Sewastopol

Part 2

Chapter 23,453 wordsPublic domain

Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen, erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird, uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und Gewehrkugeln wegen -- weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig ist. -- »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. -- »Wer war es? Mitjuchin?« »Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt. »Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad -- sechs Ausfälle hat er mitgemacht!«

Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel, ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint, ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle, die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte, von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und fragt: woher? -- so bekommt man meist die Antwort: von der vierten Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden ist, der dorthin geht -- und solcher, die dort hausen, wie der blonde Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist u. s. w.

In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...

Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thür heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Straße bergauf. Hinter dieser Barrikade sind die Häuser zu beiden Seiten unbewohnt, Schilder fehlen, die Thüren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach durchgeschlagen. Die Gebäude gleichen Veteranen, die alle Not und Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschätzig auf uns herabzusehen. Unterwegs stolpern wir über herumliegende Kanonenkugeln und fallen in Löcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen Grunde gerissen. Auf der Straße treffen wir Soldatendetachements, Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine Matrosenfrau und trägt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir auf der Straße weitergehen und unter eine kleine Anhöhe gelangt sind, bemerken wir um uns nicht mehr Häuser, sondern sonderbare Trümmerhaufen -- Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen Anhöhe eine schwarze, schmutzige, von Gräben durchzogene Fläche, und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: »Wo ist er verwundet?« sagen die Träger ärgerlich, ohne sich zu uns zu wenden, am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie schweigen mürrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.

Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den Berg zu besteigen beginnen, überrascht uns in unangenehmer Weise. Wir begreifen plötzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen haben, die Bedeutung der Kanonentöne, die wir in der Stadt gehört haben. Ein friedlich tröstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschäftigen, als die Beobachtungen: die Aufmerksamkeit für alles, was uns umgiebt, nimmt ab, und ein unangenehmes Gefühl der Unentschlossenheit überkommt uns plötzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem Anblick der Gefahr plötzlich in unserm Innern sich vernehmen läßt, und bringen, -- besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit ausgebreiteten Händen über den flüssigen Kot schnell lachend an uns vorbei den Berg hinanklimmt, -- diese Stimme zum Schweigen, strecken unwillkürlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den schlüpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thäten, den Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel läuft; aber der Laufgraben ist *so* voll von flüssigem, gelbem, übelriechendem, bis über die Knie reichendem Schmutz, daß wir unbedingt den Weg auf dem Berge wählen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Fläche, die auf allen Seiten von Schanzkörben und von Erdaufschüttungen umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden, und auf denen große gußeiserne Kanonen, mit regelmäßigen Haufen von Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung aufgetürmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen, dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene, zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch die Batterien und zieht mit Mühe seine Füße aus dem Schmutz. Aber überall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstücke, nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und das alles ist in flüssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hören das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hören die verschiedenen Töne der Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine Darmsaite klingen, wir hören furchtbaren Geschützdonner, der uns alle erschüttert und mit furchtbarem Entsetzen erfüllt.

»Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche, wirklich furchtbare Ort!« denken wir und empfinden ein kleines Gefühl des Stolzes und ein großes Gefühl unterdrückter Angst. Aber wir sind enttäuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die Jasonow-Redoute, ein verhältnismäßig sehr gefahrloser und durchaus nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen, müssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein Infanterist gebückt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen zu Minen, Erdhütten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebückt herumkriechen können, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak rauchen, wohnen, und sehen wiederum überall denselben übelriechenden Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt umherliegendes Gußeisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder zu einer Batterie, -- zu einem kleinen mit Löchern bedeckten Platze, der von Schanzkörben voll Erde, von Geschützen auf Plattformen und von Erdwällen umgeben ist. Hier sehen wir nun fünf Mann Matrosen, die unter der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschütz sitzend, eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schießscharte zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gänzlich ungezwungen, daß wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die häufiger als früher über uns pfeifen, kaltblütig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzählungen des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzählen; er wird erzählen, wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschütz thätig sein konnte, und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann übrig geblieben waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen Geschützen gefeuert; er wird uns erzählen, wie am 5. eine Bombe in eine Matrosen-Erdhütte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat; er wird uns von der Schießscharte aus die nicht mehr als dreißig bis vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgräben des Feindes zeigen. Nur das eine fürchte ich, daß wir, zur Schießscharte hinausgelehnt, um zu dem Feinde hinüberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden, daß dieser uns so nahe weiße Steinwall, über dem weiße Rauchwölkchen emporsteigen, der Feind ist -- »er«, wie die Soldaten und Matrosen sagen.

[B] Plastuns hießen die am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am Kuban lebenden Kosaken.

Es ist sogar leicht möglich, daß der Marineoffizier aus Eitelkeit oder nur so, um sich ein Vergnügen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig schießen lassen will. »Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft ans Geschütz!« -- und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Züge, die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in diesen breiten Schultern, in diesen kräftigen Beinen, die in gewaltigen Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzüge, die die Kraft des Russen ausmachen -- Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dünkt uns, hat die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht außer diesen Hauptzügen noch die Spuren des Bewußtseins des eigenen Wertes, erhabenen Denkens und Empfindens eingeprägt.

