Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 3
Dieses Gespräch zwischen Angelo und Isabella ist von dem zweiten, das, wir fühlen es voraus, entscheidend sein wird, nur durch eine kurze Szene getrennt, die uns in unsrer erwartungsvollen Erregung eine Trosteshoffnung bringt: der hinter alledem steht, der diese Zwischenzeit der Prüfung gewollt und so ähnliche Ereignisse vielleicht gar vorhergesehen hat, der Herzog ist als Mönch in dem Gefängnis eingetroffen, in dem der junge Claudio auf seinen Tod wartet, und versteht sich gut mit dem braven, menschenfreundlichen Kerkermeister. Und dann sind wir wieder bei Herrn Angelo. Er erwartet Isabella; er möchte beten, aber Isabellas Gestalt tritt zwischen ihn und Gott; er will sich an den Staat, dem sonst all seine Gedanken gelten, anklammern, aber mit einem Mal, zum ersten Mal, findet er diese Beschäftigung langweilig und abgedroschen. Sonst streckte er sich stolz in Amt und Würde hinein und stand aufrecht und -- er bekennt es sich -- eitel in dieser Figurine da; jetzt sieht er ein: Rang und Form sind äußre Schale und Gewand, doch
Blut bleibt Blut!
Isabella, die nun bei dem Gepeinigten eintritt und gleich wieder als „schönes Mädchen“ begrüßt wird, hat am Tag zuvor alles gesagt, was sie irgend weiß; sie ist wieder herb und spröde geworden; und wie sie aus Angelos ersten, gepreßten Reden entnimmt, es müsse beim Todesurteil bleiben, wendet sie sich zum Gehen. Er hält sie aber auf, zunächst mit einem furchtbar heftigen Ausbruch, äußerlich gegen das Laster, das ihren Bruder zur Verdammung gebracht hat; er braucht aber diese leidenschaftlich aufwallende Rede, einmal, um seine eigne Glut irgendwie herauszulassen, dann, um mit dem Inhalt dessen, was er sagt, eben diese seine Wildheit in gewalttätiger Unterdrückung zu zähmen. So schäumt er gegen die unsaubere Lust, die das Standesamtsregister des Staates bastardiert, die Akten fälscht, das Leben der Neugebornen fälscht und in unheilvolle Bahnen lenkt; solche Zeugung ist nichts Bessres als Mord! Für staatsrechtliche und gesellschaftliche Argumente der Art, wie sie sein verzweifelter Kampf gegen sich selbst ihm aus dem bereiten Vorrat seiner Studien und Gesinnungen jetzt über die Lippen bringt, hat sie wenig Sinn; was ihr Bruder getan, ist ihr eine schwere Sünde vor Gott und eine Unordentlichkeit, die ihr widerwärtig ist; kein Verbrechen, das auf Erden, dem Staat gegenüber, mit dem Tode gesühnt werden müßte. Bei diesen ihren Worten jubelt es in ihm; sie wird also zu gewinnen sein, sagt er sich; er gibt den Kampf gegen sich auf und geht zum Kampf gegen sie, zu seiner Art der Werbung über. Ganz erbarmenswürdig, ganz erbärmlich geht er da vor; er denkt nicht daran, sein Begehren nach ihr nun vor allen Dingen loszulösen von dem Fall ihres Bruders; er denkt nicht daran und versteht es nicht, sich bei dieser Frau liebenswert zu machen; seine Gier kann er nicht trennen von der Situation, durch die sie ihm, wähnt er, verfallen ist. Haben, erobern, besitzen will er sie, da in ihm Gewalt des Triebs hämmert, mit Gewalt; die Gewalt des Triebs setzt sich bei diesem Mann, der darin geübt ist, den Trieb durch den Geist zu unterdrücken, jetzt, wo er ihn loslassen will, zur Vermittlung in Logik um. Das ist sein Instrument; raffinierte Manneslogik soll ihm zur Vergewaltigung, zu nicht viel Besserem als zur Notzucht dienen; in ein Dilemma, in diese gespreizte Gabel der Logik will er sie hineintreiben.
