Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen

Part 30

Chapter 303,538 wordsPublic domain

In tiefster Schwermut wendet sich dann der Dichter von den Zweifeln an dem immer geliebten Freund, dem er ein Mal für alle verfallen ist, weg zur Betrachtung des Todes, dem er sich immer näher fühlt. Eine entsetzliche Vorstellung aber ist ihm jeder Gedanke an die Auflösung, -- so grauenhaft wie uns allen, nur daß wir nicht hinblicken, nicht den Schädel unsres guten Freundes aus der Knabenzeit in der Hand wiegen und dabei empfinden, es sei unser eignes kahl gefressenes Gebein. Den Dichter aber lockt es unbezwinglich hinzublicken auf dieses Unfaßbare; und sich, wie er jetzt ist, empfindet er in tiefstem Schauder als denselben, der er bald sein wird, ein maßlos Erniedrigter. Dem Freund ruft er, wie schon mit Grabesstimme zu: Nicht länger klage um mich, als die Totenglocke schallt! Lies meine Verse, aber denke nicht mehr an den Menschen, der sie geschrieben hat! Nenne meinen Namen nicht mehr, liebe mich nicht mehr, wenn ich weg bin! In der Niedrigkeit war ich in dieser Welt, zu allerniedrigsten Würmern geh’ ich, wenn ich ihr entronnen bin. Und noch stärker wird diese ganz und gar düstere Stimmung, in die gar kein Licht fällt, ausgedrückt. Ich werde dieses dunkle Rätsel nicht lösen, aber ich werde es nicht verhehlen: dieser Dichter, ganz weltlich, ganz ohne jede Beimischung etwa religiös-asketischer Umkehr, im Gegenteil, indem er die ganze Welt lichtlos, freudlos, hoffnungslos, sinnlos sieht, nimmt aus dieser Stimmung auch sich den Lebenden und sein Werk nicht aus. Was er getan, geleistet hat, mißt er in dieser Verfassung der Krise offenbar an einem Wollen ganz andrer Art, ganz andren Zieles, das vielleicht auch ganz andern Gebieten angehört; was da ist, ist nichts und schlimmer als nichts. Da, in der direkteren Aussprache dieser Lyrik, ist nicht die in Bitterkeit noch milde Resignation, mit der Prospero seinem Werk und Leben entsagt; da ist Verzweiflung. Wie er in jüngern Jahren von Verschuldung und von Flecken gesprochen hat, so nennt er jetzt seine Leistung Schmach und Schande. Ich habe zugegeben, man kann jene starken Ausdrücke auf sein Schauspielerdasein beziehen, aber will man für jetzt, wo er auf der Höhe seiner dramatischen Produktion steht, auch noch sagen, mit dieser entschlossenen, finstern Verachtung rede er nur von seiner äußern Stellung als Schauspieler und Dramatiker? Nichts unglaublicher als das! Nirgends sind wir im ganzen und einzelnen der Stimmung und dem innersten Wesen von Shakespeares reifsten Dramen so nah wie in diesem Teil der Sonette; nirgends aber in den Bühnenwerken spricht sich uns die Abkehr und Verzweiflung an sich selbst so namenlos schrecklich aus wie hier. Ich habe für diese Äußerungen, für diese in Entschlossenheit gefaßten Ausbrüche keine andre Erklärung als die einer oft fast völligen Umdüsterung, fast müßte man sagen: Umnachtung.

Er verfügt in einem Tone wie letztwillig: sein Name solle vom Freunde da begraben werden, wo sein Leichnam liegen werde, und solle nicht länger am Leben bleiben und ihn und den Freund in Schmach bringen.

Denn ich schäme mich dessen, was ich hervorbringe, und du solltest dich schämen, Dinge zu lieben, die nichts wert sind.

