Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 8
Wie mag er früher gewesen sein, als er noch rüstig war, in der Manneszeit, in der Jugend? Auch da hat Strindberg etwas Interessantes, auch für ihn selbst Bezeichnendes gefragt: was hat König Lear eigentlich für eine Frau gehabt? Jetzt ist sie tot. Wie hat er mit ihr gelebt? Die Kinder dieser Ehe sind jedenfalls sehr ungleich ausgefallen, und ungleich werden wohl auch ihrer beider Naturen, untereinander und jede in sich, gewesen sein; ungleich etwa auch Art und Grad ihres Zusammenlebens. Erwähnt wird die Frau nur einmal. Wie Regan den Vater, der sich unzeitig bei ihr einquartieren will, mit kaum unterdrücktem Zorn begrüßt:
Ich freu’ mich, Euer Majestät zu sehn,
da erwidert er mißtrauisch:
Regan, ich denk’, du tust’s, und weiß den Grund, Warum ich’s denke: wärst du nicht erfreut, Ich schiede mich von deiner Mutter Grab, Weil’s eine Ehebrecherin verschlösse.
Schließlich heißt das nur in einer etwas blühenden Gleichnissprache: Du bist mein echtes Kind nicht, wenn du dich nicht freust, deinen Vater zu sehen! Aber dies Stück stammt aus der Periode, wo Shakespeare schon lange nicht mehr die üppige Sprache mit sich, sondern höchstens mit den Personen davonlaufen läßt, für deren Charakter und Erleben sie kennzeichnend ist; und überdies dürfen wir glauben, daß dem reifen Dichter, als er Lear gerade so und nicht anders reden ließ, die Frage nach Lears Weib schon auch selber einfiel, und vor allem: wir werden noch hören, wie Lear später, wo mit der Tollheit die Erinnerungen farbig und brennend heraufgekommen sind, sich über den Zusammenhang von Machtwillkür und Weibsgemeinheit äußern wird. Ein gewisser Einblick in das frühere Leben und die Beschaffenheit der Ehe eröffnet sich da schon, und mehr als diese allgemeine Stimmung brauchen wir nicht; mehr hat auch der Dichter selbst nicht gewußt.
Was die beiden ältesten Töchter über ihren Vater äußern, soll wohl vor allem ihre Lieblosigkeit kennzeichnen; der böse Blick aber sieht scharf, und was sie von den Schwächen, den Altersschwächen ihres Vaters sagen, finden wir im Sachlichen selbst bestätigt und glauben den Töchtern gern, daß das im Alter sich nur verstärkt hat, aber schon immer seine Manier war. Und wenn nun Goneril, das junge Weib, klagt, „die besten rüstigsten Jahre seines Lebens“ seien auch schon voll Übereilung gewesen, so finden wir das recht glaubhaft; sie wird sich aus ihrer Kinderzeit, etwa auch aus Erzählungen, an genug solche Auftritte erinnern. Er ist ein Mann, von dem ungestüme Launen, jähe Machtsprüche zu erwarten sind. Vielleicht ist aber doch die Szene, mit der die Handlung einsetzt, das tollste Stück, das er je geleistet hat. Die beiden ältesten Töchter sind schon verheiratet; um Cordelia, die jüngste, bewerben sich zwei hochansehnliche Freier. Das wurmt ihn innerlich schon, ohne daß er sich’s eingesteht, daß das jüngste und liebste Kind ihn nun auch noch verlassen, einem andern in Liebe folgen soll:
Sie war mein liebstes Kind; des Alters Trost Hofft’ ich von ihrer Pflege.