So legt er ihr zunächst die Frage vor, was ihr lieber wäre: daß ihr Bruder stürbe oder daß sie ihren Leib derselben lustvollen Unsauberkeit hingäbe, wie jenes Weib, das ihr Bruder befleckte? Sie ahnt nicht im entferntesten, was der Mann, den sie nun als starren Theoretiker schon kennen gelernt hat, mit der Abschweifung will, und erwidert zerstreut, aus frommer Gewöhnung heraus, den Leib würde sie gewiß eher geben als die Seele. Er antwortet ungeduldig; mit greulich dummer Brutalität versteht er so, als meine sie, eine beseelte Liebe, die zu solcher Sünde führe, wäre ihr ärger als die Preisgabe des Leibes selbst; und zu ihrer Beruhigung sagt er, die Seele könne ganz aus dem Spiele bleiben; es handle sich um eine pure Zwangslage. Sie versteht nicht, und er will jetzt ganz deutlich werden:
Darauf nur gebt Antwort: Ich, jetzt der Mund des gült’gen Rechtes, fälle Ein Urteil über Eures Bruders Leben; Wär’ etwa nicht Barmherzigkeit die Sünde, Die Euren Bruder rettete?
Entzückend, wie sie nicht im entferntesten versteht, was er meint, ganz sicher aber ist, recht zu verstehen; ja, er will barmherzig sein! Und eifrig, beglückt versichert sie ihm, das wäre keine Sünde, solche Gnade sei nur Barmherzigkeit. So geht es nun noch eine Weile mit dem Mißverstehen hin und her; der elende Tropf wird ärgerlich und redet grob, wie er wohl in schlechter Laune als Untersuchungsrichter mit einer unlogischen oder schlauen Angeklagten umgegangen wäre; und so legt er ihr denn knappe, ganz klare Fragen vor, um ihr jeden Ausweg zu verrammeln. Der Bruder muß sterben; das Gesetz spricht klar dieses Urteil. Das muß sie zugeben. Nun aber, wo er ihr bedeuten will, wie der Bruder noch zu retten sei, hindert ihn doch die Scham, direkt herauszureden; er setzt einen Fall, wie aus der Moralkasuistik. Gesetzt den Fall, der Bruder wäre vom Tod nur zu retten durch einen Mächtigen oder Einflußreichen; und „dieser Supponierte“ stellte zur Bedingung, daß sie, die Schwester, ihm ihren Leib preisgäbe; was würde sie tun?
Die Frage ist nun klar; nur daß sie noch immer keine Ahnung hat, warum er so fragt. Sie zögert keinen Augenblick mit ihrer entschiedenen Antwort. Wo’s um die Tugend geht, die von Seele und Züchtigkeit geboten wird, ist sie so fest bis zur Härte, wie er’s bis vor kurzem war, wenn sich’s um die Tugend handelte, wie sie Staat und Gesetz vorschreiben. Nur daß in der edeln Frau die Tugend keine Idee, sondern zur Natur gewordene seelische Notwendigkeit ist, während im Mann -- selbst wenn ihm, wie Herrn Angelo, Adel nicht fehlt -- die Staatsidee immer eine kahle Sache der Überlegung und des Verstandes bleibt, die sich gegen ursprünglichen Naturtrieb niemals behaupten kann. Was sie tun würde? Qualvoll sterben würde sie lieber -- für ihren Bruder wie um ihrer selbst willen --, ehe sie den Leib der Schmach gäbe.
Viel besser, daß ein Bruder einmal sterbe, Als daß, ihn frei zu kaufen, eine Schwester Auf ewig stürbe.
