Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen

Part 15

Chapter 153,647 wordsPublic domain

„Forscht nach dem Namen nicht!“ und „Hier lieg ich, Timon,“ -- das erinnert doch gar zu sehr an die Legende von dem hilfreichen Mann, der sich von der armen Frau mit den Worten verabschiedete: „Meinen Namen werdet Ihr nie erfahren; ich bin der Kaiser Josef“, als daß wir eine so überhomerische Schläfrigkeit Shakespeare zutrauen dürften. Indessen ist die Textgestaltung, die wir haben, uns nicht von Shakespeare selbst vorgelegt; je zwei von diesen vier Versen bilden eine in sich fertige Grabschrift, die beide Male nichts vorher und nichts nachher erfordern; es besteht also die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Fassungen überliefert waren, die von den Herausgebern der Folio törichterweise beide gedruckt wurden. Allerdings brauchte man sich mit dieser Abweisung noch nicht zufrieden zu geben, könnte vielmehr sagen, auch wenn man die Grabschrift halbiere, bleibe doch jede, die zur Auswahl stehe, ein gleichermaßen elend versifiziertes Sprüchlein, das in seltsam kindlichem Widerspruch stehe zu der sprühenden Geist- und Sprachgewalt Timons. Ist ein so kümmerliches Gemächte Shakespeare als Krönung eines Stückes, in dem in den Hauptszenen eine so prachtvoll starke Sprache geredet wird, zuzutrauen? Darauf aber kann ich nicht ohne weiteres glatt Nein sagen; ein sehr seltsamer Umstand macht mich betroffen. Wir haben eine andere Grabschrift, von der eine gut beglaubigte und nicht leicht zu verachtende Tradition behauptet, Shakespeare habe sie gedichtet oder zum wenigsten bestimmt: Shakespeares eigene nämlich, wie sie sich auf seinem Grab in der Pfarrkirche zu Stratford befindet. Die ist nicht nur gerade so kläglich, sondern auch in der nämlichen Art elend: in weinerlichem Bänkelsängerton gehalten, der, wenn er nicht Persiflage ist, gewiß mehr an Jahrmärkte erinnert als an die hohe freie Würde und Ausdrucksgewalt Shakespeares. Und dabei können wir uns daran erinnern, daß dieser volkstümliche und kindlich einfältige Leierton, wie er auch von Gower in den Prologen zu Perikles gesprochen wird, auch sonst manchmal von Shakespeare zur Zusammenfassung an solchen Stellen gewählt wird, wo das Ernste und Furchtbare aus der Form des Spielerischen nicht hinausfallen soll, zum Beispiel in Verschen, die in Maß für Maß der Herzog zu sprechen hat.

Ich bleibe also dabei: man kann das Rätsel Timon teils lösen, teils, weil es sich mit anderm Rätselhaften in Shakespeares letzten Lebensjahren eng berührt, Rätsel lassen, ohne einen zweiten Verfasser zu bemühen.

Um die äußern Daten der Textüberlieferung steht es sehr einfach: wie viele andre Stücke ist Timon für uns erstmals in der ersten Folio von 1623, und zwar als vierte der Tragödien gedruckt worden. Wann das Stück zuerst auf der Bühne erschien, ob es bei Shakespeares Lebzeiten auch schon erschien, wissen wir nicht. Ein andres Stück Timon in der Art gelehrter Schulkomödien, das aus dem Jahr 1600 stammt, ist bekannt; es hat gar keinen Berührungspunkt mit unserm Drama.

Von Timon muß Shakespeare eine Erwähnung in Plutarchs Antoniusbiographie gelesen haben; da findet sich auch der Name des Zynikers Apemantus. Dann ist der Stoff von William Paynter, den Shakespeare auch sonst benutzt hat, als Erzählung behandelt worden. Einige Züge stammen -- gleichviel, wie sie auf Shakespeare kamen -- aus den Dialogen Lucians.