Doch solange er lebt, soll der Freund ihn lieben! Das bringt uns vielleicht doch der Lösung des Rätsels noch etwas näher. Diese Düsterkeit steht in untrennbarer Verbindung mit den Verfallserscheinungen seiner Körperlichkeit -- er ist höchstens ein früher Vierziger --, mit der Todesnähe, auf die er immer wieder zu sprechen kommt und die -- vergessen wir das doch nicht! -- Wirklichkeit ist. Wir wissen nicht, an welcher Krankheit Shakespeare jung starb, -- aber wir wissen, daß er sich mindestens acht bis zehn Jahre vorher vom Tode gezeichnet fühlte.

Da redet er -- und es ist sicher dieselbe Zeit, in der über den Dramatiker vom tiefst Menschlichen her zuerst die Krise gekommen war, die wir kennen gelernt haben -- den Freund an:

In mir siehst du den Herbst! Gelbe Blätter, oder keine, oder ein paar hängen in frierenden Zweigen, und man kann bei diesem Anblick an einen eingestürzten Chor denken, in dem einst die süßen Vögel sangen.

Daß sich dieses Bild auf seine Produktion bezieht, daß er diesmal ein Jetzt, wo ihm alles mißraten scheint, mit einem früheren Reichtum vergleicht, wie mit einem Strom, während seinem Gefühl nach jetzt Stocken und Versiegen gekommen ist, hören wir aus dieser Stelle deutlich:

In mir siehst du in Zwielicht düstern Tag, Der nach Sonnuntergang gen Abend bleicht, Den schwarze Nacht gar bald entführen mag, Des Todes Schatten, der von hinnen scheucht.

In mir siehst du das Glimmen einer Glut, Die auf der Asche ihrer Jugend endet, Als ihrem Todbett, und bald völlig ruht, Verzehrt von dem, was Nahrung ihr gespendet.

Wir haben gehört, was das für ein Feuer ist; ~desire~ -- die Sehnsucht, das unbändige Wollen, die Leidenschaft; von innerem Feuer ist dieses Dichterlebens Feuer allzu rasch, allzu glühend verzehrt worden. Man sagt, die gewaltigsten, verzehrendsten Waldbrände könnten nur durch Feuer gelöscht werden, das man gegen sie treibt. So will das Feuer dieses Dichters erlöschen: von Flammen verschlungen; und er unterscheidet gut genug den guten und den bösen Engel, das reine Feuer der Seele und der Dichtung und der Schönheitsliebe und aber das brennende, sündhafte Feuer der Triebe. Und -- ich wollte die Feder verstauchen und nicht mehr zur Hand nehmen, wenn sie nicht alles heraus ließe, was gesagt werden kann und gesagt sein muß; und ich möchte sie nicht mehr führen, wenn sie nicht zart vom Unnennbaren reden könnte -- und ich empfinde, wie der Dichter mit diesem bösen Feuer, das sein reines verzehrt, mit dieser sinnlichen Leidenschaft und Wollust seine Krankheit, seine steigende Kraftlosigkeit und frühes Alter und die Todesnähe in Verbindung bringt; und ich empfinde die Verzweiflung und der Umnachtung nahe Verdüsterung als die nicht bloß seelische, sondern leibliche Folge und Begleiterscheinung des Leidens, das ihn aufrieb. Wie Ekel ist ihm sein Leib, als ob schon jetzt der Tod daran fräße; kein Gedanke soll ihm, diesem Naturding mehr gelten, wenn der Tod sein Werk getan hat. Die Stimmung des Gequälten schwankt; jetzt ist dem Dichter dieser Sonette sein Werk wieder der Grund, auf den er die Unsterblichkeit baut:

Doch sei getrost: wenn jener grimme Spruch Ohn’ allen Aufschub mich von hinnen treibt, So trägt mein Leben Frucht in diesem Buch, Das zum Gedächtnis dann noch bei dir bleibt.

Die Erde soll Erde bekommen, der Geist bleibt dein; nur die Hefe, der Bodensatz des Lebens wird Würmerspeise; der Tod ist ein kläglicher Wicht, der mit seiner Hippe Wertloses an sich reißt und das Beste nicht treffen kann.