Er gibt es noch nicht auf, sie mit Theoretisieren zu fangen. Aber sie ist jetzt, in der Wallung des Zorns bei der bloßen Vorstellung solchen Schimpfs, wieder glühend geworden und repliziert schlagkräftig. Er möchte ihre Härte erweichen und meint grob aufmunternd:
Gebrechlich sind wir alle!
sagt es aber nicht entschuldigend für Claudio, nicht einmal so recht für sich selber, sondern für die Weiber. Da gibt sie, und wundervoll wirkt in dieser Situation die unschuldige Lebhaftigkeit ihres Geistes, auf dieses sein Wort: Nein, auch die Weiber sind gebrechlich! zur Antwort:
Ja, wie der Spiegel, drin sie sich beschaun, Der so leicht bricht, wie er Gestalten formt. Das Weib! -- Weiß Gott, der Mann entwürdigt sich, Nutzt er _den_ Vorteil! Nennt uns zehnmal schwach, Denn wir sind sanft, so sanft wie unser Bau, Und trauen falscher Prägung.
Jetzt glaubt der Mann, den die Vermengung des Triebs mit entartetem, willfährigem Verstand zum bösen, verrannten Narren gemacht hat und den dazu noch gerade bei diesem Bilde des schwachen, leicht verführten Weibes eine persönliche Erinnerung ermuntern mag, sie zu haben. Sie redet der Schwäche der Frauen das Wort; nun -- er faßt sich einen gewaltigen Mut -- wir Männer sind auch nicht stärker. Sie soll nur ein Weib sein; mehr tut gar nicht not. Und er wird deutlich genug, daß sie endlich verstehen muß, was er ihr anträgt. Erst will sie immer noch annehmen, er wolle sie prüfen; wie er dann aber „auf Ehre“ erwidert, es sei ihm Ernst, muß sie’s glauben. Kaum einen Augenblick verweilt sie, deren Sittsamkeit so rein wie ihr Denken schnell ist, bei der Schmach, die dieser Antrag ihr antut; ihr liegt bei dem ganzen Gespräch nichts im Sinn wie ihr Bruder. Jetzt, glaubt sie, muß er gerettet sein: sie scheut die Erpressung gegen den elenden Machthaber nicht:
Gleich stell’ des Bruders Gnadenbrief mir aus, Sonst künd’ ich aller Welt aus lautem Hals, Was für ein Mann du bist.
Ihm aber, der die Schwelle der Schamlosigkeit überschritten hat, ist nun keine Wahl mehr geblieben. Er kann nicht, er will nicht zurück; seine Gier läßt sich so nicht abweisen. Ihre Drohung schreckt ihn nicht; wer wird ihr denn glauben, wenn er’s abschwört? Solche Anklage gegen ihn, den Vertreter des Fürsten, dessen Ruf fleckenlos ist, dessen strenges Leben die Welt kennt? Einen Tag noch gibt er ihr Frist; bis dahin muß sie nachgeben; sonst stirbt ihr Bruder nicht den einfachen jetzt mehr, den martervollen, schweren, langsamen Foltertod.
Damit verläßt er sie. Und sofort sieht sie ein: ihr letzter Versuch ist gescheitert; sie kann die Gnade nicht erpressen. Ihr Bruder ist zum Tode verurteilt; jetzt auch von ihr; um ihrer Ehre willen muß er sterben. Sie geht zu ihm, um ihm das zu sagen: er stirbt nicht mehr bloß für sein heißes Blut; er stirbt für die Reinheit seiner Schwester.
Wiewohl sich alles um die Rettung dieses Bruders drehte, galt unser Anteil bisher viel mehr Herrn Angelo und Claudios Schwester, die ihn nun beide verurteilt haben. Jetzt, wo Angelo für lange zurücktritt, lernen wir Claudio kennen; durch den Konflikt zwischen Angelo und Isabella, der fürs erste in der Schwebe bleibt, ist, wir sehen es voraus, ein Konflikt zwischen den Geschwistern reif geworden. In dem Moment, wo der dritte Akt beginnt, stehen wir zwischen der physischen Möglichkeit und der psychischen Unmöglichkeit mitten inne: Claudio kann durch Isabella gerettet werden; er kann nicht durch sie gerettet werden. Der Vorhang geht auf; wir sehen den Herzog-Mönch bei dem zum Tod Verurteilten und sagen uns noch stärker als zuvor: Der aber, der wahre Fürst, wird ihn retten! Der Mönch bereitet den Gefangenen indessen zum Tod vor und spendet ihm die Tröstung keineswegs christlicher Verheißung, sondern allerbitterster pessimistischer Philosophie. Der Mann, der sich in den Tod finden soll, erfährt von dem erfahrenen, leidgeprüften Pilger durch sein Reich, was das Leben ist. Claudio, dessen Gemüt rasch bewegt und dem Moment unterworfen ist, ist für den Augenblick ruhig:
Auf Leben hoff’ ich, bin gefaßt auf Tod.
Da sagt der Mönch, und diese große Rede, die weniger auf den Tod vorbereiten als den Tod im Leben, die Abgeschiedenheit, lehren will, wollen wir ausführlich vernehmen:
Seid’s unbedingt auf Tod. Tod oder Leben Wird dadurch süßer. _Redet so zum Leben_: Wenn ich dich lasse, lasse ich ein Ding, Dran nur ein Tor sich hängt. Ein Hauch bist du, Abhängig jeder Änderung der Luft, Wie sie die Wohnung hier, in der du weilst, Stündlich bedroht. Du bist des Todes Narr; Durch deine Flucht strebst du ihm zu entgehn, Und rennst ihm stets doch zu. Du bist nicht edel; Denn alles Angenehme, was du hegst, Stammt aus Gemeinem. Du bist gar nicht tapfer; Denn dir macht Angst das schmale Züngelchen Des armen Wurms. Dein bestes Ruhn ist Schlaf, Den suchst du täglich, doch dich schreckt dein Tod, Der auch nichts mehr ist. Du bist nicht du selbst, Denn du bestehst durch Tausende von Körnern, Aus Staub entsprossen. Glücklich bist du nicht, Denn was du nicht hast, strebst du stets zu fassen Und gibst auf, was du hast. Du bist nicht stetig, Denn deine Farb’ ist launisch wandelbar, So wie der Mond... Nicht Jugend und nicht Alter Hast du, nur gleichsam den Nachmittagsschlaf, Der beides träumt; all deine selige Jugend Tut wie bejahrt und bettelt lahme Greise Um Gaben an. Und bist du alt und reich, So fehlt dir Glut und Trieb, Gelenk und Schönheit, Des Reichtums froh zu sein. Was ist doch dies? Das Leben heißen darf? Birgt doch dies Leben Viel tausend Tode, -- und wir scheun den Tod, Der alles ausgleicht?
Erst ist Claudio davon wunderbar besänftigt; dann aber, wie zum Mönch der skeptischen Resignation mit frommem Friedensgruß die Nonne in dieses Gefängnis dazukommt, wie die Lichte aber nicht die Erlösung bringt, sondern den Zweifel, da kommt die Todesangst über ihn.
