Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 18
Coriolan kommt, von den Getreuen geleitet; sehr unruhig redet Menenius immer auf ihn ein, vor allem ruhig zu sein. Er kommt denn auch ganz in der beschlossenen Haltung sanfter Nachgiebigkeit. Wenn nur der wohlmeinende alte Menenius, um’s vollends gutzumachen, nicht anfinge, von seinen Heldentaten und Wunden zu den Bürgern zu reden! Da kommt doch sofort der Zorn wieder über ihn; vor denen da, jetzt, davon Rühmens machen! Wenn nur überhaupt Augen und Ohren nicht wären! Aber was nützt aller Vorsatz des Verstandes, wenn diese Volkstribunen auf seine Sinne wirken, wenn er sie nicht riechen kann? Und schon richtet er sich auf und stellt sie zur Rede: Was? ihn erst zum Consul wählen und ihm dann das Amt nehmen? Das ist aber nur ein Augenblick des Vergessens; sowie ihm bedeutet wird, er habe jetzt Rede zu stehen, fügt er sich wieder in die vorgesetzte Rolle. Und so beginnt die Anklage gegen ihn; und er hört das Wort Verräter. Da geht es ihm genau wie Sir Launcelot in Malorys englischem Artusroman; wie hat der seinen König schonen und sogar feig scheinen können, der Held; aber sowie er das Wort Verräter hört, muß er sich wappnen und kämpfen. Coriolan wollte mild, versöhnlich, bittender Weise reden; aber nun ist’s aus. Er hat sich ja nicht vorgestellt, wie es sein wird. Sagen hätte er schließlich alles gekonnt, sich selber zwingen; aber mit anhören, sich gefallen lassen? Ein Edler geht, ohne Fesseln, freiwillig, in Ruhe und Fügsamkeit zum Schaffot; aber wenn ihm der Henker die Hand auf die Schulter legt, zuckt er. Jetzt schreit Coriolan alles, alles hinaus; und die Erinnerung an das Versprechen, das er der Mutter gegeben hat, hilft nun nichts mehr. Das Wort Verräter in den Ohren zu haben, diese Gesellen als Richter vor sich zu haben, reißt alle Dämme ein; er bricht aufs furchtbarste los:
Ich will nichts weiter wissen. Ihr Urteil sei Tod vom Tarpejischen Felsen, Landflüchtig Elend, Schinden, Qual im Kerker, Bei einem Korn des Tags, -- nicht wollt’ ich mir Erkaufen ihre Gnade um ein gut Wort Noch hemmen meinen Trotz um all ihr Gut, Kriegt ich’s um einen Gruß zum guten Morgen.
Nein, er ist nicht der Mann dazu, jetzt ist nicht die Zeit dazu, planvoll zu leben; es gilt nur der Augenblick. Wer ein Ganzer ist, kann nicht an der einen Stelle einen Lenker, einen Vergewaltiger haben, der den andern in ihm mit Prinzipien und Vorsätzen beim Kragen nimmt und vorwärts schiebt. Das Vaterland ist zerrissen; nicht mehr ein einiger Stand herrscht, sondern Parteien mit ihrem Geschwätz ringen mit einander. Er allein ist noch ein Ganzer; er ist allein: ihn, den man Verräter zu nennen wagt, hat man verraten, als man dem Aufruhr nachgegeben hat.
