Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 4
Die Zusammenhänge von Brunst und Machtgier, wie sie von Shakespeare auch in andern Stücken aufgezeigt werden, stehen in der besondern Art in der Mitte dieses Dramas, daß der Machthaber ein rigoristischer Staatstyrann ist, solange er den Trieb zurückdrängt und ein Diener am Wort ist, daß er dann ganz schlecht, in jedem Sinn wortbrüchig, verräterisch und nur mehr auf seine Stellung und Sicherheit bedacht werden muß, sowie die Lust ihn überwunden hat. Wollust wie Tyrannei aber hat der Dichter diesmal noch in andre Verbindungen gebracht: wir wandern vom Palast des Tyrannen zum Gefängnis, zu den Verbrechern, zu den Henkern; von der Sinnengier des Mächtigen zu den Lieferanten der Genußbefriedigung und den leichtlebigen Genießern; und durch das alles geht noch das Verhältnis des Menschen zu der Instanz hindurch, die, sollte man meinen, ihm die Lebenslust am gründlichsten austreiben könnte: zum Tod. Wir sehen den prachtvollen Kerl, den Zigeunermörder Bernardin, den sein langjähriger Aufenthalt im Gefängnis so wenig wie der Gedanke an die seit vielen Jahren immer mal wieder bevorstehende Hinrichtung oder ans Jenseits vom lustigen Leben abbringen kann, den vollendeten Gegensatz in seiner zynisch robusten Gesundheit zu dem weich genießerischen Claudio und seiner Todesangst; und wir gewahren: nicht der Staat und nicht einmal der Tod mit ihrer Drohung von außen vermögen es, die Triebe im Zaum zu halten und die Menschen entscheidend auf neuen Weg zu bringen; nur zwei Menschen in diesem Drama, die vom innern Sinn bedeutungsvoll zusammengedrängt werden, haben vermocht, die Lust des Lebens, die übergreift und ausbricht, zu beschränken, mit dem Tod einzuschränken, den sie in ihr Leben aufgenommen haben, mit der Ordnung und Zucht, die nicht von außen auferlegt wird, sondern die das Bedürfnis ihrer Seelen ist: Isabella und der Herzog, die Nonne und der Mönch.
Das ist die Sphäre dieses Stückes: von der liederlichen Gemeinheit und denen, die mit dem Geschlechtstrieb Handel treiben, zu dem Männerpaar Claudio und Angelo zunächst; der eine umgeht die Ehe und scheut sich nicht vor allerlei dunklem Schmutz für sich, seine Liebste und ihr Kind, weil er auf eine Mitgift wartet; der andre bricht das Ehegelöbnis, weil die Mitgift verloren ist; sitzt über seinen unsittlichen Bruder zu Gericht und schickt ihn in den Tod; drängt den Trieb zurück, bis er alle Schranken durchbricht und Geist und Macht als Werkzeuge der Vergewaltigung benutzt. Und eine Stufe höher Mariana, der die Sinnlichkeit des Leibes in die Seeleninnigkeit flammt; deren Sehnsucht und Wollust duftet, und tönt und von der sich Angelo, der ehrlich seinen Geist nüchtern und frei vom Trieb halten möchte -- es wird genügend angedeutet --, vielleicht doch nicht bloß aus schnöden Besitzgründen getrennt hatte. Und hoch hinauf endlich zu den beiden, die uns lange vor dem schönen Schlusse, der sie zusammenfügt, als Paar zu einander gehören: zu dem Herzog und Isabella. Der Herzog, ein gereifter Mann, dem zwar um seiner Milde und der geheimnisvollen Geborgenheit willen, die dem ernsten Manne unter Menschen notwendig ist, die lästernde Liederlichkeit geheime Sünden nachredet, der aber in der Reinheit steht, bis er seine weibliche Ergänzung gefunden hat; Isabella, Marianas Gegenbild, die nicht wie der Herzog das Klosterkleid zu sinnvoller Vermummung bloß gewählt hatte, die einen Widerwillen gegen alle Sinnenlust im Herzen trug und voll verdammender Härte war; welche Wirren und Nöte erst, welche Kühnheit und Überschreitung der Grenzen mußten kommen, um ihren Geist zur Natur zu bringen, um ihre Seele zu vermögen, beruhigt, ohne Aufruhr und einverstanden im Leibe zu wohnen.
Von unten nach oben, die Skala der Sinnlichkeit immer wieder berührend und kreuzend, geht’s auch im Bezirk der Macht. Ganz draußen bleiben die Wiener Lüstlinge, in deren Gesellschaft sich auch Claudio gefällt, Genießende, die im Schutz der Macht Bevorzugte sind, bis die Macht daran geht, sie als geile Schmarotzer auszurotten; ganz drunten steht Bernardin, der brutale Mörder; es folgen die Berufsoffiziere, die den Krieg um des Kriegs willen treiben und sich selbst mit Piraten vergleichen; der Konstabel Ellbogen, ein Duplikat Holzapfels aus Viel Lärm um nichts, eine der aus Dummheit, Brutalität, Gutmütigkeit und Aufgeblasenheit zusammengesetzten Volksgestalten, die es den studierten Beamten gleichtun möchten; der Henker Abhorson oder Grauserich, der mit gefühlloser Lust aus dem gesetzlichen Morden nicht bloß ein Gewerbe, sondern eine Technik und ein System gemacht hat; der Staatsmann und Jurist Angelo, der auf derselben Stufe stünde, wenn er nicht die weiten Gesichtspunkte, den Ernst und den Geist und die Bildung dazu brächte; und oben in reiner Höhe der gütige Kerkermeister und der nach milder Gerechtigkeit trachtende Herzog, der doch hart, stetig, ausdauernd, abwartend bis zur Peinigung sein kann, wenn er mit Menschen zu tun hat, denen es not tut und die es wert sind, erzogen zu werden.
Ein solcher Mensch ist für ihn der junge Herr Angelo; ein solcher Mensch auch Isabella. Um sie beide zu ihrer guten, echten Natur zu bringen, scheut sich der Herzog nicht, Angelo die Gelegenheit zu schaffen, wo das Verkehrte in ihm sein Bösestes tun kann, wie ihn kein Mitleid hindert, Isabella, die in furchtbarer Tugendhärte ihrem Bruder den Tod gewünscht, seinen Tod als gerecht und verdient bezeichnet hat, diesen Tod, diese Hinrichtung des Bruders ganz erleben, den Bruder als tot betrauern zu lassen.
Denn es geht nun keineswegs alles nach dem Plane des Herzog-Mönchs. Wohl hat Angelo -- wie er meint -- sein Gelüste an Isabella befriedigt, rauh, heimlich, nachts, seelenlos, brutal; wie er dann aber die Brunst gelöscht hat und von der ganzen Glut nichts mehr da ist als brennende, unauslöschliche Scham, erwägt er, daß gefährlicher als die Anzeige des geschändeten Mädchens Isabella, von der überdies kaum zu erwarten ist, daß sie ihre Entehrung kundgeben wird, die Rache des gepeinigten und um solchen Preis freigegebenen Bruders wäre; er muß den Weg der bösen Tat bis zu Ende gehen und verfügt die schleunige Hinrichtung Claudios. Die geschieht, für Angelo und alle Welt; auch Isabella wird nicht in das Geheimnis eingeweiht; Claudio wird in verborgener Haft gehalten; ohne sich ganz zu offenbaren, bringt der Mönch den guten Kerkermeister dazu, Angelo anzuführen und seinen Befehl zu mißachten: der Wackere weiß, der wahre Fürst wird nun zurückkommen. Wie die Verwirrung am größten ist, sagt der Herzog zu diesem Wächter der Gefangenen ein Wort, das in all seiner Leichtigkeit, mit der es uns nahe an traumhaft spielerische Märchenstimmung trägt, tief erhellend für das Ineinander äußerer und innerer Wirrnis in diesem tragischen Lustspiel ist:
Staunt und grübelt nicht darüber, wie dies alles zugeht. Alle schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie nur erst erkannt sind.
Sie zur Erkenntnis zu bringen, in ihrer innern Beschaffenheit und ihrem Zusammenhang, ist die Bestimmung des fünften Akts. Innerlich ist für uns schon beruhigte Entspannung da; wir sehen in dieser einen Szene, in der Shakespeare, wie öfter, nach den verwandlungsreichen früheren Akten alle Verwirrungen zur vollen Höhe häuft, ehe er sie löst, guten Muts zu, wie die Personen des Stücks, zumal Angelo und Isabella, vom Herzog noch gehörig auf die Folter gespannt und dann mit Enthüllungen überrascht werden, mit denen allen wir vom weisen Dichter dieses Lustspiels schon lange bekannt gemacht worden sind. Angelo und Isabella! In ganz anderm Sinn, als der junge Wüterich meint, bilden auch sie denn doch ein Paar. In beiden ist die Tugendstrenge seltsam nach Art und Grad verschiedene Irrwege gegangen; die Nonne, die es bis zum wildesten Ausbruch der Unbarmherzigkeit bringt, ist eine adlige Seele trotzdem; der vom Herzog zur Probe zum Fürsten erhöhte, dadurch zum Tyrannen gewordene, zwischen Idealismus, Abstraktionshärte und ichsüchtiger Schnödigkeit hin und her irrende unfertige junge Mann ist, wir sollen’s nun erleben, nicht minder in seinem besten Wesen ein adliger Mensch.
Der Herzog hat, ehe er in Wien wieder einzog, verkünden lassen, wer irgend sich über erlittene Unbill zu beschweren habe, solle es sofort bei seinem Einzug tun; unverzüglich, wenn der echte Herr das Regiment wieder antritt, soll reiner Tisch gemacht werden. Kaum hat er denn den Statthalter mit Worten höchster Achtung über seine gerechte Verwaltung des obersten Amtes beglückt, so tritt die trauernde Isabella auf und fordert, immer das eine Wort wiederholend, mit lauter Stimme, was in diesem Staat durch Angelo so streng durchgeführt worden sein sollte:
Recht, ja Recht, Recht, Recht!
Mariana, hat der Mönch ihr geraten, soll außer Spiel bleiben; so beschuldigt Isabella Herrn Angelo genau dessen, was er selbst glaubt, an ihr begangen zu haben. Was tut er, der hochgeehrt neben dem Herzog sitzt, auf diese entsetzliche, gegen einen Mann wie ihn jedoch höchst unglaubwürdige Anklage hin? Was wir alle täten, wenn wir erst Schritt für Schritt uns so mit dem Bösen eingelassen hätten: er leugnet alles, mit frecher Stirn, und erklärt, Isabellas Verstand habe seit dem Prozeß gegen ihren Bruder gelitten. Merken wir hier nur darauf: vor dem Buchstaben des Rechts hat Angelo kein andres Verbrechen begangen als das gegen Isabella, und das hat er, wir wissen es, nicht begangen; Claudio war dem Gesetz verfallen, und er hat’s dabei gelassen; es ist kein Recht gebeugt worden. Und da kommt nun eine und schreit hinaus, um ihren Bruder, wie es der Statthalter selbst bedungen hätte, zu retten, hätte sie dem ihre Ehre preisgegeben; aber der Bruder ist ja hingerichtet worden; wer wird solches wirre Zeug glauben? So scheint es ganz in Ordnung, daß der Herzog die Anklägerin bis zur weitern Prüfung der Sache ins Gefängnis abführen läßt; um wahnsinnig zu sein, redet sie wieder zu klar; es scheint eine Verschwörung gegen Herrn Angelo vorzuliegen, der von dem heillosen Schmutz, wie er da gegen ihn geworfen wird, so wenig berührt werden kann, daß der Herzog ihn auffordert, in dieser seiner eigenen Sache selbst Richter zu sein.
Was für eine Verwirrung tritt aber nun ein, als von einem Vertrauten des Herzogs, dem Mönch Peter, geleitet, eine Zeugin auftritt, die Herrn Angelos Alibi auf die seltsamste Art beweisen soll: da stellt sich eine hin, die sich für weder verehlicht noch Mädchen noch Witwe und dann gar für des Statthalters Gattin erklärt und bezeugt: just zu der Stunde, wo Herr Angelo Isabella fleischlich beigewohnt haben solle, sei er in ihren Armen gelegen. Gegen diese Behauptung, gegen diese Anklage, die als Verteidigung auftritt, kann sich Angelo nun mit bestem Gewissen verwahren; und das hilft ihm, viel freier als zuvor, fast mit Lächeln über so viel Tollheit, alles zu leugnen, auf die Vermutung des Herzogs einzugehn und dies schamlose Auftreten zweier Weiber gegen ihn, der jetzt eben das Land von der Unzucht gereinigt, auf ein niederträchtiges Komplott zurückzuführen. Er ist auch klug genug, den Vorschlag des Herzogs, Richter in eigner Sache zu sein, in diesem Augenblick, wo die Sache für ihn so günstig steht, anzunehmen. So kann der Herzog, um seinem bisherigen Statthalter sein ganz besonderes Vertrauen zu bezeigen, sich von der Gerichtsstelle, zu der dieser freie Platz vor dem Tor geworden ist, entfernen, ohne daß es jemand auffällig finden darf. Welch köstliche Motivierungskunst in einer auch für den Dichter fast unmöglich scheinenden Situation; was für eine leichte, spielende Hand; wie ist das, womit motiviert wird, das Auskunftsmittel des Dichters, daß der Statthalter seinen Fall selbst zu richten bekommt, für den Gang der Handlung entscheidend wichtiger, als was zu motivieren notwendig ist: daß der Herzog fortgeht, damit er in Gestalt des geheimnisvollen Mönchs wieder erscheinen kann.
Der Mönch erscheint und braucht stärkste Worte, erst gegen den Herzog -- sich selbst --, der einen Schurken in eigner Sache richten läßt, dann gegen diesen Elenden nicht nur, der immer noch als oberster Richter auf dem Thron sitzen darf, sondern im allgemeinen gegen die Widersprüche zwischen dem Moral- und Gesetzsystem, das im Reich herrscht, und den wirklichen Zuständen. Er mußte sehen,
wie hier Entartung kocht und brodelt, Ja überschäumt; für jeden Fehl Gesetze, Doch Frevel so beschützt, daß die Verbote, Wie Sittensprüche in den Baderstuben, Indem sie Schmach verpönen, sich verhöhnen.
Das starke Auftreten dieses Mönchs gegen die Sitten der Wiener goldenen Jugend bringt den Vertreter dieser Gesellschaft, Herrn Lucio, der mit seiner dreist anmaßenden Geschwätzigkeit auch schon vorher dem Herzog lästig gefallen war, zum kecken Eingreifen: er will das Gesicht dieses Sittenpredigers sehen und reißt dem Mönch die Kapuze herunter: alle erkennen den Herzog. Sofort, noch ehe irgend ein Weiteres enthüllt ist, gesteht Angelo seine Schuld: er ist, sowie er vor Augen sieht, daß der Herzog schon lange mit dieser furchtbaren Sache zu tun hat und sein Tun beobachtet, wie von einem Strahl göttlicher Rache vernichtet: auf geheimnisvollste Weise, die er nicht begreift, ist einem Zusammenhang, den er selbst und dazu noch Vorfälle, die ihm rätselhaft sind, aufs verwirrteste versträhnt haben, die schlichte Klarheit, der wirkliche Kausalzusammenhang wiedergegeben. Wie eine Erleichterung überkommt es ihn, daß der Bau des Bösen und der Lüge, den er hat türmen müssen, weil in seinem Bau der starren Moral der Grundstein ins Rutschen gekommen war, auf einen Schlag eingestürzt ist: höchst würdig legt er sein Bekenntnis ab und erbittet sofortiges Gericht, sofortigen Tod.
Gewiß hat der Herzog, der den Mann von allem Anfange an gekannt hat, nichts andres erwartet. „Alle schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie nur erst erkannt sind.“ Der Spruch bewährt sich bei der unglaublichen Verwirrung aller äußern Geschehnisse; er bewährt sich auch für Angelo. Eine schwere Last ist von ihm genommen, ein Druck, der seit langem sein Leben auf schiefe Bahn geschoben hat; mit der Reue, die überraschend wie der Blitzstrahl über ihn gekommen ist, ist ihm so ganz leicht geworden. Der Herzog aber macht keine Miene, ihn zu richten; erst tut andres not. Kurz stellt er fest, daß Angelo und Mariana rechtmäßig verlobt waren; stracks schickt er beide weg zu schleuniger Vermählung. Aus diesem Verfahren und dem entsprechenden, das er dann gegen den heillosen Liederjahn und Verleumder Lucio einschlägt, ergibt sich, daß in seiner Methode zur Verbesserung der Sitten die Ehe ungefähr die Rolle spielt, die in Herrn Angelos System Auspeitschung, Einkerkerung und Hinrichtung eingenommen haben.
Dann erst, wie dies erste und vielleicht innerlich häßlichste Vergehen Angelos gut gemacht ist, soll zwischen ihm und Isabella gerichtet werden. Nun soll Angelo lernen, wie es mit seinem Grundsatz des starren, strengen, vorbeugenden Rechts bestellt ist: Gleiches mit Gleichem, Maß für Maß: mit welcherlei Maß ihr messet, so soll euch wieder gemessen werden! Gut denn; er hat sich das Urteil schon lange selbst gesprochen: sein Verbrechen ist das Claudios; was er noch viel Schlimmeres als dieser getan, kann ganz außer Betracht bleiben: wie Claudio hingerichtet wurde, so soll auch er dem Henker verfallen sein. Was für ein wahrhaft wonnevoller Gegensatz zwischen dem, was die Menschen auf der Bühne in diesem Augenblick empfinden und erleben, und dem, was wir beglückt, heiter, frei wissen: Claudio lebt, Angelo wird leben!
So kommt es noch zu einem letzten Gipfel; Isabella, die Tugendstrenge, die nur mit äußerster Selbstüberwindung für ihren Bruder, dessen Fall so ganz milde zu betrachten war, eingetreten war, die ihn zum Tod verurteilte, als Lebensdurst und Todesangst ihn zum winselnden Tier erniedrigt hatten, Isabella, die diesen Bruder tot glauben muß, tot durch Schuld dieses Angelo, der ihn als Meineidiger in dem Augenblick wie ein unsträflicher, erhabener Richter dem Gesetz geopfert und auf den Richtblock geschickt hat, wo er selbst auf dem selben Gebiet nach seinem Willen weit Schlimmeres verbrochen hat, Isabella bittet um das Leben dieses Mannes, der Notzucht abscheulichster Art, Notzucht auf dem indirekten Weg des Seelenzwangs hat gegen sie begehen wollen; sie wirft sich vor dem Herzog auf die Knie und spricht:
Huldreichster Fürst, Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann, Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir, Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt, Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so, Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht, Sofern er wirklich tat, wofür er starb. Doch Angelo -- -- Sein Tun kam nach ja nicht der bösen Absicht Und soll begraben sein als bloße Absicht, Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei, Und Absicht bloßes Denken.
Wie sieht man da voller Lust, Lust des Herzens wie auch des unbeschwert spielenden, rasch sich bewegenden, Ernstes bedenkenden Geistes: auch die Milde hat ihren scharfen Juristenverstand, -- und wer weiß, ob diese Porzia-ähnliche Gestalt, diese Isabella, die vor unsern Augen so gewachsen und gereift und aus klösterlicher Enge zu Menschenweite und freiem Sinn sich erhoben hat, ob sie, die der reifsten Stufe des Dichters zugehört, nicht auch Shylock, dessen Untat ja auch beim Versuch geblieben ist, Gnade, volle erlösende Gnade erwiesen hätte?
Angelo aber, der jetzt zum ersten Mal ganz und fest in seinem Adel steht -- wie vielfältig ist der Mensch! und wie groß der Dichter, der uns die wahrhaft wundervolle Geräumigkeit im Schacht des Menscheninnern, die Wirklichkeit der Niedertracht wie der Seelengröße in diesem nämlichen Menschen erleben läßt -- Angelo will den Tod erdulden:
Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet, Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz, Daß Tod mir lieber als die Gnade ist. Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.
In diesem Augenblick kommt des Herzogs Ebenbild und Gehilfe aus dem einfachen Volk, der Kerkermeister, und bringt den vielfachen Mörder Bernardin und eine verhüllte Gestalt.
Dem Mörder, der seit neun Jahren in unverwüstlicher Lebenslust im Gefängnis sitzt, wird von diesem Herzog, der immer noch in der Tracht des Mönchs seines Amtes waltet, Leben und Freiheit geschenkt, weil er keine Todesangst und keine Höllenangst kennt:
He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz, Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt, Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt, Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn. Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkst Auf bessre Zukunft.
~For better times to come~: der Fürst, der Harun al Raschid, der Geheimnis und Vermummung liebt, der Dichter, der sich in seinen Gestalten und in der schwebenden Rede hold vielsagender, duftig auf alles weisender Allgemeinheit verbirgt, sie überlassen es jedem, was er dabei empfinden und denken will: ein besseres Leben, das dieser der Freiheit wiedergegebene Mordskerl jetzt beginnen soll; bessere Zustände und Einrichtungen zwischen den Menschen; das dunkle Reich jenseits des Todes.
Da steht noch ein Vermummter; er darf nun in die Klarheit treten: Claudio lebt! Und er, der genießende Phantasiemensch, der alle Gräßlichkeiten des Nichtmehrseins und des Jenseits voraus gekostet hat, hat wahrlich genug ausgestanden, um ferner Leben und Gesellschaft ernster zu nehmen als vordem: er bedarf keiner Strafe mehr.
Was für ein Recht übt dieser Herzog, der vom Thron gestiegen war, damit der Statthalter Angelo die Gesetze wieder wirksam machen sollte! Ein Mörder wird völlig begnadigt; ein zu Unrecht dem Henker Gestohlener in die Freiheit geschickt! Und doch atmen wir alle, seit in diesem Reich er wieder die Lenkung hat, frei und beruhigt die Luft der Reinheit und spüren die Zucht und eine Ordnung, die nicht vom auferlegten Zwang, die von innen kommt und ein Band um geprüfte Menschen schlingt.
Angelo ist nun mit dieser Erscheinung das milde Urteil gesprochen: da er kein Mann der Gnade ist und auch gegen sich selbst schließlich keine Gnade noch Barmherzigkeit geübt hat, da er hart und streng auch gegen sich gewesen ist, soll ihm sein Recht, nichts als sein Recht werden: Gleiches mit Gleichem, Maß für Maß: Claudios Schicksal, so war der Rechtsspruch ergangen, solle sein eigenes werden. So darf er leben und mit dem leidenschaftlichen Weib, das beglückt an ihm hängt, so glücklich sein, wie er nach dieser Prüfung, nach diesem Fall, nach dieser Erziehung vermag. Ein Wilder war er in dieser Welt, und seine angeborene Vornehmheit hatte die Verwilderung mit Starrheit und Strenge bändigen wollen; die Wildheit brach eruptiv durch und riß alle Dämme ein; wie wird er nun werden? wie leben? wie wirken? was wird aus seinem System? aus dem Wortgebäude, das er über der dunklen Schlucht des Triebs errichtet hatte? Er spricht von dem Augenblick an, wo in Claudios Gestalt die Gnade erschienen ist, kein Wort mehr. Der alte Angelo ist vernichtet; die Hoffnung meint zu schauen, er stehe in seiner Wiedergeburt.
Und noch ein Menschenkind schweigt: Isabella. Ein wunderbar zarter Zug, von dem man nur ehrfürchtig reden kann, wie Shakespeare Angelo bei der Rettung und Isabella bei dem Anblick des wiedergeschenkten Bruders und bei der Werbung des Herzogs in wortloser Stille verharren läßt. Der Herzog selbst deutet in verehrender Scheu vor ihrer Menschennatur wie dem Schicksal, das er selber gelenkt, nur leise an, daß er sie bittet, die Seine zu werden; wir haben schon lange gefunden, daß die beiden, der Mehralsmönch und die zum Leben des Menschlichen herangereifte Nonne, ein edles Paar bilden und in ihrer Zusammengehörigkeit und Ergänzung, in Klugheit, Innigkeit, Entsagung und Ironie zu Herrschern in einem Reich milder Weltfrömmigkeit berufen sind.
[1] Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas wie Einzelzüge erinnern in der Tat -- man darf sagen, auffallend -- an eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“: „Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der Anwendung eingeschränkt werden: ~Judicis officium est, ut res, ita tempora rerum~ usw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei Isabella begegnen. -- Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts zu folgern, -- so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (~persona~ heißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone Bacons Schriften verfaßt hat.
Macbeth
Der Macbeth ist erst aus dem Nachlaß im Jahr 1623 in der Folioausgabe veröffentlicht worden; verfaßt wird er wohl in der Zeit zwischen 1606 und 1608 sein; sicher ist, daß ~Dr.~ Forman ihn 1610 im Globetheater hat aufführen sehen.