Ihr ist es notwendig, ihm alles zu sagen; keineswegs um ihm die Entscheidung zu überlassen; so lieb sie ihn hat, so sehr wir ihr glauben, daß sie ihr Leben an seine Rettung setzen würde, in dieser Sache gibt es keine Beratung und keine Wahl für sie. Sie will aber, daß er sie stützt, daß er jeden Gedanken an ihr Opfer verwirft; daß sein Tod jetzt einen Sinn bekommt: er soll wissen, daß er für seine Schwester stirbt. Mit dieser Absicht ist sie gekommen; jetzt aber, wo sie seine weichen Züge sieht, bangt sie im voraus vor dem, was nicht ausbleibt. Erst, wie er’s vernimmt, ist er entsetzt, daß sein strenger Richter so dastehn soll; dann sieht er ein, daß sie sich nicht preisgeben darf, und will sich in den Tod, vor dem jetzt keine Rettung mehr ist, finden. Aber es regt sich ein Sinnen in ihm; also dieser erhabene weisheitsvolle Mann ist doch auch dem Trieb unterworfen! Claudio wagt nicht zu sagen, kaum auszudenken, wie ihm von dieser Vorstellung, daß die Lust doch mächtiger sei als alles, die Gedanken von Angelo zur Schwester, von der Schwester, die nun über sein Schicksal verfügt, zu seiner eigenen Lebenslust irren. O Isabella! Mehr vermag er noch nicht als diesen Ausruf; und dann, immer noch wieder gebändigt und bedächtig, sinnt er vor sich hin:
Sterben ist schrecklich --
Wie sie aber, schon in streng vestalischer Abwehrstellung, erwidert:
Und schmachvoll Leben greulich,
da, wo für ihn auf der einen Seite das Leben, sein Leben, steht, auf der andern -- ein Nichts, ein Wort, eine Tugend, von deren Notwendigkeit seine eigne Natur kein Wissen und keine Erfahrung hat, die ihm ein so kaltes Schema ist wie der Staatsgedanke, dem er geopfert werden soll, da wallt die Todesangst zu einem gewaltigen Ausbruch heraus. Vergessen auch alles, was der Mönch -- der, ohne daß die beiden es wissen, alles mit anhört -- Schlimmes an die Adresse des Lebens gesagt hat; nur leben, leben will Claudio, leben um jeden Preis! Er sieht das Grauen des Grabes vor sich, er ist in der Situation des Prinzen von Homburg, und ich zweifle nicht, daß Kleist, dem dieses Stück ja auch sonst so ganz besonders, so unsäglich nah gehn mußte, aus dieser Szene den Mut zur Fassungslosigkeit seines Prinzen geschöpft hat; geht Kleists Szene darin über Shakespeares hinaus, daß sein romantischer Prinz sonst von Natur und Gewöhnung in der Rolle des Helden steht, so ist wiederum Claudios Ausbruch insofern erschütternder, als dieser weiche Genießer nicht bloß die eigne Würde wegwirft, sondern die Schwester anbettelt, sie solle um seinetwillen sich in Schmach und Ekel stürzen:
Ja, aber sterben! gehn, wer weiß, wohin, Daliegen kalt und reglos starr und faulen, Aus sinnbegabter, warmer Regsamkeit Verschrumpft zum Kloß; der Geist, noch lebensfroh, Getaucht in Feuerwogen, hingebannt In schaudernde Gefilde ew’gen Eises; Im Kerker unsichtbarer Sturmgewalt Rastlos gejagt rund um die schwebende Weltkugel; ja, noch Schlimmres als das Schlimmste Von dem, was zügellose Phantasie Sich heulend ausmalt -- gräßlich, schauderhaft! Die schwerste Last von Lebensmühsal hier, Was Alter, Armut, Schmerz, Einkerkerung Dem Menschen auferlegt, ist Paradies, Mit dem verglichen, was der Tod uns droht. -- -- -- O Schwester! laß mich leben! Was für des Bruders Leben du auch tust, Oh, die Natur rechtfertigt es so sehr, Daß es zur Tugend wird.
Erst war die Schwester bei diesen apokalyptischen Bildern von den unausdenkbaren Schrecknissen, die der Seele im Tode warten, unnennbar erschüttert worden, ins Gewissen hinein; was kann den fühlenden Menschen schwerer treffen, als wenn er aktiv hilflos sein muß: wenn er physisch erretten könnte, aber angesichts bitterster Not in dem moralischen Entschluß steht, stehn muß, nichts zu tun? Wie Claudio dann aber seinen fassungslosen Jammer in diesen Anruf münden läßt, da schlägt all ihre Innigkeit in lodernde Empörung um. Über alle Grenzen setzt ihre Verachtung gegen diesen Wicht vor ihr, der um diesen Preis sein Leben erhandeln möchte. Sie spricht ihm endgültig das Todesurteil; sie kann ihn nicht retten; das wußte sie vorher; er verdient nicht zu leben; das empfindet sie jetzt und sagt es ihm.
Da tritt der Herzog dazu. Was hat er gehört! Von all diesen Zusammenhängen, von seinem Statthalter Angelo!
Die Probe lehrt, Wie sich im Machtbesitz der Schein bewährt.
Er hat’s geahnt, als er das sagte; diese drei, Angelo, Claudio und Isabella, sind geprüft worden und haben ihr Innerstes, ihr Äußerstes gezeigt; über ihre Grenze gegangen sind sie -- alle drei. Nun ist’s höchste Zeit, einzugreifen, nach dem Rechten zu sehn und diese verirrten Menschenkinder zu ihrem Maß zurückzuführen. Angelo zwar -- das muß noch näher untersucht, muß sehr behutsam behandelt werden. Die entfernte Möglichkeit, daß er das Mädchen nur prüfen wollte, liegt immerhin vor; und sehr wahrscheinlich ist es zum mindesten, daß er sich so ausreden würde.
Das Drama ist in den drei Gestalten Angelo, Isabella, Claudio und ihren Erlebnissen an einander bis zur Tragik gediehen. Nur das Vorspiel, nur die Gewißheit, daß wir in einer Zwischenzeit der Prüfung sind, und die Gestalt des Herzogs haben uns immer getröstet. Wie er jetzt mitten in den exzentrischen Überschwang der todesbangen Lebenslust und der lustverächterischen Tugend dazwischentritt, wie in die zum Höchsten gesteigerte Verssprache seine kluge, sichere Prosa hineinredet, da werden wir ganz ruhig, da biegt der Konflikt der von der Leidenschaft Fortgerissenen in das überlegene Spiel eines Weisen, die Tragik in die Komik um.
Wir wissen, der Herzog hat Angelo schon lange beobachtet und hat Mißtrauen gegen seine Tugend gehegt; aber wir wußten nicht, daß er mehr von ihm weiß, als wir bisher erfahren haben. Jetzt, so spät in diesem Stück, dessen ganze Technik von allem Anfang an darauf angelegt ist, Herrn Angelo sehr allmählich und immer mehr die Hüllen zu nehmen, erfahren wir aus dem Gespräch des Herzog-Mönchs mit Isabella, was Angelo noch auf dem Gewissen hat. Wir haben gesehen, wie dieser Jurist, dieser Staatsheilige es seinem Intellekt erlaubt hat, seit langem die Triebe und die Seele zu vergewaltigen; jetzt hören wir das Schlimmste, was er sich und vor allem einem andern Menschen angetan hat. Er hat eine Braut gehabt; hat es elenden Verstandesgründen erlaubt, die Liebe zu diesem Mädchen, die er hegte, in ihm zu ersticken; hat diese Mariana um einer verloren gegangenen Mitgift willen sitzen lassen. Jetzt vereint der kluge Herzog, der Philisterbedenken nicht kennt, vielmehr seiner herrlichen Losung folgt:
Tugend ist kühn und Güte niemals furchtsam,
der Mönch flicht Claudios Todesnot, Angelos Brunst, Isabellas tapfere Tugend, Marianas Liebessehnsucht in eines: Isabella soll Angelo ein kurzes nächtliches Liebesbeisammensein bewilligen; Angelo soll, ohne es zu ahnen, statt ihrer Mariana umarmen:
Damit ist Euer Bruder gerettet, Eure Ehre unbefleckt, die arme Mariana versorgt und der arge Statthalter entlarvt.
Wären wir von vornherein in einem lustigen Spiel gewesen, wo dann aber von Anfang an Mariana dabei gewesen wäre, so wäre diese Lösung nichts weiter als ein höchst übermütiges Motiv. Nun aber, wo wir so zu teilnehmender Not hochgeführt worden sind, wo sich uns allmählich erst das Rätsel Angelo erschlossen hat, das für uns immer noch nicht ganz erklärt ist, von dem wir jetzt eben wieder Neues erfahren haben und auf dessen noch tiefere Ergründung wir gefaßt sind, nun ist uns diese plötzliche Wendung eine wahrhafte Erlösung. Der Dichter und sein fürstlicher Mönch schalten mit uns, als ob die strafende Rede, die dieser ans arge Leben gehalten hat, Wirkung getan hätte: das Leben ist in sich gegangen; seine bebende Not und Gefahr war nur Schein und Prüfung; alles, was wir da als Grauen erlebt zu haben glaubten, ist, wenn wir näher zusehen, gar keine Wirklichkeit, ist nur Spiel, sinnvolles Spiel, in dem sich die Bilder des Wesens tummeln. Und mit einem Sinnspruch in dem Bänkelsängerton, den Shakespeare liebt, wenn er die Naturgewalt der Tragik in das freie Spiel überleitet, faßt darum der Herzog-Mönch die vergangene und künftige Handlung zusammen und beschließt damit den dritten Akt.
Und doch wäre es -- mit Goethe zu reden -- ein klattriges Motiv, welche Aushilfsrolle diese Mariana spielen soll, wenn der Dichter, der so meisterhaft von innen heraus komponiert, Mariana nicht bei ihrem ersten, späten Auftreten zu Beginn des vierten Aktes wie umlodert zeigte vom Feuermantel der Liebesglut, die, verschmäht, in sie zurückgeschlagen ist. Da verliert sich sofort der Eindruck, ein Menschenkind solle als Mittel dienen, dazu noch mit seinem Geschlecht; wir erleben, wie die Liebesvereinigung dieser Süchtigen eigenes, äußerstes Bedürfnis ist.
Sie sitzt da, passiv, lechzend, wartend auf nichts; sie hört schmachtend zu, wie ein Knabe ihr ein Lied, ihr Lied, das Lied ihres brünstigen Verlangens und ihrer Verlassenheit vorsingt; eines der wunderbarsten Liebeslieder, in dem die ganze Wonne des Schmerzes, der ganze Schmerz der Brunst liegt; keine Übersetzung kann ihm Genüge tun:
Weg, o weg die Lippen dein, Die so süßen Meineid schworen; Weg dies Auge, Funkelschein, Licht, das mir die Nacht geboren. Nur die Küsse bring zurück, bring zurück, Liebessiegel, falsche Siegel falschem Glück, falschem Glück!
Es geschieht nun alles nach dem Plan des Herzogs. Aber der weise Dichter, der die Sensation, das bloße Sinnenbild, auch wenn es von zentraler Bedeutung ist, gerne im Hintergrund läßt, wenn es die innere Entwicklung nicht fördert und bloß die Erfüllung dessen zeigt, was wir in der Anlage miterlebt haben; und der die Sensation im gröberen Sinn des Wortes gewiß nicht auf die Bühne zieht, läßt nun alles, was wir im Entwurf schon kennen, im Hintergrund vor sich gehn: wir sind nicht bei Isabellas Gespräch mit Angelo, in dem sie ihm zusagt, sich ihm preiszugeben; nicht einmal bei der Einweihung Marianas in den Plan, und gewiß nicht bei Mariana-Isabellas nächtlicher Begegnung mit Herrn Angelo. Shakespeare mit seinem zarten Takt hat Bühne und Sichtbarkeit aufs feinste unterschieden: nichts, was geeignet war, das Menschenwesen zu ergründen, hat er, der freie Geist, der er war, von der Bühne verbannt; aber er hat auch gewußt, daß keusche Ohren in der Form der Sprache, welche durch die Verwandlung des Sinnlichen in Geist alles rein zu machen imstande ist, alles hören können, daß aber nicht alles in sinnlicher Erscheinung gezeigt werden kann. So ist es unsäglich weise, frei und witzig von ihm, daß er auf der Stufe der Handlung, wo unzüchtige Seelen, deren es unter seinem Publikum genau so gut gab wie unter seinen Kommentatoren späterer Jahrhunderte, Sinnenkitzel und angenehmes Ärgernis von den Vorgängen erwarteten, die Bühne statt dessen mit Szenen aus der niederen Welt der Kuppler und Verbrecher füllte, wo eben die Gemeinheit nicht vor Augen, sondern zu Sprache und robustem Spaß gebracht wird.