Sie hätte ganz bei ihm bleiben sollen; er ist nicht der Mann zu begreifen, wie man einen andern lieb haben kann; und nun soll sie gar so weit weg; zwei Ausländer, man könnte fast Schlimmeres sagen, Landesfeinde bewerben sich um sie; die beiden älteren Töchter haben wenigstens Herzöge Britanniens zu Männern genommen. Nun wird sie wohl gar, wenn er ihr schon ein Drittel des Landes gibt, die meiste Zeit fort, drüben in Frankreich oder Burgund sein. Auf jeden Fall will er sich’s jetzt bequem machen, will die Last der Regierung auf seine alten Tage los sein, aber ein reiches, üppiges, königlich gebieterisches Leben mit Jagden und Festen und Ritterfahrten weiter führen. Diesen seinen Entschluß betrachtet er als einen edelmütig liebevollen Verzicht, als Großmut; er hält es für selbstverständlich, daß die Töchter und der Hof ihn so nehmen müssen; und da ist es, meint er, das wenigste, daß sie ihm dafür jetzt, in feierlicher Staatssitzung versichern, wie lieb sie ihn haben, das heißt, wie gut er ist.
Und gerade das kann Cordelia nicht! Ihre beiden Schwestern nehmen die Sache politisch; wenn Paris eine Messe wert ist, sind sie ja wohl keine Teufelinnen aus der Hölle, sondern bloß Fürstinnen durchschnittlicher Art, wenn sie für ein Drittel Britanniens ihrem despotischen Vater mit schönen Redensarten um den Bart gehen. Wie man Shakespearephilologie von seiner übrigen Gesinnung trennen kann, verstehe ich nicht, aufrichtig gesagt; ich habe in der Tat gar nichts dagegen und sehr viel dafür, wenn man sich auf den wunderschönen Standpunkt Cordelias stellt; aber damit, daß man ihre Haltung bewundert und die der andern Schwestern als etwas abgründlich Schlechtes, als schnöde Heuchelei verdammt, ist es nicht getan. Unser ganzes öffentliches, gesellschaftliches und Familienleben wird radikal umgestaltet, wenn man auf Cordelias Boden tritt. Goneril und Regan benehmen sich höchst abscheulich und ganz nach der Regel. In Cordelia, die bisher ein Kind war und nun vielleicht zum ersten Mal berufen ist, vorzutreten und ihr Inneres zu offenbaren, tritt diesem herrischen, eigensüchtigen, an Liebedienerei gewöhnten König zum ersten Mal ein Ausnahmemensch, zum ersten Mal jemand entgegen, dem das Gebot des Herzens wichtiger ist als alles andre in der Welt. Und das ist sein eignes, sein liebstes Kind! Keine Frage, er weiß es bloß nicht, darum liebt er sie vor allen, weil ihre Innigkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Echtheit ihm wohltut; weil sich die Übereinstimmung von Fühlen und Handeln, die ihr notwendig ist, in ihren Bewegungen, ihrem Antlitz, dem Blick ihrer Augen und hundert täglichen Kleinigkeiten äußert. Keineswegs kann man sagen, daß sie eine Fanatikerin der Wahrheit wäre; dann müßte das Denken in ihr besonders entwickelt sein, und sie könnte dann ihrer echten Liebe zum Vater wahrscheinlich einen recht starken Ausdruck geben. Sie ist aber in keiner Weise unter wahrhaften Menschen eine Ausnahmeerscheinung; sie ist es nur in der knechtisch-lügnerischen Umgebung, wie man sie allenthalben, ganz besonders aber am Hofe trifft. Ein sprödes Mädchen ist sie; sie kann ihr Herz nicht auf dem Präsentierteller herumreichen, kann nicht in einer Staatssitzung, kann vor allem nicht zu einem Zwecke von ihren Gefühlen sprechen. Von den Gefühlen zu sprechen geht gegen das Gefühl; Gefühle äußern sich im stillen, fortwährenden Tun und in plötzlichen Erhebungen und Aufwallungen. Der König zwar erwartet, wenn er verkündet, er wolle zurücktreten und das Reich seinen Töchtern und Tochtermännern schenken, müsse eine solche Aufwallung, die ihm echt und von innen aufschießend vielleicht noch nie im Leben, gemacht aber gewiß immerzu begegnet ist, sich sofort einstellen; und die gezierten Äußerungen der beiden andern Töchter, derengleichen er für ungewöhnliche Dankbarkeit, zu der er so oft Veranlassung gegeben hat, gewohnt ist, nimmt er für solche Ausbrüche. Cordelia aber horcht in sich hinein und findet in diesem Augenblick nur Leere. Den Äußerungen ihrer Schwestern hört sie die Berechnung an, und so wird aus ihrem Unvermögen, sich jetzt zu äußern, Verstocktheit. Es kommt aber noch etwas dazu. Der Kindheit entwachsen, eine Jungfrau geworden ist sie durch die ersten Regungen der Liebe, einer Liebe so ganz andrer Art als die Kindesliebe. Wir dürfen annehmen, daß ihr Herz sich Frankreich zuneigt; aber selbst, wenn sie davon gar nichts wüßte, wäre doch Liebigkeit, diese Bereitschaft in ihr, bald ein eheliches Weib zu werden, die ja auch von außen gefördert wird. Höheres gibt es für dieses Mädchen nichts in der Welt als diese Erwartung, sich liebend hinzugeben und hemmungslos, wie es das Gebot der Liebe ist, einem Manne zu gehören. Und in diesem Augenblick -- die Freier stehn vor der Tür, werden eben geholt, die Stunde grenzenlosen Aufgebens, wonnig bangen Umfassens ist da -- verlangt der alte Mann für sich, was bis aufs letzte Tröpfchen gesammelt in ihr eines andern wartet. Und sie muß mitanhören, wie ihren Schwestern glatt wie Öl etwas von der Zunge geht, was ihr nur wie Verrat an der Gattenliebe klingen kann. So vermag sie ihrem Vater nicht nur das Gehäufte nicht zu geben, worauf er Anspruch macht; sie kann ihm jetzt gar nichts geben; und was sie schließlich äußert, kommt gezwungen und hart heraus. König Lears Seelenkenntnis können wir uns aber nicht verwahrlost, verbogen und verkehrt, man nennt das naiv, genug vorstellen. Er hat verlangt, mit Recht verlangt, das war doch das wenigste, daß man ihm bei diesem feierlichen Akt seines ungemeinen Edelmuts ein paar schöne Worte sagt; ist das denn zu viel? Nun, die älteren Töchter tun’s; und schon ist er zufrieden und gibt ihnen ihr überreichlich Teil. Jetzt ist an seinem liebsten, seinem Schmerzenskind die Reihe; und wie? hört er recht? hart, fast böse antwortet sie, sagt wohl so etwas von pflichtschuldiger Liebe; aber merkt man nicht, wie sie sich dazu selbst zwingen muß? Für ihn ist sie in diesem Moment nicht bloß verstockt und lieblos; sie ist eine arge Heuchlerin; sie preßt sich Äußerungen ab, die ihr nicht von Herzen kommen. Was steckt da dahinter? Es muß doch einen Grund haben! Was offenbart sich da? Wie sieht es in ihrem Herzen aus? In dem Augenblick, wo sie ihrem Vater, der den Kindern sein ganzes Reich gibt, wie die Schwestern, überströmend dankbar sein sollte, zeigt sie sich so und redet mehr von ihrem künftigen Mann als von ihrem guten Vater? Alles dreht sich um ihn, innen kocht’s auf, und der Ausbruch ist da.
Vergebens ruft der Graf von Kent, ein Mann, der schon lange an diesem Hof gelebt und zu Lear voller Verehrung wie zu einem Vater aufgeblickt hat, dessen kerniger Biedersinn Cordelias verwandte Frauenseele erkennt, dem König zu, er sei ja toll:
Was tust du, alter Mann?
In dieser Verfassung läßt Lear sich von keinem Menschen hemmen: Kent wird verbannt, Cordelia verstoßen, enterbt, ohne Mitgift dem überlassen, der sie nimmt. Burgund tritt zurück; Frankreich liebt Cordelia um ihrer selbst willen; sie wird seine Frau. Cordelias knospenhaftem Wesen, das überlegener Klugheit fern ist, können wir nicht zutrauen, daß sie daran gedacht hat; aber ein besseres Mittel, ihre Freier zu prüfen, als auf jede Würde und Mitgift zu verzichten und nur noch sie selbst zu sein, konnte es nicht geben.
