Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 5
Den Stoff fand Shakespeare wie den des Hamlet, des Lear und manchen andern in Holinsheds Chronik. In diesem Geschichtswerk findet sich auch die Begegnung Macbeths mit den drei Zauberfrauen, die man, wie es an einer Stelle heißt, im Volk für die drei Göttinnen des Schicksals oder doch für Nymphen oder Feen hielt. Die Begegnung schildert Holinshed so, daß man schon einen großen, schaurigen Eindruck von der Szene gewinnen kann: „Macbeth und Banquo ritten zusammen ohne weitere Begleitung nach Fores, wo der König damals sein Lager hielt, und kamen durch Wälder und Felder, als ihnen plötzlich in der Mitte einer großen Heide drei Weiber von fremdem und seltsamem Aussehen begegneten, die Geschöpfen einer früheren Welt glichen.“ Im übrigen ist uns an dem Bericht der Chronik besonders das interessant, was Shakespeare nicht brauchen konnte oder irgendwie verwandeln mußte. Denn der Macbeth der Sagengeschichte, der siebzehn Jahre lang, von 1040 bis 1057 regierte und Banquo erst im zehnten Jahr seiner Regierung ermorden ließ, war trotz der Untat, durch die er auf den Thron kam, bis zu Banquos Ermordung ein guter Fürst: „Macbeth suchte nach der Abreise der beiden Prinzen sich die Gunst der schottischen Edlen und Ritter durch große Freigebigkeit zu gewinnen, und als er sich im friedlichen Besitze des Thrones sah, begann er die Gesetze zu reformieren und alle Unregelmäßigkeiten und Mißstände, die sich unter dem schwachen und trägen König Duncan in die Verwaltung eingeschlichen hatten, auszurotten. Er befreite das Land auf viele Jahre von allen Räubern und verfuhr hierbei so ohne Ansehen der Person, daß er selbst viele Thane, wie die von Cathnes, Sutherland, Stranaverne und Ros, und den Beherrscher von Galloway hinrichten ließ. Dagegen beschützte er die Kirche und die Geistlichen auf das sorgsamste und wurde, um kurz zu sein, wie der Verteidiger und Schild jedes Unschuldigen angesehn.“ Freilich, fügt Holinshed naiv genug hinzu, war das alles nur erheuchelt. Nach Banquos Ermordung trat dann seine Grausamkeit und Tyrannei klar zu Tage. Shakespeare, der auch hier verfährt wie immer und die Regierungszeit König Macbeths nicht nach irgend einer astronomischen Zeit, sondern nach dem inneren Verlauf seines Schicksals, nach dem Tempo seiner Lebenskraft und Intensität bemißt, und der nicht die Wirklichkeit, die Relativität und Gemischtheit der politischen Gesellschaft, sondern die Wahrheit der Grundtriebe im Individuum ~sub specie aeternitatis~ darstellt, kann diese lange Zwischenzeit zwischen Duncans und Banquos Ermordung und diese ganze zehnjährige Heuchelei oder Normalität nicht brauchen. Dagegen bleibt Banquo bei Holinshed ruhig in seinem Grabe; die Erscheinung des Toten ist Shakespeares Erfindung, und ebenso auch der Anteil der Lady an Macbeths Schicksal und Taten; bei Holinshed wird ihr Einfluß nur nebenbei einmal erwähnt. Sonst hat Shakespeare manche Einzelzüge und Szenen in treuem Anschluß übernommen; die drei Begrüßungen und die späteren drei Prophezeiungen der Hexen sind da, wenn auch freilich nicht in ihrem großartigen Zusammenhang; die Ermordung der Frau und der Kinder Macduffs und vor allem die Szene seiner Prüfung durch Prinz Malcolm, der sich verstellt, sind dieser Quelle entnommen.
Soviel zur Herkunft der äußern Handlung. Welcher Quelle die innere entstammte, soll uns ein junger Dichtersmann sagen, Grillparzer, der im Jahr 1817 die folgende merkenswerte Niederschrift machte:
„Vielleicht ist Macbeth das größte Werk Shakespeares, das wahrste ist es jedenfalls... Ich glaube, daß das Genie nichts geben kann, als was es in sich selbst gefunden, und daß es nie eine Leidenschaft oder Gesinnung schildern wird, als die es selbst als Mensch in seinem eigenen Busen trägt. Daher kommen die richtigen Blicke, die oft ein junger Mensch in das menschliche Herz tut, indes ein in der Welt Abgearbeiteter, selbst mit scharfem Beobachtungsgeist Ausgerüsteter nichts als hundertmal gesagte Dinge zusammenstoppelt. Also sollte Shakespeare ein Mörder, Dieb, Lügner, Verräter, Undankbarer, Wahnsinniger gewesen sein, weil er sie so meisterlich geschildert? Ja! Das heißt, er mußte zu dem allem Anlage in sich haben, obschon die vorherrschende Vernunft, das moralische Gefühl nichts davon zum Ausbruch kommen ließ. Nur ein Mensch mit ungeheuren Leidenschaften kann meiner Meinung nach dramatischer Dichter sein, ob sie gleich unter dem Zügel der Vernunft stehen müssen und daher im gemeinen Leben nicht zum Vorschein kommen.“ Von dieser Einsicht, die uns wichtig nicht nur für die Psychologie des Genies, sondern vor allem auch für die Beurteilung des Dramatikers Grillparzer sein muß und die überdies, wir erfahren es noch, in Shakespeares Selbstbekenntnissen, in seinen Sonetten ihre Bestätigung findet, war der junge Mann, der sie aufschrieb, so ergriffen, daß er den Ausruf hinzufügte: „Ich wollte, irgend ein Dichter läse das!“
Darin jedenfalls haben inzwischen viele Grillparzer zugestimmt, daß auch sie den Macbeth für Shakespeares größtes Werk erklärt haben. Und darin sind fast alle Beurteiler einhellig, daß Macbeth seine klassischste, seine formvollendetste, seine der Antike geistig am nächsten kommende Tragödie ist. Und in der Tat, kann man vor den und jenen andern Werken Shakespeares wenigstens verstehen, wie der ganz falsche Eindruck, der so lange gespukt hat, entstehen konnte, als wäre er so eine Art Naturdichter, ein Volksdichter, der nachlässig und unbekümmert wie ein trunkener Wilder seine Einfälle vor uns ausschüttete, ein unbewußtes Genie, das sich um Überlegung, Berechnung, Komposition nicht viel kümmerte, so kann bei Macbeth keinem, der irgendwie aufzumerken imstande ist, im geringsten zweifelhaft sein, daß hier alles geplant, gebaut, gewußt, gewollt ist, alles, Aufbau, Szenenfolge, jede Rede und jedes Wort, was getan und gesagt und ebenso, was geschwiegen wird. Mit dieser straffen Komposition, die an nichts so sehr erinnert wie an die gespannten Muskeln in Macbeths Gesicht, wenn er von Dunsinans Turm Ausschau hält nach dem Schicksal, das ihm nichts anhaben soll; mit dieser festen Geschlossenheit, die ihres gleichen nur hat in Macbeths finsterer Entschlossenheit, sich zu behaupten, damit steht auch in Zusammenhang, daß das Stück die kürzeste aller Tragödien Shakespeares ist, wie Hamlet die längste; Hamlet hat 4000 und Macbeth nur 2100 Verse.
Dämonische, sagen wir getrost teuflische Triebe im Innern des Menschen und reale, äußere dämonische Mächte, Abgesandte der Hölle begegnen einander: daß dieses Hereinragen der Geistersphäre diese Tragödie von andern abhebt, sehen wir sofort. Auch haben wir eben gehört, daß es so überliefert ist. Es liegt uns aber trotzdem die Frage ob: Wie ist das? Wie steht es hier um das Verhältnis von Glauben, Aberglauben und Wissen? Wie zumal ist das Verhältnis zu unsrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung?
