Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen

Part 10

Chapter 103,719 wordsPublic domain

Und wir empfinden, wie der Elende, der von hoher Herrlichkeit so hinuntergestürzt ist, als blinder Bettler ergeben am Wege sitzt, sein noch unerkannter Sohn bei ihm, von diesem Vater verstoßen und auch im selbstgewählten nackten Bettlerdasein, wir empfinden in tiefster Seele die alte Weisheit: Es ist alles eitel; alles, was zur innersten Verborgenheit des Wesens als Aufputz und Zierat dazu kommt. Und in diesem Augenblick tritt Lear der König auf; wieder ganz herrisch für diesen Augenblick; und da dem Abgerissenen, der durch Wälder und Felder gerannt ist, der Königsornat fehlt, hat er sich mit Blumen ausgeschmückt. Der Wahnsinn hängt nun dicht und schwer über ihm; aber auch in dieser lastenden Wolke verfolgt er sein seltsames Lernen weiter. Zum König hat er sich jetzt wieder gemacht, um lebendig in seinen einstigen Zustand zurückgreifen zu können und mit besserer Einsicht sein Königserlebnis mit den Menschen zu wiederholen. Wie hatten sie ihm die Welt mit Schmeicheleien verhüllt; „Ja“ und „Nein“ zugleich zu allem gesagt, was er vorbrachte!

Ja und Nein dazu, das war keine gute Religion! Als der Regen kam, mich zu durchnässen, und der Wind, mich schaudern zu machen; als der Donner nicht einhalten wollte auf meinen Befehl, da fand ich sie, da witterte ich sie aus.

Die unerbittlich wahre Natur, die außer der Sprache ihrer Taten nicht noch eine der Bemäntelung und Lüge hat, hat diesen Fürsten, der von Lüge erstickt war, in die Schule genommen. Und nun ist er, der Selbstherrscher, der König von Götter Gnaden, in Not und Wahnwitz zur selben Erkenntnis gekommen wie Richard II. in dem Augenblick, wo man ihn der Macht entkleidete:

Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen; das Fieber ist stärker als ich.

Nun merkt er die Schranken, die Gleichheit alles dessen, was von Menschenhaut umspannt ist; seine Hand „riecht nach Sterblichkeit“. So hatte es Richard gesehen:

Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir: Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel, Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde. So unterworfen, -- kann ich König sein?

Und jetzt, wo Lear weiß, was der nackte Mensch ist, jetzt weiß er auch, wie in dieser Welt der Kostüme, der Lüge, der Politik von Würdenträgern, Beamten, Richtern Unrecht geübt wird. Hör’ zu, blinder Mensch im Staub, der du dich freiwillig von der höchsten Klippe hinunterwerfen mußtest, um zu dir selbst zu kommen, hör’ zu, wie dein König auf Elends- und Wahnsinnswegen aus dem Lager seiner politischen Töchter hinweg endgültig zu Cordelia, zur Menschheit, zur Echtheit heimgefunden hat! Was hat er denn selber in seinem Königsornat geübt? Willkür! Laune! Und seine Beamten? Ach, du Blinder, das kannst du merken, ohne zu sehen. Hör’ nur hin, wie der Richter sich über den armseligen Dieb erhebt!

Wechsle die Plätze, dreh die Hand um, horch hin: wer ist der Richter, wer der Dieb?

Er gewahrt alles in bewegten Bildern, er erlebt die Wahrheit in lebendiger Aktion:

Hast du wohl einmal gesehn, wie ein Pächterhund einen Bettler angebellt hat? -- Ja? -- Und der Tropf lief vor dem Hund davon? -- Da hast du das große Bild der Autorität: einem _Hund_ im _Amt_ gehorcht man.

Alles, was er je gesehen, was in seinem Namen geschah, wird in ihm aufgerührt; und zugleich melden sich die Triebe, die ihm sagen: wir Herren, wir Gebieter, wir strafenden Richter und Henker, wir spielen eine Rolle; wir stellen uns an, als wären wir wie unser unbefleckter Mantel, als wären wir unser Amt; und was sind wir in unsrer Wirklichkeit, in unserm Leib? Die scharfe Erkenntnis, die sich im Ton der zugleich unerbittlich logischen und bildkräftigen Prosa geäußert hat, schwingt sich -- wie so oft in diesen Szenen Lears -- wie zu dichterisch gesteigerter Proklamation auf:

Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand! Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst! Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofür Du sie zerschlägst.

