Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 6
Er aber hat Hemmungen, die in seinem Oberbewußtsein, in seiner vernünftigen Sphäre, das Wort in umfassendem Sinn genommen, vor sich gehen; er hat die Moral, das Religiöse, das Bangen und Schwanken in Verbindung mit der vernünftigen Überlegung. Er hat von Haus aus Weite in seinem Kopf; sie ist darin ganz eng und darum unheimlich klar, scharf und bestimmt. Denken, Planen heißt für sie nichts andres als die Mittel für das Gewollte suchen. Da begreift sie kein Schwanken, kein Zögern; sie rüttelt an ihm und ist imstande, fast verächtlich von ihm und zu ihm zu reden.
Sehr wahr ist etwas, worauf Grillparzer hinweist: „Shakespeare hat hier nicht bloß Macbeth und seine Gattin, er hat Mann und Weib überhaupt geschildert.“ Besser wäre zu sagen, daß der Dichter den ganz besonderen Mann Macbeth in seiner einmalig individuellen Situation nie aus dem Umkreis der Mannesart, das individuelle Weib, seine Frau, nie aus der Sphäre des Weiblichen entfernt. Und wenn Grillparzer dann weiter sagt, in Lady Macbeths Seele sei der Entschluß im ersten Augenblick reif, so ist das nur wahr, wenn man dazu sagt, daß es der Gedanke ihres Mannes ist, der in ihr sofort zum Entschluß erwächst und gesteifter Tatwille wird. Richtig ist jedenfalls, sie bestimmt ihn zu seiner Tat, feuert ihn an, hält ihn wie mit Klammern darin fest.
Aber nun das sehr Richtige und Wichtige, was Grillparzer beobachtet hat: „Aber jetzt, da gehandelt werden soll, kehrt sich auf einmal das Verhältnis um. Macbeth schaudert, aber handelt; sein Weib, die Entmenschte, die Verlockerin, war vor ihm in Duncans Zimmer, sie hatte die Dolche in der Hand, --
‚hätt’ er nicht im Schlaf meinem Vater ähnlich gesehn, ich hätt’s getan!‘“
Und Grillparzer, der von Anfang an gewußt hat, wie das Genie nicht blind hinwirft, sondern sein Handwerk verstehn muß, fügt ganz begeistert hinzu: „Ich ärgere mich oft über mich selbst, daß ich die Idee, etwas zu schreiben, nicht aufgebe, wenn ich so was gelesen habe.“
Sie also kann weder ursprünglich denken, noch letztgiltig handeln; da stellt sich ihr der Schauder in den Weg; aus dem Gebiet, das sie oben nicht kennt und nicht duldet, aus dem Gebiet der Erinnerungen, Assoziationen, Verwandtschaften und Träume, aus dem zu Gefühl gewordenen Leben der Vergangenheit herauf tritt etwas dazwischen und lähmt ihre Hand.
Zunächst aber tritt viel mehr die Einigkeit des Paars als seine Getrenntheit zu Tage; das ist schauerlich wie das Eingreifen der Unterirdischen in das Werk der Menschen, wie diese zwei zu schnödestem Mordplan in ganz inniger Liebe verbunden sind. So stellen wir uns bewundernd und ohne Schauder einen Löwen und seine Löwin vor; nur daß wir hier doch von Anfang an wissen und fühlend miterleben: das Bluthandwerk ist nicht ihr Beruf; es sind trotz allem empfindende, phantasiebegabte, leidende und mitleidige Menschen!
Zunächst aber spüren wir nur den frevlen Gegensatz zwischen ihrer Liebe zu einander und ihrer Unmenschlichkeit, und dazu den Gegensatz zwischen dem Vertrauen des Königs und ihrem Plan.
Macbeth ist rasch vom Pferd gesprungen, ahnt die Königskavalkade dicht hinter sich, es ist nur Zeit für ein paar hastige Worte, aber sie verstehen sich sofort:
Geliebtes Weib, Der König ist heut’ Nacht bei uns.
So tritt er in die Tür, und damit ist für sie in beschwörender Zärtlichkeit alles gesagt. Sie wendet sich sofort, in fest zusammengenommener, schneidender Kürze zum Praktischen:
Und geht?
Eine unwahrhaft zögernde, schwankende und doch vielsagende Antwort kommt von ihm:
Schon morgen, hat er vor.
Da, so sehr die Minute drängt, läßt sie sich Zeit zum Ausbruch, aber rasch, heiser, zwischen Flüstern und Schreien:
O nimmer soll Die Sonne dieses Morgen sehn!
Der König kommt und fühlt sich ganz wohl: es ist der Abend nach der siegreichen Schlacht; ihm scheint eine Stimmung des Friedens und der Behaglichkeit in der Luft zu schweben. Und Banquo, dem allerlei Gedanken fürs Nächste und Entfernte durch den Kopf gehen mögen -- er war dabei, wie dem Macbeth die Königskrone verheißen wurde, und hat ihn dabei gut im Auge gehabt, und ihm, Banquo, ist von den wissenden Schwestern verkündet worden, seine eigenen Nachkommen sollten einst Könige sein --, Banquo bestärkt den König in seinem harmlosen Vertrauen.
So geht man zur Tafel. Macbeth ist noch keineswegs mit sich im reinen. Er nimmt keine Rücksicht darauf, daß es auffallen muß, wenn der Wirt seine Gäste allein läßt; er kann nicht still sitzen; er geht hinaus und erwägt. Es sollte schnell geschehen -- aber die Folgen müssen bedacht werden. Wie wird’s die Welt ansehen? welches Mitleid wird aufsteigen? die Tat ist unerhört: der Untertan ermordet den König; der Vetter den Nahverwandten; der Wirt den Gast; bei Nacht den Vertrauenden; blutige Taten gegen ihn selbst können folgen.
Die Frau kommt dazu; sie begreift von alledem nichts. Wozu jetzt dies auffällige Benehmen? Er hat’s doch schon lange beschlossen; jetzt ist die Gelegenheit, das kann er nicht leugnen; wie kann er schwanken? Er hat sich’s zugeschworen, hat’s ihr geschworen: König zu werden; was er geschworen hat, muß er tun. Nicht der entfernteste Gedanke kommt ihr, an welches Heilige und Unverbrüchliche gerade der Schwur des Menschen gebunden ist; sie versteht nichts andres in ihrem Hirn als dieses Festhalten am Wort; sie formalisiert ihn und nagelt ihn fest; eigensinnig, beschränkt wiederholt sie ihm, was er doch immer selbst gesagt; und um ihm vorzuhalten, was Konsequenz und was Mannhaftigkeit ist, zeigt sie ihm, und es verbindet sich dabei wahrhaft erhabenes Gefühl mit ihrer Vorstellung, was es doch heißen wolle, sich Wort zu halten und seinem Vorsatz treu und fest zu sein, sie zeigt ihm, was sie als Frau Gräßlichstes, Unnennbares zu tun imstande wäre, wenn sie’s nur erst sich vorgesetzt und sich und dem Gemahl geschworen hätte; sie sagt es und sie glaubt es:
Ich hab’ gestillt und weiß, Wie süß es ist, ein liebes Kind zu nähren, -- Ich hätt’ ihm, wie es mir ins Auge lachte, Die Brust gerissen aus den weichen Kiefern, Sein Hirn zerschmettert, hätt’ ich’s so geschworen, Wie du geschworen hast!
Diese ihre Logik, Konsequenz, Entschlossenheit mit dem eiskalten Pathos des Willensgedankens sticht wie ein blitzender Dolch in das nächtige Dunkel, das wogend um ihn und in ihm braut. Der Mann täte die Tat, so glauben wir in dieser Stunde, niemals, wenn nicht diese dämonischen Mächte, dieses Teuflische wäre, wie es erst von den wüsten Weibern in feierlicher Begrüßung und jetzt von seiner schönen Frau mit seinen eignen Gedanken zu ihm spräche, wenn nicht das Ungeheure ihn wie überirdischer, wie Geist- und Liebeszauber anlockte. So tritt jetzt das Dämonische sichtbar, greifbar aus seinem Innern heraus; jetzt wohnen wir seiner ersten Halluzination bei: den Dolch, gerade so einen paßlichen für diese Tat, sieht er vor sich lockend in den Lüften schweben und den Weg weisen; nun ist er zur Tat entschlossen, wie einer, der unentrinnbarem Joch den Nacken beugt; er fühlt sich in die Geisterwelt aufgenommen, und es ist ihm, als wäre sein Mord so etwas wie das Tun eines Mondsüchtigen oder der Zwang, der einen Sklaven der Wollust auf seine Wege zieht. Er ist in den Zauberkreis getreten; der Bund mit den elementaren Mächten ist geschlossen; er tut, was er muß; ernst, schaudernd, wie ein hoffnungslos Bezeichneter.