Das Stück zerfällt in zwei parallele Teile, deren erster den reichen und mächtigen, der zweite den durch seine verschwenderische Freigebigkeit verarmten Timon zeigt. Die Erfahrungen, die Timon macht, sowie er arm wird, stürzen ihn nun ganz plötzlich, ohne jede Vorbereitung oder Überleitung, in grimmigsten, schimpfenden Menschenhaß, er geht in die Einöde, in Wald und Höhle, und hat auch für die, die ihm treu geblieben sind oder nichts zu Leide getan haben, keine rechte, keine schöpferische Liebe mehr.

Man erhält gar sehr den Eindruck, daß das übrige Stück nur rasch und leicht hingeworfen ist um der maßlos ausschweifenden Haß- und Schimpfreden Timons gegen das Menschengeschlecht willen. Daneben geht noch eine locker und schlecht mit der Haupthandlung vernestelte Kontrasthandlung: die Athener zeigen sich auch gegen ihren Feldherrn Alkibiades undankbar; der aber flieht sie nicht, sondern führt Krieg gegen sie und besiegt sie.

Alle ziehen sie aus dem reichen Timon, der nur so drauf los schenkt und übrigens auch geistig einer aus der Zunft von der „schenkenden Tugend“ ist, da er sich durch weisen Rat ums Vaterland verdient macht, ihren Vorteil: Staatslenker, Hausfreunde, Wucherer, Tellerlecker, Juweliere, Maler, Dichter; alle umschmeicheln ihn und er merkt keine Falschheit, lebt vielmehr in Freude und Harmonie, weil er Gutes tun und beglücken kann:

Wozu wären uns Freunde nötig, wenn wir sie niemals in der Tat nötig hätten?... Ja, ich habe mich oft ärmer gewünscht, um euch näher zu kommen. Wir sind geboren, Gutes zu tun, und was nennen wir wohl besser und eigentlicher das unsrige als die Reichtümer unsrer Freunde?

Diese Freunde beschenken ihn denn auch in der Tat sehr reichlich; er merkt bloß nicht, daß sie es lediglich tun, weil sie sicher sind, noch mehr von ihm zurückzuerhalten.

Er ist ein Mann, der Vertrauen zu vielen, fast zu einer ganzen Stadt hat; er glaubt an Gemeinschaft und Gegenseitigkeit. So kennt er nichts Köstlicheres als Geselligkeit. Drum will er auch von dem Zyniker Apemantus nichts wissen, der mit berufsmäßiger Galle in alle Häuser geht und alles höhere Leben, alle Lebensfreude schmäht, ohne daß er je böse Erfahrungen mit den Menschen gemacht hätte. Man ahnt hier einen fein angelegten Gegensatz zwischen dem Gewohnheitspessimisten, der in seinem Handwerk, besser gesagt, Mundwerk des Schlechtmachens eigentlich immer guter Dinge ist, und unserm Timon, den das Leben, ein gehäuftes Bündel furchtbarer Erfahrungen erst zur echten Verzweiflung und dann zum Tode bringt. Im zweiten Teil kommt denn auch dieser Gegensatz ausführlich zur Sprache; aber so recht lebendig, wie der große Shakespeare gerade den Kontrast äußerlich ähnlicher Naturen sichtbar zu machen imstande war, tritt er nicht hervor.

Dann also stellt sich heraus: Timon ist in jedem Betracht ein Verschwender gewesen. Nun ist er am Bettelstab und verschuldet. Erst verzweifelt er darüber gar nicht; er erwartet sich jetzt die Freude, die er sich schon immer gewünscht hatte; der Augenblick ist gekommen, wo die Freunde sich erproben werden. Zu seinem treu teilnehmenden Haushofmeister meint er dann:

Du sollst sehen, wie du Mein Glück verkennst; reich bin ich, reich in Freunden.

In ein paar typischen Komödienbeispielen sehen wir dann aber, wie diese Freunde ihrerseits nur reich an Ausreden sind. Und über Timon kommt, besinnungraubend, umwerfend und umwälzend, die Wut. Noch einmal ladet er zu einer großen Gesellschaft ein. Schon glauben die Stammgäste seines Hauses, er hätte sie bloß prüfen wollen, und sein Reichtum sei gar nicht verschwunden; aber in den Schüsseln kommt bloß warmes Wasser auf den Tisch,

Deckt auf, ihr Hunde, und leckt!

Nichts mehr als Grimm und Bosheit ist in ihm:

Dampf und lauwarm Wasser Ist ganz euer Ebenbild.

Leidenschaftlich schmähend wirft er die Schüsseln nach ihnen und eilt verzweifelt hinaus.

Es folgt nun der vierte Akt, um deswillen allein fast das Stück geschrieben scheint: eine barocke Ausschweifung wilder, leidenschaftlicher Sprache der Verachtung fast ohne gleichen. Der Akt bringt vier große Monologe Timons des Einsamen und vier große Gespräche: mit Alkibiades und seinen Hetären; mit dem Zyniker Apemantus; mit den Dieben und mit dem treuen Hausverwalter Flavius. Aber er bringt mit alledem keine Entwicklung, keine Steigerung; und selbst das famose Motiv, daß Timon draußen, fern von den Menschen, in der wilden Natur einen Goldschatz findet und wieder reich sein könnte, wenn er nur wollte, wird nur äußerlich aufgesetzt und führt nicht zu einer inneren Krönung, findet Anwendung nicht auf ein Menschenleben und dient nicht wahrhafter Seelenerschütterung, sondern nur einer allerdings grandiosen Rhetorik, die im üppig wallenden Mantel der Leidenschaft auftritt.

Shakespeare kommt es hier nur auf das eine Thema an, das er virtuos variiert: die Gemeinheit der Menschen in ihrer Beziehung zum Geld, wie sie jetzt von Timon erkannt und mit seinem Fluch auf das Menschengeschlecht und alle Stände bezahlt wird. Durch diese ihre eigne Gemeinheit sollen die einzelnen Berufsklassen diesen Fluch an einander zur Erfüllung bringen, soll jeder den andern verletzen, bestehlen, betrügen, verwunden, umbringen. Die Leibeigenen sollen nur dreist stehlen, ihre „strengen Herrn“ sind ja selbst „langarmige Räuber“;

Magd, in des Herren Bett! Die Frau ist im Bordell!

Im Wald, mit dem Wild zusammen will er leben, das nicht so wild ist wie die Menschenbrut. Dabei ist er aber doch nicht in der Rousseauschen Stimmung, der Mensch sei böse geworden, die Natur sei gut. Für ihn, wie er jetzt in die Welt blickt, gibt es gar keinen Trost; denn den Urgrund für die Niedrigkeit der Menschen findet er in der Fehlerhaftigkeit der Weltordnung. Es ist in der Natur so eingerichtet, daß es Leben nur gibt durch Raub des Lebens; was da lebt, muß andre lebendige Wesen vernichten, um leben zu können. Und gar eine Erhöhung, eine Bereicherung kann es in der Welt nur geben durch Beraubung eines andern. Aber er sieht tief und schnell; ja nicht soll man nun nach dem Äußern urteilen und den Entbehrenden und Beraubten für den bessern Menschen halten. Der Bettler darf sich nicht besser dünken als der reiche Senator: mögen sie nur die Plätze tauschen, gleich benimmt sich der Bettler wie der Reiche.

Schief ist alles; Nichts grad’ in unserm fluchbeladnen Wesen, -- Als zielbewußte Schurkerei. Ein Abscheu Sind alle Feste, Volksgewühl, Gesellschaft! Timon haßt seinesgleichen; ja, sich selbst. Vernichtung wetz’ die Hauer auf die Menschheit!

Die Menschen sind denn doch in der ganzen übeln Natur die schlimmsten. Wie so mancher Menschenfeind wendet Shakespeares Timon die Liebesmöglichkeit, die noch in ihm ist, dem Hunde zu, nicht in der Tat freilich, nur wieder im Sprachbild, wenn er zu Alkibiades sagt:

Ich bin Misanthropos und hass’ die Menschheit. Doch du, ich wollt’, du wärst ein Hund, daß ich Ein wenig dich noch lieben könnt’.

