Part 14
Plötzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither Schüsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei, schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander.
Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar in weißer Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm flüsternd mit lebhafter Gebärde eine lange Zeit.
Oberst Chassanow, lassen Sie die Schützenkette ausschwärmen! sagte der General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme.
Die Abteilung näherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge, die Schluchten blieben im Rücken; es begann Tag zu werden. Der Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren, erschien höher; die Morgenröte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel stieg wie Dampf über dem rauschenden Flusse auf.
VIII
Der Führer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr nach auch der General mit seinem Gefolge, überschritt den Fluß. Das Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit außerordentlicher Kraft stürzte es zwischen den weißen Steinen dahin, die hie und da aus der Wasserfläche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde schäumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen des Wassers, richteten die Köpfe empor, spitzten die Ohren, gingen aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strömung über den unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Höhe, die Fußsoldaten, die buchstäblich nur mit einem Hemd bekleidet waren, hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbündel befestigt hatten, über dem Wasser, faßten sich je zwanzig Hand an Hand und kämpften mit einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprägt war, gegen die Strömung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre Pferde im Trab mit großem Geschrei in das Wasser. Die Geschütze und die Pulverkasten, über die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte, klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen wacker die Stränge, teilten die schäumende Flut und erklommen mit feuchtem Schweif und feuchter Mähne das andere Ufer.
Sobald der Übergang vollzogen war, lag plötzlich auf dem Antlitz des Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd und ritt im Trab mit der Reiterei über die von dem Walde umsäumte Wiese dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten schwärmten am Waldesrand entlang.
Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmütze, ein Fußgänger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren sagt: »Das sind die Tataren.« Da wird auch ein leichter Rauch hinter dem Baum sichtbar ... Ein Schuß, ein zweiter ... Unser rasches Schießen übertönt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die mit gedehntem Klang, ähnlich dem Summen der Bienen, vorüberfliegt, daß nicht alle Schüsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist das Fußvolk, im Trab die Geschütze in die Schlachtlinie eingerückt; man hört den dröhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der fliegenden Kartätschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der Gewehre. Die Reiterei, das Fußvolk und die Geschützmannschaft tauchen von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwölkchen der Gewehre, der Raketen und Kanonen fließen mit dem taubedeckten Grün und dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General heran und hält sein Pferd in vollem Ritt plötzlich an.
Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mütze gelegt, befehlen Sie, daß die Kavallerie vorrückt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit roten und blauen Fähnchen an den Lanzen, auf weißen Rossen vorausreiten.
[N] Die Zeichen haben bei den Bergvölkern beinahe die Bedeutung von Fahnen, nur mit dem Unterschied, daß jeder Dshigit sich seine eigenen Zeichen machen und führen kann.
Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.
Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und ruft: »Urrah!«
Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei stürmt ihm nach.
Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die Kugeln kommen dichter geflogen.
_Quel charmant coup d'[oe]il!_ sagt der General, indem er seinen dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt.
_Charmant!_ antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. _C'est un vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays_, sagt er.
_Et surtout en bonne compagnie_, fügt der General mit anmutigem Lächeln hinzu.
Der Major verneigte sich.
In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten Lächeln etwas auf französisch.
Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der Befehlshaber der Artillerie.
Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig und raucht eine Cigarette an.
Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.
Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke, die sie selbst aufwirbelt.
Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war, den Eindruck, weil es überflüssig erschien -- diese Lebhaftigkeit, diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit einem Beile die Luft zu spalten.
IX
Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.
Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut, zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)
Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.
Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern; ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.
Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines *sambrotalischen* Tabaks mit so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß, daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als sei ich hier völlig zu Hause.
Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.
Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam; ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten. Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich, daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen. Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das Leben aus.
Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den andern geflohen sei.
Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.
Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.
Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin ein alter Mann.
Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?
Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet hatte.
Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.
Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.
Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.
Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen, wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen waren.
Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns gesammelt hatten.
Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...
Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.
Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.
Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.
Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte, errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.
Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem Lächeln.
X
Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.
Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum andern hinüberrannten.
Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig; einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »*Er*[O] feuert von da, *er* hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, *Kanonen* müßten wir haben ...« u. s. w.
[O] *Er* ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.
Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.
Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen. Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.
Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.
Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln; immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.
Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig, wir werfen sie zurück.
Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.
Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger, einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten, und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.) Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.
Er war *ganz so, wie ich ihn immer sah*. Dieselben sicheren Bewegungen, dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt sich leicht: *ganz so wie immer*; aber wie mannigfache Abstufungen habe ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte, warum man etwas scheinen sollte.
Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »_La garde meurt, mais ne se rend pas_« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort, gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt hätte, er es -- davon bin ich überzeugt -- nicht ausgesprochen hätte: erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen, jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen Rittertum gleich zu thun streben? ...
Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.
Alles verschwand im Walde.
Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen, auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war, die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.
Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von diesem traurigen Schauspiel ab.
Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht gescheit und hat es büßen müssen.
Fürchtest du dich denn? fragte ich.
Etwa nicht?
XI
Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu ermuntern, aufzurichten und zu trösten.
Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.
Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete Wirkung nicht.
Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich aufrichtiges Mitleid aus.
Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet hätte. Gott hat es offenbar so gewollt.
Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges Lächeln.
Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.
Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän.
Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran.
Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.
Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht. Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem Stöhnen zurück.
Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz gleich, ich sterbe.
Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir: »Er geht hinüber.«
XII
Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.
Der Holzschlag
Erzählung eines Junkers
I
Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war, auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.
Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.
Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen, zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander.