Part 9
Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart -- der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und her.
Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert, Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als er ins Zimmer trat.
Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.
Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will, und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der Schere spielten.
Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht gerade schüchtern war.
Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu schlecht behandelt. Was meinst du?
Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?
Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. -- Und wo sind Ihre Sachen? fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.
Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.
Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:
Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?
Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?« -- Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß seine Pritsche leer steht.
Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.
Wolodja stand auf und verbeugte sich.
Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine aufstellen.
Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.
Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.
Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ... Das ist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.
Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.
Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.
XIII
Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher, vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.
»Übrigens, wenn eine geflogen kommt -- dachte er -- trifft sie erst oben und dann mich -- also wenigstens nicht mich allein.« Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern. »Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen, barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine längst vergangene, tröstliche Stimmung.
»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es geschehen, Herr -- dachte er -- laß es schnell geschehen! ... Bedarf es aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe, so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu erfüllen.«
Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des Bombardements und des Klirrens der Scheiben.
Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind, aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...
XIV
Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der fünften Bastion.
Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.
Weshalb?
Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite der Straße einschlug.
Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der Straße.
Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern, dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.
Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt, bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre verratend.
Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.
In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.
Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren Spalt Licht schimmerte.
Darf man eintreten?
Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.
Drinnen sprachen zwei Stimmen.
Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird auch Österreich ...
Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ... Laß eintreten.
Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem -- dachte er -- hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«
Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu Koselzow und sah ihn kühl an.
Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz geschlossen.
So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den Dienst versehen?
Gewiß kann ich das!
Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die neunte Kompagnie -- Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre erhalten.
Zu Befehl!
Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.
Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz, Unbehagen oder Ärger -- Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was um ihn her vorging, unzufrieden.
XV
Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er, seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über die er unterwegs stolperte, -- das alles, unaufhörlich durch das Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt. Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.
Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die Blindage eintrat, hörte er folgendes:
»Ge--bet nach Be--en--di--gung des Un--terrichts. Ich dan--ke Dir Schöp--fer ...«
Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein ... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.
Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam, über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.
Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?
Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. -- Hat sich Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach Ihnen gesehnt.
Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.
Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der Trommler begrüßte ihn.
Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.
Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.
Wie geht's euch, Kinder?
Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, -- er schießt so bös von den Schanzen her -- und damit basta, ins Feld wagt er sich nicht.
Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen, Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir werden sie wieder ausklopfen.
An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige Stimmen.
Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.
Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.
Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen zu den Offizieren, seinen Kameraden.
XVI
In dem großen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-, Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine große und laute Gruppe, sie saßen auf der Diele auf zwei ausbreiteten Filzmänteln, tranken Porter und spielten Karten.
Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, daß du gekommen bist. Brav! ... Was macht die Wunde? ließ sich von verschiedenen Seiten hören. Auch hier konnte man sehen, daß man ihn gern hatte und sich über seine Ankunft freute.
Koselzow schüttelte seinen Bekannten die Hand und gesellte sich zu der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hübscher, magerer, brünetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die Bank mit seinen weißen, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er einen großen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen gestützt, ein grauköpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter Kaltblütigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur linken Hand saß kauernd ein hübscher junger Offizier mit schweißigem Gesicht, lächelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war, bewegte er unaufhörlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was den hübschen, brünetten Herrn wurmte. Ein kahlköpfiger Offizier mit riesiger Nase und großem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im Zimmer auf und nieder, hielt einen großen Haufen Banknoten in der Hand, spielte immer mit barem Gelde _va banque_ und gewann immer.
Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.
Setzen Sie doch, Michail Ssemjonytsch! sagte der Bankhalter zu ihm. Geld, meine ich, müssen Sie die Menge mitgebracht haben.
Wie soll ich zu Geld kommen? Im Gegenteil, ich habe das letzte in der Stadt gelassen.
Wie? Sie haben doch gewiß jemanden in Ssimferopol aufsitzen lassen.
Wahrhaftig, ich habe nicht viel, sagte Koselzow, aber er wünschte offenbar nicht, daß man ihm glaube, knöpfte den Rock auf und nahm die alten Karten zur Hand.
Ein Versuch kann nicht schaden. Man muß das Schicksal versuchen! Jedes Tierchen hat sein Plaisierchen! ... Sie müssen nur eins trinken, sich Mut zu machen.
Er trank ein zweites Gläschen Schnaps und etwas Porter, und hatte in kurzer Zeit seine letzten drei Rubel verspielt.
Der kleine schweißige Offizier war mit hundertfünfzig Rubel in der Kreide.
Nein, es will nicht glücken, sagte er und griff nachlässig nach einer neuen Karte.
Wollen Sie einsetzen, sagte der Bankhalter zu ihm, hielt einen Augenblick inne und sah ihn an.
Gestatten Sie mir, morgen zu setzen, antwortete der schweißige Offizier, erhob sich und bewegte noch lebhafter seine Hand in der leeren Tasche.
Hm ... brummte der Bankhalter, warf sich ärgerlich nach rechts und nach links und führte die Taille zu Ende. -- Aber nein, so geht's nicht, sagte er und legte die Karten hin. Ich passe. So geht's nicht, Sachar Iwanytsch, fügte er hinzu. Wir haben auf bar gespielt und nicht auf Kreide.
Wie, zweifeln Sie an mir? ... Merkwürdig, wahrhaftig!
Von wem wünschen Sie Geld? brummte der Major, der etwa acht Rubel gewonnen hatte. Ich habe schon mehr als zwanzig Rubel gesetzt, und habe gewonnen, aber ich bekomme nichts.
Woher soll ich denn zahlen, sagte der Bankhalter, wenn kein Geld auf dem Tische ist.
Was kümmert das mich? schrie der Major und erhob sich, ich spiele mit Ihnen und nicht mit dem da.
Der schweißige Offizier wurde plötzlich hitzig.
Ich sage, ich bezahle morgen -- wie können Sie es wagen, mir Grobheiten zu sagen.
Ich sage, was ich will! So handelt man nicht, wissen Sie's nun? schrie der Major.
Lassen Sie gut sein, Fjodor Fjodorytsch, begannen alle und hielten den Major zurück.
Aber senken wir schnell den Vorhang über dieses Schauspiel. Morgen, heute schon wird vielleicht jeder dieser Menschen heiter und stolz dem Tode entgegengehen und standhaft und ruhig sterben; aber der einzige Lebenstrost in diesen, auch die kühlste Einbildungskraft entsetzenden Verhältnissen des Mangels alles Menschlichen und der Aussichtslosigkeit einer Besserung, der einzige Trost ist Vergessen, Vernichtung des Bewußtseins. Auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht der edle Funke, der einen Helden aus ihm macht; aber dieser Funke hört auf hell zu glimmen -- kommt die entscheidende Stunde, dann lodert er flammend auf und beleuchtet große Thaten.
XVII