Was ist er denn jetzt, als Mensch, dieser Feldherr? Ein Kriegsmann, ein Menschenschlächter.

Fort, der Trommel nach! Bemal’ mit Menschenblut den Grund rot, rot!

Aber auch der Krieg ist noch entschuldigt; ist denn nicht alles, was Menschen tun, Zerstörung? Den Krieg nimmt er in seiner grimmig anschaulichen Art personifiziert, als ein Vorhandenes, Lebendiges, das sein Wesen erfüllen und sein Daseinsrecht ausüben muß; und da fragt er:

Grausam sind göttlich Recht und Menschensatzung; Was soll denn Krieg sein? Deine Hure da Hegt in sich mehr Zerstörung als dein Schwert, Trotz ihrem Engelblick.

Sie nämlich, die feile Dirne, hat diese Kraft der Verderbnis in Verbindung mit dem Zerstörungsmittel, das in der menschlichen Gesellschaft aufgekommen ist und das von allen das schlimmste ist: das ist das Geld!

Daß er, der sich von allem abgewandt hat und nichts mehr will, beim Wurzelgraben einen Schatz findet, ist ihm nur ein Hohn. Immer neue Ausdrücke wirft er dem Geld entgegen: gelben Sklaven nennt er es, verdammte Erde,

Der Menschheit allgemeine Hure, die du Unter der Rotte der Nationen Krieg Und Zwietracht stiftest;

einen starken Dieb schilt er es, der davonläuft, wenn sein Herr schwach auf den Beinen wird und nicht mehr aufrecht bleiben kann.

Und nun -- was alles mehr in der Art der allegorischen Gedichte ist, deren Meister Spenser war und denen Leidenschaft und Wucht des Ausdrucks und Bildes keineswegs fehlte, als in der Art der Wirklichkeits- und Herzenstragödie Shakespeares -- nun wandelt sich mittels des Schatzfundes Timons Klage und Schimpf in aktive Verfolgung. Er behält in seinem Haß so viel von dem Schatz, der für die Fristung seines Lebens, wie er sich’s jetzt eingerichtet hat, ganz wertlos geworden ist, daß er damit die Menschen, zumal die Athener, verderben kann. Dem Alkibiades gibt er Geld, damit er Krieg führe gegen diese Athener, die ihm das Urbild lasterhaft zivilisierter Menschheit sind. Das ist ein Anlaß nicht zu einem Fortgang der Handlung, sondern zu einer neuen Variation der Rede. Ein fürchterlicher Ausbruch des Menschenhasses knüpft sich daran; grauenhaft wird das Bild des Vernichtungskriegs entworfen, und bei all diesen Schreckensbildern findet Timon in wütigem Grimm, daß die Menschen alle, bis auf den Säugling herunter, mit Recht auszutilgen sind:

Sei wie Planetenpest, wenn Zeus sein Gift In kranker Luft auf städtischen Lasterpfuhl Herab läßt tauen; keinen schon’ dein Schwert!... Fluch allen Wesen! Säe Vernichtung; hast du ausgetobt, So treffe dich Vernichtung!

Den Dirnen gibt er Gold, um sie recht verführerisch geschmückt auf die Männer loszulassen.

Auszehrung säet Ins hohle Mannsgebein!

Und wie malt er sich’s nun aus! Und wie hätte ein andrer Shakespeare dieses hämisch, schmatzend vorwegnehmende Genießen der Rache zu Timons Charakteristik, zur Fortführung der Seelenentwicklung und äußern Handlung benutzt; hier aber bleibt alles grandiose Strafrede, ein dramatisch eingekleidetes Gedicht, das aus dem Abgrund einer leidenschaftlichen Weltempfindung herausschlagende Wetter gegen Gott und die Welt losplatzen läßt. Der Anwalt soll durch den Umgang mit diesen Weibern die Stimme verlieren; dem Priester, der lügnerisch gegen die Schwäche des Fleisches zetert und doch zu diesen Weibern geht, soll der Aussatz die Nase aus dem Gesicht fressen; der Kriegsbramarbas, der keine Wunden hat, soll durch sie kennen lernen, was Schmerzen sind.

Verpestet alles, daß Die Quelle aller Zeugung durch euer Wirken Ausdörre und ersticke.

Das Furchtbare an dieser Haß- und Fluchgewalt der Rede ist denn doch ihre Wahrheit, die in der Beziehung zur Wirklichkeit liegt: die ausschweifendste, gierigst suchende Phantasie des Würgengelvernichtungswillens kann keine Plagen ausmalen und wünschen, die mehr wären als Vervollständigung und eine Art systematische Ordnung der Schrecknisse, die in Natur und Menschenwelt da sind.

Die Allegorie nimmt wieder eine neue Wendung. Nun, wo es sich herumgesprochen hat, daß zu Timon wieder Geld gerollt ist, bekommt er einen Besuch nach dem andern. Und so suchen ihn auch die Diebe auf. Die aber behandelt er mit Auszeichnung und erklärt sie im Gegensatz zu den andern, den sonst geachteten Klassen der Gesellschaft, für ehrliche Diebe; sie treiben ja das Stehlen als ihr erklärtes Handwerk:

Ich weiß euch Dank, Daß ihr als Diebe euch bekennt, euer Treiben In frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle, Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.

Es ist ja, in der ganzen Natur, alles Dieberei: Sonne, Mond, Wasser und Erde, -- eins bestiehlt das andre. Aber -- wir kennen das Schema schon -- wie viel ärger ist’s gar unter den Menschen!

Dieb ist alles: Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt, Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.

Wir kennen das Schema schon: in der Tat, legt man den formalen Maßstab an, fragt man, ob das ein Drama sei, ob da Menschen, ob seelische Gewalten einander gegenübergestellt werden, so kommt man immer wieder darauf, daß hier nicht die Sprache dem Ereignis und das Ereignis dem Geheimnis des Innersten dient, sondern daß die Vorgänge ein Zubehör der Sprache sind; die dramatische Begleitung der Rede ist wie die ~Biblia pauperum~ Bildersprache. Sehen wir aber davon ab und wenden uns der geistigen Bedeutung der Erkenntnisse zu, die Shakespeare mit solchen Mitteln zum Ausdruck bringt, so ist zu sagen, daß Shakespeare hier mit klaren Worten und Begriffen die radikale Kritik unsrer auf dem Eigentum beruhenden Rechtsordnung, unsrer vom Rechtswesen gesicherten Eigentumsordnung, die sozialistische Kritik Proudhons und seinen zusammenfassenden Satz: Eigentum ist Diebstahl vorweggenommen hat. Und was so in Worten erklärt wurde, wird dann auch mit der Handlung illustriert, so daß wir als in einem Notwendigkeitszusammenhang die beiden sehr verschiedenen und doch, solange Menschen Menschen sind, zusammengehörigen Seiten der Anarchie beisammen haben: Timon beschenkt die Diebe reichlich und schickt sie, die nunmehr besser für ihr Handwerk ausgerüstet sind, nach Athen:

Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, was Ein Dieb nicht vorher stahl.

Köstlich ist nun aber, und das beste Stückchen der Handlung, obwohl auch das nicht wahrhaft ins Menschliche verfolgt ist, sondern nur den Entwurf eines Menschentums anlegt, wie es hinter aller Berufsteilung des Lebens und Typenteilung der Komödie steckt, köstlich trotzdem und ein herrlicher Gipfel in der sozialen Erkenntnis, die hier stufenweise zu Wort kommt, wie Timons Reden und Geschenke auf die Diebe wirken: sie, die Ausgestoßenen, verstehen die Herkunft seines Menschenhasses, erkennen hinter all dem geifernden Grimm den reinen, edeln Idealismus, sie schämen sich und wollen ehrlich werden!