So wird ihm denn das Urteil gesprochen, diesmal nicht tobend gebrüllt, sondern in politischer Erwägung vorbereitet: Verbannung. Er aber steht, fortgerissen vom Zorn, von einem Zorn aber, der in nichts aus den Gierwünschen einer Person, der nur aus einer Gesinnung hervorgeht, fortgerissen und unerschüttert da. Bei diesem Anblick, empfinde ich, geht es uns gar nicht mehr um den großen geschichtlichen Moment, um den entscheidenden politischen Gegensatz, noch weniger um politische Analogien zwischen damals und heute, die falsch wären; es geht um den ewigen Streit der vereinzelten tapfern Hoheit gegen die massenhafte Niedrigkeit, der so alt ist wie die Welt steht. Unser Herz jauchzt bei seiner herrlich kühnen Antwort, wir begreifen wie zum ersten Mal, daß für gewisse Augenblicke der liebe Gott unsrer Zunge die Fülle der Schimpfworte, die zugleich zorniger Angriff und humoristisches Spiel, Ausgleichung der Tat und Gleichnis des Geistes sind, zur Entladung gegeben hat, wir sind dankbar, daß Shakespeares Sprache diese Barocküppigkeit der alles überschwemmenden Flut zur Verfügung hat; denn dieser Katarakt Coriolans kommt doch aus einer tieferen Seelenfülle als das Wasserleitungsplatzen des Badearztes Stockmann, des Volksfeindes Ibsens; sie haben den Bann über ihn ausgesprochen und nun biegt er sich langgereckt zu ihnen vor und spricht:
Ihr bellend Hundepack! des Hauch ich hasse Wie fauler Moore Stank,... ich verbann’ euch! _Hier bleibt_ mit eurem zagen Hin und Her! Beim leisesten Gerücht beb’ euer Herz!... Bleib euch nur stets die Macht, Den, der euch schirmt, zu bannen, bis zuletzt Euer stumpfer Sinn, der nicht glaubt, bis er fühlt, Nicht einen übrig läßt als nur euch selbst, Die eure eignen Feinde!...
Rom, dieses Rom, ist in sich selbst gebannt; Coriolan hat das Gefühl, nur das, was ist, ausgesprochen zu haben; und er, der einzige, der zum echten Rom steht, um das zu leben es sich lohnt, wandert nun in die Fremde. Er geht, und sie jauchzen hinter ihm her: Der Volksfeind ist fort, ist fort! Verbannt haben wir unsern Feind, er ist fort! Die Mützen fliegen in die Höhe; daß sie vor kurzem ihm als dem Befreier aus höchster Not zugejubelt haben, wissen sie nicht mehr.
Shakespeare wäre aber nicht Shakespeare, wenn wir das Verhältnis der Patrizier zu den Plebejern nur von dieser einen Seite kennen lernten, nur so, wie der Repräsentant des Patriziats, der Patrizier, wie sie sein sollten, es auffaßt. Wohl steht der Held auch für die innere Handlung in der Mitte; von ihm aus sind die Vorgänge gesehen, die Geschehnisse und die Gestalten gruppiert, von ihm aus die Stimmung und Sympathie gewoben; dann aber zuckt unten aus dem Dunkel der namenlosen Menge einmal ein Licht auf, und wir sehen in andrer Beleuchtung die Dinge, die Coriolan nicht sieht, und hören die uralte Klage der Armen. Unter den Aufrührern will einer eine Rede halten und hebt zu den Plebejern an: „Ein Wort, gute Bürger“, da ruft einer aus der Menge grell dazwischen: „Wir gelten für arme Bürger, die Patrizier für gute!“ Reichtum macht gut! Und die da droben wissen es auch gar wohl: unsere Armut brauchen sie nicht bloß, weil sie Überfluß brauchen; sie brauchen sie als Gegenstück, um ihres Selbstbewußtseins willen; sie haben die Distanz nötig. Wären sie grade so reich, wie sie jetzt sind, gäbe es aber dabei uns Arme nicht, was hätten sie dann von ihrem Reichtum?
„Die Magerkeit, die uns drückt, das Bild unsres Elends ist für sie ein Inventarium aller einzelnen Stücke ihres Überflusses; unser Leiden ist ein Gewinn für sie.“
Was das Opfer leidet, das ist der Gewinn und die Wonne der andern -- haben wir so etwas nicht schon einmal, in ganz anderm Zusammenhang gehört? Ist das nicht der gerade in der Barockdichtung, wo das feste Dogma seelenhaft spielerisch von der Empfindung umrankt und umjauchzt wird, immer wiederkehrende Ausdruck für die Heilswahrheit des Christentums? Sind nicht die Armen dieses Opferlamm und ihr Blut und Wunden ein Hochgewinn für die Reichen?
Aber auch abgesehen von so abgründlich feiner Psychologie, die mit einem raschen Griff das letzte Geheimnis des Privilegs entblößt, kommen die rein sozialen Klagen der Unterdrückten so stark heraus, daß wir wieder einmal merken: so ein Dramatiker sieht und empfindet zweiseitig; würde er von allem Anfang an und immer Licht und Schatten gerecht verteilen, so wäre es nicht im entferntesten so berückend als wie er’s macht: mit ganzer Inbrunst, wie ein tief Befangener, der einen Seite verschrieben, und dann, mit einem Mal, und nur immer für einen Augenblick, drüben, drunten, bei den andern.
Als Menenius Agrippa die Plebejer besänftigt und ihnen sagt, wie wohlwollend die Patrizier Sorge für sie tragen, da erwidert einer aus dem Volk in Worten, -- nun, der Zensor behütet uns heute davor, entsprechende zu lesen oder zu vernehmen:
„Für uns Sorge tragen! -- Ja, fürwahr! -- Sie haben noch niemals für uns gesorgt: sie leiden es, daß wir verhungern, wenn ihre Speicher vollgepfropft sind von Getreide; geben Gesetze wegen des Wuchers, mit denen sie den Wucherern auf die Sprünge helfen; heben täglich eine heilsame Einrichtung gegen die Reichen auf und setzen täglich mehr lästige Verordnungen fest, um die Armen zu fesseln und zu hemmen. Wenn uns der Krieg nicht aufzehrt, so werden sie’s tun. -- Und das ist die ganze Liebe, die sie für uns haben.“
Ich weiß, was ich tue, wenn ich immer wieder den Blick von der Sache selbst auf ihren Urheber, wenn ich ihn hier von der Tragödie Coriolans auf ihren Dichter ablenke; denn ich möchte dieses mein Staunen auf alle, die mich hören, übertragen: woher hat der Unergründliche das alles gewußt? Über Rom wie über unsre Zustände verrät er uns Dinge, enthüllt er uns verborgene Zusammenhänge, die wir erst seit, erst im Gefolge der französischen Revolution zu wissen anfangen. Und wenn zum Beispiel Mommsen imstande war, uns ein Bild der Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern zu geben, das eine gewisse Farbigkeit, Lebendigkeit und Glaubhaftigkeit hat, so haben ihn eben die Kämpfe der modernen Demokratie dazu in Stand gesetzt; für diesen Anblick hat er aber ein gehöriges Lösegeld zahlen müssen: für das Wesentliche, eben für das, was Shakespeare als Tragödie dargestellt hat, hat er keinen Blick gehabt: er hat nicht gewußt, daß der Kriegs- und Adels- und Herrschergeist einmal ein Amt, eine Aufgabe, eine Würde und eine Hoheit gehabt hat; er hat die hohe Sendung, den seelischen Rang und das gute Gewissen dieser ritterlichen Zeiten nicht gekannt; und so hat er gräßlich banal von dem Kampf Coriolans in seiner Vaterstadt und gegen sie liberalisierend gemeint, diese Geschichte öffne den Einblick „in die tiefe sittliche und politische Schändlichkeit dieser ständischen Kämpfe“. Das ist, wie wenn man das Rittertum nach den Raubrittern, den Raubritter Götz nach dem Schinderhannes und den Schinderhannes nach irgend einem Dutzendmenschen aus unsrer großstädtischen Verbrecherklasse beurteilen wollte. Jakob Burckhardt und Nietzsche haben kommen müssen, um den Zusammenhang zwischen der politischen und sozialen und der Geistesgeschichte erst wieder herzustellen. Was sie aber aus der Betrachtung der Renaissance, indem sie Kunst, Geist, privates und öffentliches Leben zusammen nahmen, gelernt haben, das hat Shakespeare der Renaissancemensch lebendig gewußt: daß, was heutigen Tags -- auch für ihn schon genugsam heutigen Tags -- in Verfall und Entwürdigung Rest, Gespenst und Schmach ist, einst groß, würdig, geweiht und notwendig war.
In der ganzen modernen Geschichte weiß ich keinen, der Shakespeares Coriolan in dem tiefen Grunde, wo das Wesen sich aus dem Elementaren aufbaut, so nah käme wie ein Mann, der einer der größten Revolutionäre aller Zeiten war, der Vertreter der Plebejer, obwohl ein Mann des Adels in jeder Hinsicht, der Graf Mirabeau, der tolle leidenschaftliche Feuerkopf, der doch zugleich -- wie Coriolan der größte Soldat -- so er der größte Politiker seines Volkes ist. Von äußerlichen Analogien stimmt nichts; die Zeiten und die Lagerung der sozialen und der psychischen Schichten zu einander haben sich geändert; die Ähnlichkeit liegt im elementar Wesentlichen: eine Leidenschaft so starker Art, wie sie sonst den Menschen verzerrt und verzettelt; hier aber der Ausdruck nur der unabänderlichen Festigkeit eines Kernes; ein Temperament, wie es sonst die persönlich Gierigen haben, hier aber Sprache und Gewand der Gesinnung und Sachlichkeit. Die entgegengesetzte Stellung, die die beiden zu haben scheinen, darf uns gar nicht täuschen: schon dieses Coriolan nächster Bruder, Shakespeares Cassius, hat sich in einen Revolutionär und zugleich Politiker gewandelt. Alle drei, Coriolan, Cassius und Mirabeau sind innerlich und in der explosiven Art ihrer Äußerung geeint: sie gehören, wie Mirabeau es einmal ausdrückt, zu den „starken Seelen, welche die Freiheit im Naturzustand wild und im zivilisierten stolz macht“, und immer wieder kommt es zu solchen Gegensätzen ihrer stolzen Natur zur Umgebung, daß sie in den Naturzustand zurückfallen und wild werden. Und die beiden, die hier zusammengestellt werden, Coriolan und Mirabeau, gehen doch auch in ihren äußeren Schicksalen einen guten Schritt zusammen; nicht bloß die großen Menschen, auch die Zeiten und die politischen und sozialen Zustände ändern zwar die Gewänder und Masken, bleiben sich im Kern aber gleich. Auch Mirabeau, abgesehen davon, daß er als tief Unsittlicher gilt -- die Heuchelei und Verbannung auf _diesem_ Gebiet ist eine moderne Neuerung --, und daß von seiner Nötigung, die unbändige Kraft der Seele und des Leibes in Geschlecht und Erotik zu üben und zu verschwenden, Coriolan, der Sohn einer keuschen und harten Welt, keinen Zug hat, auch Mirabeau ist bis auf den heutigen Tag, gerade bei denen, deren politischer Führer er heute noch sein müßte, als Landes- und Volksverräter, als Verräter seiner Sache in Acht und Bann getan wie Coriolan.
Nun aber geht die Parallele nicht weiter, denn Coriolan erlebte seine Verbannung und sollte weiter leben. Er war ein politischer Feind der Zustände, die die Plebejer durch Aufruhr ertrotzt und die Patrizier in Nachgiebigkeit zugestanden hatten; er stand allein zwischen den Parteien, niemand wagte es, in diesem Augenblick ihm zur Seite zu treten und den Kampf aufzunehmen; und so benutzten seine Todfeinde, die Volkstribunen, ihre Macht und verwiesen ihn als Verräter des Landes. Nun aber, nach seiner Verbannung, macht er sich äußerlich ohne Zweifel wirklich zum Verräter, zum Feind seines Landes. Wie zeigt ihn uns Shakespeare in dieser Situation? Warum geht er zu den Volskern und zieht mit ihnen kriegerisch vor die Tore Roms?
