Part 18
Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ... Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra! ta--ra--ta--ta--ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter -- zweite Schanze. Das war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe -- eine zweite Schanze: weiter geht's nicht. Da -- wie nennt man das -- nun wie heißt das ... Ach! wie ...
Wieder ein Graben, sagte ich vor.
Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott, wie heißt denn das? -- und er machte mit der Hand eine linkische Bewegung. -- Ach, du lieber Gott, wie ...
Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch hatte, ihm vorzusagen.
Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.
Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben, geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...
In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow. Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh, diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen. Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.
Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... -- Und Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.
XIII
Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow, der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu, noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.
Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der Stadt erzählt.
Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten einen besonderen Takt beobachtet -- in der Zeit der Gefahr alles zu unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil. Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte, um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl, die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten, die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen. -- Er spie ins Feuer. -- Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben unsern Verwundeten gesehen.
Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
Nein, er ist tot.
Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in seinen Mantel.
Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um; alle verstummten.
Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich. Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.
Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der Männerstimmen:
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns von dem Übel.«
So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben wir ihn unter einem Baum niedergelassen.
In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.
Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.
Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte Tschikin.
Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an Antonow.
Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.
Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und hockte neben uns nieder.
Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.
Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.
Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's, wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch ein Jammer. Na, als *er* uns dann auf den Leib rückte, drei von unserer Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ... 's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es war ein Schmutz.
Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war, bemerkte einer der Soldaten.
Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, -- es war ein alter Feuerwerker -- Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun, leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott -- lassen wir ihn also hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen breiten Ästen. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin -- Shdanow hatte welche mit -- lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen ihn so liegen.
Und war's ein tüchtiger Soldat?
Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.
Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort sind gar viele von den Kameraden geblieben!
In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und her. Da ging es hoch her!
Damit ging er von uns.
Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen sind? fragte ich.
Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.
Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr sein, daß er fort ist.
Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.
Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.
Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.
Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern. Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und wer weiß, ob sie noch leben?
Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.
Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie nämlich selbst in Armut leben -- wie soll ich da hin?
Ist es lange her, daß du geschrieben hast?
Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.
Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt, ein Liedchen vor sich hinsummte.
Antonow stimmte »Die Birke« an.
Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.
Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter dem Wachtfeuer nieder.
War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.
Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte, flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte, antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des leisen Gesprächs.
Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.
Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.
15. Juni 1855.
Eine Begegnung im Felde
mit
einem Moskauer Bekannten
(Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Fürsten Nechljudow)
Wir standen im Felde. Die Kämpfe gingen schon ihrem Ende entgegen, wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom Stabe den Befehl zum Rückzuge in die Festung. Unsere Division der Batteriegeschütze stand am Abhang eines steilen Bergrückens, der von dem reißenden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe, die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschießen. Auf dieser malerischen Ebene zeigten sich außer Schußweite von Zeit zu Zeit, besonders vor Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener Bergbewohner, die aus Neugier herbeigeströmt waren, um das russische Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend, wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war hinter den steilen Gebirgsausläufern zur Linken versunken und warf ihre rosigen Strahlen auf die Zelthütten, die über den Berg zerstreut lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf unsere beiden Geschütze, die schwerfällig, wie mit ausgereckten Hälsen, unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein Infanteriepiket, das auf dem Hügel zur Linken zerstreut lag, war mit seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens, einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen. Rechts und links auf der halben Höhe des Berges schimmerten auf dem schwarzen, ausgetretenen Boden die weißen Zelte, und hinter den Zelten die dunklen, entblätterten Stämme des Platanenwaldes, in dem unaufhörlich Äxte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefällte Bäume krachend niederstürzten. Bläulicher Dampf stieg von allen Seiten in Säulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Tränke zurückkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu hören, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin über die Ebene. Die Häuflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der Soldaten erregten, ritten ruhig über die hellgelben Stoppeln der Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bäumen die hohen Säulen der Kirchhöfe und die rauchenden Auls herüber.
Unser Zelt stand unweit der Geschütze an einem trocknen und hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem Zelt, ganz in der Nähe der Batterie, hatten wir auf einem gesäuberten Plätzchen ein Holzklötzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten hatten uns hier geflochtene Bänke und einen kleinen Tisch hergesetzt. Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer Batterie und nannten den Ort den Klub.
Es war ein prächtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und wir spielten Klötzchen. Ich, der Fähnrich D. und der Leutnant O. hatten hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergnügen und Gelächter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen, die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem Rücken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitäns Sch., der keuchend und gutmütig lächelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf dem kleinen, schwächlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spät geworden. Die Burschen brachten für sechs Mann, die wir waren, drei Glas Thee ohne Untersätze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den geflochtenen Bänken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroßer Mann mit krummen Beinen in einem Pelz ohne Überzug und in einer Fellmütze mit langem, herabhängendem weißen Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen waren, zog er einige Mal zögernd die Mütze und setzte sie wieder auf, dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mußte, daß er nicht mehr unbemerkt bleiben könne, zog er die Mütze, ging im Bogen um uns herum und trat auf den Stabskapitän Sch. zu.
Ah, Guscantini! Wie geht's, Väterchen? sagte Sch. zu ihm und lächelte gutmütig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.
Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mütze auf und machte eine Bewegung, als ob er die Hände in die Taschen seines Pelzes stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten Lage. Ich hätte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, daß mein Blick (d. h. der Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete ich aufmerksam seine Kleidung und sein Äußeres. Er mochte dreißig Jahre zählen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie schläfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weißen Schafpelz der Mütze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke, unregelmäßige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine krankhafte, unnatürliche Magerkeit, die Lippen, die sehr spärlich von einem dünnen, weichen, häßlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden sich unaufhörlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas Unfertiges an -- in seinen Zügen blieb beständig der eine Ausdruck der Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener Hals war mit einem grünseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert, aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwärzte Soldatenschäfte.
Machen Sie keine Umstände, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit einem scheuen Blick auf mich, die Mütze gezogen hatte.
Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mütze auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnüren aus der Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.
Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht mehr dazu taugte, jüngeren Kameraden gutmütig Gefälligkeiten zu erweisen, und ein Junker ohne Vermögen. Ich kannte daher sehr gut den ganzen moralischen Druck einer solchen Lage für einen nicht mehr jungen und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme für jeden, der sich in ähnlicher Lage befand, und gab mir Mühe, mir seinen Charakter, den Grad und die Richtung seiner geistigen Fähigkeiten zu erklären, um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem absichtlichen, unaufhörlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, höchst selbstbewußter und darum höchst bedauernswerter Mensch zu sein.
Der Stabskapitän Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie Klötzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte außer dem Umritt einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glühwein stellen, der in diesem Winter wegen der großen Kälte auf unserem Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, führte er, offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitän Sch. auf die Seite und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmütige Stabskapitän klopfte ihm mit seiner fleischigen, großen Hand auf die Schulter und antwortete laut: »Thut nichts, Väterchen, ich traue Ihnen.«
Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte Subalterne gehörte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren Offizieren, dem Fähnrich D., reiten sollte, wurde der Fähnrich rot, ging zu dem Bänkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als Lösegeld an. Während der Glühwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt das emsige Wirtschaften Nikitas zu hören war, der einen Boten nach Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rücken die schmutzige Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei dem Bänkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Gläsern, betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dämmerung hüllen wollte, und plauderten und lachten über die verschiedenen Wechselfälle des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem Gespräch, lehnte hartnäckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend, aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergnügen, als um sich den Anschein eines mit etwas beschäftigten Menschen zu geben. Als man davon sprach, daß morgen der Rückzug vielleicht auch ohne Gefecht stattfinden könnte, richtete er sich auf die Knie auf und sagte, nur zu dem Stabskapitän Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rückzuge für morgen geschrieben. Wir schwiegen alle, während er sprach, und obgleich er deutlich seine Schüchternheit verriet, veranlaßten wir ihn, diese für uns außerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte, was er gesagt hatte, fügte jedoch hinzu, er *sei* bei dem Adjutanten *gewesen*, mit dem er *zusammen wohne*, und habe dort *gesessen*, gerade als man den Befehl brachte.
Sehen Sie, wenn Sie nicht lügen, Väterchen, so muß ich zu meiner Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitän Sch.
Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewiß ... begann der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den Beleidigten zu spielen, verzog unnatürlich die Stirn, brummte etwas in den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch., ihm eine *Cigarette zu leihen*. Wir setzten dieses einförmige Gespräch über den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzügen teilgenommen hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten über die Langeweile und die Länge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher Weise über die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung darüber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u. s. w. u. s. w.