Part 5
Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen, die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt. Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne Grund geglaubt, daß sein *Ende* gekommen, hatte sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.
Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf den Weg!
Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es, wie mir scheint, ruhig geworden.
Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege, das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen. (In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie: »Kano--o--ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die Erde auf und warf Steine in die Höhe.
»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte. Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht ... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag geschehen, was will, -- ich gehe mit den übrigen.«
»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. -- Soviel ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen, schnurstracks hierher, wie mir scheint.«
Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen, wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden Laufgraben ein.
Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß und Abendbrot aß.
Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.
Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen? Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die Kalugin machte.
»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer ist schrecklich.«
Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.
Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker Baron Pest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den Unsrigen genommen und besetzt worden.
Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten, verließ er mit Pest die Blindage.
XI
Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn Kalugin.
Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...
Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren wäre.
Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und prahlsüchtig.
Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles, was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab, diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaften Weise darzustellen. Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?
Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war, stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.
Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus, etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, -- es war befohlen worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls, wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt, mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.
Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie, dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...
Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben ihm lag, er ist wirklich tapfer!
Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker, Lißinkowski heißt er.
Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte, der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies, daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.
Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten! rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.
Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen, und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches. »_Ah Dieu!_« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme, und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. -- Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, daß er ein Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der Bataillonskommandeur.
Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.
Brav, Baron!
XII
Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der nach Hause ging, begleitete.
Nicht möglich!
Warum? Ich habe es selbst gesehen.
Leben Sie wohl, ich habe Eile!
Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe ich es verdient.
Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein Zimmer.
Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt, erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht, der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt, furchtbar ungern auf die Bastion.
Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion fliegt sie!« hörte.
Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen hörbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.
Legt euch! rief eine Stimme.
Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde erschien, -- die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle entfernt von ihm sich drehenden Bombe.
Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck -- ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste vorüberblitzte.
»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, daß man mich chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen, wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir ist sie näher ... mich tötet sie!«
Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen; ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte, fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes -- ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts, stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und fiel auf die Seite.
»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke, und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf, und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.
»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten, die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm, als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust getroffen und auf der Stelle getötet worden.
XIII
Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen; während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag, dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu bin ich in den Dienst getreten -- dachte er gleichzeitig -- und noch dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen: eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben, ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!« dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber besinnungslos auf den Rücken.
Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut, das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. -- Wie wird es »dort« sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der Soldaten und die Schüsse höre.«
Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew erkannte.
Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten -- er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im Jenseits sei.
Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber, daß er lebendig war; die dritte -- der Wunsch, so bald als möglich die Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach dem Verbandort führen.
»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.
Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.
Und er wandte sich zurück.
Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer Wohlgeboren, sagte Ignatjew, -- nur in der ersten Hitze scheint das nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!
Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.
»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,« dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers, entschlossen zur Kompagnie zurück.
Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war? fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.
Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich, tot oder verwundet.
Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?
Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!
Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist, mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.
Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen! sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.
Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der Bewegung aufs heftigste schmerzte.
Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt er noch, sagte Michajlow. -- Das ist unsere *Schuldigkeit*, Michail Iwanytsch!
Michail Iwanytsch antwortete nicht.
»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten allein schicken; aber darf ich sie schicken? -- Bei solch einem schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte Michajlow.
Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend, da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls sein würde, -- und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte, trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.
»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es *lohnt* sich nicht, die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine *Schuldigkeit*,« sprach Michajlow zu sich selbst.
Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen, sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.
Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast außerhalb Schußweite. Ich sage: *fast*, nicht außerhalb Schußweite, weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.
»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn verband.
XIV
Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten, blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen, krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen, stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude, Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.
XV
Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten Alleen.
Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.