Sewastopol

Part 20

Chapter 203,775 wordsPublic domain

Nein, kein Duell; es ist diese dumme, schreckliche Geschichte! Ich will Ihnen alles erzählen, wenn Sie es nicht wissen. Es war in demselben Jahre, als ich Sie bei meiner Schwester traf, ich lebte damals in Petersburg. Sie müssen wissen, ich hatte damals, was man _une position dans le monde_ nennt, und eine recht gute, um nicht zu sagen glänzende. _Mon père me donnait 10000 par an._ Im Jahre 49 wurde mir Aussicht auf eine Stellung bei der Gesandtschaft in Turin gemacht: mein Onkel mütterlicherseits konnte sehr viel für mich thun und war stets gern dazu bereit. Es ist jetzt schon lange her, _j'étais reçu dans la meilleure société de Pétersbourg, je pouvais prétendre_ auf eine vortreffliche Partie. Ich hatte gelernt, was wir alle in der Schule lernen, so daß ich eine besondere Bildung nicht hatte; ich habe zwar später viel gelesen, _mais j'avais surtout ce jargon du monde_, Sie wissen schon; und wie dem auch war, ich galt, Gott weiß warum, für einen der ersten jungen Leute Petersburgs. Was mir in der öffentlichen Meinung eine besondere Stellung gab, _c'est cette liaison avec Mme. D._, über die in Petersburg viel gesprochen wurde; aber ich war schrecklich jung und schätzte damals alle diese Vorteile gering. Ich war einfach jung und dumm. Was brauchte ich mehr? Damals hatte in Petersburg dieser Metenin Ruf ... -- und Guskow fuhr immer weiter so fort und erzählte mir die Geschichte seines Unglücks, die ich aber hier übergehen will, weil sie ganz uninteressant ist. -- Zwei Monate saß ich im Gefängnis, fuhr er fort, ganz allein, und was habe ich in dieser Zeit nicht alles durchdacht! Aber wissen Sie, als alles vorüber war, als sozusagen schon endgültig jede Verbindung mit der Vergangenheit gelöst war, da war mir leichter zu Mute. _Mon père, vous en avez entendu parler_, sicherlich, er ist ein Mann von eisernem Charakter und mit festen Überzeugungen, _il m'a deshérité_ und hat alle Beziehungen mit mir abgebrochen. Nach seiner Überzeugung hat er so handeln müssen, und ich will ihm keineswegs Vorwürfe machen: _il a été conséquent_. Dafür habe auch ich keinen Schritt gethan, um ihn seinem Entschluß untreu zu machen. Meine Schwester war im Auslande. Mme. D. war die Einzige, die mir schrieb, als man es ihr erlaubte, und mir ihre Hilfe anbot; aber Sie werden begreifen, daß ich ablehnte, und daß ich Mangel hatte an all den Kleinigkeiten, die in einer solchen Lage ein wenig Erleichterung gewähren: ich hatte weder Bücher, noch Wäsche, noch Kost -- nichts. Ich habe viel, sehr viel damals nachgedacht. Ich begann alles mit andern Augen anzusehen: der Lärm z. B., das Gerede der Gesellschaft über mich in Petersburg kümmerte mich nicht -- schmeichelte mir nicht im geringsten -- alles das kam mir lächerlich vor. Ich fühlte, daß ich selbst schuld war, daß ich unvorsichtig, jung gewesen war, daß ich meine Laufbahn zerstört hatte, und dachte nur darüber nach, wie ich es wieder gut machen könnte. Ich fühlte die Kraft und die Energie dazu in mir. Aus dem Gefängnis wurde ich, wie ich Ihnen sagte, hierher in den Kaukasus zum N.-Regiment geschickt. Ich hatte geglaubt -- fuhr er fort und wurde immer lebhafter -- hier im Kaukasus sei _la vie de camp_, seien schlichte und brave Menschen, mit denen ich verkehren werde, gäbe es Kriegsgefahren -- alles das würde zu meiner Gemütsstimmung gerade passen, und ich würde ein neues Leben beginnen. _On me verra au feu_ -- man wird mich lieb gewinnen, mich schätzen lernen, nicht bloß meines Namens wegen -- mir Orden geben, mich zum Unteroffizier machen, die Strafe aufheben, und ich werde wieder in die Heimat zurückkehren, _et vous savez avec ce prestige du malheur_. Aber _quel désenchantement_! Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich getäuscht habe! ... Sie kennen das Offizierkorps unseres Regiments? -- Er schwieg ziemlich lange und schien zu erwarten, daß ich ihm sagte, ich wüßte, wie schlecht die hiesigen Offiziere seien. Aber ich antwortete ihm nicht. Es widerte mich an, daß er, wahrscheinlich, weil ich französisch verstand, voraussetzte, ich müßte gegen das Offizierskorps eingenommen sein, während ich im Gegenteil durch meinen längern Aufenthalt im Kaukasus dahin gekommen war, es nach seinem Werte zu beurteilen und tausendmal höher zu schätzen, als den Kreis, aus dem Herr Guskow hervorgegangen war. Ich wollte ihm das sagen, aber seine Lage fesselte mir die Zunge. -- Im N.-Regiment ist das Offizierskorps tausendmal schlimmer als im hiesigen, fuhr er fort. _J'espère, que c'est beaucoup dire_, d. h. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist! Ich will gar nicht von den Junkern und den Gemeinen sprechen. Das ist eine entsetzliche Gesellschaft! Sie nahmen mich anfangs gut auf, das ist wahr, aber später, als sie sahen, daß sie mir verächtlich sein mußten, an den unmerklichen, kleinen Beziehungen sahen sie das, Sie wissen schon, daß ich ein ganz anderer Mensch sei, der weit über ihnen stand, da wurden sie böse auf mich und fingen an, mir mit allerlei kleinen Demütigungen heimzuzahlen. _Ce que j'ai eu à souffrir, vous ne vous faites pas une idée._ Dann der unwillkürliche Verkehr mit den Junkern, besonders _avec les petits moyens, que j'avais, je manquais de tout_, ich hatte nur, was meine Schwester mir schickte. Ein Beweis für das, was ich zu leiden hatte, ich, bei meinem Charakter, _avec ma fierté, j'ai écris à mon père_, ich flehte ihn an, mir wenigstem etwas zu schicken ... Ich begreife wohl, wenn man fünf Jahre ein solches Leben geführt hat, kann man so werden, wie unser Degradierter Dromow, der mit den Gemeinen trinkt und allen Offizieren Briefe schreibt, in denen er bittet, ihm drei Rubel zu »leihen«, und die er _tout à vous_ Dromow unterschreibt. Man muß einen Charakter wie meinen haben, um in dieser schrecklichen Lage nicht ganz zu versumpfen. -- Er ging lange schweigend neben mir her. -- _Avez vous un papiros?_ sagte er. -- Ja, wo bin ich stehen geblieben? ... Ja. Ich konnte das nicht aushalten, nicht körperlich; denn war es auch schrecklich, plagte mich auch Kälte und Hunger, führte ich auch das Leben eines gemeinen Soldaten, so hatten doch die Offiziere eine gewisse Achtung vor mir -- auch besaß ich noch für sie ein gewisses _prestige_. Sie schickten mich nicht auf Wachtposten, auf Übung. Ich hätte das nicht ertragen. Aber seelisch litt ich entsetzlich. Und vor allem -- ich sah keinen Ausweg aus dieser Lage. Ich schrieb an meinen Onkel, ich flehte ihn an, mich in das hiesige Regiment zu versetzen, das wenigstens die Feldzüge mitmacht, und dachte, hier ist Pavel Dmitrijewitsch, _qui est le fils de l'intendant de mon père_, der wird mir wenigstens nützlich sein können. Mein Onkel that das für mich -- ich wurde versetzt. Nach jenem Regiment kam mir dieses wie eine Versammlung von Kammerherren vor. Dann war Pavel Dmitrijewitsch da, er wußte, wer ich war, und ich wurde vortrefflich aufgenommen. Auf die Bitte meines Onkels ... Guskow, _vous savez_? ... Aber ich machte die Beobachtung, daß mit diesen Menschen ohne Bildung und Intelligenz -- sie können einen Menschen nicht achten und ihm ihre Achtung bezeigen, wenn er nicht den Strahlenkranz des Reichtums, des Ansehens hat. Ich machte die Beobachtung, wie allmählich, als sie erkannt hatten, daß ich arm war, ihr Verkehr mit mir immer nachlässiger und nachlässiger und endlich nahezu geringschätzig wurde. Das ist entsetzlich, aber es ist die volle Wahrheit.