Plötzlich überrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehör, sondern unseren ganzen Organismus erschütternder Knall, so daß wir am ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hören wir, wie das Geschoß sich pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hüllt uns, die Plattform und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein. Wir hören verschiedene Gespräche der Matrosen über diesen Schuß. Wir sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefühl offenbaren, das wir kaum erwartet hätten -- das Gefühl der Wut, der Rache am Feinde, das in der Seele eines jeden verborgen ruht. »Gerade in die Schießscharte hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trägt man sie heraus,« hören wir freudig ausrufen. »Sieh, er ärgert sich, -- gleich wird er hierher schießen,« sagt jemand, und wirklich sehen wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr stehende Posten schreit: »Kano--one!« und gleich darauf kommt eine Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlägt auf die Erde auf und wirft, sich trichterförmig einbohrend, Steine und Erdstücke um sich. Der Batteriechef, ärgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und drittes Geschütz zu laden, -- der Feind beginnt uns zu antworten, und wir durchleben interessante Empfindungen, hören und sehen interessante Dinge. Der Posten schreit wiederum: »Kanone!« und wir hören denselben Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstücke; oder er schreit: »Mörser!« -- und wir hören ein gleichmäßiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der Bombe, mit dem man nur mühsam den Gedanken an etwas Furchtbares in Verbindung bringt, wir hören das Pfeifen, das sich uns nähert und sich beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher, schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen. Bei diesen Tönen empfinden wir ein sonderbares Gefühl, gemischt aus Angst und Genuß. In dem Augenblicke, wo das Geschoß auf uns zufliegt, schießt uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, daß es uns tötet; aber das Gefühl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafür aber leben wir, wenn das Geschoß vorübergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf, und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefühl kommt, wenn auch nur einen Augenblick, über uns, so daß wir an der Gefahr, an diesem Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genuß finden; wir wünschen, es möchten noch näher und näher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen. Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme: »Mörser!« -- wiederum ertönt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Stöhnen eines Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trägern zu dem Verwundeten heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, daß dieser Ausdruck sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen, unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die Zähne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung in die Höhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hält er die Bahre an und spricht mühsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden: »Lebt wohl, Brüder!« -- er will noch etwas sagen, man sieht, er will etwas Rührendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: »Lebt wohl, Brüder!« Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die Mütze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhält, und kehrt ruhig, gleichmäßig die Arme schwenkend, zu seinem Geschütz zurück. »So ist es jeden Tag -- sieben oder acht Mann,« sagt uns der Marineoffizier, indem er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zügen spricht, und dabei gähnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.

* * * * *

So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung selber gesehen und gehen zurück, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln, die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin pfeifen, Beachtung zu schenken, -- wir gehen mit ruhiger, erhobener Seele. Die hauptsächliche, tröstliche Überzeugung, die wir davontragen, ist die Überzeugung von der Unmöglichkeit, die Kraft des russischen Volkes an irgend einem Punkte zu erschüttern. Und diese Unmöglichkeit haben wir nicht in der Menge der Quergänge, der Brustwehren, der kunstvoll gezogenen Laufgräben, der Minengänge und Geschosse, die übereinander getürmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben, nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen, in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, daß wir die Überzeugung gewinnen, sie können noch hundertmal mehr -- sie können alles. Wir begreifen, daß das Gefühl, das sie schaffen heißt, nicht das Gefühl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefühl, ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Möglichkeiten des Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind, und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels willen, um des Zwanges willen können Menschen sich so entsetzlichen Lebensbedingungen nicht fügen: es muß eine andere, eine erhabenere Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefühl, das selten, verschämt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht -- die Liebe zum Vaterland. Erst jetzt sind uns die Erzählungen von den ersten Zeiten der Belagerung Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte, da es physisch unmöglich war, es zu halten, und doch nicht der mindeste Zweifel bestand, daß es sich dem Feinde nicht ergeben würde, glaubhaft geworden, -- die Erzählungen von den Zeiten, da Kornilow, dieser des alten Griechenlands würdige Held, bei einer Musterung der Truppen sprach: »Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht übergeben,« und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei haben, antworteten: »Wir wollen sterben! Urra!« -- erst jetzt haben die Erzählungen aus jener Zeit aufgehört, für uns eine schöne geschichtliche Überlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur Thatsache geworden. Wir verstehen klar und würdigen die Menschen, die wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut nicht sinken ließen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod gegangen sind, nicht für die Stadt, sondern für das Vaterland. Lange wird in Rußland diese Epopöe von Sewastopol, deren Held das russische Volk war, tiefe Spuren zurücklassen ...

Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet plötzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und Böten bedeckte, gleichmäßig wogende grünliche Meer, die weißen Häuser der Stadt und die in den Straßen wogenden Menschen. Über das Wasser tönen die Klänge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der sie seltsam begleitet.

*Sewastopol*, den 25. April 1885.

*Sewastopol* im Mai 1855

I

Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.

Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern, die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche, aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen, auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die Schießscharten, aus welchen gußeiserne Kanonen trutzig hervorragen; noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen, -- und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver und Blut.

II

In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende Wellen im Silberglanze funkelten.

Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch, gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher, veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war, und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin, erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem der Kamerad schreibt: