Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen
Part 16
Zu Plutarch steht Shakespeare bei diesem Stück eher noch freier als die beiden andern Male: wohl dankt er ihm viele Einzelzüge, folgt ihm auch im Aufbau der einen oder andern Rede; aber er nimmt Abweichungen wichtiger Art auch in der äußern Handlung, vor allem Zusammenziehungen vor. Die Vorgänge, die den Stoff der beiden Tragödien aus dem Beginn der Kaiserzeit lieferten, waren und sind ein Stück der eignen Geschichte auch unsrer Völker; es geht um Entscheidungen, die Shakespeares Zeitgenossen angingen, wie sie auch für uns noch bedeutend sind; der Krieg zwischen Römern und Volskern und alles, was damit zusammenhing, hat als äußerer Verlauf keine solche Aktualität; es kommt alles nur auf das geschichtliche Beispiel für immerdar wirksame Kräfte, Tendenzen und Gegensätze und auf das innere Leben der Gestalten an. Die spontane Lebendigkeit aber der inneren Antriebe, das Feuer, von dem diese Menschen erfüllt sind, das ist ebenso völlig auch diesmal Shakespeares Eigentum wie die geschichtliche Weite, zu der sich das Ereignis ausdehnt.
Coriolan gehört zu den Stücken Shakespeares, die besonders sorgsam komponiert, straff gebaut, rund vollendet sind; keines übertrifft es in diesem Betracht; wenige, wie Macbeth und Othello, können ihm darin gleichkommen.
Welch ein Abstand aber in jeder Hinsicht, wenn man von Timon kommt! Nicht einmal die Hauptperson ist da wahrhaft individualisiert und im Innersten ergriffen; die Nebengestalten aber sind allesamt schablonenhaft; der Timon zielt ganz auf das Wort, auf die Rede ab; große, herrliche Reden bringt wahrlich auch der Coriolan, aber alle stehen sie im Zusammenhang der ergreifenden, lebendigen Aktion und dienen der Erhellung der Seelen; und jede Gestalt bis zur kleinsten Nebenperson herunter ist individuell behandelt, und nun gar die Hauptgestalten! Neben Coriolan Menenius Agrippa, die beiden Volkstribunen, Tullus Aufidius der Volskerheld, Coriolans Mutter, seine Frau und das Volk.
Eine sehr bezeichnende Abweichung Shakespeares von Plutarch bringt eine Bestätigung für etwas, was schon früher gesagt wurde, und deutet zugleich das Bereich, in das uns der Coriolan führt. Es hat wahrlich seinen tiefen Grund, warum die Natur einen zum Dichter und nicht zum Philosophen oder Forscher geschaffen hat. Ein Dichter, ein Dramatiker wie Shakespeare _kann_ sich nicht nur in die verschiedensten Naturen, Temperamente und Weltanschauungen einfühlen; er muß es, weil seine Natur ihre herrliche, stramme Sicherheit und Eindeutigkeit nicht in _einem_ System, sondern in einer Vielheit von Bildern findet; immer macht der Künstler aus der Not eine Tugend; und eben aus dieser Entbehrung an eng begrenzter Festigkeit macht der Dramatiker den Reichtum seiner Gestalten, Sphären und innern Verfassungen. Der Dichter lebt in Einem Himmel, der durch alle Reiche waltet; er kniet nicht vor Einem Gott. Diese Proteusnatur des Dichters bringt es mit sich, daß er mit einer Kraft und Eindringlichkeit, die nur von eigener Übereinstimmung zu kommen scheint, in das Denken und Fühlen eines Menschen eingeht, daß er ihn von innen gestaltet, als wäre er es selbst, daß er ganz mit ihm und in ihm ist, daß er dann aber wieder hinausschlüpft und ebenso untrennbar sich mit einem wesentlich andern zu decken scheint.