Derweile besorgt die Frau in umsichtiger Ruhe, was vorbereitet werden muß. Das kann sie gemächlich tun; was sollte sie dabei stören? Dieses Zubereiten des Schlaftrunks, dieses Berauschtmachen der Männer, das sind der äußern Erscheinung nach alles Hausfrauen- und Köchinnenangelegenheiten, und nichts Bildhaftes ist dabei, was aus ihrer Tiefe Unwillkürliches und Unbewußtes emporschnellen und ihr in den Weg wälzen könnte.
So geschieht die Tat. Trunkenheit liegt über den Gästen, betäubender Schlaf über den Wächtern, die sie erst wie in Ausübung häuslicher Handwerkskunst mit Blut bemalt, er dann in raschem Entschluß tötet.
Über Macbeth aber kommt sofort die Reuequal, das inständige Leiden. Stimmen tönen ihm durch die Nacht:
Schlaft nicht mehr! Macbeth mordet den Schlaf!
Und er fühlt: von nun an wird er selbst nicht mehr schlafen können.
Sie aber ist immer noch, noch lange, ganz besonnen; von Stimmen hört sie nur, was sie auf der Burg von Inverneß zu nächtlicher Stunde gewohnt ist: die Eule mit ihrem Schrei, das Heimchen mit seinem Gezirpe; das macht ihr nichts; sie ist in keine andre Welt eingetreten. Vielmehr redet sie ihm rationalistisch gut zu: über so was darf man nicht grübeln; man darf seine Tat nicht ansehn; ein bißchen Wasser wäscht das Blut von der Hand.
Wie anders werden wir’s noch von ihr hören! Gerade das!
Zunächst aber gelingt alles; das auffällige, das törichte Benehmen Macbeths sieht wie herausfordernde Verwegenheit des Mächtigen aus. Die Prinzen fliehn und bringen sich dadurch in Verdacht; so ergibt sich von selbst, daß Macbeth, der Erbberechtigte, der Mächtigste, König wird. Die Prophezeiung, die nur er und seine Frau und noch einer kennt, ist erfüllt; kein Verdacht wagt es, laut zu werden.
Es schweigt vor allem -- Banquo. Da scheint ein seltsam stillschweigendes Einverständnis zu herrschen; er ist eine Art Mitwisser und Mitschuldiger; er ist mit bei den Hexen gewesen. Er steht da wie einer, der seine Zeit abwartet. Und hat er nicht doppelt Grund dazu? Ist, zwar nicht ihm selbst, aber doch seinem Geschlecht, nicht die Nachfolge verheißen worden? Für ihn also und seine Erben soll Macbeth das Gräßliche getan haben? Nein; diesmal will Macbeth den Kampf mit dem Schicksal, mit der Vorbestimmung selbst aufnehmen; es soll nicht kommen, wie die Sprecherinnen des Schicksals verkündet haben: Banquo und dazu noch sein einziger Sohn, beide müssen sie fort aus der Welt. Er ist es dem Schicksal, seinem Schicksal, schuldig, sich der Verheißung, die einem andern zu Teil wurde, nicht zu fügen, sondern zu tun, was geboten ist.
