Sewastopol

Part 8

Chapter 83,703 wordsPublic domain

Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren, damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt, die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges, zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen, zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte. Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte, der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart, adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges, aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ (als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.

Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow _I._, als er in die Hütte trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij Michajlytsch!

Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.

Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende Schatulle legte und Wolodja ansah.

Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.

Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.

Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!

Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm entgegenbrachte.

»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen: gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich bescheiden und schüchtern auf das Sofa.

Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.

Wie?

Er wiederholte die Frage.

Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte Bastion gezogen.

Bestimmt?

Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.

Ich trinke, sagte Koselzow.

Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort, jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug geschlafen, -- es ist bald fünf Uhr.

Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete eine faule, dünne Stimme.

Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.

Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.

Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.

Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.

Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung der Schulter den Gruß der Offiziere.

Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er, sich freundlich zu Wolodja wendend.

Ja, ich gehe nach Sewastopol.

Haben Sie selber darum gebeten?

Ja.

Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies verfluchte Leben satt!

Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend: wenn *Sie* hier kein gutes Leben führen!

Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.

Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs ganze Leben zum Krüppel zu werden?

Der eine macht Geschäfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.

Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber lachte.

Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine Spieldose. Ich höre sie gern.

Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen und nach Sewastopol weiter fuhren.

Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal durch.

IX

Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam, fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken: dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den Augen von ihnen Abschied nahm -- so wenig glich alles seinen schönen, buntschillernden, hochherzigen Träumen.

Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.

Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich daran gewöhnen. Wenn *du* gehst, kann ich es auch.

Besser ist es, du gehst nicht.

Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...

Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...

Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft. Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:

Wer da?

Soldat.

Ist verboten, durchzulassen.

Was? wir müssen ...

Fragen Sie den Offizier.

Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob sich und befahl, sie durchzulassen.

Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.

Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten, die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.

Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr zu fordern.

Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!

Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen ...

Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß, mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.

Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder hergestellt?

Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?

Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.

Und wo ist Marzow?

Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?

Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?

Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.

Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?

I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ... Leben Sie wohl!

Und der Offizier ritt im Trabe weiter.

Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.

Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren und fliehen -- weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes. »Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils, weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht machte.

»Herr! werde ich wirklich fallen, -- gerade ich? Herr, erbarme dich meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.

Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?

Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.

Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte, der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen, trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum Verbandplatz.

X

Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die ihnen entgegenkamen.

Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle; die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten, sie könnte hinter ihr zurückbleiben.

Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.

Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von Ihnen?

Nein, ein Kamerad.

Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch, ... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den Verwundeten zu.

Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir nur!

Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte unbewußt:

Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!

Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow, indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im Zwischengange hinter ihnen schritt.

Er ist soeben erst angekommen.

Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere. Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.

Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren dünnen zarten Fingern -- an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring -- seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte. Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.

Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur, so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller. Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, -- hier vergißt man alles, fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.

Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.

Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten, wenn's bald zu Ende wäre ...

Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.

Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen, beschlossen sie, -- als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander darüber gesprochen hatten, -- jeder einzeln zu gehen.

Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere. Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde allein gehen und morgen bei dir sein.

Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der beiden Brüder.

XI

Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr! »Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger, ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.

Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.

Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit dünner, piepsender Stimme.

Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu weinen.

Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen aus einem Pförtchen herauskam.

Denn, w--w--wenn er ein Ehrenm--m--mann w--wäre, -- lallte sie -- _pardon_, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!

Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter, gepreßter Stimme:

Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher, nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!

Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja, in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl, das ihn beherrschte, zu verscheuchen.

Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder der Arm abgerissen -- das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen! Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts, als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fügte er hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew. Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und was an Sachen verloren geht -- Nikolajew, steh dafür ein!

Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew schwieg und seufzte.

Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.

Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.

Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte, lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender, abscheulicher, niedriger Feigling -- gilt es nicht das Vaterland, den Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein, ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst, fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und ging in der Richtung, die er ihm wies.

XII

Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte, war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her. Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.