Es ist mir, ich möchte beinahe sagen, ein Dogma oder Axiom, daß jeder Dichter im privaten Leben, wie er es von Natur, Körperlichkeit und Menschenumwelt wegen führen muß, die eine Seite seines Wesens zeigt und in seiner Dichtung die andre, und daß man von der einen so wenig wie von der andern ausschließend sagen kann, sie sei die wahre. Es ist wahr, wir haben in der Gesamtheit seiner Dichtungen Shakespeares innerstes Wesen, haben es aber im Höchsten dieser Werke und in den Gestalten, bei denen die Sympathie des Dichters steht, nicht, wie er als Mensch unter Menschen sein kann, sondern wie er, ein anderer Mensch in andrer Umgebung, sein zu können sich sehnt. Ich glaube, die Gelähmtheit Hamlets, die grausig zum Ausdruck kommende Todesfurcht des Sklaven der Sinnenliebe Claudio in Maß für Maß und die zwischen Selbstbewußtsein und schüchterner Demut schwankende, zur Selbstanklage immer bereite Gemütsverfassung des Sonettendichters deuten auf Züge, wie sie der lebendige Shakespeare in jäher Unvermitteltheit neben kühnen und strahlenden von früh auf gehabt haben mag.

Von alledem, was ich hier und früher über Shakespeares Persönlichkeit gesagt habe, habe ich nichts gesucht; ob ich mich sträubte oder willig war, ich habe es alles bei der Begegnung zwischen mir, wie ich bin und auffasse, und diesen Dichtungen, wie sie unverrückbar sind, gefunden. Ich war bereit, den Sonettendichter als Helden dieses Gedichtwerks so von William Shakespeare zu trennen, wie Romeo oder Brutus oder Herr Angelo von ihm zu trennen ist; aber die Lohe des Persönlichen und zutiefst Erlebten schlug immer wieder in das gebändigte Maß der Form und die entrückte Gestaltung hinein. Diese Gedichte sind reinste Lyrik, in demselben Sinne, in dem wir Deutsche diese Gattung von den Großen und Echten unsrer Minnedichter her, von den Dichtern des Volkslieds, von Andreas Gryphius und Paul Fleming, von Günther und Goethe, von Claudius und Hölderlin her kennen: Leben der eigenen Empfindung in Verbindung mit dem eigenen Schicksal, zur Gestalt erhoben und zur Form geprägt.

So haben uns die Sonette schon in das Thema hineingeführt, das uns jetzt zum allerletzten Schluß obliegt: William Shakespeares Persönlichkeit, seine Stellung im Leben. Und ich will von dem letzten Teil der Sonettendichtung, der dem Weibe gilt, das in Shakespeares Leben eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat, von dem Teil, der auch das Endgültige dieses Mannes zur Frage des Lebens, des Leibes, der Seele sagt, nur im Zusammenhang mit seiner persönlichen Existenz sprechen.

Nie mit der geringsten Hinweisung ist in diesen Sonetten von Shakespeares Familie, von seiner Frau, von seinen Kindern die Rede. Sie haben nirgends in seiner Dichtung auch nur das kleinste Plätzchen. Sei auch von ihnen gesagt, was allenfalls zu sagen ist, wenn wir nun vom Schlußteil der Sonette aus den unheimlichen Weg vom Dichter Shakespeare zu William Shakespeare dem Menschen weiterzugehen wagen.

Shakespeares Persönlichkeit

(Aufzeichnungen zum Schlußvortrag)

Was hier noch gesagt wird, ist ein Nachtrag und eine Zusammenfassung. Vom Leben und der Persönlichkeit des Dichters habe ich schon immer und immer mehr gesprochen, je näher wir dem Ende kamen.

Shakespeares Persönlichkeit: wir wollen also aus seinen Werken uns ein Bild seines Wesens machen, im Zusammenhang mit den Umständen seiner Zeit und seiner Lebensführung.

Vor allem also müssen wir die Identität des Verfassers der Gedichte, der Sonette, der Dramen mit William Shakespeare aus Stratford, Schauspieler am Globe- oder Blackfriars-Theater in London feststellen.

Denn gleich stellt sich uns die Behauptung in den Weg: Shakespeare sei nicht Shakespeare; ein anderer hätte die Werke verfaßt.

Über diesen andern sind die Vertreter dieser Theorie nicht mehr einig. Außer Lord Bacon werden noch andre genannt.

Mit den Beweisen für diese Theorie sieht es nun so aus: sie sind jedesmal durchschlagend; aber sie haben kein langes Leben; sie lösen einander ab.

Zum Beispiel: Wenn wirklich in der Folio-Ausgabe in Chiffredruck mitgeteilt ist, daß Francis Bacon der Verfasser ist, so ist der Beweis geliefert.

Aber -- nach einiger Zeit läßt man diese unerhört freche und dumme Behauptung fallen und -- behauptet etwas andres.

Oder: wenn wirklich ein Notizenheft in Bacons eigener Handschrift da ist, wo er zu einer Zeit, wo die entsprechenden Dramen Shakespeares noch nicht verfaßt sein konnten, sich Wendungen, Bilder, Gleichnisse, Redensarten notierte, die dann etwa in Romeo und Julia und andern Dramen genau so verwandt sind, so ist der Beweis geliefert.

Aber -- die Voraussetzungen treffen alle nicht zu; beim ganz Verblüffenden handelt es sich um Fälschungen einer armen Irrsinnigen -- -- und nach einiger Zeit wird es von diesem Beweisstück wieder ganz still.

Und so geht es durchweg: es ist wie bei einem Indizienbeweis gegen einen Unschuldigen, wo lauter Einzelheiten, die entweder nichts beweisen oder falsch sind, als Gesamtheit eine gewisse Stimmung erzeugen.

Fragen wir jetzt im ganzen: ist die Theorie nötig? -- ist sie möglich?

Nötig ist sie denen, denen Shakespeare der Stratforder zu ungebildet ist. Sie meinen, diese Dichtungen müßten einen Aristokraten, einen Gelehrten, einen Akademiker zum Verfasser haben. Ein greuliches Überschätzen der Bildung schulmäßiger Art tritt zu Tage.

Die meisten aber gehen noch weiter und sagen: gewisse gemeine, pöbelhafte, volkstümliche, komische Elemente in den Stücken stammten von Shakespeare dem Schauspieler; die edlen Teile hätte der Lord und Gelehrte verfaßt.

Damit ist aber dem Dichter Shakespeare Wesentliches genommen, nicht bloß seine zeitliche Bedingtheit, seine Konzessionen an den Zeitgeschmack, seine Müdigkeit und Lässigkeit, die Derbheit, die ihn mit der Zeit verbindet -- worauf ich aber auch keineswegs verzichten möchte -- sondern seine Allseitigkeit, sein Aufsteigen, seine gegensätzliche Art zu charakterisieren und den innern Sinn der Handlung herauszuarbeiten.

Und wo soll man da, wenn man ihm die Clown-, die Wirtshaus-, die Bordellszenen nehmen will, anfangen und aufhören?

Und wozu? Das ist eine ganz blaustrumpfmäßige Art, den „Tichtēr“ aufzufassen.

Jetzt aber das Entscheidende: die Frage nach der Möglichkeit der Theorie.

Sie ist nicht möglich. Die Zeugnisse für die Identität des Dichters mit dem in London lebenden, aus Stratford stammenden William Shakespeare sind zahlreich und unumstößlich.

Der Dichter William Shakespeare hat seine Gedichtbücher Venus und Adonis und Der Raub der Lucretia selbst herausgegeben und -- was ohne des Grafen Erlaubnis nicht möglich war -- dem Grafen Southampton gewidmet. Und grade die sind mit glänzendem Verstalent, mit Anschauungen und Wendungen, wie sie in den Dramen wiederkehren, in der modischen, gelehrtenhaften, klassisch eingekleideten Art verfaßt.