Das ist das Eigentümliche an diesem Macbeth, der sein Alles an Eines, an die Macht, gesetzt, der seine Phantasie nur nach diesem Einen hat fahren und an ihm scheitern lassen, daß er nun seinem Trieb und der Notwendigkeit seines Schicksals folgt wie einer Pflicht. Das hat Goethe gesehen: das Wollen wird in Macbeth zum Sollen. Seine Tat an Duncan hat er geleistet, weil er sie schuldig war, seinem Willen, dem Verhängnis, seiner pochenden Frau, und nun folgt Schuld auf Schuld: alles aber tut er finster, hart, in gepreßter Verzweiflung, wie ein Sklave.
Daß er froh lachen oder lächeln könnte, solche Vorstellung ist uns unmöglich; ja später, wenn er noch eine Stufe weiter gekommen ist, wird er höhnisch auflachen können, wenn er an seine Unbesiegbarkeit und an die Hexenoffenbarungen denkt.
Es wird immer einsamer um den lustlosen Mann. Noch ist er gut und sanft zur Königin; aber er zieht sie nicht mehr ins Vertrauen; er ist nicht mehr der Mann, der er früher war, wo er so gern und immer wieder ihr all sein Inneres eröffnete und seine Träume und Pläne mit ihr besprach. Er hat genug von den Folgen, die diese Vertraulichkeit gehabt hat; er zieht sich ins Schweigen zurück; damit schont er sie und sich selber. Die Ermordung Banquos, durch gedungene Mörder, die auch eigene Gründe zur Rache haben, entwirft er allein. Die Tat geschieht; ihr phantastisches Element, das dem verheißenen Schicksal entgegentreten sollte, mißlingt; Banquos Erbe entkommt; eine neue Bestätigung für die Wahrheit der Hexensprüche; aber Banquo, die Gefahr für des Königs Wirklichkeit, ist aus dem Wege geräumt.
Nun aber tritt das Dämonische ganz gewaltsam aus seinem Innern heraus. Längst ja zwingt sich der unselige Mann zu Dingen, die über seine Kraft, über seine Natur gehen; in dem Augenblick, wo er da droben in der Bewußtseinswelt die Zunge mit seinem Willen zwingt, heuchlerisch zu reden und die Abwesenheit dessen zu bedauern, den er hat morden lassen, stellt ihm das Unterbewußtsein die Gestalt des Ermordeten, so blutig und entstellt, wie seine Phantasie drunten sie sich ausmalt, leibhaft vor Augen. Nur er sieht die Gestalt, keiner der Gäste beim Bankett, und ganz gewiß nicht die Lady, die uns hier noch einmal in ihrem Rationalismus gegenübertritt; sie versteht ganz gut, was geschehen ist; aber sie versteht nicht, wie man so sein kann; wollen und nicht wollen; überlegt tun und bereuen; wie seltsam!
Banquos Erscheinung ist eine Halluzination der Angst und des Grauens; keiner hat sie gesehen, aber alle haben gehört, die fürchterlich verräterischen Worte ihres Königs gehört. Das Land weiß nun, daß der König durch greulichen Mord auf den Thron gekommen ist; seine eigne Zunge hat’s ausschwatzen müssen. Und er wiederum weiß, daß die andern ihn jetzt kennen: er fängt seine Schreckensherrschaft an; er muß. „Wir sind noch jung in solchen Taten.“ In furchtbarer Bitterkeit entschuldigt er sich für seine Empfindsamkeit. Er weiß: er muß fortfahren, wie er begonnen. Und nun _sucht_ er die, die einstmals von selbst, wie von selbst seinen Weg gekreuzt. Er weiß, hat es heute Abend durch Banquos Erscheinung wieder neu erfahren: mit ihm ist’s nicht wie mit andern Menschen. Er dient den Dämonen, sie sollen auch ihm dienen. Er will alles wissen, will sein Geschick ganz kennen; will alles tun, was das einmal Begonnene erfordert; und gälte es, weiter und immer weiter durch Blut zu waten. Zurück? Das ist unmöglich. Vorwärts also!