Hundert Ritter, mit ihrem stattlichen Gefolge von Edelknappen, Knechten aller Art, hat der alte Mann sich vorbehalten; mit diesem Hofstaat will er abwechselnd bei den Töchtern hausen; und hochbeglückt und erfreut sollen sie sein, wenn ihr Vater kommt. Goneril hat in der Sache keineswegs unrecht, wenn sie meint, er habe seine Macht verschenkt, wolle aber nichts davon entbehren. Er tritt herrisch, brutal auf; die Ritter ahmen das Beispiel nach; was er um seiner Machtfülle, seines Selbstbewußtseins willen tut, setzen sie in Willkür, Roheit und Liederlichkeit fort; es ist ein zügelloses Treiben; sein erstes Wort, das wir bei Goneril von ihm hören, wie er mit seinem wilden Gefolge von der Jagd kommt, ist: „Laßt mich keinen Augenblick auf das Essen warten!“ Und noch mehr Proben eines Auftretens erhalten wir, das übermütig zu nennen wäre, wenn er nicht ein überalter Mann wäre, der in einem langen, langen Leben niemals vom Leben in die Schule genommen worden ist. Er ist derart ungezügelt wie kleine Kinder, die man ungezogen nennt; die Sinneseindrücke scheinen fast ohne jede geistige Vermittlung Handlungen bei ihm auszulösen; er verstößt, verbannt, schimpft und schlägt so unmittelbar, nachdem man sich seiner Willkür entgegengestellt hat, wie das kleine Kind nach dem glänzenden Gegenstand greift, den es sieht. Hat man das Kindchen ein paarmal aufs Händchen geschlagen, so wird sich, wenn es die Bewegung noch macht, schon so etwas wie Zögern, wie böses Gewissen darin äußern; Lear aber scheint nie im Leben etwas entgegengetreten zu sein, was er als ernsthaften Widerstand achtete; er hat das beste Gewissen von der Welt; er meint es wirklich gut zu meinen; er hält sich für gut. Er hat doch seine Macht abgegeben; bloß auf die Eitelkeiten dieser Welt will er nicht verzichten; das ist für ihn fast nichts, was er behalten hat; daß er damit andern sehr lästig fallen kann, daß das -- gleichviel, wie die Töchter sind -- ein ganz unleidliches Verhältnis ist, -- wer soll es ihm sagen? So daß er es erkennt? Wer will den alten Mann jetzt noch erziehen?
Kein einzelner Mensch könnte das mehr unternehmen wollen; man kann ihn nur dulden und liebevoll klug, unmerklich lenken. Die Töchter aber haben von ihrem Vater die Herrschsucht ohne die Würde, ohne die Liebenswürdigkeit, ohne den Charme geerbt; dafür handeln sie nicht bloß in Hitze, sondern planmäßig, kalt. Lears Bedürfnis, geliebt zu werden, ist immer noch ein Grad der Liebe; die Töchter sind in ihrem Verhältnis zu ihm ganz lieblos und kennen auch die Hemmung nicht, die man Pietät nennt. Er hat seine Macht weggeschenkt; sie haben, was sie von ihm wollten; nun soll er ihnen abwechselnd täglich und stündlich mit anspruchsvollen Narrheiten lästig fallen? Erziehen wollen sie ihn gewiß nicht, aber los werden und rücksichtslos seines Spielzeugs, seiner Machtfülle, seines Scheins berauben. Für ihn ist das gerade so, als wollten sie ihn zum Gerümpel werfen, obwohl die Rumpelkammer, die sie ihm anweisen würden, wenn alles ginge, wie sie in kalter Ruhe planen, wahrscheinlich ein ganz stattliches Haus wäre. Davon, daß sie ihn hungern lassen, in Nacht und Elend, in Obdachlosigkeit hinausstoßen wollten, ist gar keine Rede: die Vereinfachung der Märchenpsychologie ist Shakespeares Sache nicht. Für Lears Subsistenz wollen die Töchter schon sorgen; ihre Lieblosigkeit übersieht nur, daß die Substanz, von der das Gemüt des alten Mannes sich nährt, eben die Akzidenzien sind, die sie ihm wegnehmen wollen.
Um ihn steht es nun so: er war in der Macht, und man war vor ihm gekrochen, und was sich dabei ergab, hatte er für die wirkliche Welt genommen. War ihm einmal im Ernst Widerspruch entgegengetreten, so hatte er ihn unter dem Beifall seiner Umgebung sofort zermalmt. Niemals war äußerer Widerstand begleitet gewesen von einer inneren Unruhe in ihm selbst; seine Umgebung hatte immer den Glauben in ihm befestigt, daß er es um seiner angeborenen Majestät willen verdiene, zu befehlen. Diesmal ist es anders. An ihm nagt etwas, immerzu, etwas Doppeltes, etwas Dreifaches: daß er seine Macht weggegeben hat, daß er sie diesen Töchtern gegeben hat, daß er Cordelia verstoßen hat. Falschheit kann täuschend wie Wahrheit aussehen, aber die Wahrheit hat etwas ganz Untrügliches in sich. Hat man einen Menschen, den man gut kennt, im Vorübergehen zu sehen geglaubt, so kann man sicher sein, daß er es nicht war; wäre er es gewesen, so wüßte man es. So ähnlich geht es diesem kurzsichtigen Vater: er glaubt, daß Cordelia ein liebloses Geschöpf, daß Goneril und Regan liebende Töchter sind; aber etwas in ihm weiß, daß es nicht so, daß es umgekehrt ist. Der Klang der Stimme Kents, der so tapfer zu Cordelia stand, liegt ihm noch im Ohr; und da ist nun noch einer, der auf seine Art ausspricht, was Lear selber nicht hochkommen läßt, der ein Privileg hat, den er nicht so ohne weiteres des Landes verweisen kann: das ist sein Narr, sein scharfer, sein bitterer, sein armer, sein liebender Narr. Der hängt treu und liebevoll an ihm, ganz gleich, wie er vom Herrn behandelt wird, der kennt die Liebe so, wie Goneril und Regan sie nicht kennen und wie auch Lear sie keineswegs kennt und übt, und in immer neuen Gleichnissen, Verdrehungen und Liedchen gibt der ihm nun zu verstehen, was für ein Narr er gewesen, das gute Kind zu verstoßen und sich und sein Reich den harten, scharfen, lieblosen Töchtern anzuvertrauen. Er kann sich’s nicht verhehlen, denn er merkt’s durch bittre Erfahrung: an den mitleidig verdammenden Sprüchen des Narren, die immer schärfer ausfallen, ist etwas, ist viel dran. Und doch glaubte er, so klug und, da er sich so recht mollig lieben und hegen lassen wollte, ein so guter Vater zu sein! Das erkennen wir nun aber auch deutlicher, als wir’s zu Beginn wußten: er kann tun, was er will, selbst Brutales: Böses ist doch nicht in ihm. In seinem Verkehr mit dem Narren gewahren wir gleich echte Liebenswürdigkeit und eine Neigung zu Kameradschaft, in der sich seltsam eine Kindlichkeit angeborener, zurückgedrängter Natur mit Kindischwerden vor Alter mengt.
Die Welt sieht doch nun, wo er der Macht entkleidet ist, so ganz anders aus, als er gemeint hatte! Was sich der Haushofmeister seiner Tochter gegen ihn herausnimmt, wie scharf und ausfallend die Tochter selbst zu ihm spricht, wie es der Narr mit seinen Sprüchen kommentiert, -- aber der arme alte Mann! In dem Augenblick, wo allererst die Erkenntnis der Wirklichkeit kommen, wo der Wahn sinken will, bricht in dem schwachen Gefäß, das Druck von außen nie gekannt hat, der Wahnsinn aus. Sein erstes Zeichen bemerken wir sofort nach der ersten unerbittlich scharfen Rede Gonerils, wie Lear die Hand über die Augen hält, die Tochter prüfend, als sehe er nicht gut, ansieht und fragt: Ist das meine Tochter?
Sowie wir diese erste Spur merken, können wir nun zurückgreifen, können uns der Worte Kents erinnern, der es gewagt hatte, seinen König verrückt zu nennen und dabei an sein Alter zu erinnern, können dazu nehmen, daß jetzt eben der Narr seinen Herrn den wahren Narren gescholten hat, und können fragen: war denn nicht wahrscheinlich sein Benehmen bei der Teilung des Reichs und bei Cordelias Verstoßung auch schon Geisteskrankheit?
Fragen können wir so; ich antworte: Nein. Und vergesse dabei keinen Augenblick die Regel, die Gestalten des Dichters nicht als Naturgeschöpfe zu nehmen, sondern als Geistgeburten Shakespeares. Ich untersuche nicht einen Britenkönig Lear, sondern was Shakespeare uns gegeben hat. Dabei kommen irgendwelche medizinische Ausdrucksweisen, die der Dichter gehabt hat oder nicht gehabt hat, nicht in Betracht, sondern lediglich die Züge, die er seinen Gestalten gegeben hat. Die haben wir, ganz in unsrer eigenen Sprache, zu deuten. Das Problem, was Krankheit und was gar geistige Krankheit sei, will ich bei dieser Gelegenheit nicht aufrollen; sicher ist, daß es Namen für Veränderungen sind, deren wahres Wesen uns unbekannt ist, und daß diese Namen nur gewisse Komplexe von Symptomen einordnen. Sicher ist aber auch, daß Begriffe dieser Art haarscharf begrenzt sind, und daß unsre Menschenwelt untergehen und das Chaos beginnen würde, wenn diese Grenzen verwischt würden. Wie König Lear bei der Teilung des Reichs gehandelt hat, war, wie Kent in derber Volkssprache sagt -- nicht umsonst kann der herzhafte, getreue Landedelmann nachher so gut den Knecht spielen --, verrückt, war verrückt, was das Volk so verrückt nennt. Der König hat so tun müssen, sonst hätte er’s ja nicht getan, aber die Notwendigkeit, die ihn zu seinem Verhalten brachte, war ein sozialer Komplex, bestehend aus den Beziehungen seiner Erziehung, Stellung, Umgebung; man kann sich darum auch denken, daß diese Notwendigkeit durch eine gleichfalls soziale Einwirkung, z. B. das ruhige und vernünftige Auftreten mehrerer im Staatsrat oder einen plötzlichen Überschwang kindlicher Verzweiflung in Cordelia aufgehoben worden wäre. Was aber jetzt in Lear allererst sich ankündigt, ist ein individueller, organischer Zwang unsäglich viel stärkerer und anderer Art in ihm; irgend etwas funktioniert jetzt anders in ihm; und wenn Heilung kommen soll -- wie sie denn in der Tat kommt, das Stück, in dessem erstem Akt wir noch stehen, handelt von ihr --, wird sie ganz andere Wege gehen müssen, als gutes Zureden oder soziale Einwirkung der üblichen Art.
Seid Ihr Unsre Tochter?