Da haben wir in Lears Erkenntnis das Motiv, das sich in Maß für Maß zum Drama ausgestaltet hat.

Der Wuchrer hängt den Gauner. Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl; Ein reich Gewand deckt alles.

Die Klarheit, wie’s in der Welt zugeht und was die innere Wahrheit der Dinge ist, kommt jetzt; aber es ist ja zu spät; sein alter Leib hält’s ja nicht mehr aus; sein Geist ist ja dieser fieberhaften Anstrengung nicht mehr gewachsen. Es geht alles wirr und wüst durcheinander; er kann ja schon nicht mehr leben, wo es jetzt in ihm anfängt zu tagen. Manchmal ist er in hoher Erkenntnis und einmal in höchster; da eint sich sein alter Königsstolz mit der erhabnen Einsicht eines Augenblicks; der Ekel hatte ihn übermannen wollen über diese feile, gemeine, verbrecherische Welt der Lüge; aber wenn man erst so nah der Enthüllung ist, braucht’s nur noch einen Schritt; er tut ihn: Der Reiche entgeht dem Speer des Gesetzes; der Arme wird vom Strohhalm eines Zwergs gefällt; schon will er sagen, daß alle, alle Sünder sind; aber königlich hoheitsvoll kommt jetzt die Demut über ihn; wie viel weiter ist er nun in diesem Moment als in der Wetternacht, wo er in der Hütte des armen Toms die Töchter vors Gericht schleppte:

Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner. Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht, Des Klägers Mund zu stopfen.

Was für eine Macht ist das, die da mit all seiner Königshoheit auftritt? Seine Erfahrung im Unglück und in der Herrlichkeit; sein Leben in beiden Reichen: er versteht sich jetzt auf das Leben der Enterbten und auf die Innerlichkeit der Obrigkeiten; er ist ein Mensch geworden, der das Bewußtsein seiner selbst und das Bewußtsein seines Gegenübers zugleich hat; aber o Jammer! nur wie Fetzen blauen Himmels, die die Wolkenschicht mal öffnet, mal schließt, sind diese höchsten Momente; schon im nächsten Augenblick tollt ihn die Verrücktheit wieder in seinen alten Königswahn hinein, und der Monarch ruft ungeduldig, herrisch die Diener herbei, die nicht da sind, ihm schnell die Stiefel auszuziehn! So ist er in dem Augenblick, wo die Abgesandten Cordelias ihn auffinden, in völliger Raserei. Dann aber kommt er in Pflege, in die behutsame, liebevolle Pflege Cordelias und ihres guten Arztes. Der heilt ihn mit Ruhe, mit Schlaf und weckt ihn schließlich mit sanfter Musik. Und nun möchte ich Adalbert Stifter das Wort geben, dessen Schilderung einer Lear-Aufführung am Burgtheater mit Anschütz, die er in seinen „Nachsommer“ verflochten hat, das Schönste ist, was je über diese Tragödie geschrieben wurde:

„Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte diese fremde Frau für sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet kniend und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung.“

Der Unterricht des alten Mannes ist vollendet: er -- jeder Zoll ein König! -- hat Demut und Selbstüberwindung gelernt. Wie er die Demut, als er noch in Wahnsinnsform den Wahn seiner Königswut durchbrach, verkündet hatte, so kann er sie jetzt in letzter Klarheit und Würde vor dieser reinen, kindguten, herb wahren Frauengestalt üben, die er geliebt hatte, ohne sie zu kennen, sie, die an seinem Hof die Echtheit, die Natur, die Seelenschönheit repräsentiert hatte.

Und wie hatte er, gerade noch in seiner letzten Raserei, wo alles Verhohlene in ihm aufgewühlt wurde und er zu den letzten Gründen des tierisch Allzumenschlichen vordrang, in wüsten sexuellen Bildern gegen die Weiber gewütet! Die beiden andern Töchter traf’s -- wir haben ja ihr aus Herrschaftsgier, aus wonnigem Verlangen nach der Gemeinheit und aus edlerer Sehnsucht gemischtes ehebrecherisches Treiben mit dem Bastard miterlebt, das nun noch weitergeht:

Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren, Wenn oben gleich ganz Weib. Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung, Doch drunter ganz des Teufels...

Es ist eine tiefe Erkenntnis Shakespeares -- fast haben wir ihn doch über dem Erleben dieser Gestalten vergessen, die alle seines Geistes, seiner Natur, seiner Kunst Geschöpfe sind --, daß er den Machtkitzel zu allerletzt auf einen Wahn zurückführt, der mit anderm Namen Wollust heißt. So weit die ichsüchtige Lüsternheit sich von ewiger Liebe entfernt, so weit irrt die Herrschgier von der geordneten Eintracht zwischen den Menschen ab; und beides ist dasselbe, derselbe Fehl unsrer schwachen, gemengten Menschennatur: daß wir erraffen und haben müssen, um unsres Ich und der Nächsten sicher zu sein, daß wir haben müssen, um zu sein.

Was in ihm Wutmanier, Herrensinnlichkeit und gebieterisch besitzende, besessene Wollust der Wirklichkeit war, das haben Goneril und Regan, die politischen Schwestern, als Erbe bekommen; Cordelia, ein völlig weiblicher Mensch, hat vom Vater die ursprüngliche gute Anlage, die, da sie aus ihm herauskommen konnte, in ihm von je da war, und die wir an einem Zug gemerkt haben, der dem Vater und seinem Kind gemein ist, von dem wir aber an den Schwestern nicht die kleinste Spur finden: Kindlichkeit. Mit der Kindlichkeit steht alle Reinheit unsrer sexuellen Natur in tiefem Zusammenhang; das mädchenhaft Holde dieser Tochter, die ihrem Vater nicht von ihren Gefühlen zu reden vermochte, ihre Seelenkeuschheit entstammt dieser Unschuld, daß sie als reifer Mensch und liebende Frau geblieben ist, wie sie als Kind war. Und mit diesem seinem Kinde zusammen wird der Mann, der vordem so oft ein kindischer Wüterich gewesen und dessen unerzogene und verzogene Willkür trotz dem Grundguten seiner Natur der Schlechtigkeit so nah gekommen war, nun, wo’s zum Ende geht, sanft und kindlich. Nicht aber bloß so, wie man im gemeinen Leben von einem sanften und kindlichen Menschen spricht; wir haben schon, als die Wut tobte und die Krankheit verzerrte, gemerkt, daß da ein ungemeiner Mann sich herausarbeiten will; jetzt ist er das Urbild dessen, der überwunden hat, und hat ganz den Geist seiner Haltung. Wie die Schlacht für Cordelia und ihr Heer unglücklich ausgeht und Lear samt seiner Tochter in Gefangenschaft gerät, macht er sich aus diesem Schicksalswechsel gar nichts, nicht einmal für sein Kind; er ist, was er nie hat sein können, fröhlich: in gleichmäßiger Ruhe heiter, gelassen über die Wechselfälle der Ereignisse hinweg:

Wir wollen ins Gefängnis Und wie zwei Vögel in dem Käfig singen.

... So woll’n wir leben: Man betet, singt, sagt alte Märchen, lacht Der goldnen Falter, hört wohl armer Leute Gered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit... Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen, Als sei’n wir Gottes Späher; überleben Im Kerker Sekten und der Großen Streit, Was ebbt und flutet mit dem Mond...

Man sieht, aus der Welt jeglicher Gier und Macht ist er völlig ausgeschieden; er, dem nichts galt als die Größe, die Herrlichkeit, das Befehlshabertum und der Pomp, ist ein kleiner Mann geworden, einer von den Stillen im Lande, deren Erhabenheit in Lächeln, in Frieden, in Überwindung besteht; ein Armer in jeglichem Sinn, auch in dem der christlichen Mystik: ein freiwillig Armer, ein Abgeschiedener, der nichts hat und nichts will. Aber dieses stille Versickern seines schwachen Lebensrestes in genügsamer Beschaulichkeit ist ihm nicht beschieden; zu tief hat sein früheres Treiben, zumal sein Handel mit den drei Töchtern ihn und die gute Cordelia mit ihm ins Böse, ins Politische, in Krieg und Mord verstrickt. Die sanfte, unpolitische Cordelia hat um seiner und um Britanniens Rettung willen zur Politik und den Waffen greifen müssen, die politischen Schwestern haben, um die Ziele ihrer privaten und öffentlichen Gier durchzusetzen, den Mann immer weiter nach oben gebracht, in dem das böse Prinzip sich verkörpert, den Glosterbastard Edmund, und nun ist es so weit gekommen, daß der Teufel und der Engel in Menschengestalt, Edmund und Cordelia, einander gegenübertreten; der Teufel bekommt, so weit ist’s in diesem Reich des Wahns gediehen, den Engel in die Hand, steht siegreich über ihm und darf ihn umbringen.

Und nun sehen wir noch einmal den rasenden, den brüllenden, den wütenden König Lear; jetzt darf er toben; diesmal geht’s nicht um Eitelkeiten, nicht um ihn selber; sein Jammer tönt um den liebsten Menschen, nicht weil er sie nun nicht mehr haben soll, nein, weil man ihr das Leben, weil man sie der Welt genommen hat.

In dem ganzen Stück scheint sich der Kampf des Guten, Menschenfreundlichen, Verträglichen mit dem Bösen, Gierigen, Ränkevollen und grausam Wütenden zu verkörpern, und so wie in Lear selbst eine tragische Bühne aufgeschlagen ist, auf der dieser Widerstreit der Mächte ausgefochten wird, so scheint er der König eines Reichs jenseits Britanniens, jenseits aller Reiche der Erde zu sein, wo dieser metaphysische Kampf der zwei Mächte um das Weltregiment gestritten wird. Auf der einen Seite Goneril und Regan, die wie Zwillingstöchter des Herrschteufels erscheinen; auf der andern Cordelia; hie Edgar, hie Edmund. Und auch der Verlauf der Geschehnisse ist so, daß Bös und Gut sich immerzu messen und abwechselnd siegen; und immer erscheint Bös als Reich dieser Welt, Reichtum, Unersättlichkeit; Gut als Stille, Friedfertigkeit, Armut. Der gute alte Gloster wird von Cornwall geblendet; sofort empört sich ein alter Knecht, einer von den kleinen Leuten der Menge, wir haben vorher nichts von ihm gesehen noch gehört, gegen den Herrn und verwundet ihn zu Tode; und Schlag auf Schlag; unmittelbar darauf ist das Böse wieder Meister: Regan bringt den Knecht um. -- Der Haushofmeister Gonerils,

ein dienstergebner Bube, So treu den Lastern der Gebieterin, Als Schlechtigkeit nur wünscht,

will den Hochverräter Gloster, blind wie er ist, töten; Edgar der Sohn, in Gestalt eines Bauernlümmels, nimmt dem Herrenknecht vorher das Leben. Edmund der Bastard tötet Cordelia; ihn aber erschlägt in ritterlichem Kampf sein wundervoller Bruder Edgar, der Armut und Tapferkeit, Milde und Heldentum in sich vereint. Und zugleich stirbt das Schwesternpaar, das nach dem Bastard lechzt: Regan von Goneril vergiftet, Goneril von eigner Hand, am meisten aber von der schneidenden Verachtung ihres „milden Gemahls“, wie sie ihn genannt hatte, getötet. Der, Albanien, hatte sich in ruhiger Verachtung, in einer Haltung stiller Größe von ihr geschieden, die ihr bitterer sein mußte als irgendein Wutausbruch eines Brutalen; zu seiner Schwägerin gewandt hatte er in dem Augenblick, wie er den Bastard in Haft nahm, die Worte gesprochen:

Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester, Muß ich bestreiten namens meiner Frau. Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt, Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe. Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir; Mein Weib ist schon versagt.

Man hat es gewagt, Balzac einen Shakespeare zu nennen; das war weitaus zu viel gesagt; Gonerils und Regans im Kostüm seiner Zeit sind ihm trefflich gelungen; viel höher ist es nicht gegangen; aber an solcher Stelle Shakespeares wie dieser merkt man, woher der Irrtum gekommen sein mag: in Shakespeare dem Unerschöpflichen steckt auch, diese Worte Albaniens zeigen’s, der ganze Balzac, dazu aber noch, auch in schneidender Verachtung, eine Vornehmheit, die Balzac ewig unerreichbar blieb.

Sehen wir nun, daß uns die letzten blutigen Entscheidungen, in denen es um Leben und Tod geht, über das Verhältnis von Gut und Böse in dieser Welt keine Sicherheit geben, daß der Kampf unruhig hin und her wogt, so tun wir vielleicht gut, von den Taten, die keine Klarheit bringen, überzugehen zu den Worten, die sie begleiten. Wie steht es mit dem Zusammenhang von Menschenschicksal und Weltordnung? Welche Weltanschauung des Dichters hat im König Lear Gestalt angenommen? Sehen wir zu; leicht möglich, daß wir hier endgültige Aufklärung über Shakespeares Weltanschauung erhalten.

Lear hat sein Reich geteilt; Gloster hat von seinem Bastardsohn Edmund -- dessen Bastardsohn Franz Moor heißt -- mit Hilfe eines gefälschten Briefes erfahren, daß sein Sohn Edgar ein Ruchloser ist, der nach des Vaters Besitz und Herrschaft und Leben trachtet. In dieser innern Verfassung des Jammers über sein mißratenes Kind und über die Lösung aller Bande in der Familie des Königs spricht er die Anschauung aus:

Diese neulichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten uns nichts Gutes. Mag sie die Naturweisheit so oder so deuten, immer findet sich die Natur selbst durch die darauf folgenden Wirkungen gepeinigt: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich: in Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; und das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein Bube bestätigt die Wahrsagung: da ist Sohn gegen Vater; der König tritt aus dem Geleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. -- Wir haben gesehen, wie weit unsre Zeit es bringen kann: Ränke, Gleißnerei, Verrat, und alle verderblichen Zerrüttungen folgen uns quälend bis ans Grab!... Und der edle, biederherzige Kent verbannt -- sein Verbrechen: Ehrlichkeit! -- ’s ist seltsam!

Eine Beschreibung der Sphäre dieses Stückes, in der all die verschiedenen Handlungsteile darin sind, haben wir sicher mit diesen Worten; wenn aber darüber hinaus nicht nur Gloster in seiner bestimmten Situation, sondern der Dichter sich hier im allgemeinen über den Zusammenhang der Menschengreuel und der Zeichen der Natur äußern soll, so muß es uns stutzig machen, daß sich diese Weltanschauung des Dichters auf einer falschen Voraussetzung, die er eine seiner Gestalten machen läßt, aufbaut: Glosters echtes Kind Edgar, „dieser Bube“ bestätigt ja die Wahrsagung in der Tat nicht. So erstaunt es uns schon weniger, wenn der Bastard sofort darauf das Wort erhält und mit herzhafter Kraft die entgegengesetzte Auffassung äußert:

Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß, wenn unser Glück bei schlechtem Befinden ist -- oft, weil wir selber uns übernommen haben --, wir die Schuld für alles Unheil, das uns trifft, auf Sonne, Mond und Sterne schieben; als ob wir Schurken aus Notwendigkeit, Narren durch himmlische Fügung wären; Schelme, Diebe, Verräter durch Machtspruch der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch Abhängigkeit vom Einfluß der Planeten, und alles, worin wir übel daran sind, durch göttliches Verhängnis: eine prächtige Ausrede für den Hurenjäger von Menschen, seine Bocksnatur den Sternen zur Last zu legen!... Pah, ich wäre geworden, was ich bin, hätte auch der jungfräulichste Stern am Firmament meiner Bastardierung zugeblinzt!

So spricht der Empörer, der Morallose, der Frevler, der natürliche Sohn, der sich ganz als Kind der Natur betrachtet und nur nach seiner Kraft, nicht nach Gesetz und Sitte und Rücksicht auf andre fragt; „ich wachse, ich gedeihe“; das ist seine einzige Losung. Daß er also diese Worte spricht, die jedes Band zwischen Himmel und Erde zerreißen, entspricht seinem Charakter, seiner Situation genau so kraftvoll, wie das bedenkliche Wiegen des Kopfes, das Grübeln, das Suchen nach einem Zusammenhang, das Erschauern vor einer Ahnung, die Ergebung in die Ratschlüsse des Himmels zu seinem Vater paßt. Aber der Dichter? Was sagt er? Vielleicht -- nichts? Wo ist er? Verschwindet er vielleicht hinter seinen Gestalten, in seinen Gestalten, aber nicht in einer einzigen oder einer Gruppe, sondern in allen? Ist er vielleicht darum mit Notwendigkeit der Dramatiker, weil er einer einzigen Anschauung nicht verschrieben sein kann?

Nach seiner Blendung weiß Gloster von dem Verhältnis des Himmels zu unsern irdischen Losen ganz anderes zu sagen als vorher; da hören wir die unerbittliche, unerforschliche Grausamkeit des Schicksals also gedeutet:

Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern: Sie töten uns zum Spaß.

Aber er ist sich seiner Sache jetzt nicht mehr sicher; auch er ist, wie Lear, erschüttert und zum Lernen gekommen: am Ende tragen die Menschen und ihre Einrichtungen größere Schuld als die Götter; vielleicht ist gerade das Unglück eine Art ausgleichende Gerechtigkeit? Wie er zum Freitod entschlossen oben auf der Klippe über Dover in hoher Luft zu stehen vermeint und einem armen, tollen Bettler -- seinem Sohn! -- schenkt, was er bei sich hat, Geld und Schmuck, da meint er:

... Mein Elend Bringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte! Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann, Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen, Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht: Verteilung tilgte so das Übermaß, Und jeder hätt’ genug.

Da ist es nun ganz deutlich, wie der blinde Gloster im Augenblick, wo er vor dem Tod steht, mit hellen Geistes Augen zu derselben Erkenntnis kommt wie noch in der nämlichen Stunde der wahnsinnige Lear. Für beide wird in dem Unterricht, den ihnen der Sturz von der Höhe erteilt, die metaphysische Weltanschauung, der sie beide wohl in der Zeit der Herrlichkeit angehangen haben, ergänzt und zu großem Teil ersetzt durch die soziale Betrachtung, die ja in Wirklichkeit die Erkenntnis birgt: Schiebt nicht den Göttern zu, was euer Menschenwerk ist, was ihr schlecht gemacht habt und gut machen könnt.

Und doch kann-will es der Mensch nicht lassen, in den hohen Augenblicken des Menschenschicksals manchmal sichtbar und greifbar die geheime Führung, die Vorsehung, die ewige Gerechtigkeit, den Sinn zu erblicken. Wie der gute Albanien hört, daß nach Glosters scheußlicher Blendung der Täter, sein Schwager Cornwall, sofort vom eignen Knecht, der ihm Jahre gedient und zu Gloster keine Beziehung hatte, aus Aufruhr der Seele heraus erschlagen worden ist, ruft er, tief erschüttert ob dieser Vergeltung:

Dies zeigt, ihr waltet droben, Ihr Richter, die der Menschen Übeltat So schleunig rächen!

Hier erleben wir aber eine wundervolle Steigerung. Edgar hat seinen Bruder, den Bastard, der über ihn und seinen Vater das Elend gebracht hat, im Zweikampf feierlich-ritterlicher Art, im Gottesgericht besiegt; in dem Augenblick, wo er dann sich, mild verzeihend, dem Sterbenden enthüllt, findet er Worte des Verstehens auch für dies Entsetzliche selbst, für die Blendung seines Vaters; wie Albanien in der Tat, die dieses Gräßliche gerächt hat, so findet der eigene Sohn himmlischen Sinn in dem Gräßlichen selbst:

Die Götter sind gerecht, aus unsern Sünden Erschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe. Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte, Raubt ihm das Augenlicht.

Geben wir’s nur zu: wir wären keine Menschen, wenn wir in den Momenten der innigsten Erschütterung, die uns so hinnimmt, daß wir nicht wissen, drückt sie uns nieder oder erhebt sie uns, mit dem Ewigen nicht spielen müßten, wie hier Edgar spielt, wie die Guten alle in dieser furchtbaren Welt des Zorns, der Bosheit, der Brunst und Gier, wenn Erkenntnis sie anrührt, spielen, in einem Spiele spielen, das dem Glauben so verwandt ist, wie ihre Art, die Wahrheit zu schauen, dem Wahn. Was Edgar da sagt, heißt ja doch: Du, den der Vater in Sünden, in Wollust, in Unehren, fern von Familie und aller gesellschaftlichen Anerkennung, wie in einem dunklen Loch in die Welt gesetzt hat, du, der als Bastard zum Aufrührer geboren war, du Bruder, in dem Neid und Rachsucht von Geburts und Erziehungs wegen entstehen mußte, du warst von Gottes und Rechts wegen der berufene Rächer seiner Sünde; und daß er durch dich der Finsternis anheimfiel, darin kann man tiefen Sinn und Fügung des Himmels erkennen. Ein solcher Ausruf, eine solche Bewunderung, ein solches Sichbeugen ist ja nicht die Setzung einer Theorie, es ist ein Stück heiligen Willens: so sei die Welt! ist ein Entschluß, ist die Umschaffung der natürlichen Welt in eine Menschenwelt und zugleich die Anerkennung des unverbrüchlichen Zusammenhangs der Notwendigkeitsordnung, die wir Ursache und Wirkung nennen: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.