Damit dünkt mich nun zusammenzuhängen, daß die Sphäre eines jeden der Stücke, gleichviel ob sie weit oder eng ist, in jedem Fall ihre begrenzte Bestimmtheit hat und in Abhängigkeit von dem Trieb oder der Weltanschauung der Person oder des Kreises von Personen steht, um die als Mitte das Stück sich bewegt. So finden wir in solchen Stücken, in deren Mitte die Macht steht, die als Gier zu herrschen und auch sonst als Lebensgier erscheint, als Sphäre eine wilde, ungezügelte Natur, Aufruhr und Gärung der Elemente, dämonisches Eingreifen der Schicksalsmächte, Zeichen und Wunder. So geht es im Macbeth zu, so auch im Lear und ebenso auch in den beiden Römerdramen, in denen der Republikanismus abgelöst wird von der Herrschgier, im Julius Cäsar und in Antonius und Cleopatra. Überaus bezeichnend aber, daß es in der besonderen Welt des Brutus nicht nur die Zeichen und Wunder des Cäsarismus nicht gibt, sondern daß auch der fürchterliche Wettersturm da nicht zu toben scheint; wir sind bei ihm in der furchtbaren Nacht in seinem Garten; aber wovon er auf Grund seiner Natur und seiner Situation nichts merkt, das umgibt auch uns nicht; und ein pedantisch aufmerksamer Regisseur könnte nichts Verkehrteres tun, als uns in dieser Fortsetzung der Nacht von dem Aufruhr aller Elemente, in dem wir eben bei Cassius auf der Straße waren und von dem nachher gleich Cäsar wieder ins Wanken gebracht wird, im Garten des Brutus das kleinste Donnerchen rollen zu lassen. Wovon ich hier spreche, geht aber positiv und negativ durch Shakespeares ganzes Werk: es ist völlig unmöglich, sich in solchen Stücken, in deren Mitte ein gemäßigter, gezügelter oder gar harmonischer Mann steht, wie zum Beispiel Heinrich IV. oder Heinrich V., um diesen Helden eine wilde Natur oder ein Eingreifen von Geistermächten zu denken. Welch ein Unterschied herrscht vielmehr im gesamten Ton, in der Stimmung, der Atmosphäre, wenn man die beiden Heinrichsdramen und ihre behaglichen, niederländischen Einlagen besonders der Falstaffszenen mit Richard III. und seinen schweren Träumen und Geistererscheinungen vergleicht. Ich übersehe nicht, daß Richard III. noch der Jugendperiode und der Abhängigkeit von Marlowe und ähnlichen Gewalttätigen angehört; aber ich will ja nur zeigen, warum solche begleitende Elementarstimmung in den Heinrichsdramen nicht sein kann. Warum aber im Lear das Wetter tobt, im Hamlet das Gespenst erscheint, im Julius Cäsar Zeichen und Wunder geschehen und in Antonius und Cleopatra Herkules der Gott unterirdische Musik machen darf, all dieses Elementare und Dämonische steht in Zusammenhang mit den Elementartrieben und dämonischen Leidenschaften, um die das Stück sich dreht; Hamlet, in dessen Weltanschauung und Neigung, das Leben zu führen, die Wiederkunft und das handelnde Eingreifen eines Gestorbenen ursprünglich so wenig paßt wie in die Horatios, hätte das Gespenst nie mit Augen gesehen, wenn er nicht der Erbe eines Geschlechts der Wut wäre, wenn er nicht im Dunstkreis seines Oheims stünde.
Wenn dem aber so ist, können wir, was im Verlauf dieser Vorträge zu Shakespeares Weltanschauung gesagt worden ist, noch um eine Stufe fortzuführen versuchen. Es ist gesagt worden, es gehe nicht leicht an, aus den Dramen Schlüsse auf Shakespeares Religion, Philosophie und Naturbetrachtung zu ziehen, weil nicht nur die Äußerungen der Personen, so sentenziös und überzeugt sie auch herauskommen mögen, von ihrem Charakter und ihrer Aufgabe im Stück, sondern sogar die Naturelemente, die Kräfte, die Geister, die der Dichter selbst leibhaft vorführt, von der innern Beschaffenheit der jeweils in dem Stück zentralen Personen, also wiederum nicht von den Gedanken des Dichters abhängen. Es ist dann weiter versucht worden zu sagen, der Dichter mit seiner Künstlernatur sei Weltanschauungen gegenüber sehr labil, er könne darum seine Menschen so fest, so innig an einem Glauben oder einer Auffassung hängen lassen, weil für ihn, dem alles zum Gleichnis und Bilde wird, an jeder lebendig ergriffenen Deutung der Welt etwas Wahres sei. Wenn es indessen so ist, daß Hexen, Naturdämonen, Gespenster, Zeichen und Wunder von Shakespeare immer nur als gemäßer Ausdruck in solche Stücke aufgenommen werden, in deren Mitte Menschen der Gier, des wilden Triebs, der Genuß- und Machtaffekte stehen, daß er dagegen Menschen, die er mit besonderer Liebe behandelte und denen er als die Triebe beherrschende hohe Kraft Vernunft, Gemeinsinn, Gerechtigkeit, Maß, Harmonie mitgab, in einer unsrer Naturanschauung entsprechenden heitern, stillen und wunderlosen Welt leben ließ, so ist das am Ende, besonders wenn wir dazu nehmen, daß in seinen subjektiven Äußerungen in den Sonetten nur offenbares Spiel mit mythologischen Vorstellungen, aber keinerlei Befangenheit in Dämonen- und Vorbedeutungsglauben vorkommt, ein Kriterium dafür, daß die Vernunftüberlegung Shakespeares so rationalistisch war wie die Anschauungen etwa Horatios und Bruder Lorenzos.
Man wird einwenden wollen, ob so ein Motiv der Naturdämonie verwendet werde oder nicht, sei in erster Linie von dem in den Quellen überlieferten Stoff abhängig. Aber gerade darauf will ich ja hinaus. Diesmal nämlich ist es nicht so. Der gesprächige und etwas wohlweise Plutarch berichtet in der Biographie Coriolans genau so wie in der Cäsars und Antonius’ von Zeichen und Wundern; aber dieser ganzen Überlieferung von schreckhaften Vorbedeutungen, Wahrträumen und Wahrsagern schenkt Shakespeare diesmal keine Beachtung. Nichts von dieser Atmosphäre kann er für dieses Rom und für diesen Römer brauchen.
Wir sind nicht in der gärenden Zersetzung der Republik, sondern in ihrer Frühzeit; und die Seele Coriolans ist von nichts weniger erfüllt als von Machtgier.
Das klingt nun vielleicht erstaunlich; man wird sagen wollen: er sei aber doch der Typus des Aristokraten, des Adligen, des Herrschenden; er sei doch der Führer in dem Kampf des Adels gegen das Volk, der Patrizier gegen die Plebejer; und bei all diesem Streit zwischen Kleinen und Großen, Volkstribunen und Senatoren drehe sich alles um die Macht. Man darf sich aber von Worten, die für sehr verschiedene Sachen gleich lauten, nicht verführen lassen. Das Spezifische, das ich hier Macht nenne, ist eine Selbstherrlichkeit, die alles von sich abzuleiten und auf sich zu beziehen geneigt ist, ist ein Absolutismus, der mit dem Gefühl der Majestät, der Gottähnlichkeit, des Übermenschentums oder aber mit dem wild dämonischen, verzehrend teuflischen Drang der Niedrigkeit, Herr zu sein, verbunden ist, und das gibt es nur in der Form der Tyrannei, der unumschränkten Königsgewalt.
Hier bei Coriolan aber sind wir in einer ganz andern Welt, eben in der, deren Idee Brutus noch rein in sich fand und für die Umwelt wiederherstellen wollte: in der ständisch gegliederten, ritterlichen Republik.