Vor allem ist da zu beachten: Shakespeare der Weite und Vielfältige ist darum aus Notwendigkeit ein Dramatiker, weil er sein Geheimnis zu wahren hat, weil er die Einheit der Person, die eine _Frage_ ans Schicksal und ein Ringen mehr ist als eine Sicherheit, hinter der gespaltenen Vielheit der Gestalten versteckt. So entsprechen bei ihm Weltanschauung und geistige Stimmung, die in einem Stück walten, durchaus der Gesinnung und Charakterhaltung der Hauptperson oder den Tönungen und Bedingungen der Handlung, und es ist nicht zu viel gesagt, wenn geradeswegs ausgesprochen wird, daß bei einem Dichter wie Shakespeare die Weltanschauung viel mehr, als gewöhnlich beachtet wird, ein je nach Bedarf wechselndes formales Element ist. Was daher für ein besonderes Stück gilt, darf nie auf den ganzen Dichter und seine Gesamthaltung übertragen werden: so passen sich auch die Elementargeister, die Erscheinungen, die Gespenster immer der Stimmung der Dichtung, der Innerlichkeit der Träger der Handlung an: im Sommernachtstraum weht eine Renaissanceluft hell, neckisch, spöttisch wie bei Ariost, eine Romantik also, die der Ausdruck mehr des Rationalismus als irgendwie dumpfer Mystik ist; die Erscheinung von Julius Cäsars Genius hinwiederum in ihrer klaren, würdevollen Sprache steht ganz im Einklang mit der stoisch-republikanischen Selbstbestimmung edel-gebildeter römischer Bürger. Man denke sich die Hexen der schottischen Heide in dem Römerdrama, oder einen Kobold wie Puck, einen Geisterfürsten wie Oberon im Macbeth, -- und man wird sofort merken, daß man mit einem souveränen Dichter zu tun hat und daß die Frage nach seiner Befangenheit in Glauben und Aberglauben von Seiten seiner Dramen kaum eine bündige Antwort finden wird.
Für das Zeitalter Shakespeares und die Anschauungen, in denen die besten Geister dieser Zeit standen, ist zu sagen, daß das, was wir geneigt sind Aberglauben zu nennen, viel weniger Rückstände alter Zeit, als gerade Anfänge natürlicher Betrachtung sind. Die Wissenschaft hat sich nicht allmählich aus geringem und bescheidenem Keime zu uns herauf entwickelt; wenn sich etwas auf diesem Gebiete aus kleinsten Anfängen zu achtbarer Größe hinaufgesteigert hat, so ist es vielmehr gerade die Bescheidenheit und Resignation. Im Anfang, im Zeitalter Fausts, hat das Wissen im Glauben der Menschen die Gabe, Riesenkräfte zur theoretischen wie praktischen Bezwingung der Natur zu verleihen; und diese Natur wird nicht für harmlos und lediglich sachlichen Prinzipien oder gar nur mathematischen Formeln unterworfen angesehen, sondern als strotzender Kraftspeicher betrachtet. Man sieht die Natur ungeheuerlich, wozu eben auch gehört, daß es in ihr nicht geheuer ist; alles Ungeheuerliche aber wird als durchaus natürlich und unsrer bezwingenden Menschenkraft erkennbar und zugänglich aufgefaßt.
In alledem, was wir heute überwunden haben und dem Aberglauben zuzuweisen geneigt sind, in der Alchemie und Astrologie, in dem Glauben an Vorbedeutungen und Offenbarungen durch Naturgeschehnisse, wie Erdbeben, Meteore, Finsternisse und dergleichen, steckt die wissenschaftliche Frage an die von den Banden des Dogmatismus befreite, seltsam, trächtig, gärend, chaotisch gewordene Welt: Ist hier nicht, ist nicht zwischen innen und außen, zwischen Menschenschicksal und Weltbewegung ein kausaler Zusammenhang? Die Frage gehört der Wissenschaft an, so betrüblich paradox im eigentlichen Wortsinn es auch klingen mag, eine Frage ein Wissen zu nennen, die Antwort aber, die jene Zeit fand, entstammt starker, gestaltender dichterischer Phantasie; wohl uns, wenn nach wiederum etlichen Jahrhunderten von unsern Antworten das Selbe gesagt werden kann!
So steht’s nun auch um den Hexenglauben, der in dem Glaubenssystem der christlichen Zeit nie recht Platz fand, erst vom 14. Jahrhundert an ins Kraut schoß und im Zeitalter der sprossenden Wissenschaft sich sein System ausbildete, -- woran sich Shakespeares gelehrter König Jakob in eifrig pedantischer Arbeit redlich beteiligte.
Überall begegnen wir der Tendenz, der auch dieser Glaube angehört, nicht, das Geheimnis, das Grauen, den dunklen Zusammenhang zwischen Materie und Seele ins Mechanische aufzulösen und die Welt, die man als dämonisch erlebte, durch die Wissenschaft nüchtern zu machen, sondern umgekehrt das Materielle als beseelt, als vom Geiste durchdrungen und durchglüht zu erfassen. Das Göttliche und Teuflische war in die Natur aufgenommen; dem Verständnis und der gebietenden Gewalt, der Magie des Menschen sollte kein Gebiet mehr unerreichbar, mehr jenseits verbleiben. Männer wie Giordano Bruno und Jakob Böhme, Shakespeares Zeitgenossen, mit deren erstem er als junger Mensch sogar persönlich in London Verkehr gepflogen haben könnte, machten den Versuch, die symbolischen Heilswahrheiten der Religion naturwissenschaftlich zu deuten, eine Physik und Chemie des Christentums zu begründen. Und immer soll die Naturanschauung, soll die Einheit der Natur Geist und Materie umfassen. Zu der Bescheidung, um der Kausalität willen auf die Frage nach dem Zweck und dem Sinn, um der Wissenschaft willen auf das Suchen der Wahrheit zu verzichten, war man noch nicht gekommen.
In dieses Gebiet also, auf diese Stufe der schöpferischen Kraft und Vehemenz des forschenden und ringenden Geistes gehört der Glaube von Shakespeares Zeitalter an den Verkehr zwischen Menschen und dämonischen Elementarwesen, die in die Stoffe und Kräfte der Natur gebannt sein sollten, gleichviel hier, wie weit Shakespeare diesen Glauben teilte, wie weit er als Dichter sich spielend, versuchend, versucherisch, tragisch, dämonisch in ihm erging.
Das Gewaltige und Einzige in der Darstellung des Dichters, die uns hier beschäftigt, ist nun, daß Macbeth den Dämonen verfallen ist, ohne -- wie Faust zum Beispiel im Volksbuch und bei Marlowe -- ein ausdrückliches Bündnis mit ihnen einzugehen. Es ist ein Verhältnis wie Sympathie oder Fernwirkung: er ruft die höllischen Mächte nur dadurch, und sie, die uns allezeit unsichtbar umschweben, nehmen nur darum für ihn Sichtbarkeit an, weil seine Gedanken, seine Triebe, seine dunkeln Wünsche und undeutlichen Pläne ihnen verwandt sind. Welch eine Welt! Welch eine prästabilierte Harmonie der Hölle! Was in unserm tiefsten, finstersten Untergrund sich keimend regt und noch farblose, blasse Würzelchen unsicher tastend nach außen schickt, das sind zugleich Lockungen, die von draußen, vom Drunten nicht unsres Innern, sondern der allverbreiteten Unterwelt her uns suchend, Einlaß begehrend, unruhig schwirrend umkreisen und zu uns hinein wollen. Das ist hier auf Erden nicht nur eine Welt des Stoffwechsels, wo der Leib des Individuums in unausgesetztem Austauschverkehr mit der stofflichen Welt steht, sondern eine Welt, wo die Kräfte, die Seelchen, die Dämonen des Innern und Äußern im Wechselverhältnis stehen.
Wir Laien, wir Normalen, wir Braven sagen so leichthin: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Man überlegt aber nicht, was für eine Wechselwirkung, was für eine geheimnisvolle Gemeinschaft damit zum Ausdruck gebracht ist. Schon wenn dieses Geistige in uns, das wir Willen nennen, nur den Finger rühren will und siehe da! es geschieht, schon da ist es so, wie wenn dem Gedanken Mächte, die im Elementaren der Materie auf unsern Befehl, auf unsre Bereitschaft warten, gehorchen und entgegenkommen. Das Kindchen will an der Mutterbrust saugen; will aber die Brust nicht auch geleert und befreit sein? Und wissen wir nicht, wenn nicht in der Naturwissenschaft, so doch gewiß in der Welt, die wir die moralische nennen, und das ist die, die den Dichter angeht, daß die Materie, die uns dient, die wir brauchen und begehren und einheimsen und formen, daß sie Herr über uns werden, daß sie uns mit Haut und Haaren verschlingen kann?
Nichts an höllischer Einwirkung kommt zu Macbeth bloß von außen, ohne daß es von seiner innern Bereitschaft gerufen wäre; aber auch umgekehrt freilich, und das macht seine besondere Welt aus, das stellt diese der Sphäre der christlich-renaissancehaften Naturmagie zugehörige Tragödie neben die antike: nichts, was sich in seinem Innern gebiert, bleibt ohne dämonische Unterstützung, Weiterführung und Irreführung. Gott, mein Gott, was würde aus uns allen, wenn die Dämonen uns und unsern geheimen Regungen auch nur so hülfen, wie sie Macbeth zur Seite treten: mit Verkündungen, Verheißungen, feierlichen Begrüßungen! Und wenn nun gar wie hier diese Hilfe ein Beinstellen, die Verkündung eine Zweideutigkeit, die Verheißung eine Fopperei, die Begrüßung ein feindlicher Hohn wäre! Damit, daß wir das bedenken, haben wir, wie es für die innige Aufnahme der Tragödie not tut, aus Macbeth, was immer Entsetzliches er tue, den Bruder unsres Herzens gemacht, einen solchen aber, der in leibhafter Wirklichkeit auf gehobener Ebene verkörpert und erlebt, was uns in den Eingeweiden stecken bleibt. Nicht eine zufällig-äußerliche Wirklichkeit fabelhafter Ferne, sondern unsre nächste Gefahr, den Nachbarn all unsrer Emotionen und Begierden, die Wahrheit unsres Innern stellt Macbeth uns vor Augen. Er ist ein tragisch, ein dämonisch Auserwählter, ein übers menschliche Maß hinaus Gesteigerter und über Menschenkraft Gequälter wie unser Vater Prometheus, der zum Tisch der Götter zugelassen wurde, wie unser Bruder Ödipus, über den die Götter in dem Spiel, das sie da droben üben, schon vor der Geburt das Los warfen.
Nun sollten wir bereitet sein, zu hören, was er ist, was er tut, was er leidet, was ihm geschieht.
Er ist einer der Großen Schottlands, der Vetter des Königs Duncan. Solange Malcolm, der älteste Sohn des Königs, nicht für volljährig und thronberechtigt erklärt ist, darf Macbeth sich für den rechtmäßigen Thronerben halten. Auch in Schottland geht es so zu, wie damals fast überall: eine richtige Thronfolgeordnung besteht nicht zu Recht; es ist eine Mischung aus Wahlrecht der Stände und Erbkönigtum; keineswegs folgt immer der älteste Sohn, oft ein andres, nah oder fern verwandtes Glied des Königshauses, das sich durch Kraft oder Erfolg hervortut.
Macbeth jedenfalls ist seit langem von keinem andern Gedanken erfüllt als diesem: König zu werden. Daran, wie lange das schon in ihm bohrt, erinnert ihn seine Frau in entscheidender Stunde. Und nun ist der Moment zugleich da und vorbei: in schwerem Kampf, wo er Wunder der Tapferkeit und Feldherrnkunst vollbracht hat, während der weiche König zugesehen hat, hat er mit Banquo zusammen den Aufruhr und den äußern Feind, den Norweger, niedergeschlagen. Der Thron hat gewankt, nun ist er befestigt: Macbeth wird reich belohnt, in Rang und Macht erhöht; aber unmittelbar nach der Schlacht, in Anwesenheit Macbeths und der andern vertrautesten Stützen des Throns, wird Malcolm vom König zum Erben des Reichs ernannt. Soll es dabei bleiben? Soll der Retter des Reichs, der so lange den Gedanken genährt, dereinst König zu sein, von Stund ab, von der Stunde seiner größten Leistung und Herrlichkeit an vom Thron ausgeschlossen sein?
Jetzt ausgeschlossen, wo seine Berufung, sein geheimer Wunsch gerade eben, im Anschluß an die Schlacht, von den Dämonen bestätigt worden ist? Wir sind dabei gewesen, wie zum ersten Mal in seinem Leben die Welt des Geheimnisses nicht von innen, sondern real von außen zu ihm gesprochen hat; und daß diese drei Schicksalsschwestern, die ihm im Gewitter auf der öden Heide sichtbar wurden, nicht Einbildungen seiner erregten Phantasie, sondern Vertreter der Geisterwelt waren, dafür ist Feldherr Banquo der Zeuge, der dabei gewesen und auch mit ihnen gesprochen hat.
„Heil dir, Macbeth, Than von Glamis! Heil dir, Macbeth, Than von Cawdor! Heil dir Macbeth, König demnächst!“ So begrüßen ihn die schrecklichen Weiber. Das erste ist er, aber noch nicht lange; das zweite scheint unmöglich, der Than von Cawdor lebt, und doch erfüllt es sich sofort aufs erstaunlichste; und das dritte? König demnächst? Die Hexen haben einmal gewußt, was noch kein Mensch wissen konnte; und nun? Wie weiter? O, es scheint schnell kommen zu sollen, dieses künftige Große; es scheint auf seine eigne Seele gelegt: der König will die Nacht in Inverneß, auf Macbeths Burg verbringen!
Und nun, da unsre innere Bühne noch einen weiteren Schauplatz umfaßt als die Shakespeares, müssen wir, während der Abend sinkt, die Kavalkade über Hügel, Täler und Heiden reiten sehen, dahinsprengen hören. Der König und sein Gefolge in schnellem, fröhlichem Ritt, Macbeth aber weit voraus, um Quartier zu machen! Das muß Schickung sein; muß mit den Geistermächten zusammenhängen; welch eine Gelegenheit, die so nie wiederkehrt! Auf einmal der anerkannte Held des Landes geworden, geehrt und gefürchtet von allen, -- und der König heut zur Nacht in Inverneß! Es muß alles vorbereitet werden; jetzt, jetzt muß es geschehen, muß ins Werk gesetzt werden, was kommen soll, was verkündigt ist -- -- der Gedanke läßt ihn keinen Augenblick.
Und zu Hause sitzt ihm eine, die all sein Planen in ergebenster, mitreißender, befeuernder Gattenliebe teilt: sie muß vorbereitet werden, sie muß vorbereiten: und noch schneller als er sprengt ein Bote voraus, der die Nachricht bringt: der König kommt, kommt heute zur Nacht, trifft sofort ein!
Fast zu Tod erschöpft steigt der Bote vom Pferd, außer Atem; er selbst kann in dem Zustand nicht vor die Herrin treten; ein Diener bringt ihr die Meldung. Das ist „große Zeitung“.
Selbst der Rab’ ist heiser, Der krächzt den Schicksalseintritt König Duncans In meine Mauern.
