Guckaus? Wir sind im Winter zusammen in die Schule gegangen.

Ja, die bin ich.

Warum konnte denn aber der Jakob nicht selber kommen? Denn daß du's nur weißt, ein kleines Mädel können wir hier oben nicht brauchen.

Er stand eine Weile und wartete auf Antwort. Da aber Sidsel nichts zu antworten wußte, fuhr er fort: Ja, was wir sagen wollten, ich, Jon Högseth, und der da, Peter Lunde -- halte dich hübsch von uns fern! Untersteh dich nicht, auch nur ein Haarbreit über den Strich vom Klininggrautfelsen hinunter nach dem Skraamoor und hin zum Pegeflecken beim Högsethsteig zu kommen, und laß dir's nicht einfallen, auf unsrer Seite zu hüten; sonst kriegt im Winter der Jakob all die Hiebe, die du eigentlich hier im Sommer hättest bekommen sollen!

Sidsel wurde es angst und bange zu Mute, und ihre Mundwinkel begannen, unsicher zu zucken. Da sagte der andere Bursche, der etwas kleiner war:

Aber du, der Jakob ist stark, der kriegt dich unter.

Aber nicht, wenn ich mich geübt habe -- hoi!, dabei machte er einen hohen Luftsprung und fuchtelte übermütig mit den Armen in der Luft herum.

Da kannst du sehen, was dem Jakob bevorsteht. Nimm dich also in acht! Und nun ziehen wir zum Skraamoor und baden. Hoi--ho!