Nun aber kommt der Mann zu Timon in die Einöde zu Gast, der von Anfang an treu und redlich gegen ihn war: Flavius, sein Hausverwalter. Der ist so traurig, daß er selber ganz nah am Menschenhaß ist:

Wie herrlich das auf unsre Zeiten paßt, Wenn uns gelehrt wird: Liebt den, der euch haßt! Fürwahr, eh lieb ich meinen offnen Feind Als den, der feindlich ist und freundlich scheint.

Da bekommen wir eine ganz überraschende, kecke Umdeutung des Christuswortes: Liebet eure Feinde; die neue, bissige Version lautet: Liebet jedenfalls eher die Feinde als die sogenannten Freunde! Die Keckheit beruht darin, daß formal das erhabene Gebot beibehalten ist: Liebt den, der euch haßt! daß aber doch fast eine Umkehrung daraus wird: Liebe ist Lüge; im Haß ist Wahrheit!

Diesem Getreuen gegenüber wird Timon weich; ihn beschenkt er, weil er es verdient; nicht, um ihn mit dem Gold oder die Menschen mit seiner Hilfe zu verderben; aber er knüpft eine arge Bedingung an das Geschenk, das ohne sie auch widerspruchsvoll wäre:

Bau’ von Menschen fern; Hass’ alle, fluche allen, tröste keinen!

Flavius, der untergeordnete Angestellte, wird hier -- trotz der Erkenntnis, die Timon zu Wort gebracht hat, daß auch der Arme nichts taugt -- den unabhängigen Reichen so als besserer Mensch gegenübergestellt, wie die Diebe den Besitzern. Aber schon vorher konnten wir in der Dienerszene sehen, wie diese armen Domestiken alle treu und liebevoll zu Timon und zu einander hielten; wie sie fortwährend die liebreiche Anrede ~fellow~, Kamerad, untereinander austauschten; und Flavius, der sein Letztes unter ihnen geteilt hat, gründet unter ihnen eine Art Timon-Orden:

Wo wir uns wiedersehn, laßt Timons halber Uns Kameraden sein.

Auch das greift indessen nicht weiter in die Handlung ein: innerlich ist diesem Stück keine Entwicklung vergönnt. Äußerlich freilich, rhetorisch wieder, ist es ein famoser, glänzender Komödien-, noch besser gesagt, Anekdotenschluß, wie nun in der Reihe der Gäste die Senatoren kommen, um schamlos oder patriotisch in der Not des Vaterlandes den, der voll Ekel vor ihnen geflohen ist, gegen Alkibiades und sein Heer zu Hilfe zu rufen, wie er sie in langer Ironie täuscht und hinhält und ihnen ein Mittel, ein unfehlbares, verspricht, durch das sie aller Gefahr entrinnen können:

Es wächst ein Baum in meinem Waldbezirk, Den nächstens ich zu eigenem Gebrauch Umhauen muß. Sagt’s meinen Freunden an, Sagt’s in Athen, in jeder Abstufung Vom ersten bis zum letzten: Wer da wünscht, Sein Leid zu enden, solcher komme spornstreichs Hierher, eh noch mein Baum die Axt gespürt, Und häng’ sich auf. -- Bestellt recht schönen Gruß.