Hier habe ich an den Feldzügen teilgenommen, ich habe mich geschlagen, _on m'a vu au feu_, fuhr er fort -- aber wann wird das ein Ende haben? Ich glaube, nie; und meine Kräfte und meine Energie fangen an sich zu erschöpfen. Dann habe ich mir _la guerre, la vie de camp_ ausgemalt, aber ich sehe, es ist alles ganz anders: in der Pelzjacke, ungewaschen, in Soldatenstiefeln geht man auf verdeckten Posten und liegt die ganze Nacht hindurch in einem Hohlweg mit dem ersten besten Antonow, der wegen Trunksucht unter die Soldaten gesteckt ist, und jeden Augenblick kann man vom Gebüsch her totgeschossen werden -- ich oder Antonow, das ist ganz gleich ... Da thut's keine Tapferkeit, das ist entsetzlich, _c'est affreux, ça tue_.

Nun ja, Sie können aber jetzt für den Feldzug Unteroffizier und im nächsten Jahr Fähnrich werden, sagte ich.

Ja, ich kann es, man hat es mir versprochen, aber es sind noch zwei Jahre hin, und vielleicht auch dann nicht, und was das heißt, solche zwei Jahre, wenn das einer wüßte! Stellen Sie sich ein Leben mit diesem Pavel Dmitrijewitsch vor: Kartenspiel, grobe Späße, Saufgelage ... Sie wollen etwas sagen, was Ihnen das Herz abdrückt, es versteht Sie niemand, oder Sie werden gar noch ausgelacht. Man spricht mit Ihnen nicht, um Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, sondern um aus Ihnen womöglich noch einen Narren zu machen. Und das alles ist so gemein, so grob, so häßlich, und Sie fühlen immer, daß Sie zu den niederen Chargen gehören -- man läßt Sie das immer fühlen. Darum können Sie auch nicht verstehen, welch ein Genuß es ist, _à c[oe]ur ouvert_ mit einem Menschen zu sprechen, wie Sie sind! ...

Ich verstand nicht im mindesten, was für ein Mensch ich sein sollte, und darum wußte ich auch nicht, was ich ihm antworten sollte.

Werden Sie etwas essen? sagte in diesem Augenblick Nikita zu mir, der unbemerkt in der Dunkelheit zu mir herangeschlichen und, wie ich wahrnahm, über die Anwesenheit des Gastes ungehalten war. -- Es giebt nur Quark-Piroggen, und etwas Fleischklops ist noch übrig geblieben.

Hat der Kapitän schon gegessen?

Sie schlafen schon lange, antwortete Nikita mürrisch. Auf meinen Befehl, uns hierher etwas Essen und Schnaps zu bringen, brummte er unwillig etwas in den Bart und ging schleppend in seine Hütte. Er brummte auch dort noch weiter, brachte uns aber ein Kästchen; auf das Kästchen stellte er ein Licht, das er vorher gegen den Wind mit Papier umwickelt hatte, eine kleine Kasserolle, Mostrich und eine Büchse, einen Blechbecher mit einem Henkel und eine Flasche Wermut. Nachdem Nikita alles das hergerichtet hatte, blieb er noch eine Weile in der Nähe stehen und sah zu, wie Guskow und ich Schnaps tranken, was ihm offenbar sehr unangenehm war. Bei dem matten Schein, den die Kerze durch das Papier warf, und bei der Dunkelheit, die uns umgab, sah man nur das Seehundsleder des Kästchens, das Abendbrot, das darauf stand, Guskows Gesicht, seine Pelzjacke und seine kleinen roten Hände, mit denen er die Piroggen aus der Kasserolle herausnahm. Ringsumher war alles schwarz, und nur, wenn man scharf ausspähte, konnte man die schwarze Batterie, die ebenso schwarze Gestalt des Wachtpostens, der über die Brustwehr zu sehen war, an den Seiten die brennenden Wachtfeuer und über uns die rot schimmernden Sterne unterscheiden. Guskow lächelte kaum merklich, traurig und verschämt, als wäre es ihm unbehaglich, mir nach seinem Geständnis in die Augen zu sehen, er trank noch ein Gläschen Schnaps und aß gierig, indem er die Kasserolle auskratzte.

Ja, für Sie ist es doch immerhin eine Erleichterung, sagte ich, um etwas zu sagen, daß Sie mit dem Adjutanten bekannt sind; ich habe gehört, er ist ein guter Mensch.

Ja, antwortete der Degradierte, er ist ein lieber Mensch; aber er kann kein anderer sein, er kann kein Mensch sein -- bei seiner Bildung kann man's auch nicht verlangen. Plötzlich schien er zu erröten. -- Sie haben seine groben Scherze mit dem verdeckten Posten gehört? -- und obgleich ich zu wiederholten Malen das Gespräch zu unterbrechen suchte, begann Guskow sich vor mir zu rechtfertigen und mir auseinanderzusetzen, daß er nicht von seinem Posten weggelaufen war, und daß er kein Feigling sei, wie das der Adjutant und Sch. hätten durchblicken lassen.

Wie ich Ihnen gesagt habe -- fuhr er fort und wischte seine Hände an seiner Pelzjacke ab -- solche Leute verstehen nicht zart mit einem Menschen umzugehen, mit einem gemeinen Soldaten, der kein Geld hat; das geht über Ihre Kräfte. Und in der letzten Zeit, wo ich seit fünf Monaten, ich weiß nicht warum, von meiner Schwester nichts bekomme, habe ich beobachtet, wie verändert ihr Benehmen gegen mich ist. Dieser Pelzrock, den ich von einem Gemeinen gekauft habe und der nicht wärmt, weil er ganz abgeschabt ist (dabei zeigte er mir den kahlen Schoß) flößt ihnen nicht Mitleid oder Achtung mit dem Unglück, sondern Verachtung ein, die sie nicht zu verbergen imstande sind. Meine Not mag noch so groß sein, wie jetzt, wo ich nichts zu essen habe, als Soldatengrütze, und nichts anzuziehen, fuhr er mit niedergeschlagenen Augen fort und goß sich noch ein Gläschen Schnaps ein -- es fällt ihm nicht ein, mir Geld anzubieten, und er weiß, daß ich es ihm wiedergebe. Er wartet, bis ich, in meiner Lage, mich an ihn wende. Und Sie werden begreifen, wie schwer mir das wird, und noch bei ihm! Ihnen zum Beispiel würde ich gerade heraussagen: _vous êtes au dessus de cela, mon cher, je n'ai pas le sou_. Und wissen Sie, sagte er und sah mir plötzlich mit verzweifeltem Blick in die Augen -- Ihnen sage ich es gerade heraus, ich bin jetzt in einer entsetzlichen Lage: _pouvez-vous me prêter 10 roubles argent_? Meine Schwester muß mir mit der nächsten Post schicken, _et mon père_ ...

Oh, ich bin sehr erfreut! sagte ich, während es mir im Gegenteil sehr unangenehm und kränkend war, besonders weil ich tags zuvor im Kartenspiel Verluste gehabt und selbst nicht mehr als fünf Rubel und einige Kopeken bei Nikita hatte. -- Gleich, sagte ich, und stand auf, ich will in das Zelt gehen, um es zu holen.

Nein, später, _ne vous dérangez pas_.

Ich hörte aber nicht auf ihn und kroch in das zugeknöpfte Zelt, wo mein Bett stand und der Kapitän schlief.

Aleksej Iwanytsch, geben Sie mir, bitte, zehn Rubel bis zum Gehaltstage, sagte ich zu dem Kapitän, während ich ihn aufrüttelte.

Was, wieder abgebrannt? Und gestern erst haben Sie erklärt, daß Sie nicht mehr spielen wollen? sagte der Kapitän, halb im Schlafe.

Nein, ich habe nicht gespielt, ich brauche es so, geben Sie mir's, bitte.

Makatjuk! schrie der Kapitän seinem Burschen zu, hole das Geldkästchen und gieb es her.

Leiser, leiser, sagte ich. Ich hörte in der Nähe des Zeltes die gleichmäßigen Schritte Guskows.

Was? ... warum leiser?

Der Degradierte hat mich um ein Darlehn gebeten. Er ist da.

Hätte ich das gewußt, dann hätte ich es nicht gegeben, bemerkte der Kapitän. Ich habe von ihm gehört: der Bursche ist einer der schlimmsten Wüstlinge! -- Der Kapitän gab mir aber doch das Geld, befahl die Schatulle wegzusetzen, das Zelt gut zu verschließen, wiederholte noch einmal: »Wenn ich gewußt hätte wozu, hätte ich es nicht gegeben« und zog sich die Decke über den Kopf. -- Nun schulden Sie mir 32, vergessen Sie nicht! rief er mir nach. Als ich aus dem Zelte trat, ging Guskow um die Bänkchen herum, und seine kleine Gestalt mit den krummen Beinen und der scheußlichen Fellmütze mit den langen weißen Haaren tauchte in der Dunkelheit auf und nieder, wenn er an der Kerze vorüberkam. Er that, als bemerkte er mich nicht. Ich gab ihm das Geld. Er sagte _merci_, knitterte den Schein zusammen und steckte ihn in die Hosentasche.

Jetzt muß das Spiel bei Pavel Dmitrijewitsch, denke ich, im vollsten Gange sein! begann er gleich darauf.

Ja, das denke ich auch.

Er spielt merkwürdig, immer _à rebours_ und biegt nie ein Paroli, glückt's, dann ist es gut, wenn es aber nicht gelingt, kann man furchtbar viel Geld verspielen. Er hat das auch bewiesen. In diesem Feldzuge hat er, wenn man die Sache berechnet, mehr als anderthalbtausend verloren. Und mit welcher Mäßigung hat er früher gespielt, so daß Ihr Offizier da an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln schien.

Ja, er hat das so ... Nikita, haben wir keinen Most mehr, sagte ich und fühlte mich sehr erleichtert durch Guskows Redseligkeit. Nikita brummte immer noch, er brachte uns aber den Wein und sah wieder wütend zu, wie Guskow sein Glas leerte. In Guskows Benehmen machte sich wieder die frühere Ungezwungenheit bemerkbar. Ich hätte gewünscht, er wäre so schnell als möglich gegangen, und es schien mir, als thäte er das nur deshalb nicht, weil er sich schämte, gleich nachdem er das Geld bekommen hatte, fortzugehen. Ich sprach kein Wort.

Wie ist es möglich, daß Sie bei Ihren Mitteln ohne jede Notwendigkeit, _de gaieté de c[oe]ur_ sich entschlossen haben, im Kaukasus Dienste zu nehmen? Sehen Sie, das verstehe ich nicht, sagte er zu mir.

Ich gab mir Mühe, mich wegen dieses für ihn so auffälligen Schrittes zu rechtfertigen.

Ich kann mir denken, wie schwer auch für Sie der Verkehr mit diesen Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von Bildung haben. Es ist nicht möglich, daß sie für Sie Verständnis haben. Sie können zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen und hören als Karten, Wein und Unterhaltung über Auszeichnungen und Feldzüge.

Es berührte mich unangenehm, daß er verlangte, ich sollte durchaus seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller Aufrichtigkeit, daß ich Karten, Wein und Gespräche über Feldzüge sehr gern hätte. Aber er wollte mir nicht glauben.

Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h. ich meine _femmes comme il faut_, ist das nicht eine schreckliche Entbehrung? Ich weiß nicht, was ich jetzt drum gäbe, wenn ich mich nur auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein Thürspältchen ein reizendes Weib sehen könnte.

Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein.

Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glück, uns in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu verkehren und zu leben. -- Er trank den letzten Rest Wein aus, der noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie hätten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut. Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, _et je n'ai pas la tête forte_. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) _au rez de chaussée_ wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung, eigene Möbel, müssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend einzurichten, wenn auch nicht übermäßig teuer. Allerdings, _mon père_ gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. _Le matin je sortais_, Besuche machen; _à 5 heures régulièrement_ fuhr ich zu ihr zu Mittag, oft war sie allein. _Il faut avouer que c'était une femme ravissante!_ Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht?

Nein.

Wissen Sie, Weiblichkeit besaß sie im höchsten Maße, Zärtlichkeit, und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glück nicht zu schätzen gewußt. Oder nach dem Theater kehrten wir häufig zu zweien nach Hause zurück und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr Langeweile empfunden, _toujours gaie, toujours aimante_. Ja, ich ahnte gar nicht, was für ein seltenes Glück das war. _Et j'ai beaucoup à me reprocher_ ihr gegenüber. _Je l'ai fais souffrir et souvent_, ich war grausam. Ach, es war eine köstliche Zeit! Langweilt Sie das?

Nein, keineswegs.

Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzählen. Ich komme: diese Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thürklinke -- alles so lieb, so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals, niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe -- ich bin ein Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr würdig ... Ja, ich bin für ewig verloren! _Je suis cassé._ Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein Mensch wird je mein Leiden begreifen -- niemand fühlt mit mir. Ich bin ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin moralisch gesunken -- in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich nicht an und saß unbeweglich da.

Warum so verzweifeln? sagte ich.