Und so geht er streng entschlossen zu den Hexen in ihre Höhle. Aber sie sind nun, wo er selber kommt, nicht mehr die nämlichen. Die Wendung ist da; Hekate selbst, die Herrin und Göttin teuflischen Zaubers, hat eingegriffen; bisher haben die bösen Triebe und Gewalten ihm gedient und ihn hochgebracht; jetzt, wo er die schlimmste Mordtat begangen, wo er letztgiltig sein besseres Ich getötet und sich zum Weg des Unholds entschlossen hat, muß völlige Verblendung über ihn kommen: der Wahn, ein Cäsar, ein Gott, ein Unverletzlicher, ein Erkorener zu sein.
So werden ihm in der Hexenküche die drei neuen Verkündigungen offenbart, die so sonderbar in einander greifen und die für ihn doch keinerlei Widerspruch enthalten.
Zuerst wird er vor Macduff gewarnt. Nun, das ist gut und sicher ehrlich; dem hat er schon von selber nicht getraut; da soll abgeholfen werden. Und es wird ja auch wohl gelingen, ihn unschädlich zu machen; denn die zweite Verkündigung lautet, daß keiner, den ein Weib gebar, kein Mensch in der Welt also, ihm etwas anhaben kann; und die dritte, daß er unbesiegt bleibt, solange nicht der Wald von Birnam gegen seine Bergfestung Dunsinan anrückt! Ja ja, so schwungvoll in Bildersprache drücken sich diese phantastischen Geister aus, das kennt er schon; er aber, der jetzt genug hat von der Phantasie und nüchtern geworden ist, übersetzt es sich in unsre gemeine Menschensprache. Immer also, immer, sein Leben lang soll er unbesiegt bleiben! Kein Menschenkind soll ihn überwinden können! Jetzt hat er, was ihm einzig noch das Leben erträglich macht, was ihn auf einmal befreit von allen Ängsten; denn bei all seinen Anfällen war es ja immer die trügerische Ungewißheit, was ihn erschreckt hat, waren es ja vor allem die Folgen, die er gefürchtet hat. Aber jetzt hat er, was er braucht, was ihn festigt und feit, was ihn über alle andern Menschen weit erhebt: die Sicherheit! Eben die Sicherheit, die ihm Hekate als Höllenangebinde zugedacht hat.
Er hat die Sicherheit, aber er ist nicht der Mann, sich in ihr zu wiegen; er hat nicht vergessen, womit es angehoben hat: daß die Geister den Spruch verkünden, und daß er selber das Amt hat, ihn auszuführen. Kaum einen Augenblick überläßt er sich dem Gefühl der Befriedigung; dann will er noch mehr wissen; sein Wille möchte übers Grab hinaus wirken; wird Banquos Nachkommenschaft je über Schottland herrschen? Und er sieht die ruhmreichen Könige vor Augen, die nicht seine, die Banquos Erben sein sollen. (Das empfanden Shakespeares Zeitgenossen nebenbei als eine Huldigung für König Jakob, der seinen Stammbaum auf Banquo zurückführte; uns geht das nichts an.) Macbeth hat genug von dem Hexenwesen; die Wut bäumt sich auf und weiß doch, daß sie gegen das Schicksal ohnmächtig ist; aber in Ausführung des Schicksals gilt es nun, grimmig im Lande zu wüten, zumal er sofort beim Verlassen der Höhle die bedenkliche Botschaft empfängt, daß Macduff nach England geflohen ist. Jetzt soll ein neues Regiment beginnen; hätte er gegen Macduff sofort so gehandelt, wie es sein Argwohn ihm eingab, so wäre das nicht geschehen. Nun ist er so weit, wie die Frau ihn hatte haben wollen: keine Lücke darf es geben zwischen Gedanken und Tat; ohne Besinnung, ohne Pause soll fürder ausgeführt werden, was er will, was er soll. Das ist von je sein Feind gewesen, das Grübeln, die Besinnung, die Betrachtung der Tat vor ihr und nach ihr. Jetzt hört das auf; er hat Sicherheit; Sicherheit vor allem über seine Aufgabe: wie ein Würgengel um seinen Thron zu mähen, auf daß er ungefährdet, unnahbar und erhaben in der Leere stünde. Macduff ist weg, der einzige, den er noch fürchten soll; da will er helfen, er braucht keine Geister dazu, will nie mehr mit ihnen zu tun haben, die ihm ein höllisches Leben bestimmen, aber keine Kinder und keine genießenden und entsühnenden Erben gewähren. Sofort soll Macduffs Burg überfallen, soll alles zerstört, sollen Weib und Kinder getötet werden.
Und immer einsamer wird es um Macbeth. Auch von seinem Weib trennen ihn jetzt Schranken wie Tore der Hölle; da er nun geworden ist, wie sie ihn wollte, braucht er sie nicht mehr. Er braucht kein Gespräch mehr und keine Vertraute; er braucht sich nicht zu äußern und kann sich nicht äußern; die Tat ist seine Äußerung; er hat keine Gemeinschaft, hat keine Liebe, hat kein Geschlecht mehr. Er ist der Tyrann: lebendig an ihm sind nur seine Taten.
So tritt er denn im Drama fürs erste in den Hintergrund, wie schon vorher die Lady; wir sehen seine Wirkungen. Persönlich tritt nun Macduff hervor, der Than von Fife, der Mann aus einer andern Welt, deren wir uns nun aufatmend versichern: er will nur den als König anerkennen, der auch die Tugenden des Herrschers hat; wundervoll ist diese Szene, wie Malcolm, der junge Prinz, zu dem er nach England kommt, ihn prüft, ob er kein Verräter, kein mörderischer Abgesandter Macbeths ist; wie der Prinz sich selber alle Laster zuschreibt; wie Macduff auf die Frage, ob so ein habgieriger, grausamer Lüstling zu herrschen verdiene, ausbricht:
Zu herrschen wert? Nein, nicht zu leben! -- Unglücksel’ges Volk!
Und gleich darauf trifft den edeln Macduff die Nachricht vom gräßlichen Untergang seines Hauses: von der Ermordung der Frau und der Kinder.
Eine der innigsten Szenen Shakespeares ist das, wie der vom größten Leid Angesprungene kein Wort spricht, das Gesicht im Hut verbirgt und dann, als Worte kommen, als er im Bilde sieht, wie der Geier auf sein Nest losgestürzt ist, immer wieder fragt: Alle? Alle?
All meine lieben Küchlein? samt der Henne?
Und wie er sich dann mannhaft faßt, den Schmerz um all seine Lieben zum Schmerz ums Vaterland, um das von einem Tyrannen gequälte Volk werden läßt, da kommt es in aller Ergriffenheit wie Glück über uns: wir haben einen Mann und Menschen gesehn, in dem Liebe, Innigkeit, Güte, Klarheit, Beherrschtheit in Harmonie stehen.
Und unmittelbar -- zum Beginn des Schlußakts -- folgt dann die große Szene der Unharmonischen. Nun dürfen wir in Grauen miterleben, was alles in Lady Macbeth gelebt und empfunden hat, ohne daß sie’s hat hochkommen lassen, ohne daß sie’s gewußt hat.
Bei dieser Szene, wo ein enger, aber gewaltig starker Verstand endlich, endlich überwältigt wird von der lange niedergedrückten Innerlichkeit, darf uns das entscheidende Wort in den Sinn kommen, das im Kaufmann von Venedig die Lösung gebracht hat, das Wort von dem Menschen,
der nicht Musik hat in ihm selbst, --
denn die Musik, die Harmonie war in diesem ärmsten Menschen, diesem bösen Weiblein gestört, und die Seelenkrankheit der Nachtwandlerin rührt uns nun zu Tränen beglückend wie die Auflösung einer Dissonanz. (Kein Wunder drum, daß diese Nachtwandelszene ganze Opern geboren hat.) Nun wäscht sie ohne Unterlaß und immer ohne Erfolg und ohne Ruhe die Flecken ab, von denen ihr Rationalismus so kühl gemeint hatte, ein Händewaschen genüge; nun stören Banquo und Lady Macduff ihren Schlaf, an deren beider Tod sie selbst keine unmittelbare Schuld trägt; nun seufzt und klagt sie aus dem Schlafe und zerstört sich von innen heraus. Was tief drunten in ihr verschüttet lag, hat alles, alles in sich gesammelt, was sie nicht des Aufmerkens für wert hielt; es war immer noch eine andre in ihr als die, die vor sich und der Welt die Rolle der Lady Macbeth spielte, -- und nun ist sie gekommen, die Unterdrückte, und ringt gewaltig mit der bösen, falschen Tyrannin ihrer selbst. Man sagt später, „durch Gewalttat ihrer eignen Hände“ solle sie sich das Leben genommen haben -- und das ist sicher wahr, für ihr Ende und für all die Jahre vorher, gleichviel, wie ihr äußeres Ende schließlich war.