Mit dieser Frage sind wir genau an der Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn. Man kann völlig vernünftig sein und sein schmerzliches Staunen über das eigene Kind so ausdrücken, daß man fragt, ob man so einen Menschen, wie er da vor einem steht, wirklich selbst gezeugt und aufgezogen habe. Es kann auch tatsächliche Gründe geben, warum man bei einer starken Enttäuschung, die eine völlige Unähnlichkeit zwischen Vater und Kind an den Tag stellt, sich ernsthaft fragt, ob nicht Ehebruch im Spiel sei. Auch ist der Mensch, jeder, da er gottlob einen Dichter in sich hat, durchaus befugt, in irgend einer ekstatischen Stimmung mit dem Wahnsinn zu spielen. So hebt es denn auch bei Lear an: er schwankt zwischen ganz leise einsetzendem echtem Wahnsinn und dem Spiel damit. Noch spielt er, daß er nicht er selbst sei, daß er die Dame, die vor ihm steht, nicht kenne, aber schon ist es einen verschwindenden Moment lang innerer, organisch-funktioneller Zwang, so zu spielen, der dann aber sofort wieder abgelöst wird von dem gewaltig ausbrechenden, schmerzlichsten, wütendsten Zorn des in seiner Königswürde, in seiner Vaterschaft, in seiner Menschheit gekränkten Mannes.
Seid Ihr Unsre Tochter?
Hier an der Grenze haben wir schon die Form, in der sein Wahnsinn sich äußern wird. Eines hat er sein Leben lang nicht gekannt, ein Allerwichtigstes freilich: denken. Es hat für ihn keine Wirklichkeit gegeben, sondern nur Schein und Trug, von Schmeichelei und botmäßigem Eifer erzeugt; und so war in ihm kein Denken, sondern Trieb, Raschheit, Laune; und auf diese Weise entstand eine Welt, eine Beziehung von innen und außen, wo alles glatt funktionierte: seine Umgebung und er paßten ihre Lücken und Auswüchse an einander an, und was er befahl, geschah. In diese Welt der Täuschung, und andre kannte er keine, war er nun in langen Jahrzehnten, bis in sein höchstes Greisenalter, ganz eingelebt. Nun aber ist er allererst nicht oben in seiner, sondern irgendwo unten in der wirklichen Welt, und da sieht alles so ganz, so schmerzlich anders aus. Er sollte also umlernen, nachdenken, sich einordnen, sich zurechtfinden, und das kann er nicht mehr; er ist zu alt dazu. Zu alt wenigstens, um noch in der üblichen Art zu lernen, zu wachsen. Denn er lernt, der arme, alte Mann, lernt sogar erstaunlich, wie in Glut und Fieber; aber er begreift nicht in Begriffen; in seiner Altersschwäche, wo ihn immer hilfloses Weinen ankommt, nimmt ihn das Leben in die Schule, und sein Lernen sieht so aus: Gegen meine Töchter bin ich immer gut gewesen -- sie müssen also auch gut gegen mich sein -- diese Damen sind ja so hart gegen mich -- -- ~ergo~ sind es nicht meine Töchter. Die neue Wirklichkeit, die sich ihm jetzt objiziert, lernt er nur in der Weise kennen, daß er das Neue, das er nun von der innern Beschaffenheit und Wahrheit der Menschen entdeckt, als äußere Halluzinationen, als Zwangsvorstellungen schaut und hört; der Sinn geht ihm auf in Gestalt von Sinnestäuschungen. Und so wie er daran ist, die Töchter nicht mehr als seine Töchter zu erkennen, so verliert er den Glauben, das Wissen, das Selbstbewußtsein, daß er Lear ist; er verliert sich selbst.
Aber er versinkt nicht völlig in diesen Wahnsinn; er ergeht sich nur gefährlich am Rande der Tollheit; ganz wahnsinnig, bloß wahnsinnig sehen wir ihn nie; wir erleben an ihm einen entstehenden und auch wieder vergehenden Wahnsinn; wir sind dabei, wie in und mit dem Wahnsinn sich ihm der Sinn öffnet für den Wahn seines bisherigen Lebens; wie er jetzt allererst einen Blick ins Leben tut; wie er mit dem Schmerz, der ihm von außen angetan wird, wütenden Schmerz über sich selbst, Reue, von daher Einsicht und mit der Einsicht Liebe, echte Liebe, Liebe zu andern lernt. Der Schein, der Machtkitzel, der Dünkel, die Hohlheit, die Ichsucht, all das schmilzt weg; indem er ins Elend hinuntersinkt, vermag er nun auch, die Welt und das Leben vom Standpunkt des Elends aus zu erblicken.