Nach William Shakespeares Tod in Stratford haben seine Schauspielerkollegen Heminge und Condell 1623 die Gesamtausgabe besorgt; sein Porträt beigegeben; von seinen Handschriften in der Vorrede gesprochen, in denen sich fast keine Korrekturen fänden.

Die und die andern Schauspieler, darunter der große Künstler Richard Burbage, haben mit Shakespeare zusammen die Stücke einstudiert, gegeben.

Ben Jonson, eine bedeutende Persönlichkeit, ein Dichter und Gelehrter, mit Shakespeare nachweislich und selbstverständlich persönlich bekannt, der sich immer wieder an ihm rieb und gerade sein volkstümlich Unregelmäßiges tadelte, gab der Gesamtausgabe seine Ode bei, mit der Überschrift

„Zur Erinnerung an meinen geliebten William Shakespeare.“

Nicht daß dein Name uns erwecke Neid, Mein Shakespeare, preis’ ich deine Herrlichkeit, Denn wie man dich auch rühmen mag und preisen, Zu hohen Ruhm kann keiner dir erweisen.

* * * * *

Du Seele unsrer Zeit, kamst sie zu schmücken Als unsrer Bühne Wunder und Entzücken!

* * * * *

Und wußtest du auch wenig nur Latein, Noch weniger Griechisch, war doch Größe dein, Davor sich selbst der donnernde Äschylus, Euripides, Sophokles beugen muß -- -- -- Voll Stolz war Rom, voll Übermut Athen, Sie haben deinesgleichen nicht gesehn!

* * * * *

Doch darf ich der Natur nicht alles geben, Auch deine Kunst, Shakespeare, muß ich erheben; Denn ist auch Stoff des Kunstwerks die Natur, Wird Stoff zum Kunstwerk durch die Form doch nur.

* * * * *

O säh’n wir dich aufs neue, süßer Schwan Vom Avon, ziehn auf deiner stolzen Bahn! Säh’n wir, der so Elisabeth erfreute Und Jakob, deinen hohen Flug noch heute Am Themsestrand! -- -- --

Wie will man denn um dieses Zeugnis eines Zeitgenossen, eines vertrauten Bekannten, einer großen Persönlichkeit, die Urteil und Schärfe und Bosheit hatte, herumkommen!

Der hat dem Schauspieler Shakespeare, mit dem er Umgang pflog, diese Werke zugetraut.

Was für Narren wären wir, wenn wir bloß darum daran zweifelten, weil unsre Kenntnis der Person Shakespeares weniger intim ist als seine!

Diese Zeugnisse könnten aber nun gehäuft werden.

Im Anfang von Shakespeares Londoner Laufbahn erscheint eine Schrift aus dem Nachlaß des Dramatikers Robert Greene, eines Gelehrten: darin warnt er in bittern Worten vor den Schauspielern, die sich jetzt auch als Dramatiker auftun; mit einem deutlichen Hinweis auf Shakespeare, der „in dem Wahne lebe, der einzige ~Shake-scene~, Bühnenerschütterer im Lande zu sein“.

Ein paar Monate darauf erklärt der Herausgeber dieser Schrift, Henry Chettle, sein Bedauern über diesen Angriff auf Shakespeare: „ich habe mich persönlich davon überzeugt, daß seine höflichen Umgangsformen seinen Vorzügen, die ihn in seinem Berufe auszeichnen, in nichts nachstehn. Überdies wissen einige angesehene Persönlichkeiten von seiner rechtschaffenen Handlungsweise -- als Beweis für seine Ehrenhaftigkeit -- und von der glücklichen Anmut seines Stils -- als Beweis für seine Kunst -- zu erzählen.“

Genug, zu viel schon davon: ob es uns lieb ist oder leid: der Verfasser der gewaltigen Dichtungen ist 1564 in Stratford geboren und 1616 dort gestorben und war zwischenhinein Schauspieler in London.

Sind wir nun so weit, so möchten wir uns gern ein Bild von seiner äußern Gestalt, seiner Leiblichkeit, seinem Gesicht machen; das ist uns für die Persönlichkeit sehr wichtig. Aber da hapert es sehr, -- wie es mit all diesem Persönlichen, was Überlieferung von Tatsächlichem angeht, fast in allen Stücken hapert.

Der elegante Mann mit dem schönen Bart, wie er vor den meisten Shakespeare-Ausgaben steht, oder wie man ihn, im Hofgewand und mit einer begeistert-anmutigen Gebärde vor der Königin Elisabeth -- man tut’s nicht billiger -- auf Ölgemälden und Stahlstichen vorlesen sieht, -- diese Gestalt mit diesem nichtssagend glatten Gesicht geht auf das sogenannte Chandos-Porträt zurück, das in London in der National Portrait Gallery hängt und erst lange nach Shakespeares Tod gemacht ist. Es spricht gar nichts für diese Ähnlichkeit, -- denn es ist sehr unähnlich den beiden Abbildungen, in denen seine Bekannten ihn doch wenigstens irgendwie erkannten und die untereinander übereinstimmen.

Das ist einmal die Büste in der Stratforder Kirche, nicht weit vom Grab, ein paar Jahre nach dem Tod von der Familie aufgestellt: ein elendes Machwerk, fabriziert von dem holländischen ~tomb-maker~ Jansen, der sein Geschäft in London betrieb. Immerhin wird er Shakespeare gekannt haben, vielleicht hat er gar nach einer Totenmaske gearbeitet; und die Familie wird ja wohl zufrieden gewesen sein.

Hier sei gleich gesagt, daß der tote Shakespeare in Stratford und von seiner Familie nach Verdienst gewürdigt wurde, wenn auch wie alles, was von dieser Seite kam, abgeschmackt. Unter der Büste stehen schlechte lateinische und wenig bessere englische Verse, die lauten:

„Nestors Einsicht, des Sokrates Geist und die Künste Vergils Decket die Erde, betrauert das Volk, hat der Olymp.“

Und englisch:

„Steh, Wandrer, warum willst du so schnell vorbei? Lies, wenn du kannst, wen der neidische Tod hier gebettet, In diesem Grabmal Shakespeare, mit dem die flinke Natur starb, Dessen Name dies Monument mehr schmückt als der Kostenaufwand, Denn alles, was er schrieb, läßt die überlebende Kunst zurück Wie einen Pagen, sein Genie zu bedienen.“

Das andre Bild steht als Kupfer vor der Folioausgabe, rührt wiederum von einem Holländer, Martin Droeshout, her und ist ein kümmerliches Machwerk.

Aber eine äußere Ähnlichkeit mit der Stratforder Büste kann herausgefunden werden, und überdies hat es Ben Jonson gelobt.

Wir haben nun zwar seit 1892 auch ein Ölgemälde, das in Stratford entdeckt wurde, und das die Jahreszahl 1609 trägt: gleichviel, wie es entstanden ist, jedenfalls gibt es nur in nicht viel besserer Handwerksmanier dasselbe Gesicht wieder, wie der Stich vor der Gesamtausgabe.

Man kann aber, wenn man sich in eines dieser Machwerke, die offenbar eine gewisse äußere Ähnlichkeit haben, versenkt, sie von innen heraus beleben und dann einen Augenblick lang einen Eindruck wie von einem großen Lebenden haben.

Dazu helfen kann nun die wunderschöne sogenannte Darmstädter Totenmaske oder eine Abbildung von ihr. Die ist in den 40er Jahren in Darmstadt aufgetaucht und befindet sich noch da in Privatbesitz. Die Ähnlichkeit besonders mit der Stratforder Büste ist groß, außerordentlich: während die aber leer und albern dreinblickt, hat die Maske einen wunderbar ernsten großen Ausdruck. Ich halte sie für ein Meisterwerk -- wie die Tiara des Saitaphernes; womit ich schon sage, daß ich sie für eine großartige Fälschung halte (Herman Grimm und andere sind begeistert für die Echtheit eingetreten).

Aber so stelle ich mir Shakespeare vor, weil diesen Ausdruck auch die authentischen Bilder annehmen, wenn man sie zu beleben versucht.