Diese Szene geht auf derselben festen Burg Dunsinan vor sich, in der der Tyrann haust, -- aber haben wir nicht dabei immer das Gefühl, die beiden, die einst so nah und zärtlich beisammen waren wie ein Sittichpärchen, seien jetzt längst meilenweit getrennt? So wundert’s uns nicht, daß Macbeth, wie er mitten im letzten Verzweiflungskampf die Nachricht von ihrem Tod erhält, aus seiner versteinerten Öde heraus das Ding erst wie einen unwillkommenen Botenbericht von sich schieben will:
Sie hätte später sterben sollen; Es wär’ wohl Zeit für solch ein Wort gekommen.
Dann aber kommt es doch, nicht wie Trauer um sein geliebtes Weib, um diesen besonderen Menschen, sondern wie eine Besinnung über die Sinnlosigkeit des ganzen Lebens über ihn. In diesem Augenblick, wo der Verblendete, der eiserne Mann der Sicherheit, sich zu besinnen anfängt, will auch in ihm wieder der alte Macbeth erwachen; auch für ihn ist diese Auferstehung die Ankündigung des Endes. Wie der Zugefrorene sich aber jetzt in der wüsten Welt, in seinem verwüsteten Leben umzusehen beginnt, was gewahrt er? Das Leben ist Kerzenlicht, das Narren ins modrige Grab leuchtet! Das Leben ist nichts als bewegter Schatten! Das Leben ist
ein armer Komödiant, Der auf der Bühn’ ein Stündlein lärmt und tobt Und dann nicht mehr gehört wird; ’s ist ein Märchen, Erzählt vom Irrsinn, voller Lärm und Wut, Dessen Bedeutung: nichts.
Nichts! -- Der Systematiker des Nihilismus konnte es nicht deutlicher, nicht grimmiger sagen, -- nichts bedeutet ihm mehr das Leben. Auch ist er gar nicht mehr ein Lebendiger, gar nicht mehr er selbst: nur noch der klapperdürre Träger eines Staatsgewandes, nur noch eine hohle Rolle, nur noch der Mann, der spielen muß, was die Dämonen aus ihm gemacht haben. Er selbst der Schauspieler, der den Tyrannen mimt, -- aber er will, er muß ihn weiter spielen, den königlichen Herrn, der unbesiegbar ist. Er hat den erhabnen Wahn, den Cäsarenwahn, hat fast ein Gefühl, als könne er nicht sterben, -- wo doch etwas irgendwo in ihm sich so längst nach Erlösung sehnt! Nach Erlösung aus dem Tode, den er als Leben führt.
Jetzt aber kommt, woran er nicht glaubt, wogegen er sich versteinert, das Ende, die Nemesis, die Überwindung.
Das Unmögliche richtet sich in seiner Welt der Tatsachenwirklichkeit auf -- der Wald rückt gegen seine Burg heran!
Das ist uns, auch wenn wir nichts von ähnlichen Sagen wüßten, wie ein Mythos: das grünende Leben empört sich gegen den Steinturm des Tyrannen, dem das Herz auch von Marmelstein ist.
Wir kennen aber, aus einer deutschen Überlieferung, die Sage von dem König auf seiner festen Burg, gegen den am Maientag der König Grünewald angerückt kam, alle Krieger mit grünen Maien geschmückt; da rief die Königstochter:
Vater, gebt Euch gefangen, Der Grünewald kommt gegangen!
So wird in der Sage der Winter vom Frühling besiegt. So wird auch der längst vereiste Macbeth von dem glühend reinen Prinzen Malcolm, von dem warmherzigen Macduff, von dem ehrenfesten alten Siward, dem weisen und beherrschten, überwunden.