Wenn dieser Mann Coriolan sein Leben überblickt, dann war es seit langen Jahren immer so, daß er zwei Feinde hatte, mit deren einem er in einer Gemeinschaft des Zorns und Ekels zusammen wohnen mußte, während er den andern ritterlich auf Tod und Leben bekämpfte. Für die Idee Roms hat er dies beides getan: mit den zufälligen, in mannigfacher Abstufung erbärmlichen Menschenexemplaren, die sich Römer nannten, nicht bloß zusammengehaust, sondern sie immer wieder geführt und fast gewalttätig mit seinem kriegerischen Feuer erfüllt und in den Kampf getrieben, in den Kampf eben gegen Tullus Aufidius und seine Mannen. Den aber, Tullus Aufidius, den Feldherrn der Volsker, darf er achten, indem er mit ihm ficht, er sieht ihn als einen Ebenbürtigen, als den Ebenbürtigen an, als seinen Zweiten in der Welt; sie gehören zu feindlichen Völkern und stehn im Wettstreit um den Heldenruhm: ihrer Natur nach Zusammengehörige, die von den Verhältnissen zur Feindschaft bestimmt sind; Coriolan und die Bewohner Roms sind ihrer Natur nach tief Getrennte, die von den Verhältnissen zum Zusammenhalten bestimmt sind. Nun sind diese Bande zerrissen worden, von den Römern selbst; und ihre Verbindung mit der Idee Roms, die nur durch Coriolan geschlossen wurde, in dem sie verkörpert ist, haben sie auch gesprengt.
Tief drunten, in Coriolans innerster Notwendigkeit also ruht der Seelenzwang, um der Idee Roms willen Krieg zu führen gegen die Römer. Aber Menschen von Coriolans Art, die sich so stolz auf sich selber verlassen und so aus dem Grunde leben, in denen alles Geistige zur Natur und wie zum Trieb geworden ist, leben ihr Leben, sie leben nicht ihre Motive. Sie handeln nicht nach Prinzipien, mit Plänen, zu Zielen; sie stehen im Augenblick. Daß er für Rom kämpft, wo er auch kämpft, ob er auch gegen die Römer kämpft, das weiß der Zornige jetzt nicht. Er weiß nur, daß Rom ihn ausgestoßen hat, daß Rom sein Feind ist, gegen den er äußersten Krieg zu führen hat, und daß einer, den er achtet, einer seinesgleichen gerade schon wieder angefangen hat, den kaum erloschenen Krieg gegen Rom aufzunehmen. Die Römer haben ihren Feldherrn vertrieben, obwohl der große Feldherr Tullus Aufidius ihnen droht; nun sollen sie sehen, diese führerlose Herde, wie sie allein fertig werden, wenn zwei Helden gegen sie anrücken. Coriolan ist mit den Wurzeln aus seinem Boden gerissen worden; da er voller Kraft und Zorn und Leben ist, bleibt nur übrig, zu sterben oder diesem Leben einen neuen Sinn zu schaffen. Seine Stadt hat mit ihm Ehre und Ruhm verstoßen und hat das Regiment den Krämern, den Pfuschern und Neidlingen ausgeliefert; er geht zu Roms Feind, zu Tullus Aufidius. Rache muß geübt werden; die, die ihn strafen und vernichten wollten, müssen gestraft und unschädlich gemacht werden; daran hängt jetzt sein Leben, daß er über die triumphiert, die ihn wie einen räudigen Hund fortgejagt haben -- die Hunde! hängt sie! --, daß er als Sieger Rom zu seinen Füßen sieht.
Es gibt eine schöne Erzählung von Aaron Bernstein, die von dem Schicksal eines starken, heldischen Jünglings in der jüdischen Enge eines Landstädtchens berichtet. Da kommt ein wohlweiser Schwätzer vor, der gern zu allem seine talmudisch zugespitzten Sprüchlein macht; und in einer bestimmten Situation gibt er seinem Publikum das Rätsel auf: Warum ist Mendel Gibbor, der starke Mendel, so traurig? Aber siehe da, wie der Starke sich wieder sehen läßt, ist er wider Erwarten gar nicht traurig: es ist fast so etwas wie Lustigkeit in ihm; diese starken Naturen sind unberechenbar. So ähnlich könnte es uns gehn, wenn wir jetzt Coriolan nach allem, was wir gesehen und über seine Verfassung und Lage gesagt haben, nach der Ausstoßung beim Abschied von der Mutter, der Frau, den Freunden sehen. Er ist gar nicht zornig, der Zornige! Irgendwo in ihm ruht der Zorn und nährt sich; was in die Erscheinung tritt, ist gefaßte Gemächlichkeit und liebevoller Trost an die Teilnehmenden! Er hat sich ausgetobt und ist ruhig, mit einem liebenswürdigen Anflug von Humor; und vor allem: wie kann er zornig sein, da es nun seine Mutter an seiner Statt ist und da er überdies den Schmerz seines zarten, zagen Weibes sieht! Mutter Volumnia weiß gar nichts mehr davon, daß sie je mit ihrem Sohn unzufrieden war; es ist alles so gekommen, wie es ihre Klugheit widerraten, wie es eine tiefere Stimme in ihr aber unabweisbar vorhergesagt hat. Ihr ganzer Zorn gilt denen, die ihren edeln Sohn, auf den sie nie so stolz war, wie in diesem Augenblick, vertreiben. Coriolan hat nichts zu tun, als sie zu beruhigen. Für sich braucht er nichts mehr, keinen Zuspruch, keine Hilfe, kein Wüten und vor allem keine Begleitung. Er ist ganz gefaßt; etwas in ihm hat schon den Entschluß gefaßt. Daß er frische, ungebrochene Kraft in sich spürt, spricht er aus; und im übrigen:
Solang ich atm’ in dieser Welt, sollt ihr Stets von mir hören, und nie andrer Art, Als je mir eigen war.
Wie er aber nun weg ist, wie die beiden Frauen durch die Straßen Roms zurückgehen, und die beiden Tribunen ihnen, sehr gegen ihren Willen, in die Arme laufen, da wird auch Virginia, Coriolans stilles, ängstlich-schüchternes Weib, tapfer; den armen zurückgelassenen Frauen bleibt nichts als die Zunge; aber mit ihren leidenschaftlichen Worten und Wünschen sagen sie triumphierend voraus, was dann geschieht: daß Coriolan mit dem Schwert in der Hand seine römischen Feinde zu strafen kommt. Wie anders wird diesen Frauen die Wirklichkeit aussehen als ihr Wunsch! Sie können nur ohnmächtig und ohne Vorstellungskraft wünschen, Coriolans Feinde möchten gestraft werden; er aber wird’s tun, auf dem Wege, den die Wirklichkeit bietet, auf keinem andern; und mehr und mehr wird auch der Zorn, der jetzt noch schlummert, in ihm gegen die erwachen und wachsen, die hätten mannhaft zu ihm stehen sollen und ihn allein gelassen haben.
Als armer Mann verkleidet tritt er in Antium in das Haus seines Todfeindes Aufidius. Jeder Einwohner dieser Stadt hat Grund, ihn niederzuschlagen. Aber er fürchtet nichts; alle Gefühle hat er tief drunten geborgen, oben in ihm lebt nur die Verwunderung über diese seltsame Welt und ihre Wandlungen:
Ich hasse meine Wiege, liebe nun Die Feindesstadt!
Für ihn gibt’s nun nichts zu tun; es ist fast, als ob bloß sein Körper da wäre; nachdem er seinen Entschluß, es zu wagen, gefaßt hat, ist alles Tullus Aufidius anheimgegeben; er selber ist in der Sache nichts weiter wert. Schlägt der ihn gleich nieder, so hat er recht; kann er im Vaterlandsfeind aber den Ebenbürtigen erkennen, ist da in Antium eine solche Stätte des Adels und des verstehenden Edelmuts, daß Platz für zwei solche Gleiche ist, dann ist er, wo er jetzt hingehört: dann dient er entschlossen den Volskern gegen Rom.
Einen Gentleman, einen Adelsmann nennt er sich, wie der Diener den Zerlumpten fragt, wer er sei; und es ist so, wie der Diener höhnisch hinzufügt: „aber ein armer“! Auch in Lumpen ein Adliger, auch als Landesverräter ein Ritter, das ist Coriolan.
Und dann steht er dem Feind gegenüber und offenbart sich ihm kühn. In diesem Augenblick kommt, für uns wie für ihn, zum ersten Mal klar heraus, was ihn über diese Schwelle gebracht hat: er spielt ~Va banque~. Irgendwie weiterleben und warten, bis die etwa da drinnen in Rom sich anders besinnen und ihn gnädig zurückberufen, das kann er nicht. Entweder -- oder. Entweder ist Tullus Aufidius zu dem Großen, Herrlichen imstande, dessen er sich von ihm versieht; dann auf zur Rache! Oder er, der Heimatlose, ist allein und waffenlos in die Stadt, in das Lager, in das Haus des Todfeinds gegangen: dann hat er den Tod gefunden, den er sucht.
Der Römer bietet sich dem Feinde seines Vaterlands als Bundesgenossen an: Coriolan übt Verrat! Die Worte klingen, als bezeichneten sie eine ärgste, eine viel schlimmere Vergewaltigung des Edlen gegen sich selbst, als er sie früher zweimal versucht hat; zuerst, als er Consul werden wollte, das war fast harmlos gegen das Zweite, das sich daraus ergab, den furchtbar gescheiterten Versuch, den reuigen Sünder vorzustellen und Verachteten Achtung vorzumachen. Das hat ihn in die Verbannung getrieben; ist er jetzt bei der dritten, der äußersten Gewalttat gegen sich selbst? Sicher ist, damals litt er gräßlich darunter, daß er sich anders geben sollte, als er ist; jetzt ist er seinem eignen Gefühl von sich selbst nach in höchster Lust mit sich eins. Das offenbart sich uns in der Ruhe, der Größe, der Freiheit seiner Rede. Wer so dasteht, wie der Mann in diesem Moment, und sich Aug in Auge dem Tode stellt, wer Tage und Nächte einsam gewandert ist, mit keinem andern Gedanken als diesem Ziele zu, vor dem er jetzt steht, dem ist Rom, Vaterland und alles, was Namen führt, wie Kleid und Schuppen abgefallen, er steht nackt da in der Natur seines Heldentums und seiner ungebrochenen Kampflust, als einer, der voller Leben ist und zu sterben bereit ist. Ja, in diesem Augenblick lebt kein Rom in ihm, hat keine Mutter ihn geboren; er hat kein Vaterland, ist losgelöst von allem, wovon der Mensch sich nur freimachen kann, ohne aufzuhören, er selbst zu sein; und wüßten wir das nur, daß alles andre als eines, dem wir uns ergeben, in jedem Augenblick frei von uns gewählt und ergriffen wird, wie viel inniger, wie viel mehr wir selbst würden wir unsrer Sache uns hingeben! Er hat nur noch dies eine: seine heldische Natur; ein Schwert hat er und weiß einen Feind. So steht er vor dem Mann, der ihm zum Tod oder zu seiner allein noch gebliebenen Bestimmung helfen soll, und spricht:
Nicht in der Hoffnung, -- Verkenn mich nicht -- mein Leben zu erhalten; Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der Welt Hätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz, Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern, Steh’ ich vor dir nun da... Denn -- ich kämpfe gegen Mein krankes Vaterland mit der Erbittrung Von allen Höllengeistern. Doch wofern Du es nicht wagst und, mehr das Glück zu proben, Satt bist, so hör’s mit einem Wort: auch ich Bin fortzuleben herzlich müd und biete Die Kehle dir und deinem alten Grimm...
Man braucht gar noch nicht in Betracht zu ziehen, daß Aufidius und sein Volk ein hohes Interesse daran haben, ihren furchtbaren Feind in ihren Dienst zu ziehen, Roms Helden und den Führer der gekränkten und auf ihre Stunde harrenden Adelspartei als Feldherrn im Kampf gegen Rom zu gewinnen; all solche Erwägungen kommen später entscheidend zur Geltung; für jetzt ist Aufidius von diesem tragischen Geschick und dieser tragischen Größe menschlich erschüttert: