Part 6
Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil, den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck, den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen, wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen, dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu bekommen.
Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken Flügel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.
Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.*
Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein tapfrer ...
Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *daß ich lebendig davongekommen bin*.
Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.
Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.
Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.
_Est ce que pavillon est baissé déjà?_ fragte Fürst Galzin und sah dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden.
_Non, pas encore_, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er französisch verstehe und spreche.
Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch, und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern, außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals nieder und rauchte eine Cigarette an.
Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt: _S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les embuscades auraient été reprises_, und er habe ihm geantwortet: _Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti_, so vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.
In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen, obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen, die in seiner Nähe waren, gefragt: _De quel régiment êtes-vous?_ Sie antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit über die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn in der dritten Person aus: »_Il vient regarder nos travaux ce sacré ..._« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht oder erwähnt.
XVI
Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale, liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen, verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen. Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt die eine Schar zur andern.
Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.
Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.
Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.
_Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui porte l'aigle impérial._
Eh wu de la gard?
_Pardon, Monsieur, du 6^{ème} de ligne._
Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.
_A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme._
Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.
_Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre, vous m'obligerez._
Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.
Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen, an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.
Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.
_Oui, bon tabac, tabac turc_, sagt der Franzose, _et chez vous autres, tabac -- russe? bon?_
Ruß -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.
_Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes_, sagt ein Zuave mitten aus dem Franzosenhaufen.
_De quoi de ce qu'ils rient donc?_ sagt ein anderer, ein dunkelbrauner Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.
Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.
_Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!_ schreit der französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher Unzufriedenheit auseinander.
Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf. Es ist die Rede von einem gewissen _comte Sazonoff, que j'ai beaucoup connu, M._, sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe fehlt; _c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons_.
_Il y a un Sazonoff, que j'ai connu_, sagt der Kavallerist, _mais il n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à peu près_.
_C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte. Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. -- Capitaine Latour_, sagt er mit einer Verbeugung.
_N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça chauffait cette nuit, n'est-ce pas?_ sagt der Kavallerist, der die Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.
_Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme eux._
_Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus_ -- sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu sein.
Aber genug.
Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten, jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht, hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt. Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, -- der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft spornstreichs fort nach der Festung.
Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen, sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen, die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.
So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf, um den Wein nicht zu zerstören.
Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr Bösewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.
Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit -- _bravoure de gentilhomme_ -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung und Grundsätze -- sie alle können nicht die Bösewichter, noch die Helden der Erzählung sein.
Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird, -- ist die Wahrheit.
*Sewastopol* im August 1855
I
Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol) und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem russischen Wagen und einem Korb).
Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern, als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille -- den Einschnitt in der Mitte des Rückens -- hatte er nicht, er hatte aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war. Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben. Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend; der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn, besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen, schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken, Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden Kranken und Verwundeten.
Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.
Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände, mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.
Dolshnikow! schrie er.
Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann Soldaten zusammen schrien.
Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?
Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.
Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben schwerfälligen Baß.
Wo steht jetzt das Regiment?
Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer Wohlgeboren.
Wohin?
Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren! Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so, daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...
Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge erzählte.
Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht, besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie, die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste unter den Menschen, die er sich gleichstellte.
Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was *Moskau*[D] schwatzt! ... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm zurückgelassen. *Dies Moskau ist lächerlich!* ... Vorwärts, Nikolajew! Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an, indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.
[D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich, halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.
Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk rollte im Trabe weiter.
Nur einen Augenblick füttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte der Offizier.
II
Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege zusammendrängte, aufgehalten.
Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.
Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei ihnen stehen geblieben war.
Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen; es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es heißt, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?
In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere, ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen, weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!
Weshalb denn, meine Herren?
Hörst du denn nicht, wie *er* jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat -- das läßt sich gar nicht sagen.
Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und setzte sich die Mütze zurecht.
Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die Mütze.
Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging, den Sack auf dem Rücken, weiter.
Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der Melone stocherte.
Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rädern der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.
III
Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei nachfolgenden Offizieren stritt.
Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen lassen.
Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum Vorsteher ohne weiteres auch *du* sagen könnte.
Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.
Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.
Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...
Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd: