Sewastopol

Part 21

Chapter 211,136 wordsPublic domain

Während Nikita das Bett herrichtete, erhoben wir uns und gingen in der Dunkelheit wieder auf der Batterie hin und her. Guskow muß wirklich einen sehr schwachen Kopf gehabt haben, denn er schwankte von den zwei Gläschen Schnaps und den zwei Glas Wein. Als wir aufstanden und uns von der Kerze entfernten, beobachtete ich, daß er den Zehnrubelschein, den er während des ganzen vorangegangenen Gespräches in der Hand gehalten hatte, wieder in die Tasche schob, aber so, daß ich es nicht sehen sollte. Er sprach immer weiter, er fühlte, er könnte sich noch aufrichten, wenn er einen Menschen hätte wie ich, der Mitgefühl mit ihm habe.

Wir wollten schon in das Zelt gehen, um uns schlafen zu legen, als plötzlich über uns eine Kugel dahinpfiff und nicht weit von uns in den Boden schlug. Es war so sonderbar: dieses stille, in Schlaf versunkene Lager, unser Gespräch und ... plötzlich die feindliche Kugel, die, Gott weiß woher, mitten unter unsere Zelte geflogen kam -- so sonderbar, daß ich mir lange nicht Rechenschaft darüber geben konnte, was eigentlich vorging. Einer unserer Soldaten, Andrejew, der auf der Batterie Wache stand, kam auf mich zu.

Ei, das hat sich herangeschlichen! Hier hat man das Feuer gesehen, sagte er.

Wir müssen den Kapitän wecken, sagte ich und sah zu Guskow hinüber.

Er stand, ganz zu Boden geduckt, da und stammelte, als ob er etwas sagen wollte: Das ... das ... Feind ... das ... komisch! Weiter sagte er nichts, und ich hatte nicht bemerkt, wie und wohin er plötzlich verschwunden war.

In der Hütte des Kapitäns wurde ein Licht angezündet, sein gewöhnlicher Husten vor dem Erwachen ließ sich vernehmen, und er kam bald selbst heraus und forderte eine Lunte, um sein kleines Pfeifchen anzustecken.

Was ist das heute, Väterchen? sagte er lächelnd, man will mich gar nicht schlafen lassen, bald Sie mit Ihrem Degradierten, bald Schamyl! Was ist zu thun, erwidern oder nicht? War darüber nichts gesagt im Befehl?

Nein, nichts. Da, wieder, sagte ich, und jetzt aus zweien.

In der That leuchteten durch die Dunkelheit, rechts vor uns, zwei Flammen wie zwei Augen auf, und bald flog über unsern Häuptern eine Kugel und mit lautem, durchdringendem Pfeifen eine leere Granate dahin; sie war wohl von uns. Aus dem Zelte in der Nachbarschaft kamen die Soldaten herausgekrochen, man hörte ihr Hüsteln, Recken und Plaudern.

Schau, er pfeift vor deinen Augen wie eine Nachtigall, bemerkte ein Artillerist.

Ruft Nikita! sagte der Kapitän mit seinem gewohnten guten Lächeln. -- Nikita! Verstecke dich nicht, höre, wie die Bergnachtigallen pfeifen.

Ach, Euer Hochwohlgeboren, sprach Nikita, der neben dem Kapitän stand, ich habe sie schon gesehen, die Nachtigallen, ich fürchte mich nicht, aber der Gast, der eben hier war und Ihren Wein getrunken hat, wie der sie gehört hat, da hat er schnell Reißaus genommen, an unserem Zelt vorüber, wie eine Kugel ist er davongerollt, wie ein Tier hat er sich zusammengeduckt!

Aber es wird doch nötig sein, zum Oberbefehlshaber der Artillerie hinunterzureiten, sagte der Kapitän zu mir in ernstem, befehlerischem Tone, um ihn zu fragen, ob wir das Feuer erwidern sollen oder nicht; es kann kaum davon die Rede sein, aber man kann doch immerhin hinunter. Bemühen Sie sich, bitte, hin und fragen Sie ihn. Lassen Sie ein Pferd satteln, damit es schneller geht, nehmen Sie, wenn nicht anders, meinen Polkan.

In fünf Minuten brachte man mir das Pferd, und ich ritt zu dem Befehlshaber der Artillerie.

Achten Sie darauf, die Losung ist »Deichsel«, flüsterte mir der fürsorgliche Kapitän zu, sonst kommen Sie nicht durch die Postenkette.

Zum Befehlshaber der Artillerie war es eine halbe Werst; der ganze Weg führte zwischen Zelten hindurch. Sobald ich mich aber von unserem Wachtfeuer entfernt hatte, wurde es so schwarz, daß ich nicht einmal die Ohren des Pferdes sah, nur das Flackern der Wachtfeuer, die mir bald ganz nahe, bald ganz fern erschienen, flimmerten vor meinen Augen. Ein kleines Stück ritt ich ganz wie mein Pferd wollte, dem ich die Zügel hängen ließ. Ich konnte nun die weißen, viereckigen Zelte unterscheiden, dann auch die schwarzen Spuren des Weges; in einer halben Stunde kam ich bei dem Befehlshaber der Artillerie an. Dreimal hatte ich nach dem Wege fragen müssen, und viermal war ich über die Pflöcke der Zelte gestolpert, wofür ich jedesmal Scheltworte aus dem Zelte zu hören bekam, und zweimal wurde ich von dem Posten angehalten. Während des Rittes hatte ich noch zwei Schüsse in unserem Lager gehört, aber die Geschosse hatten nicht bis zu dem Ort getragen, wo der Stab lag. Der Befehlshaber der Artillerie gab nicht den Befehl, die Schüsse zu erwidern, umsoweniger, als der Feind aufhörte, und ich machte mich auf den Heimweg, indem ich mein Pferd am Zügel hielt und mich zu Fuß zwischen den Zelten der Infanterie durcharbeitete. Oft verlangsamte ich meinen Schritt, wenn ich an einem Soldatenzelt vorüberkam, in dem ein Feuerschein leuchtete, oder lauschte auf eine Erzählung, die ein Spaßvogel vortrug, oder auf ein Buch, das ein Schriftkundiger vorlas, dem die ganze Abteilung, den Vorleser von Zeit zu Zeit durch allerlei Bemerkungen unterbrechend, in dichtem Haufen im Zelt und um das Zelt zusammengedrängt, zuhörte, oder auch nur auf die Gespräche über den Feldzug, über die Heimat, über die Vorgesetzten.

Als ich an einem der Bataillonszelte vorüberritt, hörte ich die laute Stimme Guskows, der sehr angeheitert und lebhaft sprach. Junge, ebenfalls lustige Stimmen, von vornehmen Herren, nicht von gemeinen Soldaten, antworteten. Es war offenbar das Zelt der Junker oder der Feldwebel. Ich blieb stehen.

Ich kenne ihn schon lange, sprach Guskow. Als ich in Petersburg lebte, hat er mich häufig besucht, und ich war oft bei ihm. Er hat in der besten Gesellschaft verkehrt.

Von wem sprichst du? fragte die Stimme eines Betrunkenen.

Von dem Fürsten, sagte Guskow. Ich bin ja doch mit ihm verwandt, und was die Hauptsache ist, wir sind alte Freunde. Es ist gut, meine Herren, einen solchen Bekannten zu haben, müssen Sie wissen. Er ist ja schrecklich reich. Hundert Rubel sind nichts bei ihm. Ich habe mir auch eine Kleinigkeit von ihm geben lassen, bis mir meine Schwester schickt.

Nun, so laß doch schon holen! ...

Sofort. Sawjelitsch, Täubchen! erklang die Stimme Guskows, immer mehr dem Zelteingang sich nähernd. Hier hast du zehn Moneten, geh' zum Marketender und bringe zwei Flaschen Kachetischen und ... was noch, meine Herren? Na! -- Und Guskow trat schwankend, mit zerzaustem Haar, ohne Mütze, aus dem Zelt. Er schlug die Schöße seines Pelzrocks zurück, steckte die Hände in die Taschen seiner grauen Hose und blieb am Eingang stehen. Obgleich er im Lichte stand und ich in der Dunkelheit, zitterte ich doch vor Angst, er könnte mich bemerken, bemühte mich, jedes Geräusch zu vermeiden und ging weiter.

Wer da? schrie mich Guskow mit völlig trunkener Stimme an. Die Kälte hatte ihn offenbar ganz aus Rand und Band gebracht. Was für ein Teufel schleicht hier mit seinem Pferd herum?

Ich antwortete nicht und suchte schweigend den Weg.