Wir wissen, das ist mehr als böser, plagender Spaß. Weltschmerz, ja, Weltwut äußert sich so, die keine andre Erlösung weiß, als dem Leben ein Ende zu machen. So ist es einer der stärksten dichterischen Züge dieses Stückes, daß Timon in diesen Worten, mit denen er den verachteten Athenern, die seinen Rat begehren, den Rat gibt, sich aufzuhängen -- so wie Shakespeares Coriolan sich den Römern gegenüber die Redensart angewöhnt hat: Hängt sie! --, daß Timon da ein paar Wörtchen einfließen läßt, in denen er seinen eignen Freitod ankündigt. Nächstens, sagt er, werde er den Baum, an dem er am liebsten die Athener gehängt sähe, zu eigenem Gebrauch umhauen müssen. Wir erfahren es bald, zu welchem Zweck: um sein Grab zu bauen. In seinen ungeheuren Gewaltreden hat er sich ganz ausgegeben; es gibt für ihn so wenig wie für die Tragödie, die von ihm handelt, einen innern Fortgang; er hat nichts mehr auf der Erde, nichts auf der Bühne zu suchen: er verkriecht sich und stirbt, ohne daß wir dabei sind, ohne daß der Dichter darauf ausgeht, uns mit diesem Sterben in der Verlassenheit menschlich zu erschüttern. Goethe hat schon recht: Molière, der große Komödiendichter, hat aus seinem Menschenfeind den Helden einer Tragödie, Shakespeare, der größte aller tragischen Dichter, hat aus Timon eine Molièrekomödie, allerdings mit Shakespearischer Sprachgewalt, gemacht, und Timons Tod sogar ist eine Art epigrammatisches Auftrumpfen, ein Komödienschluß.

Von diesem Helden einer fast allegorisch zu nennenden, dramatisch nur eingekleideten vehementen Predigt, in der die Übergangsszenen der Handlung lässig und unlustig hingeworfen sind, von diesem Menschenfeind und Feind seines Volkes und von seiner Ergänzung Alkibiades, der den Krieg seinem eignen Volk ins Land trägt, gehen wir nun in der nächsten Betrachtung zu jenem andern Adelsmann über, der eben schon genannt wurde, zu dem Verbannten, Volksfeind und Kämpfer gegen sein Vaterland Coriolan. Wie anders wird der zuinnerst und in der Art, wie er steht und geht, lebendig werden als Timon; wie wird Coriolan ein Mann und ein Mensch sein, wo Timon ein Exempel ist; was werden ihn in mannigfaltiger Abstufung für Römer und Römerinnen umgeben gegen die Puppen von Athenern, die wir hier finden! Einmal noch, zum letzten Mal also, werden wir da den Shakespeare zu uns sprechen lassen, der uns mit der Geschichte der Seele die Seele der Geschichte gibt. Dann, nachher, wollen wir sehen, wie der Shakespeare, der die Moralität von den wunderbaren Reisen des Perikles und die Satire von Glanz und Wut Timons des Menschenfeindes gedichtet hat, auch in diesem Stil noch wieder aufwärts steigt zu reiner Höhe der Milde, der Heiterkeit, der Weisheit, in dem Drama von Imogen, im Wintermärchen, im Sturm. Die Märchen- und Meeres- und Sphärenmusik des Sturm klingt schon in den Reisen des Perikles an, wie auch Miranda in manchem an Marina, die Tochter des Perikles, erinnert; aber der letzte Aufwärtsweg, den wir mit Shakespeare machen, ist noch weit, so weit wie von der gequälten Wut Timons des Menschenfeindes zu der Überlegenheit Prosperos, der das innerste Grauen der Welt kennt und den unrettbar verworfenen Caliban im Urgrund der Welt und des Menschengeschlechts finden muß und dennoch, heiter in Düsterkeit, Ruhe und Liebe nicht aufgibt.

Coriolan

Coriolan ist das dritte und letzte Stück, das Shakespeare nach Plutarch aus der römischen Geschichte behandelt hat. Über die Zeit der Abfassung oder der ersten Aufführung liegt uns kein Bericht vor; auch sonst fehlen äußere Merkmale, aus denen etwas zu schließen wäre. Ich folge denen, die auf Grund der Sprache und der Verstechnik die Jahre zwischen 1608 und 1610 als Zeit der Abfassung annehmen: ich möchte glauben, daß Antonius und Cleopatra und auch Timon von Athen vorher gedichtet sind. Man könnte aber nicht leicht drei Stücke eines Verfassers nennen, die sich nach Aufbau, Stimmung, seelischer und poetischer Technik radikaler von einander unterschieden als diese; Shakespeare war gerade in seiner letzten Periode zu mehreren, sehr verschiedenen Darstellungsarten geneigt und war vielleicht jetzt mehr ein Suchender als je.