Weil ich abscheulich bin, dies Leben hat mich zu Grunde gerichtet, was in mir war, alles ist ertötet ... Ich leide nicht mehr mit Stolz, sondern mit Würdelosigkeit -- die _dignité dans le malheur_ habe ich nicht mehr. Jeden Augenblick erdulde ich Demütigungen, alles ertrage ich, ich suche selbst den Weg zur Demütigung. Dieser Schmutz _a déteint sur moi_, ich bin selbst roh geworden, ich habe vergessen, was ich gewußt habe, ich kann nicht mehr französisch sprechen, ich fühle, daß ich gemein und niedrig bin. An Kämpfen kann ich in dieser Umgebung nicht teilnehmen, um nichts in der Welt; ich wäre vielleicht ein Held: geben Sie mir ein Regiment, goldene Achselklappen, Trompeter; aber in Reih und Glied mit dem ersten besten rohen Antonow Bondarenko und dem und dem zu gehen, und zu denken, daß zwischen ihm und mir nicht der geringste Unterschied ist, daß es ganz gleich ist, ob er erschossen wird oder ich -- dieser Gedanke tötet mich. Begreifen Sie, wie entsetzlich es ist, zu denken, daß der erste beste Lumpenkerl mich töten soll, einen Menschen, der denkt und fühlt, und daß es ganz dasselbe ist, ob er den Antonow neben mir tötet, ein Geschöpf, das sich durch nichts von einem Tiere unterscheidet, und daß es leicht geschehen kann, daß man gerade mich tötet und nicht Antonow, wie es immer vorkommt, _une fatalité_ für alles Hohe und Gute. Ich weiß, daß sie mich einen Feigling nennen: schön, ich mag ein Feigling sein -- ich bin eben ein Feigling und kann nicht anders sein. Aber nicht genug, daß ich ein Feigling bin, ich bin nach Ihrer Meinung -- ein Bettler und ein verachteter Mensch. Sehen Sie, ich habe Sie eben um Geld gebeten, und Sie haben ein Recht, mich zu verachten. Nein, nehmen Sie Ihr Geld zurück -- und er streckte mir den zerknitterten Schein entgegen. -- Ich will, daß Sie mich achten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und brach in Thränen aus; ich wußte nicht, was ich sagen und thun sollte.

Beruhigen Sie sich, sprach ich zu ihm, Sie sind zu empfindlich, nehmen Sie sich nicht alles zu Herzen, grübeln Sie nicht, sehen Sie die Dinge einfacher an. Sie sagen selbst, Sie haben Charakter. Tragen Sie es, Sie haben nicht mehr lange zu leiden -- sprach ich zu ihm, aber in sehr unklaren Worten, denn ich war erregt durch ein Gefühl des Mitleids und ein Gefühl der Reue darüber, daß ich gewagt hatte, in Gedanken einen wahrhaft und tief unglücklichen Menschen zu verdammen.

Ja, begann er, wenn ich auch nur einmal seit der Stunde, wo ich in dieser Hölle bin, auch nur ein einziges Wort der Teilnahme, des Rates, der Freundschaft gehört hätte -- ein menschliches Wort, ein Wort, wie ich es von Ihnen höre -- vielleicht könnte ich alles ruhig ertragen, vielleicht könnte ich es auch auf mich nehmen und sogar ein gemeiner Soldat sein, aber jetzt ist es entsetzlich ... Wenn ich mit gesundem Sinne überlege, wünsche ich mir den Tod; warum sollte ich aber auch dieses schmachvolle Leben und mich selbst lieben, da ich für alles Gute in der Welt verloren bin? und bei der geringsten Gefahr unwillkürlich wieder anfange, dieses niederträchtige Leben zu vergöttern und es zu schonen wie etwas Kostbares? Und ich kann mich nicht überwinden, _je ne puis pas_ ..., d. h. ich kann es -- fuhr er nach einem minutenlangen Schweigen wieder fort -- aber es kostet mich zu große Mühe, ungeheure Mühe, wenn ich allein bin. Mit den anderen, unter den gewöhnlichen Bedingungen, wie man in den Kampf geht, bin ich tapfer, _j'ai fait mes preuves_, denn ich bin voll Eigenliebe und Stolz: das ist mein Fehler, und in Gegenwart anderer ... Wissen Sie, gestatten Sie mir, bei Ihnen zu übernachten, bei uns wird die ganze Nacht gespielt werden. Mir ist's gleich, wo, auf dem Fußboden.