Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 9
Daß er das aber noch vermag, daß er auf diesem einzigen furchtbaren Weg, den seine Altersschwäche ihm läßt, auf dem schwindelnden Grate zwischen Verzweiflung und Aberwitz noch lernt, noch wächst, Erneuerung und Wiedergeburt findet, das zeigt uns, was wir in dem Vater Cordelias, in dem Freund des Narren, in dem von Kent verehrten König, in der Gewalt seiner Leidenschaft und der Hoheit seines Auftretens schon geahnt hatten: daß eine große Natur in ihm von sozialen Narrheiten und Wüstheiten überklebt war; daß seine brutale Willkür sowohl wie seine ungeheuerliche Dummheit nur Manier war und nicht Wesen, daß ein guter, ein allerbester Kern in ihm ist, der nun, wo die gräßliche Not ihn zeitigt, sich zugleich als Geist und als Güte offenbart.
Jetzt sehen wir: die Welt seines pompösen Scheins war ihm notwendig gewesen, weil seine echte Natur eine Welt der Niedrigkeit nicht ertrug, weil er Größe, Adel, Übereinstimmung braucht. Die Lebensmöglichkeit entsinkt ihm, sowie er gewahrt, wie es wirklich in der Welt zugeht. Dieses sein Lernen, seine neue, seine erste Erkenntnis kommt ganz allmählich, und er kann nur dazu gelangen durch furchtbarste Not und Schrecknisse. Zum weit überwiegenden Teil aber tut er sich all dieses Fürchterliche selber an; sein Adel, sein Mißverhältnis zur Welt äußert sich in dem, was die Welt seine unerhört übertriebene Natur nennen müßte; durch Erschütterung allerschrecklichster Art, durch Wut und Leidenschaft, elementar wie eine Naturkatastrophe, arbeitet er sich aus der Verschüttung zum schmerzlichen Licht empor, ein überalter Mann, der nach dieser letzten gewaltigen Anstrengung gerade noch Zeit hat, still und milde für einen Augenblick sein wahres Wesen zu sein, sein Leben zu führen, wie es ihm zukommt, und dann zu sterben.
Noch genauer müssen wir zusehen, was ihn zuerst in diese Verfassung bringt; nur dadurch lernen wir seine wahre Natur und seine Stellung in der Welt kennen. Gonerils Hausverwalter behandelt ihn nicht mehr als König, sondern als Myladys Vater: der von Lear selbst geschaffenen Tatsache entspricht es, aber es ist schonungslos. Dann beklagt sich Goneril über seinen zügellosen Troß, den er nicht in Zucht hält; diese hundert Ritter mit ihrem wüsten Treiben machen ihr Schloß zur Kneipe, zum Bordell gar; sie ersucht kategorisch -- widrigenfalls will sie selbst einschreiten --, sein Gefolge etwas zu verringern; er solle nur gesetzte, ältere Männer in seinem Dienst behalten. In der Sache hätte sie ganz einfach recht; weder ihre Darstellung noch ihre Forderungen könnten als unmäßig bezeichnet werden. Aber der Ton, in dem sie redet, ist von schneidender Schärfe, von einer unheimlich unpersönlichen Sachlichkeit; sie spricht als Regentin zum abgedankten König; sie denkt nicht daran, sie fühlt nicht, daß alles, worin sie nun in einem einzigen Punkt empfindlich gestört wird, ihr freiwillig von ihrem lebenden Vater geschenkt worden ist, ohne daß es einen andern Grund zu seinem Verzicht gab, als seinen Willen, der für sie ein guter Wille war; sie offenbart völlige Gefühllosigkeit, Lieblosigkeit, Undankbarkeit. Er wird nun an der Welt und an sich organisch irre, irgend etwas in ihm bekommt einen Riß; nur einen Augenblick lang erliegt er dieser Pathologie; sowie er wieder zu sich kommt, sowie seine erste gräßliche Wut über diese Undankbarkeit herausgeströmt ist und fast automatisch der Entschluß da ist, sofort zur zweiten Tochter, zu Regan zu reisen, sowie er merkt: ja, so spricht, so handelt wahr und wirklich seine Tochter, kommt sofort, offen eingestanden, die Reue über sein Verfahren gegen Cordelia. Die, so argumentiert er noch verderbt, dumm und lieblos genug, hätte ein Recht zu solcher Lieblosigkeit gegen ihn. So klammert er sich denn blind, vertrauensvoll, im geheimsten aber schon angstvoll an die einzige Tochter, die noch übrig ist, an Regan; gegen Goneril aber bricht er in den grauenvollsten, leidenschaftlichen Fluch aus. Welche Ansprüche stellt dieses Menschenkind, dieser wahrhaft königliche Tor an die Weltordnung! Ein undankbares Kind muß mit Unfruchtbarkeit geschlagen werden; ganz einfach, ganz logisch, ganz unbedingt ist für ihn der Zusammenhang zwischen Menschenlos und göttlicher Gerechtigkeit: er ist König, ist Vater; die Götter, die Göttin Natur voran, müssen die undankbare Tochter strafen. Er ist ganz überzeugt, daß dieser Fluch in Erfüllung gehen muß; darum auch kann er ihn mit dieser ungeheuren Gewalt ihr zuschleudern. Es wird von einer jung verheirateten Schauspielerin berichtet, daß sie nie mehr als Goneril auftreten wollte, nachdem der große Schröder ihr diesen Fluch ins Gesicht und ins Innerste hinein gedonnert hatte.
Auf dem Weg zur andern Tochter, zu der letzten, die ihm geblieben, sagt ihm der Narr das Stichwort seiner Rolle:
Du hättest nicht alt werden sollen, ehe du zu Verstand kamst!
Was für eine Reise! Der Narr spricht immer nur aus in seinen Gleichnissen und Rätselfragen, was in ihm selber auch bohrt. Ist Regan denn wirklich, wie er hoffen muß, so ganz anders als ihre Schwester, die jetzt ihr wahres Gesicht gezeigt hat? Und der Gedanke, daß er Cordelia Unrecht getan hat, die Furcht, um den Verstand zu kommen, verläßt ihn keinen Augenblick. Und erst sind wir am Schluß des ersten Akts -- was werden wir noch erleben, was wird der ärmste Abcschütze im weißen Haar, der, indem er seine äußere Würde freiwillig und großmütig aufgegeben hat, nun in seiner natürlichen Hoheit angetastet wird, noch durchmachen!
Der alte Mann muß eine weite Reise machen. Einen Boten mit einem Schreiben, in dem er der Tochter Mitteilung von dem Geschehenen macht, schickt er voraus. Das ist sein neuer Knecht Cajus, in Wahrheit der treue Kent, der vorhergesehen hat, was kommen muß, und den Herrn, der ihn verbannt hat, nicht verlassen will. Wie Lear dann ankommt, ist das Haus leer: Cornwall und seine Frau sind weg. Auch die Schwester hat sofort Botschaft geschickt; und in dieser Sache sind sie einig, so weit sonst die Gegensätze zwischen Albanien und Cornwall schon gediehen sind. Lear muß ihnen nach dem Schlosse des Grafen Gloster nachreisen; und wie er nun zu später Stunde ankommt, sieht es ganz böse aus: sein Diener Cajus ist schimpflich mißhandelt worden; Regan und ihr Mann scheinen ihn gar nicht empfangen zu wollen; sie lassen sich erst verleugnen; und ihr Wirt, der alte Gloster, muß seinen Einfluß, der zur Zeit groß ist, aufbieten, damit Tochter und Tochtermann herbeikommen. Aus Lear will inzwischen die mühsam zurückgestaute Wut losbrechen; der Zweifel an der Wirklichkeit, die Krankheit zeigt sich wieder an; aber -- wir erleben’s zum ersten Mal -- er nimmt sich zusammen, versucht, was er nie gekonnt, sich zu beherrschen, will Vernunft und Gründe annehmen; und, wenn er nun endlich vor der Tochter steht, ist es rührend, wie er ihr kindlich sein Leid über ihre schlechte Schwester klagen will. Die Tränen steigen ihm auf, er kann nicht weiter reden. Sie weiß ja auch, er hat ja geschrieben; und jetzt eben hat er erfahren, daß Goneril auch einen Brief geschickt hat. Regan erwidert zunächst mit kalter Zurückhaltung: höflich, trocken, fast mild, wie etwa eine kalte, geübte Pflegeschwester einem Kindischen zureden würde, sagt sie ihm, sie, die Töchter, wüßten besser als er, was ihm not täte; er möchte zur ältesten Tochter zurückkehren und zugestehen, daß er unrecht gehabt. Er war nun schon auf so etwas gefaßt, so entsetzlich es ist; es hatte sich vorbereitet; noch bleibt er dem Grad nach mäßig; aber was sie da sagt, ist ihm sofort wieder eine suggestive Anschaulichkeit; er probiert’s gleich, wie sich’s ausnimmt, wenn er, der König, der Vater, hinkniet und seine Tochter um Verzeihung, um Schutz und Obdach bittet. Das ahnt er noch nicht, wie seine Entwicklung bald so vollendet sein wird, daß er das, was ihn jetzt die äußerste, die tollste Zumutung dünkt, gerade in der Form, die niemand von ihm verlangt hat, die nur seine im Stolz getroffene Phantasie sich ausgemalt hat, aus innigem Ernst tun wird, er der König, der Gebieter, der Vater: in Reue und Demut vor einem Kind, das der Vater gekränkt, hinknien und um Vergebung flehn.
So wird er am Ende sein. Jetzt klammert er sich noch an Einbildungen, die er gewaltsam festhalten will, klammert sich an Regan, sein einziges Kind. In vernünftiger Auseinandersetzung will er ihr dartun, daß ihr Vorschlag unmöglich sei, will ihr beweisen, sie sei so milde, wie Goneril grausam. Aber es ist, als sprächen nur seine Lippen, während unten in ihm ganz anderes arbeitete; und mit einem Mal, gerade während der Mund ihr vorhält, daß er ihr das halbe Reich geschenkt, wirft er den Kopf zurück und fragt zornig, wer es gewagt, seinen Diener in den Block zu setzen? Er nimmt das ganz, wie wenn an fremdem Hof sein Botschafter verletzt worden wäre; es ist eine Antastung seiner Majestät. Aber Trompetengeschmetter reißt ihm die Worte vom Mund: Goneril trifft zur eiligen Beratung mit der Schwester ein und findet den Vater. So muß denn die Entscheidung sofort erfolgen; ganz großartig hat der Dichter alles so aufgebaut, daß nach der Gonerilszene, die in dem gewaltigen Fluch gipfelte, nun diese ungeheure Steigerung sich noch ergab. Die beiden Schwestern hatten politisch beraten und dann ihre Entschlüsse bekannt geben wollen, und nun muß es gegen ihren Willen doch wieder zu einer dramatischen Szene kommen, wie ihr Vater sie zu brauchen scheint.
Sie fassen sich schnell und sind durchaus nicht aus der kühlen Ruhe gebracht. Regan wiederholt, er solle zur Schwester zurück, fügt aber nun hinzu, wenn er dann zu dem vereinbarten Zeitpunkt zu ihr komme, solle er vorher sein halbes Gefolge entlassen. Immer noch hält Lear an sich; als einen Vorschlag nimmt er das, der ganz falsch ist, und gegen den er nun, freilich wieder in erregter Bildersprache, Gründe ins Feld führt. Ja, noch mehr: Goneril läßt vier kalt abweisende Worte fallen, ohne ihn weiter zu beachten, und er redet nun noch einmal zu ihr, der er den Fluch entgegengeschleudert hat: mit sanfter, fast brechender Stimme, wirr, aber der Sinn ist, daß er ihr gütig, bittend zureden will, in sich zu gehn; schelten und fluchen will er nicht mehr; Gott soll ihr Richter sein, er will sie nicht verklagen. Er redet ihr zu, sich zu bessern, er spricht als Vater; er will nichts von ihr. In höchster Not tut er so, als habe er nichts Entscheidendes gehört; er bleibt an Regan, die letzte Hoffnung, angeklammert:
Ich kann geduldig sein,
sagt er und fühlt vielleicht, daß ihm die Tugend bisher vor allem gefehlt hat; im Zusammenhang heißt es, Goneril solle sich bessern, auch wenn sie lange dazu brauche, er wolle es abwarten und einstweilen
bei Regan bleiben Mit meinen hundert Rittern.
Aber die Töchter sind von dieser rührenden Wandlung nicht im mindesten ergriffen; Regan beharrt darauf, ihn jetzt nicht zu sich zu nehmen; im übrigen erklärt sie nun fünfundzwanzig Ritter für genug. Er winselt beinahe, er flüstert:
Ich gab euch alles,
und wie nun Regan auf ihrer Entscheidung beharrt, tut der alte Mann, dem mit seinen Rittern sein Selbstbewußtsein genommen werden soll, das ganz überraschende: um dies äußere Zeichen seiner Würde behalten zu dürfen, gibt er in kindischer Gesunkenheit die innere preis und erklärt, er wolle nun zu Goneril gehen; die läßt ihm doch fünfzig! Aber nun haben die Töchter genug: sie werden schon für seine Bedienung sorgen, er braucht keine zehn, keine fünf, keinen einzigen!
Wozu ist einer not?
Not? Dabei stutzt er. In der Tat, in Not ist er nicht und braucht es auch künftig nicht zu sein. Aber seine Würde, seinen Luxus, seine Hoheit wollen sie ihm nehmen, demütigen wollen sie ihn. Eindringlich, aber immer noch still hebt er an:
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste Bettler Hat bei der größten Not noch Überfluß...
Und nun wechselt es in ihm zwischen Bitten und Zorn; zwischen Nichtweinenwollen, Weinen, Seufzen und Drohen; die Hitze steigt auf, es zerbricht etwas; er erträgt’s nicht; er will vor diesen Töchtern hier nicht mehr, nicht noch einmal ausbrechen; er stürzt hinaus; eben zieht das Unwetter am Himmel auf. Noch einen Blick hat er in die Runde geworfen, wie auf der Suche nach einem Menschen, nach einer Stütze, nach einem Freund; er fand ihn auch: den Narren.
O Narr, ich werde wahnsinnig!
Das war in diesem Kreis sein letztes Wort. Die bleiben doch etwas bestürzt zurück; und vielleicht würde gar der harte Eigensinn der Töchter erweicht; aber nun tritt eine noch größere Brutalität hervor: Regans Mann Cornwall. Er befiehlt, während der Sturm zu brausen anfängt, die Tore zu schließen. Kleinlaut versichern die Schwestern einander, für den alten Mann wäre hier schon Platz gewesen, aber nicht für sein Gefolge; an Cornwalls Haltung indessen werden sie wieder energisch; der Alte soll nur für seinen Unverstand büßen; schafft er sich selber Kränkungen und Beschwerden, so sollen die seine Schullehrer sein! Die Tore müssen jedenfalls geschlossen werden; wer weiß, wessen man sich sonst von seinem wilden Gefolge, das nun so gut wie entlassen und verzweifelt ist, zu versehen hätte? Um die aber kümmert sich der kranke, tobende Mann nun gar nicht mehr, und sie, mit Ausnahme eines einzigen Getreuen, um ihn auch nicht; sie werden schleunig weiter geritten sein und eine Herberge gefunden haben.
Lear, seinen Narren und den Knecht, der Kent ist, treffen wir im tosenden Wettersturm wieder nachts auf der Heide. Er ist, nachdem er sich so lange gewaltsam unterdrückt hat, in einer Leidenschaft, die sich wollüstig mit dem Orkan mißt. Ah! sich auslassen zu dürfen! Welch königliches Herrengefühl, Grund zum Toben zu haben! Recht, recht so, ihr Stürme und Wetterschläge, Undankbarkeit ist auf diesem Erdenball eingesät; zertrümmert ihn! Das ist noch bacchantische Raserei der Leidenschaft; aber zwischendurch zuckt die Logik des Wahnwitzes auf. Auch ihn, den alten, preisgegebenen Mann, dürfen die Elemente treffen, sie haben die Erlaubnis, dürfen ihn zausen und schlagen nach Herzenslust: sie sind ja nicht seine Töchter! Und so apostrophiert er den Regen, den Donner, den Blitz:
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Und dann besinnt er sich, die Logik ist willfährig, man kann die Sache auch von der andern Seite ansehn: es ist doch unrecht von den Elementen; sie benehmen sich wie die „knechtischen Helfershelfer der verruchten Töchter“, und nun geht ihm eine ganz neue Gedankenreihe auf. Es denkt in ihm: wenn’s nach der Gerechtigkeit zuginge in der Natur, wer dürfte getroffen werden? Er nicht; er gewiß nicht; ganz andern müssen die Götter so begegnen: den verborgenen Verbrechern, den Meineidigen, den Mordlustigen. Und wir gedenken dabei der Greuel, die im Hause Gloster im Gange sind. Er aber, Lear?
Ich bin ein Mensch, an dem man mehr Gesündigt, als er sündigte.
Und er fängt an, sich noch tiefer zu besinnen, wie’s in der Welt zugeht; er wird liebevoller als je zuvor gegen den armen Narren, der gleich ihm selber, aber nur aus Liebe zu ihm, friert:
Mein armer Narr, mir blieb vom Herzen nur Ein Stück, das ist betrübt um dich.
„Obdachlose Armut!“ Das bohrt nun immer in ihm weiter, daß es so etwas in der Welt gibt, nicht bloß ein Verzicht auf Eitelkeiten, nein, ganz wirkliche Not, völlige Entbehrung, ein Leben wie das, dem er sich in der Raserei dieser Nacht ausgesetzt hat. In keinem Augenblick denkt er praktisch, was nun von jetzt an aus ihm werden soll; ganz andre Dinge hat er auszumachen; wir sehen, wie sich hinter seiner eiteln, äußerlichen Hoheit letzte Vornehmheit verborgen hat; er muß mit dem Allgemeinen, mit den Zuständen dieser Erde, mit der Weltordnung fertig werden; das ist nun in ihm aufgekeimt, was vorher der eigenwillige Triebmensch ganz beiseite liegen ließ.
Sie nähern sich einer armseligen Hütte, die Kent ausfindig gemacht hat; aber vergebens zunächst fordert dieser treue Knecht den Herrn auf, sich darin zu bergen. Solche Sorge dünkt ihn gemein; was tut ihm alles Unwetter da draußen im Vergleich mit dem Sturm in seiner Seele? Doch ist er nicht mehr zu festen Entschlüssen imstande; und sowie er sich hoch aufrichten will und auf die Bestrafung der ruchlosen Töchter sinnt, bricht einer in ihm zusammen, und die Tränen stürzen vor. Ja, er wird schon hineingehn; er wird zu schlafen versuchen; der gute Narr, der nicht von ihm gewichen ist, soll nur vorausgehn; er will erst unter freiem Himmel, für sich allein, sein Gebet verrichten.
Was der König aber jetzt betet, ist eben diese Erinnerung an die, zu deren Schicksalsgenossen er sich in dieser Nacht gemacht hat:
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid, Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet, Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib, Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützen Vor solchem Sturm wie der? -- O, nicht genug Bedacht’ ich das! -- Nimm dir’s zur Lehre, Pomp, Nur einmal fühle, was der Arme fühlt, Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttest Und zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Was für eine große neue Erkenntnis diesem König da an der Grenze des Wahnsinns kommt! Das ist die Gerechtigkeit im Himmel, die man selber auf Erden übt! Damit, daß man hier auf Erden reichlich seinen Überfluß auf die Armen schüttet, zeigt man, daß im Himmel gerechte Mächte walten. Weit ist er jetzt davon entfernt, die Extragötter anzurufen, die ihm persönlich helfen sollen; und doch hätte er’s nie nötiger gehabt. Aber er hat schon viel gelernt; hat zu denken gelernt und damit zu fühlen und gut zu sein.
Und in diesem Augenblick, wo er von seinem Elend absieht auf die vom Schicksal Verstoßenen auf dem weiten Erdenrund, tritt aus der Hütte, die sie leer geglaubt hatten, das nackte Elend leibhaftig: ein nackter Bettler, toll, besessen, von allen Teufeln verfolgt, wahnsinnig. Wir wissen: es ist Edgar Gloster, der sich vor seinem Vater und seinem Bruder bergen muß, der von Cornwall geächtet ist; das Elend ist echt, der Wahnwitz ist angenommen, wie umgekehrt Lear ganz dicht am Wahnsinn steht, im Elend nur, weil er’s zur Stunde nicht anders will und erträgt.
Bei diesem Anblick schließt der Wahnsinn, das tolle Zwangsspiel mit dem Wahnsinn: den müssen undankbare Töchter so weit gebracht haben; was sollte einen sonst um den Verstand bringen? Die beginnende Erkenntnis aber, die im Fieber des Deliriums arbeitet, bohrt weiter. Sie führt ihn über die Wahrnehmung der Entblößtheit aus sozialen Gründen noch tiefer ins Echte hinein, ins Erfassen des Wesens: aller Pomp ist Schein; das, was da vor ihm steht in der Entblößtheit nicht bloß von Mitteln des Unterhalts, in der Entblößtheit des Leibes, das ist der wahre Mensch in seiner Nacktheit!
Ist der Mensch nicht mehr als das? Betracht’ ihn wohl! -- Ha, drei von uns sind verfälscht! Du bist das Ding an sich. Der unverzierte Mensch ist nicht mehr als so ein armes, nacktes, gabelförmiges Tier wie du bist!
Zum ersten Mal achtet der Mann, der sich bisher abends hat aus den Königsgewändern und in sein Nachtgewand helfen, morgens anziehen lassen, in dieser Sturmnacht beim flackernden Schein eines Kienspans auf den nackten natürlichen Menschen und seine Gestalt. Wieder ein Stück Anschauungsunterricht, aus dem er sofort die Lehre zieht:
Fort, fort, erborgter Plunder!
Zur Echtheit will er vordringen; er reißt sich die Königsgewänder ab -- und sieht sich dabei in alter Gewohnheit nach den Dienern um, die ihm helfen sollen, sich zu entkleiden! Welch eine Szene! Wo ein Greis im nächtlichen Wettersturm anfängt, Wirklichkeit und Güte zu lernen, aber sein Hirn ist nun so geworden, daß er nur noch in Gestaltensehen und leidenschaftlicher symbolischer Aktion lernen kann. Und der Sturm heult, der Donner tobt, der Regen prasselt, Edgars Vater, der alte Gloster, voller Erbarmen gegen den König, zu mildtätiger Hilfe bereit, die ihm übel bekommen soll, tritt dazu, und Edgar, um sich vor dem Vater, der ihm ein grausamer Verfolger ist, zu verbergen, bricht in tollere Reden aus. Zugleich nimmt Lears immer weiter bohrende Erkenntnis wieder Wahnsinnsform an. Der ihn das gelehrt hat, die Sache zu erkennen, wie sie wirklich ist, bis zur Echtheit des Wesens, bis zur nackten Natur vorzudringen, der ist, nackt und zähneklappernd und irre redend, wie er vor ihm steht, ein edler Philosoph, ein weiser Thebaner, ein hoher Gelehrter. Und kaum sind sie durch Gloster auf einem seiner Pachthöfe unter Dach und Fach gebracht worden, so weiß er genau, wozu ihm dieser Weise, der die Wahrheit mit seinem Leibe kündet und der überdies zwischen Tiefsinn und Unsinn ein Kauderwelsch von sich gibt, aus dem der kranke Sinn des Königs manche Erleuchtung empfängt, zugeführt worden ist: die Töchter sollen vor Gericht gestellt werden! Der nackte Bettler ist ihm, eben weil er nackt ist und keine Falschheit und Verhüllung anhat, „der Mann im Rechtstalar“; der Narr ist der eine Beisitzer, der treue Knecht der zweite. Vors Gericht des Volks und der Wahrheit werden die Königinnen gestellt: der tolle nackte Bettler, der arme Narr, der gute Knecht sind die Richter: alle drei in Wahrheit tief Verkleidete, hinter deren Masken Güte und Ehre wohnt. Und sie, selbst so an die Grenze gerückt, daß das Spiel mit grotesker Phantasie ihnen nahe genug liegt, gehen aus Güte, um ihn zu beruhigen, und aus Tollheit, von der sie sich gern anstecken lassen, darauf ein. Die Töchter sollen vortreten, ein Schemel stellt Goneril vor; wie Lear Regan holt, entwischt sie ihm, seine Gedanken, seine Bilder irren in andre Richtung. Jetzt sieht er eine Hundemeute vor sich, die ihn kläffend verfolgt, die dann wieder die Töchter zu Tode beißt, bis er in Erschöpfung niedersinkt. Und wie der treue Kent ihn bettet, ist er wieder für einen Augenblick der alte König, und nichts von aller Würde und Behaglichkeit ist ihm genommen worden: „Macht keinen Lärm, zieht die Vorhänge zu.“ Er schläft ein.
So läßt ihn Gloster auf einer Sänfte fortbringen; er soll nach Dover, zu Cordelia, zu dem Heer der Franzosen, das dort schon gelandet ist.
In den Wirren des Reichs, die sofort nach König Lears Abdankung eingetreten sind, in den heimlichen Machenschaften zwischen Cornwall und Albanien und beider Feindseligkeit gegen den alten König, hat sich eine Partei zu Frankreich, zu Cordelia geschlagen, deren Rechte in dem Augenblick erwachen, wo die andern Töchter die Vereinbarungen mit ihrem Vater brechen. Kent und Gloster gehören zu dieser Partei. Gloster ist schon in Verbindung mit dem französischen Heer; für Cornwall ist das ärgste Gefahr, und er hat das Recht, es für Hochverrat zu erklären. Was da vorgeht, erfährt er durch Glosters eignen Sohn, den Bastard Edmund, der erst den echten Sohn verjagt hat und nun Graf an seines Vaters Stelle werden will: grauenhaft ist die Rache, die Cornwall nimmt: die Augen werden Gloster aus den Höhlen getreten, gerissen; in der Ekstase des Zorns hatte der alte Mann gerufen, er werde noch sehen, wie die Strafe des Himmels über die grausamen Kinder komme; das war das Wort, das die Art seiner eignen Bestrafung über ihn brachte.
Ein geblendeter Vater war er schon zuvor, wie Lear sein Herr. Und wie Lear im Wahnsinn das Denken lernt, so gehen Gloster nach der Blendung die Augen auf. Bei Dover begegnen die beiden einander wieder: Lear auf der Flucht vor der Tochter, an der er gesündigt hat und deren Anwesenheit er in lichten Momenten ahnt; der andre, Gloster, durch den Tod hindurchgegangen und im äußersten Elend wie zu Ruhe und Frieden auferstanden und wiedergeboren: von der hohen Klippe über Dover hat er sich hinabzustürzen vermeint; aber der echte Sohn Edgar in allerlei fremden Gestalten und mit allerlei Täuschungen hat den blinden Vater gerettet, und wie ein Fluidum der Sanftmut und heilenden Liebe ist es vom verstoßenen Sohn und vom Tod her über den alten Mann gekommen.