Part 19
Siehst du, Väterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tüchtig 'reingefallen! sagte der Stabskapitän Sch. Beim Stabe war er immer im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und jetzt verliert er seit zwei Monaten beständig. Dieser Feldzug hat ihm wenig Glück gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und Sachen für 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat, die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew geschenkt hat -- alles ist er losgeworden.
Geschieht ihm recht, sagte Leutnant O., er hat die anderen alle tüchtig gerupft. Es war gar nicht zu spielen mit ihm.
Erst hat er alle gerupft, und nun ist er in die Luft geflogen -- dabei schlug der Stabskapitän Sch. ein gutmütiges Lachen an. Der Guskow wohnt bei ihm, den hätte er beinahe auch verspielt, wahrhaftig, ist's nicht wahr, Väterchen? wandte er sich an Guskow.
Guskow lachte. Sein Lachen war traurig und schmerzlich und veränderte seine Züge vollkommen. Bei dieser Veränderung war es mir, als müßte ich diesen Menschen früher einmal gekannt und gesehen haben, zudem war mir sein eigentlicher Name, Guskow, nicht fremd. Aber wie und wann ich ihn gekannt, und wo ich ihm begegnet war, dessen konnte ich mich durchaus nicht erinnern.
Ja, sagte Guskow und hob dabei unaufhörlich die Finger zu seinem Schnurrbart, ließ sie aber wieder sinken, ohne ihn zu berühren. Pavel Dmitrijewitsch hat in diesem Feldzuge kein Glück gehabt, eine solche _veine de malheur_ -- fügte er mit etwas mühsamer, aber reiner französischer Aussprache hinzu, und dabei war es mir wieder, als hätte ich ihn schon irgendwo gesehen. -- Ich kenne Pavel Dmitrijewitsch genau, er vertraut mir alles an, fuhr er fort.
Wir sind alte Bekannte, d. h. er hat mich gern, fügte er hinzu, offenbar erschrocken über die allzu kühne Behauptung, daß er ein alter Bekannter des Adjutanten sei. Pavel Dmitrijewitsch spielt vortrefflich, jetzt -- merkwürdig, was mit ihm vorgeht -- jetzt ist er ganz außer sich, _la chance a tourné_, fügte er hinzu, vornehmlich zu mir gewandt.
Wir hatten Guskow anfangs mit höflicher Aufmerksamkeit zugehört, sobald er aber noch diese französische Redensart ausgesprochen hatte, wandten wir uns unwillkürlich von ihm ab.
Ich habe tausendmal mit ihm gespielt, und Sie werden mir doch zugeben, es ist sonderbar, sagte der Leutnant mit besonderer Betonung des Wörtchens *sonderbar*: ich habe nicht ein einziges Mal mit ihm gewonnen, nicht einen Abas. Warum gewinne ich mit anderen?
Pavel Dmitrijewitsch spielt vorzüglich, ich kenne ihn schon lange, sagte ich. Wirklich kannte ich den Adjutanten schon mehrere Jahre, hatte ihm schon oft zugesehen bei seinem Spiel, das für die Verhältnisse der Offiziere hoch zu nennen war, und war immer entzückt gewesen von seinen schönen, ein wenig düsteren und stets unveränderten Zügen, seiner gedehnten, kleinrussischen Aussprache, seinen schönen Sachen und Pferden, seiner gemessenen südrussischen Ritterlichkeit und besonders von seiner Kunst, das Spiel so schön, klar, verständlich und anmutig zu führen. Manchmal -- ich bekenne es reuig -- wenn ich seine vollen weißen Hände mit dem Brillantring am Zeigefinger betrachtete, die mir eine Karte nach der anderen schlugen, wurde ich wütend über diesen Ring, über die weißen Hände, über die ganze Persönlichkeit des Adjutanten, und es tauchten schlimme Gedanken gegen ihn in mir auf; wenn ich aber dann mit ruhigem Blute überlegte, überzeugte ich mich, daß er einfach ein gewandterer Spieler war als alle die, mit denen er gerade spielte. Wenn man seine allgemeinen Betrachtungen über das Spiel hörte, darüber, wie man kein Paroli biegen dürfe, wie man von einem kleinen Einsatz zu einem größeren fortschreiten, wie man in gewissen Fällen passen müsse, wie es eine erste Spielregel sei, nur mit Barem zu spielen u. s. w., wurde es einem immer klarer, daß er nur darum stets im Gewinnen war, weil er geschickter und kaltblütiger war, als wir alle. Und jetzt zeigte sich, daß dieser zurückhaltende, selbstsichere Spieler während des Feldzugs alles bis auf den letzten Heller verloren hatte, und nicht nur Geld, sondern auch Sachen, was für einen Offizier den äußersten Grad des Spielverlusts bedeutet.