In dieser römischen Stadtrepublik, die nur erst einen kleinen Teil des benachbarten Landes in ihr Bereich eingezogen hat, herrscht in noch engerem Bezirk dieselbe Staatsverfassung, dasselbe Staatsideal, wie es Shakespeares Ulysses für die frühe griechische Welt aufgestellt hatte, und wie es ganz ähnlich in der Welt des ritterlichen Königs, zu dem Prinz Heinz geworden ist, Heinrichs V. gilt:
Denn wie kann ein Verein, Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten, Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten, Das Erstgeburts_recht_, _Pflichten_ der Geburt, Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, Lorbeers An ihrer rechten Stelle anders stehen Als durch die _Gliederung_?
So hatten wir’s von Ulysses für kleine Königreiche gehört, in denen Rangordnung, Gliederung, ständische Verfassung herrscht und sie so der Republik nicht minder annähert, wie andrerseits die aristokratische Republik im frühen Rom die Ordnung und Sicherheit gewährte, die man gern als Vorzug der Monarchie bezeichnet.
Und von Ulysses hören wir in derselben großen Rede zweierlei über die Auflösung von ständischer Gliederung und Ordnung. Einmal gerade das nämliche, was wir jetzt eben über den Zusammenhang von Naturdämonie und Machtwillkür bei Shakespeare wahrgenommen haben:
Irren In unheilvoller Kreuzung die Planeten, Welch Schreckenszeichen dann, welch Seuchen, Gärung, Welch Erderschütterungen, Meerestoben, Aufruhr der Luft, Umsturz, Entsetzen, Graus Zerteilt, zerreißt, erschüttert und entwurzelt Jedweden Zustand eheruhigen Friedens Bis auf den Grund! Wenn Stufenordnung wankte, Zu jedem hohen Ziel die einzige Leiter, Dann krankt die Unternehmung!
In warnender Rede also, die ihren prophetisch eindringlichen Ton gewiß nicht bloß von der Lage der Griechen vor Troja nimmt, stellt Ulysses die Auflösung des organisch Gegliederten ins wüst Elementare zusammen mit unheilvollen Naturkatastrophen derselben Herkunft. Dann aber fährt er unmittelbar fort und stellt den Zusammenhang her zwischen der Auflösung der festgegliederten, sich gegenseitig auspendelnden Ordnung und der Willkürgewalt der Despotennatur:
Nimm Gliedrung weg, mach’ diese Saite stumm, Und ach, welch Mißton folgt! Die Dinge stoßen In ew’gem Streite sich: es schwillt der Busen Der eingedämmten Flut, des Strandes spottend, Bis sie dies feste Rund auflöst in Schlamm; Zum Herrn der Schwäche wirft sich auf die Kraft; Der rohe Sohn schlägt seinen Vater tot; Gewalt wird Recht, nein, vielmehr: Recht und Unrecht -- Die ew’gen Feinde, von Gerechtigkeit Beherrscht -- verlieren samt der Herrscherin Dann ihren Namen. Alles wird Gewalt, Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier, Und die Begier, ein allgemeiner Wolf Mit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür, Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißt Zuletzt sich selbst auf.
Es war nötig und gut, daß wir diese entscheidende Stelle, in der Ulysses das politische Gewalthabertum auf die Seelenverfassung des gierigen Einzelmenschen und diese wiederum auf die Auflösung einer festgegliederten Ordnung der Gegenseitigkeit zurückführt und so die Gemeinschaft oder Wechselwirkung feststellt, in der sich öffentliche Zustände und inneres Leben der Individuen immerzu einander bedingend und steigernd bewegen, hier noch einmal vernahmen. Denn die Warnung, sofern sie nicht vor Troja, sondern vor den europäischen Völkern zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesprochen wurde, hat nichts verhütet, hat nur vorausgekündet; der Prophet hat in den Wind gesprochen, dessen Wehen er schon spürte, und der Wind ist zum Sturm geworden. Und wir heutigen Tags sind an den so vorausgesagten Zustand der Auflösung, in dem wir seit langem darin sind, derart gewöhnt, daß wir uns erst historisch zurückversetzen müssen in eine Zeit, wo das, was heute spukender, zerfetzter Rest und dabei Willkürgewalt ist, in seiner Gesundheit, seinem Rechte und seinem Amte stand, in eine Zeit, wo Adel und Rittertum ihre Aufgabe der Landesverteidigung und des Regiments mit gutem Gewissen als Recht und als Pflicht betrachteten. Nichts ist uns heute selbstverständlicher als die Forderung oder demokratische Tatsache, daß der Bauer, der Handwerker, der Arbeitsmann seine Arbeit und private Muße abbricht, um sich über Gesetzgebung, Verordnungen, Verhandlungen aller Art erst zu unterrichten und dann zu beraten und schlüssig zu machen; wir denken gar nicht daran, daß dieser Zustand, in dem die Angelegenheiten des Gemeinwesens nicht besonders Berufenen, Geschulten, Geübten anvertraut bleiben, sondern dem allgemeinen Dilettantismus überlassen sind, daher kommen könnte, daß die Erben der einst Berufenen des Vertrauens unwürdige Usurpatoren und dazu noch Pfuscher geworden sind. Shakespeare aber lebt, äußerlich schon am Rande, seiner Gesinnung nach noch inmitten dieser Welt der ständischen Ordnung, so wie selbst Goethe zwar an und sogar hinter ihrem Ende, aber für sein Wollen und Denken noch und schon wieder in ihr gelebt hat.
Und in dieser Welt der ständischen Ordnung, eines Vorrechts, das nicht ein Privileg mit dem Stempel des Unrechts, sondern ein Rang mit der Aufgabe der Lenkung und Führung war, lebt Coriolan, im Kampf gegen die Tendenzen der Auflösung.
Sehen wir uns seine politische Ethik, seine Anschauung vom Verhältnis der Individuen zur Gemeinschaft, von der Aufgabe des Adels zunächst an. Und zugleich damit seine und seiner Freunde Stellung zum niedern Volk, zu den Massen der einzelnen.
Denn dies vor allem: es geht um ein Ganzes, das ist die Polis, die Politeia, die Stadt, der Staat; die Massen aber sind einzelne, die wild durcheinander wimmeln und toben und einander auffressen würden, wenn nicht das Regiment wäre, das sie zusammenhält und einem Ziele zulenkt. In dieser Zeit, wo das patrizische Regiment von der Auflösung bedroht ist und sich zur Wehr setzen muß, besteht ihm die Menge aus lauter Vertretern des Typus,
der nicht herrschen _kann_ Und nicht gehorchen _will_.
Man kann es etwa auch so ausdrücken: die Machtgierigen, die Tyrannen und Usurpatoren, zu denen Coriolanus keineswegs gehört, betrachten sich als Gottähnliche, als Übermenschen; Coriolan sieht sich und die echten Adligen als eigentliche, rechte Menschen an; die Massen, die weder Klarheit der Einsicht noch Bestimmtheit des Willens haben, sind für ihn Menschen wohl in ihrem Haus und Handwerk -- da achtet er sie durchaus --, aber nicht im Staat; von dem verstehen sie nichts und sollen sich also auch nicht drum kümmern, weil sonst die Auflösung, mit ihr die Gier und die Tyrannei der Willkür kommt. In dieser Rolle der Führenden, Regierenden, Befehlenden, der Vormünder für Unmündige -- unmündig nur in Sachen des Gemeinwesens, das in hoher Sonderung für sich verwaltet sein muß, nicht in die private Ökonomie und den Werkeltag biederer Handwerker vermantscht werden darf -- hat dieser Adel ein gutes Gewissen, soll es haben, so beschwört sie Coriolan. Ordnung und Unterordnung muß sein:
Seid ihr gelehrt, Tut nicht wie blöde Toren; seid ihr’s nicht, Setzt _sie_ [die Plebejer] auf Polstern euch zur Seit’! _Ihr_ seid Plebejer, Wenn Senatoren sie...
Der Staat muß einheitlich sein; er muß die Macht haben, das Gute und Rechte zu tun. Jetzt aber, wo die Patrizier den Plebejern Rechte eingeräumt haben, sie am Staatsleben teilnehmen lassen, sieht er Schlimmes voraus; es besteht eine
Doppelherrschaft, Wo stolz ein Teil mit Grund, frech ohne Recht Der andere; wo Klugheit, Rang, Geburt Nichts machen kann, als nach dem Ja und Nein Des unverständ’gen Schwarms...
Demgegenüber verfechten die Volkstribunen die modern demokratischen Ideen; für sie ist das Ganze nichts andres als die Summe der einzelnen, und das Staatswohl identisch mit dem Wohl der Massen.
Dagegen aber empört sich gerade die Staatsgesinnung; und in der Tat, wäre Rom -- die Stadt -- wäre sie Rom geworden, das gewaltige römische Reich, das heute noch lebt in all unsern Staaten, in allen, gleichviel wie sie heißen, wenn es zu irgend einer Zeit nur oder hauptsächlich auf das Wohl der gerade lebenden einzelnen in den Massen angekommen wäre? Auf diese Demokratenfrage
Was ist die Stadt sonst als das Volk?
erwidert darum auch der Konsul Cominius, Coriolans Freund und Parteigenosse:
Das ist der Weg, zu schleifen unsre Stadt, Das Dach herabzubringen an den Grund Und alles, was noch Rang hat, zu begraben In aufgehäuften Trümmern.
Nein, so empfinden sie alle, diese Ritter, Adligen, Vornehmen, nein, das ist nicht der Zweck des Lebens, nicht die Bestimmung ihrer heiligen Stadt, lediglich die Masse, das „Tier mit vielen Häuptern“, zu ernähren und zu befriedigen. Sie, die Adligen, sie haben ihre besondere Bildung, Ausbildung, Lebensart, sie haben Muße; sie bleiben für Ehe und Nachkommenschaft streng innerhalb ihres Standes; auf den Wegen der Natur und der Gesellschaft sind sie Auslese geworden: darum sind sie die von Geburt Vornehmen, Ausgenommenen, privilegiert nicht zum Genuß, sondern, wohl auch vom Genuß des Lebens her, privilegiert zu ihrer Aufgabe.
Was Nietzsche, von Jakob Burckhardt geleitet, in der Renaissance -- Shakespeares Zeitalter noch -- gefunden hat und was er darum und sowieso in der Form der Vermischung von Adelsordnung und ausbrechender Willkürtyrannei brachte, das hätte er nirgends in so reiner, vollendeter Gestalt finden können wie in diesem aristokratisch-republikanischen Drama Shakespeares.
Wohl aber zu beachten: das ist Coriolan, ist der vollendete Typus des Adelsideals, es ist nicht, nicht ganz und gar Shakespeare. Wir haben in dem schimmernden Ritterkönig Heinrich V. eine nach Gesinnung und Stellung ähnliche Gestalt gesehen, der Shakespeares Bewunderung und Wunsch freilich wohl auch am nächsten stand; aber aus Sehnsucht -- für sich und die Menschheit -- baut der Dichter die Gestalten, an denen sein Herz hängt und die uns zu Mahnern aus großer Zeit, zu Führern oder zum Ziele auf unserm Wege zu werden vermögen; er baut damit auch an seinem Leben, seiner Wandlung, seinem Sichfinden; was alles jedoch in der Unendlichkeit der Vorwelt und Umwelt hat schon früher entscheidend an ihm, dem Menschen, der so dichtet, gebaut? So lebt in Shakespeare auch schon das Neue, die Gärung, die Zersetzung; sonst hätte er nie einen Hamlet schreiben können, die Tragödie dieses Prinzen, der die gesunkene und in Stücke gebrochene Ordnungswelt weder einzurenken noch zu lenken vermag, sie aber, gleich uns andern Plebejern, drunten oder abseits scharf und erschütternd kritisieren muß und darf.
Shakespeares Kunst -- o nein, das ist nicht bloß Kunst, die unvergleichliche Größe seiner Persönlichkeit ist, daß er jedesmal in jedem Drama um seinen Helden herum eine solche Sphäre der Sicherheit, eine so weltweite Atmosphäre, die von seinem, dieses Helden Wesen ganz gesättigt ist, legt, daß wir lange keinen andern Atem schöpfen als die Luft dieses Wesens. In der Welt Coriolans vergessen wir alles, was heutigen Tags auch noch solche Namen führt wie Adel, Herrenkaste, Kriegertum, Staat; wir vergessen, daß inzwischen die Auflösung, die Coriolan bekämpft hat, so Herr geworden ist, daß sie Besitz von allen, auch von unsern Hirnen ergriffen hat; wir vergessen, daß heutigen Tags die Losungen, die einstmals bindende und im Keil vorwärts führende Wahrheit gewesen sind, wir vergessen, daß dieser herrliche Wahn inzwischen zu Gewaltdruck, Gierverkleidung und Lüge geworden ist; wir vergessen die Durchgangszeit, welche die unsre ist; vergessen, daß wir so auseinandergefallen, so in Rückfall geraten sind, daß unsre Verneinungen das einzig Positive sind, das wir haben, und daß darum kein Staat uns mehr einen Geist, dem wir uns fügen, vorstellt, der irgend ein Ziel gegen das Wohl der einzelnen verfolgt; wir vergessen die Zeit und den Tag; all das Trompetengeschmetter, all der soldatisch-kriegerische Adel jener Welt ist uns nicht eine Erinnerung an Äußerliches, das heute in der Welt just noch ein bißchen herrschen will und bei seinem gewaltigen Todesgetöse sich mit den heiligen Worten und Geschmeiden längst vergangener wahrer Geltung ziert: diese aggressive Lust ist uns ein Sinnbild alles Großen, Gebietenden, Tapfern, Edeln in unsern Seelen, das sich inzwischen in ganz andern Gebieten angesiedelt hat, so daß es geschehen mag, daß unser Herz bei Coriolans Kriegsrufen jauchzt, weil dabei die Saiten mitschwingen, auf denen wir bereit sind, tapfer in starken Tönen das Lied von der Friedensordnung der Menschheit und der endgültigen Vernichtung aller feudalen Reste zu spielen.
So bannt uns Shakespeare in den Geist hinein, der sein Drama vom Helden aus erfüllt, und wenn wir ganz drin sind, kann es kommen, kommt es auch bei diesem Stück, daß irgendwo drunten eine ganz andre, eine entgegengesetzte Gesinnung und Menschenart so erschütternd für einen Augenblick ihre Lage und ihre Seele ausspricht, daß über all unsrer ruhig-gesicherten Festigkeit wieder wogend die Allseitigkeit, die Beidseitigkeit, der Übergang und die Auflösung zusammenschlägt. Und sehen wir uns dann, wenn auf einen stolzen Gipfel, den der Dichter gebaut hat, ein Gipfelchen fast mitleidig und verachtend herabblickt, das auch dieser Dichter gebaut hat und das er auch gelten lassen will, sehen wir uns nach diesem Dichter dann nochmals um und wollen versuchen, den Dramatiker, der so erstaunlich gerecht zu sein vermag, zu verstehen, so wissen wir nicht, ob wir diese Gabe harte Stärke oder weiche Schmiegsamkeit nennen sollen; es wird eine weiche, wandelbare, allem leicht hingegebene und von allem gefärbte Seele sein, der die Ausdrucksgewalt eines starken Geistes dient.