Zu Shakespeares Leben und zur Shakespeare-Biographie: -- das ist nicht das nämliche!

Vier Elemente bezeichnen Shakespeares Leben: Leidenschaft oder Trieb -- Innigkeit oder Seele -- überlegener Geist oder Verstand -- Menschenfreundlichkeit (~humane gentleness~).

Vier Elemente ganz andrer Art bezeichnen die Shakespeare-Biographie: Dürre oder Leere -- Hypothese -- Komik -- und Langeweile.

Wie viele solcher dickleibigen Werke gibt es, in einem oder zwei Bänden, die alle so aussehen:

Eine Schilderung der Zeit -- Beschreibung der Lage Stratfords -- des Lebens in solchen Städten -- sehr Ausführliches über die damaligen Theaterverhältnisse -- eine Abhandlung über den Modestil des Euphuismus -- ausführliche Analysen sämtlicher Stücke Shakespeares -- und zwischenhinein gestreut die meist gänzlich unwichtigen zufälligen Dokumente, die sich auf Shakespeare und seine Familie beziehen, ein paar dürre Nachrichten, und Vermutungen über Vermutungen, Behauptungen über Behauptungen!

Überall aber geht es so zu, wie es naiv genug einer der Biographen in seinem Vorwort bekennt:

„Manche Behauptung stützt sich mehr auf Vermutung und Kombination als auf sicheren Beweis. Ich habe solche Angaben mit allem Vorbehalt gemacht, aber die Natur des Werkes bringt es mit sich, daß auf diesen nicht ganz zuverlässigen Steinen später weitergebaut werden mußte.“

Ein paar Beispiele für dieses Verfahren, aus einem der kürzesten, tatsächlichsten dieser Art Bücher, das von Dowden verfaßt ist:

„Shakespeare wurde sicherlich in die Stratforder Lateinfreischule geschickt.“ Das heißt: man weiß gar nichts davon. -- Der nächste Satz: „Dort lernte er nicht bloß Englisch, sondern auch etwas Latein und vielleicht ein klein wenig Griechisch.“ Ein paar Sätze weiter: „Daß er seine lateinische Grammatik auswendig konnte, kann fast mit Sicherheit angenommen werden.“

So geht es durchweg: Schauspieler waren in Stratford -- der Vater mag den kleinen William mitgenommen haben; ein Fest in Kenilworth: „der Vater dürfte mit dem vor ihm auf dem Sattel sitzenden Buben hinüber geritten sein.“

Aus der Schule, von der wir bloß nicht wissen, ob er je drin war, mußte Shakespeare sehr wahrscheinlich wegen des Vermögensverfalls herausgenommen werden, der indessen auch nicht feststeht.

Wenn wir schon Tatsachen dichten wollen, was bindet uns denn z. B. an die armselige Lateinfreischule? Kann denn nicht ein gelehrter Pfarrer oder Gutsherr oder ein Mönch wie Pater Lorenzo, oder mehrere der Art hintereinander sich des Wunderkindes, des genialen Jünglings angenommen und ihn zu Büchern geleitet haben?

Und so durchweg, das ganze Leben hindurch!

Und nun will ich die gesicherten nackten Tatsachen aufstellen, die uns etwas angehn; zwischen diesen Grundpfeilern darf und soll die Phantasie arbeiten, die vom Dichter, seinen Werken aus fühlen, nicht aber Tatsachen erdichten soll.

Eine kleine Landstadt -- Fluß, Felder, Wiesen, Wälder. Ländliches, zunftmäßiges Handwerk; die Gemeindeverfassung ganz mittelalterlich.

Was der junge William trieb, wissen wir nicht. Gerüchte allerlei Art besagen nur, was wir uns sowieso denken müssen: daß eine glühende Jugendnatur in der Enge wild und schäumend wurde.

Für das Gerücht von der Wilddieberei und den Konflikten mit dem Gutsherrn gibt es tatsächliche Anhaltspunkte: da muß etwas dran sein.