Wie wunderbar schnell das alles sich fügt! Jetzt eben erst -- die beiden halten sich in steter Verbindung mit einander -- hat sie den Brief gelesen, den ein früherer Bote gebracht hat, der ihr die Nachricht von Macbeths Sieg, von der Begegnung mit den Hexen und ihrer übermenschlichen Kunde und der sofortigen Erfüllung der ersten Prophezeiung gebracht hat. Schon war die Stimmung in ihr: es muß geschehen, es muß getan werden. Und nun, wo ihr die Gelegenheit ins Haus rennen soll, ist sie ganz gerüstet, ganz reif.
Hier werfen wir erstmals einen Blick auf die seltsame Gleichheit und Ungleichheit dieses liebenden Ehepaars.
Ihn belauschen wir in seinen innersten Gedanken, seinen dialektischen, die Vorfälle hin und her werfenden Erwägungen. Eine überirdische, eine metaphysische Verkündung und Lockung ist zu ihm gekommen; schlimm kann sie nicht sein, denn, sagt er sich, ein Pfand des Erfolgs ist ihm sofort in die Hand gegeben worden. Schlimm wäre also für ihn das Wesenlose, das Unwirkliche, das Lügenhafte. Aber gut? Gut kann diese Prophezeiung auch nicht sein; denn er vermag es nicht, ruhig, geduldig, vertrauend abzuwarten, bis sie eintrifft; Mord liegt ihm im Sinne; er bekennt sich’s sofort. Dann aber ruft ihm wieder eine Stimme zu, es müsse alles gut und in Ordnung sein; er solle sich doch nur beruhigen und still halten; diese Geister sagten ja die Wahrheit:
Will Glück mich König, möge Glück mich krönen Ohne mein Zutun.
Das aber ändert sich, sowie er vor den König getreten ist; da wird schon klar, wie’s gemeint war; da bietet sich die dringende Aufforderung: Prinz Malcolm ist nun zum Thronfolger ausersehen; ihm soll genommen werden, was ihm zukommt, was er will, was er braucht; aber es bietet sich auch die Gelegenheit: der König wird sein Gast. So also ist’s gemeint; auf ihn ist die Tat gelegt; hält er sich still, wird er nie König, er soll’s aber demnächst werden, er soll also mithelfen, jetzt oder nie ist die Gelegenheit. So deutet er sich den Zusammenhang aller innern und äußern Momente.
Und doch schwankt er noch und will gerne schwanken; er ahnt: die Entscheidung findet sich, zu Hause, bei der Frau. Darum der Eilbote; darum sprengt er selber dem König voraus; er muß ihren Rat, ihre Stimme vorher hören.
Sie ist die teuerste Gefährtin seiner Größe, wie er sie nennt; die Liebe dieses Paares, dem die Kinder weggestorben sind, ist ganz auf den großen Plan, auf das Kind seines Ehrgeizes gesammelt. Er denkt, noch schwankend, unbestimmt; was er aber brütend sinnt, das hält sie, nachdem er ihr’s gesagt hat, mit eifernder Hingebung fest. Sie ist weder ein Mannweib noch eine Furie, auch in der äußern Erscheinung ganz weiblich; wir wissen, wie klein ihre Hand ist, wie ihr Mann in der Mannigfaltigkeit kosender Anreden, die er im Brauche hat, „zarte Frau“, wohl auch einmal „liebes Täubchen“ zu ihr sagt.
Der Unterschied zwischen den beiden ist der: der Abstand zwischen Unterbewußtsein und Oberbewußtsein funktioniert in ihnen verschieden; es sind in ihnen andre Pendelschwingungen zwischen Vorsatz, Vorstellung, Phantasie und Gefühl. Der Plan, die Idee: ich muß König werden, stammt sicher von ihm; es wird uns ausdrücklich gesagt. Sie nimmt ihn auf, folgt und geht dann voraus, da sich, was sie erst einmal eingesehen hat, hemmungslos mit ihrem Willen verbindet und da es Hindernisse für sie nicht geben darf; andre Gedanken können gegen seinen Königsgedanken nicht aufkommen; und das Gefühl bleibt tief drunten. „Du willst; also tu’s auch.“ Es gibt nichts Klareres.