Sewastopol

Part 7

Chapter 73,672 wordsPublic domain

Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen. Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk, und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht gesehen.

Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.

Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.

Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei Monate sind wir schon unterwegs, -- warten wir noch. 's ist kein Unglück, wir kommen schon noch zurecht.

Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an und begann sich eine Cigarette zu drehen.

Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe: ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten -- ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging, sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech. Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.

IV

Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere, schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute etwas, und wir sind nicht dabei.

Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige, jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.

Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.

Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur, sagte er.

Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete, verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«

Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit unserm eigenen Pferde fahren?

Der Kamerad wollte nicht fahren.

Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, -- daher haben wir beide gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.

Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?

Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.

Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.

Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht stark.

Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach seinem Bruder erkundigen wollte.

Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.

Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow weiter.

Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine Cigarettentasche hervorholen wollte.

Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.

Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu Koselzow gewandt.

Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.

Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen, nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen -- einer Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.

Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.

Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie hier bekommen.

Und haben Sie eine Bescheinigung?

Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns hier geben?

Ganz bestimmt.

Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone, der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr recht glaubte.

V

Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin, ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe ins Zimmer trat.

Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar, mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.

Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.

Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend, mitten im Zimmer stehen.

Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim Aufstehen angestoßen hatte.

Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn zu.

Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.

Ah--ah--ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte den Bruder.

Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?

Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete. Gehen wir auf die Außentreppe, -- um uns auszusprechen.

Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson! sagte er zu einem Kameraden.

Du wolltest ja doch essen?

Ich will nichts.

Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag', wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.

Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten wäre, wie dies alle erwartet haben.

Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was ist da weiter ...

Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.

Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.

Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß wir nicht zusammen sein werden.

Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen? fragte plötzlich der Jüngere.

Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist weiter nichts. Du wirst selber sehen.

Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.

Gott weiß.

Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden, darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin und nicht weiß, wie ich mich melden soll.

Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich, aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes Zöpfchen -- ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig zu einem schüchternen Lächeln falteten und die weißen glänzenden Zähne sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf einem großen Balle getanzt hatte.

VI

Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.

So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der Ältere.

Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.

Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen Schweigen.

Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie unterbringen.

Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.

Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ traurig den Kopf hängen und dachte:

»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens mit dem Bruder zusammen ...«

Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme, und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete, verlor er vollständig die Fassung.

Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der Hand ab, erwarte mich dort drin.

Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen Seufzer auf seinen Bruder zu.

Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.

Wie? ... Was ist das für Unsinn!

Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!

Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen nicht.

Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.

Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich. Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir gespielt -- ich blieb ihm etwas schuldig ...

Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den jüngeren anzusehen.

Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen. Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.

Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.

Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?

Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort gegeben, sie nicht anzurühren.

Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence spielen dürfe.

Worauf hast du gespielt?

Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.

VII

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl sie beständig einer an den andern dachten.

»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere, der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin! Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht, aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen -- fuhr er fort -- ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze, und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an -- fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken zu lassen, daß er unbequem sitze -- und auf einmal schnurstracks auf die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns. Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt, ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse ich mich und rufe: >Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über alles in der Welt geliebt< -- sage ich -- >und ich habe ihn verloren. Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf dem Platze!< Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt, Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage nur: >O ja, -- ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen; Gott möge euch verzeihen!< -- und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von diesen Gedanken wahr werden!«

Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen wollte.

Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders geführt, als du glaubst, Wolodja!

Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.

Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.

Weshalb?

Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.

Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und klopfte ihm auf das Bein.

So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.

Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die ihm plötzlich in die Augen traten.

VIII

Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben angekommen waren.

Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien, die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne, deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.

Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken, an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins, daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.

Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des sogenannten neuen Städtchens -- hölzerner, durch Matrosenfamilien errichteter Baracken -- in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen, aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten Hütte verbunden war.