Mit mir geht es ihm immer verteufelt, fuhr der Leutnant O. fort, ich habe mir schon das Wort gegeben, nicht mehr mit ihm zu spielen.
Was sind Sie für ein komischer Kauz, Väterchen, sagte Sch., zwinkerte mir mit dem ganzen Kopfe nickend zu und wandte sich an O. Sie haben 300 Moneten an ihn verloren, nicht wahr, soviel haben Sie verloren?
Mehr, sagte der Leutnant ärgerlich.
Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spät, Väterchen! Das weiß alle Welt längst, daß er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war äußerst befriedigt von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Väterchen. Und der Stabskapitän Sch. brach in ein so gutmütiges Lachen aus und schüttelte sich so mit dem ganzen Körper, daß er das Glas Glühwein verschüttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem, abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Röte; er versuchte mehrere Male den Mund zu öffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und ließ sie wieder zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und wieder gingen seine kleinen roten Händchen mit den schmutzigen Nägeln von dem Pelz zum Gesicht und fuhren über den Schnurrbart, das Haar und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles Bedürfnis die Backen.
Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Väterchen! fuhr Sch. fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flüsterte noch ein paar Worte, stützte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins, betrachtete in der unnatürlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene an, als ob er verächtlich lächelte.
»Nein, -- sagte ich innerlich überzeugt, während ich dieses Lachen beobachtete -- ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch mit ihm gesprochen.«
Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann. Guskows veränderliches Gesicht leuchtete plötzlich auf, und seine Augen hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.
Gewiß, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er französisch. Im Jahre 48 hatte ich ziemlich oft das Vergnügen, Sie in Moskau bei meiner Schwester Iwaschina zu treffen.
Ich entschuldigte mich, daß ich ihn in dieser Tracht und in dieser neuen Kleidung nicht sofort erkannt hätte. Er erhob sich, trat auf mich zu, drückte mir mit seiner feuchten Hand zögernd, schwach die meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es, weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung plötzlich in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als hätte sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, plötzlich verändert: sie zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit im Bewußtsein dieses Geistes und eine gewisse geringschätzige Nachlässigkeit, so daß mein alter Bekannter -- ich gestehe es -- trotz seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflößte, sondern ein gewisses Gefühl der Feindseligkeit.
Ich erinnerte mich lebhaft zurück an unsere erste Begegnung. Im Jahre 48 besuchte ich, während meines Aufenthaltes in Moskau, häufig Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine liebenswürdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute sei. Da ich vom Hörensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm einen mittelgroßen, nach seiner äußeren Erscheinung sehr angenehmen jungen Mann in schwarzem Frack, in weißer Weste und heller Binde, mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen vergaß. Der junge Mann, der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber höflich mit ihm über einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte sei durchaus kein Held und nicht für den Krieg geschaffen, wie man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und ließ mich fortreißen, ihm sogar zu beweisen, daß Klugheit und Bildung stets im umgekehrten Verhältnisse zur Tapferkeit ständen, und ich erinnere mich, wie Guskow in liebenswürdiger und kluger Weise mir auseinandersetzte, daß Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und daß ich dem, da ich mich selbst für einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, daß mich Frau Iwaschina am Schlusse unseres Gesprächs mit ihrem Bruder bekannt machte, und er mir mit einem herablassenden Lächeln seine kleine Hand reichte, auf die er den weißen Handschuh erst halb gezogen hatte, und daß er mir ebenso schwach und zögernd wie jetzt die Hand gedrückt hatte. Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mußte ich damals Guskow Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen, daß er wirklich ein kluger und liebenswürdiger junger Mann war, der in der Gesellschaft Erfolge haben müsse. Er war außerordentlich sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um dessentwillen man ihm unwillkürlich den Ausdruck der Selbstgefälligkeit und den Wunsch, anderen seine Überlegenheit empfinden zu lassen, den sein kluges Gesicht und besonders sein Lächeln beständig zur Schau trug, gern verzeihen mochte. Man erzählte sich, er habe in diesem Winter große Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glück und Zufriedenheit, den sein jugendliches Äußeres beständig zeigte, und aus seinen bisweilen unbescheidenen Erzählungen schließen, bis zu welchem Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach meist französisch in vorzüglicher Ausdrucksweise, sehr gewählt und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in gefälliger, höflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte überhaupt mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen Überzeugung auftreten, daß man mit mir von oben herab verkehren könne und mit denen ich nicht genauer bekannt bin, fühlte ich auch hier, daß er in diesem Punkte ganz im Rechte war.
Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte, erkannte ich in ihm den früheren hochmütigen Ausdruck lebhaft wieder, und es schien mir, als nütze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenüber aus, indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede Frage russisch antwortete, begann er immer wieder französisch; aber er drückte sich offenbar nicht mehr so geläufig in dieser Sprache aus wie früher. Von sich erzählte er mir so nebenbei, er habe nach seiner unglückseligen, dummen Geschichte (was das für eine Geschichte war, weiß ich nicht und hat er mir auch nicht erzählt) drei Monate im Arrest gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem Regimente.
Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir französisch, was ich alles in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden müssen! Ein Glück für mich, daß ich von früher her den Adjutanten gekannt habe, von dem wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte er in höflichem Tone -- ich wohne bei ihm und für mich ist das immer eine kleine Erleichterung. _Oui, mon cher, les jours se suivent, mais ne se ressemblent pas_, fügte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und erhob sich, denn er hatte bemerkt, daß eben der Adjutant, von dem wir sprachen, auf uns zukam.
Welch eine Freude, einem Menschen zu begegnen, wie Sie! sagte Guskow zu mir im Flüstertone, während er sich von mir entfernte, ich hätte viel, viel mit Ihnen zu sprechen.
Ich sagte, ich sei sehr erfreut, in Wirklichkeit aber, muß ich bekennen, flößte mir Guskow ein unsympathisches, drückendes Mitgefühl ein.
Ich hatte eine Ahnung, daß ich mich mit ihm unter vier Augen unbehaglich fühlen würde, aber ich hätte gern mancherlei von ihm gehört, besonders wie es komme, daß er bei dem Reichtum seines Vaters in Armut lebe, wie man seiner Kleidung und seinem Auftreten anmerkte.
Der Adjutant begrüßte uns alle, nur Guskow nicht, und setzte sich neben mich an die Stelle, die der Degradierte eingenommen hatte. Stets ein ruhiger und langsamer, gleichmütiger Spieler und ein vermögender Mann, war Pavel Dmitrijewitsch jetzt ein ganz anderer geworden, als ich ihn in der Blütezeit seines Spielens gekannt hatte -- er schien immer Eile zu haben und ließ seine Blicke umherschweifen, und es waren nicht fünf Minuten vergangen, als er, der sonst immer das Spiel ablehnte, dem Leutnant O. den Vorschlag machte, ein Bänkchen aufzulegen. Leutnant O. lehnte unter dem Vorwande ab, daß er vom Dienst in Anspruch genommen sei, in Wirklichkeit aber, weil er wußte, wie wenig Geld und Gut Pavel Dmitrijewitsch geblieben war, und weil er es für unvernünftig hielt, seine dreihundert Rubel aufs Spiel zu setzen gegen die hundert und vielleicht auch weniger, die er gewinnen konnte.
Sagen Sie, Pavel Dmitrijewitsch, begann der Leutnant, der offenbar den Wunsch hatte, einer Wiederholung der Bitte aus dem Wege zu gehen, ist es wahr, es heißt, wir sollen morgen ausrücken?
Ich weiß nicht, bemerkte Pavel Dmitrijewitsch, es ist nur der Befehl gekommen, daß wir uns bereit halten sollen. -- Aber wirklich, es ist besser, wir machen ein Spielchen, ich verpfände euch meinen Kabardiner.
Nein, es ist heute schon ...
Den Grauen, wenn es nicht anders ist, oder wenn Sie wollen, um Geld. Nun? ...
Nun ja ... Ich wäre schon bereit, Sie dürfen nicht glauben, ... begann Leutnant O., indem er seine eignen Zweifel beantwortete. Aber morgen giebt es vielleicht einen Überfall oder einen Marsch, da muß man ausschlafen.
Der Adjutant erhob sich und ging, die Hände in den Taschen, auf dem gereinigten Platze hin und her. Sein Gesicht nahm den gewohnten Ausdruck der Kühle und eines gewissen Stolzes an, den ich gern an ihm sah.
Wollen Sie nicht ein Gläschen Glühwein? sagte ich zu ihm.
Gern! -- Und er kam auf mich zu. Guskow aber nahm mir schnell das Glas aus der Hand und brachte es dem Adjutanten entgegen; dabei gab er sich Mühe, ihn nicht anzusehen. Er übersah den Strick, der das Zelt zusammenhielt, stolperte darüber, ließ das Glas fallen und stürzte vornüber.
So ein Hanswurst! sagte der Adjutant, der schon seine Hand nach dem Glase ausgestreckt hatte. Alle lachten laut auf, Guskow nicht ausgenommen; dabei rieb er sein hageres Knie, das er bei dem Falle nicht im geringsten verletzt haben konnte, mit der einen Hand.
Wie der Bär den Einsiedler bedient hat, fuhr der Adjutant fort. So bedient er mich jeden Tag! Alle Pflöcke im Zelt hat er schon umgerissen, -- immer stolpert er.
Guskow entschuldigte sich vor uns, ohne auf ihn zu hören, und sah mich mit einem kaum merklichen traurigen Lächeln an, mit dem er sagen zu wollen schien, ich allein wäre imstande, ihn zu verstehen. Er war beklagenswert, und der Adjutant, sein Beschützer, schien aus irgend einem Grunde erzürnt auf seinen Zeltgenossen zu sein und wollte ihn durchaus nicht in Ruhe lassen.
Nun, Sie geschickter Jüngling, wo fallen Sie denn nicht?
Wer stolpert nicht über diese Pflöcke, Pavel Dmitrijewitsch, sagte Guskow, Sie sind selbst vorgestern gestolpert.
Ich, Väterchen, bin kein Subalterner, von mir verlangt man keine Geschicklichkeit.
Er darf schwere Beine haben, fiel der Stabskapitän ein, aber ein Subalterner muß springen können ...
Merkwürdige Scherze! ... sagte Guskow beinahe flüsternd und schlug die Augen nieder. Der Adjutant war offenbar nicht gut gelaunt gegen seinen Zeltgenossen. Er horchte begierig auf jedes seiner Worte.
Man wird ihn wieder auf einen gedeckten Posten schicken müssen, sagte er zu Sch. gewandt, mit Zwinkern auf den Degradierten weisend.
Da wird's wieder Thränen geben, sagte Sch. lächelnd. Guskows Augen waren nicht mehr auf mich gerichtet, er that, als ob er Tabak aus dem Beutel nähme, in dem längst nichts mehr war.
Machen Sie sich bereit, auf gedeckten Posten zu ziehen, sagte Sch. unter Lachen. Die Kundschafter haben heute gemeldet, es würde einen Angriff auf das Lager geben, da heißt es sichere Leute bestimmen.
Guskow lächelte unentschlossen, als bereitete er sich vor, etwas zu sagen, und richtete mehrere Male flehentliche Blicke auf Sch.
Nun ja, ich bin ja schon manchmal gegangen, und ich werde wieder gehen, wenn man mich schickt, stammelte er hervor.
Man wird Sie schicken.
So werde ich gehen. Was soll ich thun?
Ja, wie in Argun: wo Sie vom Posten weggelaufen sind und das Gewehr fortgeworfen haben ... sagte der Adjutant, dann wandte er sich von ihm ab und begann, uns die Befehle für morgen auseinanderzusetzen.
In der That erwartete man in der Nacht eine Beschießung des Lagers von Seiten des Feindes und am folgenden Tage irgend eine Bewegung. Der Adjutant sprach noch von allerlei allgemeinen Dingen, plötzlich schlug er, wie zufällig, als ob es ihm eben eingefallen wäre, dem Leutnant O. vor, ein kleines Spielchen zu machen. Leutnant O. war wider Erwarten vollständig einverstanden, und sie gingen mit Sch. und dem Fähnrich in das Zelt des Adjutanten, der einen grünen Spieltisch und Karten hatte. Der Kapitän, der Kommandeur unserer Abteilung, ging in sein Zelt schlafen, auch die anderen Herren gingen auseinander und ich blieb mit Guskow allein. Ich hatte mich nicht getäuscht -- ich fühlte mich wirklich unbehaglich unter vier Augen mit ihm. Unwillkürlich stand ich auf und begann auf der Batterie auf- und niederzugehen. Guskow ging schweigend neben mir her und machte hastige und unruhige Bewegungen, um nicht hinter mir zurückzubleiben und mir nicht vorauszueilen.
Ich störe Sie doch nicht? sagte er mit sanfter, klagender Stimme.
So viel ich in der Dunkelheit sein Gesicht sehen konnte, schien es mir tief nachdenklich und traurig.
Nicht im mindesten, antwortete ich; da er aber nicht zu sprechen begann, und ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, gingen wir ziemlich lange schweigend hin und her.
Die Dämmerung war schon vollständig dem Dunkel der Nacht gewichen, über dem schwarzen Umriß des Gebirgs flammte helles Abendwetterleuchten, über unseren Häuptern funkelten am hellblauen Winterhimmel kleine Sterne, von allen Seiten loderten in rotem Schein die Flammen der rauchenden Wachtfeuer, nah vor uns schimmerten die grauen Zelte und der düstere, schwarze Erdwall unserer Batterie durch den Nebel. Vor dem nächsten Wachtfeuer, um das unsere Burschen sich zum Wärmen gelagert hatten und leise plauderten, glänzte von Zeit zu Zeit auf der Batterie das Erz unserer schweren Geschütze und erschien in ihrem umgehängten Mantel die Gestalt des Wachtpostens, die sich gemessenen Schrittes unterhalb des Erdwalls hin- und herbewegte.
Sie können sich nicht vorstellen, welche Freude es für mich ist, mit einem Menschen wie Sie zu sprechen! sagte Guskow zu mir, obgleich er mit mir noch nichts gesprochen hatte. Das kann nur der begreifen, der einmal in meiner Lage gewesen ist.
Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, und wir schwiegen wieder beide, obgleich er offenbar Lust hatte sich auszusprechen, und ich ihn anzuhören.
Wofür sind Sie ... Wofür haben Sie leiden müssen? fragte ich ihn endlich, da mir nichts Besseres einfiel, um das Gespräch zu beginnen.
Haben Sie nichts gehört von der unglückseligen Geschichte mit Metenin?
Ja, ein Duell, glaube ich, war es; ich habe flüchtig davon gehört, antwortete ich, ich bin ja schon lange im Kaukasus.