Part 3
»Wenn der *Invalide* bei uns eintrifft, stürzt *Pupka* (so pflegte der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer, greift nach der Zeitung und rennt damit nach der *Plauderecke*, in das *Empfangszimmer* (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und liest mit solchem Feuereifer *Euere* Heldenthaten, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. >Nicht wahr, Michajlow -- sagt sie -- ist doch eine *Seele von Mensch*. Ich könnte ihn abküssen, wenn ich ihn sehe. *Er kämpft auf den Bastionen* und bekommt gewiß das Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...< u. s. w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B. haben die Dir bekannten *jungen Damen mit der Musik* erzählt, Napoleon sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube. Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand in der Stadt ist, eine solche *Ressource* für uns, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria genommen, *so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten* sind, und wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren. Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht *gezecht* hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne das, und hättest Dich ausgezeichnet.«
Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn lachte -- dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten (vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und, lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in der dieser ihm so liebe Brief steckte.
Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung und Freude sein -- dachte er, während er durch das schmale Gäßchen dahinschritt, -- wenn sie auf einmal im *Invaliden* die Schilderung lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ... den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General, und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war -- als die Töne der Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte -- als der alte Stabskapitän von der Infanterie.
III
Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen, denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen abgesonderte Gruppen.
Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern, hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er *zur Musik* gekommen.
Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte, und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt hätten.
Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal nicht wiedergrüßen -- denkt er -- oder wenn sie mich grüßen und in ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den *Aristokraten*?« Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises, gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in Winniza -- überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h. auch viel *Aristokraten*, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem Haupte jedes *Aristokraten* und *Nicht-Aristokraten*.
Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat, für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat, weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht. Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er Flügeladjutant ist.
Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte, die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung von Snobs und Dünkel?
Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe *seiner Aristokraten* vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran. Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten *Hundertzweiundzwanzig* Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war, mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.
Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ... Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es ging heiß her?
Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.
Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...
Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion. Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.
Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten Galzin.
Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er bald Kalugin, bald Galzin ansah.
Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach einer kurzen Pause:
Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht, Kapitän?
Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete der Stabskapitän.
Gehen wir, sehen wir sie uns an.
Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen -- den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That zutreffend war.
Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde, sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein, stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der *Aristokraten* anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen, auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit *diesem* Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit; er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.
Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den *lieben* Brief aus T. und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben, daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, -- die er zum ersten Male in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich für einen Helden hielt, -- besonders stolz und selbstbewußt.
IV
Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen, mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.
»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, -- dachte der Stabskapitän -- ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte, aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja, gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion. Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen -- ich fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon ab. Meine *Pflicht* war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oder minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann, im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden. Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die Bastion ging, war nicht gereinigt).
Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du! du! rief Michajlow zornig.
Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf' nicht mal ein!
Du bist wieder betrunken, sehe ich.
Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?
Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre zusammen lebte.
Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu schimpfen.
Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schämte sich.
Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter Stimme, diesen Brief an meinen Vater laß auf dem Tische liegen, rühr' ihn nicht an, fügte er errötend hinzu.
Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den er, wie er sagte, für *sein eigenes Geld* getrunken hatte, ein Gefühl der Rührung überkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thränen auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.
Als der Stabskapitän auf der Außentreppe sagte: lebe wohl, Nikita! brach Nikita plötzlich in Schluchzen aus und stürzte auf seinen Herrn zu, um ihm die Hände zu küssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Außentreppe stand, konnte als Weib dieser Gefühlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel die Augen und sprach ihre Verwunderung darüber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzählte zum hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr Mann schon beim ersten »Bandirement« getötet und ihr Häuschen total zerstört worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehörte nicht ihr) u. s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zündete Nikita sein Pfeifchen an, bat das Haustöchterchen, Schnaps zu holen und hörte sehr bald auf zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.
»Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitän, als er bereits in der Dämmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. -- Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn. -- Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), würde der Knochen ganz bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann ist es aus!«
Der Stabskapitän gelangte glücklich durch die Laufgräben bis zu den Schützengräben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in vollständiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen, nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei »ihm« Blitze auf und beschrieb eine leuchtende Bombenröhre einen feurigen Bogen am dunklen, gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts von dem Schützengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitän saß. Er trank seinen Schnaps, aß seinen Käse, rauchte seine Cigarette und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu schlafen.
V
Fürst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Praßkuchin, den niemand gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen hielt, verließen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu trinken.
Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzählt von Wasjka Mendel, sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, saß am Fenster auf einem weichen, bequemen Sessel und knöpfte den Kragen seines weißen, gestärkten Oberhemdes auf, -- wie hat er sich verheiratet?
Zum Kranklachen, Kamerad! ... _Je vous dis, il y avait un temps, on ne parlait que de ça à Pétersbourg_, sagte Fürst Galzin lachend, erhob sich von dem Klavier, vor dem er saß, und setzte sich auf das Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die Geschichte schon ganz genau ...
Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu erzählen, die wir hier übergehen, weil sie für uns nicht interessant ist. Aber merkwürdig war's, daß nicht bloß Fürst Galzin, sondern alle diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im Fenster, der andere mit übergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier, ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von der lächerlichen Aufgeblasenheit und Dünkelhaftigkeit, die sie den Infanterie-Offizieren gegenüber hatten; hier waren sie unter sich, gaben sich natürlich und waren, besonders Kalugin und Fürst Galzin, höchst liebenswürdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von Petersburger Kameraden und Bekannten.
Was macht Maslowski?
Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?
Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt, wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ältere ist Rittmeister?
O, schon lange!
Geht er noch immer mit seinem Zigeunermädel?
Nein, die hat er laufen lassen ... oder so ähnlich.
Dann setzte sich Fürst Galzin an das Klavier und sang prächtig ein Zigeunerlied. Praßkuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu begleiten, und so gut, daß man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren, was er auch sehr gern that.
Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee, Sahne und Bretzeln auf einem silbernen Präsentierteller.
Reiche dem Fürsten! sagte Kalugin.
Es ist doch eigentümlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein Glas nahm und ans Fenster ging, daß wir hier in der belagerten Stadt, ... »Klaviergesang«, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie ich sie wirklich in Petersburg haben möchte.
Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene alte Oberstleutnant, so wäre diese beständige Erwartung einfach unerträglich, -- zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und fallen, ohne daß man ein Ende absieht, -- wenn man dabei noch im Schmutz leben müßte und keine Bequemlichkeit hätte! ...
Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und Soldatensuppe essen? -- was sollen die sagen?
Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wäsche, aber das sind auch Helden, bewunderungswürdige Menschen.
In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.
Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schüchtern und grüßte.
Kalugin erhob sich; aber ohne den Gruß des Offiziers zu erwidern, fragte er ihn mit beleidigender Höflichkeit und einem erzwungenen offiziellen Lächeln, ob es »Ihnen« nicht beliebte zu warten, dann wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, an Galzin, sprach mit ihm französisch, so daß der arme Offizier, der mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wußte, was er mit seiner Person machen sollte.
In einer äußerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach einem minutenlangen Schweigen.
Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und begleitete den Offizier zur Thür.
_Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit!_ sagte Kalugin, als er vom General zurückgekommen war.
Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.
Ich weiß nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum muß ich wohl auch hingehen, sagte Praßkuchin und legte den Säbel an.
Aber niemand antwortete ihm, er mußte selber wissen, ob er zu gehen habe oder nicht.
Praßkuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Plätze zu begeben.