Part 13
Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergoß ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken zerstreuten sich, und es wurde heiß. Die Soldaten marschierten mit ihren Gewehren und Säbeln auf dem Rücken langsam die staubige Straße dahin, in den Reihen hörte man von Zeit zu Zeit ein Gespräch in kleinrussischer Mundart und Gelächter. Einige alte Soldaten in weißen Kitteln, -- meist Unteroffiziere --, gingen neben dem Wege, mit dem Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispännige Fuhren bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts und wirbelten den dichten, schwerfälligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das Pferd mit der Peitsche und ließen es vier, fünf Sprünge machen, dann parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rückwärts. Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz Glut und Stickluft unermüdlich ein Lied nach dem andern spielten.
Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem großen Schimmel neben den berittenen Tataren ein schlanker und schöner Offizier in asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkühnen Tapferkeit bekannt und als ein Mann, »der jedem die Wahrheit in die Augen wirft«. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte, ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Füßen anliegende Stiefel mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe nach hinten eingedrückte Fellmütze. Über Brust und Rücken liefen silberne Borten, daran hingen auf dem Rücken Pulverhorn und Pistole; eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen am Gürtel. Über der Kleidung war sein Säbel in schöner Saffianscheide mit Silberbesatz umgürtet, über die Schultern hing die Windbüchse in schwarzem Überzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem ganzen Gebahren, überhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich, daß er sich Mühe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber an den verwunderten, spöttischen Blicken, die diese letzteren einander zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, daß sie ihn nicht verstanden. Es war einer von unseren jungen Offizieren, einer der kühnen Ritter und Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen. Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer Zeit, eines Mulla Nur und ähnlicher und lassen sich in allen ihren Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem Beispiel dieser Vorbilder.
Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anständiger Frauen und ernster Männer: Generale, Obersten, Adjutanten -- ja, ich bin überzeugt, daß er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er war im höchsten Grade eitel; aber er hielt es für seine unbedingte Pflicht, allen ernsten Männern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er auch in seiner Derbheit sehr maßvoll war; und ließ sich eine Dame in der Festung sehen, so hielt er es für seine Pflicht, mit seinen Kameraden bloß in einem roten Hemd und mit Fußlappen an den nackten Beinen an ihrem Fenster vorüberzugehen und so laut als möglich zu schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu kränken, als in der Absicht, zu zeigen, was er für schöne weiße Füße habe, und wie man sich in ihn verlieben könnte, wenn er das nur wollte. Oder er zog häufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nächte in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die vorüberkamen, aufzulauern und sie zu töten; und obgleich ihm sein Herz oft genug sagte, daß darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich für verpflichtet, den Menschen Leid zuzufügen, die ihm, wie er meinte, Enttäuschungen bereitet, und die er verachtete und haßte. Zwei Dinge legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug, und das Dolchmesser, das über dem Hemd hing, und mit dem er sich auch zu Bette legte. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß er Feinde habe. Sich selbst zu überzeugen, daß er an jemandem Rache zu nehmen und mit Blut eine Beleidigung zu sühnen habe, war für ihn der höchste Genuß. Er war überzeugt, daß die Gefühle des Hasses, der Rache und der Verachtung des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefühle seien. Seine Geliebte aber, -- natürlich eine Tscherkessin -- mit der ich später zufällig zusammentraf, erzählte, er sei der beste und sanfteste Mensch, und er schreibe jeden Abend seine düsteren Aufzeichnungen nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nächtlichen Straßenstreifzüge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel einen feindlichen Tschetschenzen am Fuß und nahm ihn gefangen. Dieser Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war, entließ er ihn mit Geschenken. Später einmal, während eines Kriegszugs, als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurückwich und sich gegen den Feind durch Schießen verteidigte, hörte er aus den Reihen der Feinde seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drückte ihm die Hand. Die Bergbewohner standen in der Nähe und schossen nicht; als aber der Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine Kugel streifte ihn unterhalb des Rückens. Ein andermal habe ich selbst gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien Soldaten waren mit dem Löschen beschäftigt, plötzlich erschien mitten in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drängte die Menge auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und stürzte in das Haus, das von einer Seite lichterloh brannte. Fünf Minuten später kam der Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurück und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet hatte.
Er hieß Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete sie von den Warägern ab und suchte klar zu beweisen, daß er und seine Vorfahren echte Russen waren.
IV
Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute, die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:
Schamyl wollte revoltiren In vergangnen Jahren, Traj--raj, ra--ta--taj ... In vergangenen Jahren.
Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. -- Er wußte auch nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes, dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war.
Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren Reisekästchen Karten.
Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin. Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen.
V
Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite, befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken, die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten. Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.
Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt, wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten, verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard.
Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen, die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.
Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen.
Wer ist denn angekommen? fragte ich.
Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf.
Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl bewußt ist.
_Bon soir, madame la comtesse_, sagte er und reichte ihr durch das Wagenfenster die Hand.
Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien an dem Fenster des Wagens.
Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte:
_Vous savez, que je fait v[oe]u de combattre les infidèles, prenez donc garde de le devenir._
Im Wagen erklang ein Lachen.
_Adieu donc, cher général._
_Non, au revoir_, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe hinausging, _n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain_.
Der Wagen rollte weiter.
»Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen; und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle zusammengetroffen wäre.«
Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen, der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und Schüchternheit anzeichnete.
Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte, ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte, daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das alles gänzlich unverständlich.
VI
Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.
Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.
Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber: bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.
[G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche.
Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte: erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.
Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen, Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren, die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr Leutnant wünscht Feuer.«
Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen -- und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel, einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen. Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases, das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.
Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes Plaudern und das Schnauben der Pferde.
Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft.
Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt, unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit, der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte, meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur -- diesem unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten.
VII
Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis sah ich dieselben dunklen Gegenstände unklar vor mir: in geringer Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte und die Hinterfüße breit auseinander setzte, einen Rücken in weißer Tscherkeska, über dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war und der weiße Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart, einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete. Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schloß die Augen und versank einige Augenblicke in Träume; da plötzlich traf bekannter Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich stünde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag, komme auf mich zu, oder diese Wand stünde fest, und ich ritt gerade auf sie zu. In einem dieser Augenblicke überraschte mich das herannahende, dumpfe Getöse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch stärker -- es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe Schlucht und näherten uns einem Bergfluß, dessen Überschwemmungszeit gerade den Höhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getöse wuchs, das feuchte Gras wurde dichter und höher, die Sträucher wurden seltener, der Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer auf und erloschen sofort wieder.
[H] Die Ueberschwemmungszeit der Flüsse im Kaukasus ist der Juli.
Sagen Sie mir, bitte, was sind das für Feuer? fragte ich flüsternd den Tataren, der neben mir ritt.
Ei, weißt du das nicht? antwortete er.
Nein.
Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den Feuerbrand werfen.
Warum denn?
Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fügte er lachend hinzu, herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er in die Schlucht schleppen.
[I] Tomascha bedeutet Unfrieden in der eigentümlichen Mundart, die die Russen und Tataren in ihrem gegenseitigen Verkehr erfunden haben. Diese Mundart kennt viele Worte, deren Wurzel weder aus dem Russischen, noch aus den tatarischen Sprachen zu erklären sind.
[J] Churda-Murda bedeutet in demselben Mundart Hab und Gut.
Wissen sie denn in den Bergen schon, daß eine Abteilung herankommt? fragte ich.
Ja, wie soll er das nicht wissen, er weiß es immer, die Unseren sind solch ein Volk!
So rüstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich.
Jok,[K] antwortete er und schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die Naïbs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg herunter.
[K] Jok ist das tatarische »Nein«.
[L] Naïbs sind Leute, welchen Schamyl irgend einen Teil der Verwaltung anvertraut hat.
Wohnt er weit von hier?
Weit nicht, hier links, zehn Werst können's sein.
Woher weißt du? ... fragte ich, warst du denn dort?
O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen.
Und hast du Schamyl gesehen?
Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert, tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit dem Ausdruck unterwürfigster Hochachtung.
[M] Das Wort Muriden hat viele Bedeutungen, aber in dem Sinne, in dem es hier gebraucht ist, bezeichnet es ein Mittelding zwischen einem Adjutanten und einem Mitglied der Leibwache.
Wenn man emporsah, konnte man bemerken, daß der lichter werdende Himmel im Osten zu leuchten begann und der kleine Bär sich zum Horizont herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht und dunkel.