Sewastopol

Part 11

Chapter 113,563 wordsPublic domain

Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fügte der alte Feuerwerker hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.

Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.

Wir haben hier einen einfältigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er fürchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer draußen umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Bär aus.

Er kann besprechen, sagte Waßins träge Stimme.

Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine außerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht, ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.

Wie, fürchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.

Weshalb soll ich mich vor den Bomben fürchten? antwortete Mjelnikow, indem er einen krummen Rücken machte und sich kratzte; durch eine Bombe sterbe ich nicht, das weiß ich.

So möchtest du hier wohnen?

Gewiß, ich möchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er plötzlich in Lachen ausbrach.

O, da muß man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General kannte.

Warum soll ich's nicht wollen, -- ich will's.

Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.

Laßt uns »Nase« spielen, Kinder! Wer hat Karten? ließ sich seine hastige Stimme vernehmen.

Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, -- man hörte die Schläge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja goß sich Thee aus dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch, sich populär zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, daß er ein leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprächig zu werden.

Einer erzählte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende haben, denn ein zuverlässiger Mann von der Marine habe erzählt, wie Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu Hilfe komme, ferner, daß bald ein Vertrag kommen würde, zwei Wochen lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte, müßte er für jeden Schuß 75 Kopeken zahlen.

Waßin war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner, bärtiger Mann mit großen, gutmütigen Augen, er erzählte, erst unter allgemeinem Schweigen, dann unter Gelächter, wie sie sich, als er auf Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut hätten, wie ihn der Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen gestellt hätte, um seine Frau abzuholen.

Alles das vergnügte Wolodja außerordentlich. Er fühlte nicht nur nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar außerordentlich heiter und angenehm zu Mut.

Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der Blindage zu gehen, um zu sehen, was draußen vorging.

Zieh' die Füße weg! schrieen, kaum daß er aufgestanden war, die Soldaten einander zu; sie zogen die Füße an sich und ließen ihm den Weg frei.

Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob plötzlich den Kopf und faßte Wolodja an den Schößen des Mantels.

Lassen Sie das, gehen Sie nicht, -- wie kann man nur! sagte er in weinerlichem, überredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort schlagen unaufhörlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.

Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drängte sich Wolodja aus der Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow saß.

Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage; die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getöse der Schüsse hörte man das Geräusch der Fuhrwerke, die Schanzkörbe herbeibrachten, und das Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben wölbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links führte eine kleine, eine Elle hohe Öffnung in eine andere Blindage, in dem die Füße und Rücken der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hörbar waren; vor sich sah Wolodja die Erhöhung eines Pulverkellers, neben dem die Gestalten gebückter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die Höhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhörlich an diesem Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Überrock stand, die Hände in den Taschen und mit den Füßen die Erde festtretend, die andere Leute in Säcken dorthin trugen. Bomben kamen häufig dorthin geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Füßen die Erde fest und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.

Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.

Ich weiß es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.

Geh nicht! Es ist nicht nötig.

Mjelnikow aber hörte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt heran und stand sehr lange, ebenso gleichmütig und unbeweglich neben ihr.

Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurückgekehrt, eine Bombe hat den Pulverkeller beschädigt, darum tragen Infanteristen Erde dorthin.

Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thür der Blindage. Da drückte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem hervor, um in die Höhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen käme.

Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat, zurückzukehren, saß dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle, er fand ein gewisses Vergnügen daran, das Geschick zu versuchen und den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wußte er bereits, woher so viele Geschütze feuerten und wo ihre Geschosse sich niedersenkten.

XXII

Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstündigen Schlaf, frisch und munter frühmorgens über die Schwelle der Blindage. Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten Kanonenschusse stürzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf den Weg bahnte, nach der Öffnung der Blindage zurück, unter dem allgemeinen Gelächter der zum größten Teil ebenfalls an die Luft gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere gingen selten in den Laufgraben hinaus, die übrigen aber ließen sich nicht abhalten: sie traten alle aus der übelriechenden Blindage an die frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendämmerung auf den Batterien spazieren, indem er gleichgültig in die Luft sah.

An der Schwelle saßen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger, jüdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit einem Sprengstück an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hübsches Kreuz heraus.

Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?

Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fünf Monate in Sewastopol.

Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.

Da pfiff eine Kanonenkugel über den Köpfen der Sprechenden und schlug eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.

Sie hätte bald Mjelnikow getötet! rief der eine.

Mich tötet sie nicht, antwortete Mjelnikow.

Da hast du das Kreuz für deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.

Nein, Brüderchen, der Monat wird für ein ganzes Jahr gerechnet, so ist's befohlen, ging das Gespräch fort.

In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen über die Köpfe der Sprechenden hin und schlug an einen Stein an.

Seht, noch vor Abend kann's mit einem »aus« sein, Soldaten.

Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden war es mit zweien von ihnen »aus« und fünf waren verwundet; aber die übrigen scherzten wie früher.

Wirklich waren am Morgen die beiden Mörser wieder soweit ausgebessert, daß aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja, auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und begab sich mit ihm nach der Batterie.

An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefühls zu entdecken, das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen. Nur Wlang konnte sich nicht überwinden: er versteckte und bückte sich noch immer, ja, auch Waßin hatte ein wenig seine Ruhe verloren, er war unruhig und duckte sich fortwährend nieder. Wolodja war in außerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr beunruhigte ihn. Die Freude, daß er seine Pflicht erfülle, daß er nicht nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefühl des Kommandierens und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wußte, mit Neugierde auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank hinaus und knöpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft, wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von acht Monaten daran gewöhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen, nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hübschen jungen Menschen zu betrachten, mit dem aufgeknöpften Mantel, unter dem ein, einen weißen zarten Hals umschließendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit flammendem Gesicht und Augen in die Hände klatschte und mit tönender Stimme kommandierte: »das erste, das zweite!« und heiter auf die Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um halb zwölf hörte das Schießen auf beiden Seiten auf, und punkt zwölf Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hügel -- die zweite, dritte und fünfte Bastion.

XXIII

Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der Nordseite, auf dem Telegraphenhügel, standen um die Mittagszeit zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol hinübersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu der hohen Signalstange gekommen war.

Die Sonne stand hell und hoch über der Bucht, die im heitern und warmen Glanz mit den Böten und den Schiffen und ihren bewegten Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Blätter der vertrockneten Eichensträucher um den Telegraphen, blähte die Segel der Böte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Säule, seinem Hafendamm, dem grünen Boulevard auf der Höhe, dem schönen Bau der Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefüllten Buchten, den malerischen Bögen der Wasserleitung und mit den Wolken blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schüsse beleuchtet -- noch immer schön, feiertäglich, stolz, umgeben auf der einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem hellblauen, in der Sonne schillernden Meer -- Sewastopol war jenseits der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen langgestreckte weiße Wolken hin, die Wind ankündigten. Auf der ganzen Linie der Befestigungen, besonders auf den Höhen der linken Seite, bildeten sich unaufhörlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weiße Rauchmassen, die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Höhe stiegen und sich am Himmel dunkler färbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald hier, bald dort, auf den Höhen, in den feindlichen Batterien, in der Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und erschütterten, ineinander fließend, die Luft. ...

Um zwölf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft wurde weniger von Getöse erschüttert.

Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ... Schrecklich.

Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schüsse nur einen zur Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, daß er schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und man antwortet ihm nicht.

Aber sieh, um zwölf Uhr hört er immer mit dem Bombardement auf, wie ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frühstücken, -- man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.

Wart', stör' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinübersah.

Was ist da, was?

Bewegung in den Laufgräben. Dichte Kolonnen rücken vor.

Das sieht man auch so. Sie rücken in Kolonnen an.

Wir müssen das Signal geben. ...

Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgräben herausgekommen!

In der That konnte man mit bloßem Auge sehen, wie sich dunkle Flecken bergab von den französischen Batterien durch das Thal nach den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen schon in der Nähe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten an verschiedenen Stellen, wie vorübergehend, weiße Rauchwolken von Schüssen auf. Der Wind trug die Töne des beiderseitigen Gewehrfeuers, das so häufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlägt, hinüber. Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer näher und näher. Die immer stärker werdenden Töne des Gewehrfeuers schmolzen in ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer häufiger emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell über die ganze Linie und verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte, und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Töne vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.

Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das Fernrohr zurück.

Kosaken sprengten den Weg entlang; der Höchstkommandierende kam in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe und Erwartung.

Es ist unmöglich, daß sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu Pferde.

Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem Malachow.

Es ist unmöglich!

XXIV

Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden, schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle Schrei ertönte:

Alarm!

Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich eine Stimme zu.

Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es nicht.

Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle, machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie. Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen, sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt hatte.

Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles ist verloren!

Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel und schrie:

Vorwärts, Kinder! Urra--a!

Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.

Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.

Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.

Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.

Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend, ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte, was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend, etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem Kreuze in der Hand dastand.

Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm herangekommen war.

Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem Verwundeten das Kreuz zum Kuß.

Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.

Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den Geistlichen.

Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.

Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die Thränen über die Wangen rannen.

Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf. »Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.

XXV

Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen, er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem andern herauskrochen, -- der eine, wie es schien, war es Mjelnikow, sagte sogar scherzend:

Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!

Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und sprang über die Gruben.

Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und unruhiges Geschrei hören.

Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt, umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen; zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr. »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig. Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« -- lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache.

Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen, die auf die Unsrigen schossen.

XXVI

Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur acht gerettet.