Sewastopol

Part 10

Chapter 103,693 wordsPublic domain

Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm. Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän, ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen Erfindungen, spöttelte liebenswürdig über sein hübsches Gesichtchen und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um, was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen, wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken; aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene, höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und verspottet wurde.

Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder, hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad, der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade »praktisch«.

Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.

Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?

Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ... Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern angekommen sind.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.

Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, -- man muß was unterlegen.

Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte Djadjenko.

Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine Lafette mußte ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stücke geschossen worden.

Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war ihm anzumerken, daß er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.

Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitän auf die Knie. Wie geht's, Väterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur Beförderung?

Noch nichts.

Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar gemacht.

Warum denn nicht?

Warum? weil die Relation nicht so abgefaßt ist.

Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut und lächelte fröhlich. Ein echter, hartnäckiger Chacholl (Spitzname für die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.

Nein, er wird nicht herauskommen.

Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir, sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife lief.

Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzählte vom Bombardement, fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit allen.

XVIII

Na, wie haben Sie sich bei uns schon eingerichtet? fragte Kraut Wolodja. Verzeihen Sie, wie ist Ihr Vor- und Vatersname? Bei uns in der Artillerie ist es einmal so Sitte ... Haben Sie schon ein Reitpferd angeschafft?

Nein, sagte Wolodja, ich weiß nicht, was werden wird. Ich habe dem Kapitän gesagt ... ich habe kein Pferd, ich habe aber auch kein Geld, so lange ich nicht Zehr- und Reisegelder bekomme.

Apollon Sergjeitsch? -- er brachte mit den Lippen einen Laut hervor, der starken Zweifel ausdrückte und sah den Kapitän an, -- kaum!

Je nun, schlägt er's ab, ist's auch kein Unglück, sagte der Kapitän, hier braucht man eigentlich kein Pferd, aber man kann's immerhin versuchen, ich will heute fragen.

Wie, kennen Sie ihn nicht? mischte sich Djadjenko ein, etwas anderes kann er abschlagen, aber Ihnen wird er keineswegs ... Wollen Sie wetten?

Na ja, Sie müssen natürlich immer widersprechen.

Ich widerspreche, weil ich weiß: in anderen Dingen ist er geizig, aber ein Pferd giebt er, er hat ja auch keinen Vorteil von der Ablehnung.

Gewiß hat er Vorteil davon, wenn ihm hier der Hafer acht Rubel zu stehen kommt, sagte Kraut. Man hat Vorteil, wenn man keine überflüssigen Pferde hält.

Bitten Sie um den Staar, Wladimir Ssemjonytsch, sagte Wlang, der mit Krauts Pfeifchen zurückkam, ein ausgezeichnetes Pferd!

Mit dem Sie in Ssoroki in den Graben gefallen sind, Wlanga, hm? bemerkte der Stabskapitän.

Nein, aber was sprechen Sie da, acht Rubel der Hafer, fuhr Djadjenko fort im Streit, wo er seine Rechnung mit zehneinhalb macht? ... Natürlich, hat er keinen Vorteil davon.

Das wäre schön, wenn ihm nicht noch was übrig bliebe! Wenn Sie, so Gott will, Batteriekommandeur sind, so geben Sie kein Pferd, nach der Stadt zu reiten.

Wenn ich Batteriekommandeur bin, Väterchen, soll jedes Pferd vier Maß Futter haben, ich werde keine Gelder zusammenscharren, haben Sie keine Sorge.

Wer's erlebt, wird's sehen ... sagte der Stabskapitän. Und Sie werden ebenso handeln, und Sie auch, wenn Sie eine Batterie kommandieren werden, fügte er hinzu und zeigte auf Wolodja.

Warum glauben Sie, Friedrich Christianytsch, daß auch Sie Profit machen wollen? mischte sich Tschernowizkij ein. Vielleicht haben Sie Vermögen, wozu sollten Sie Vorteil suchen?

Nicht doch, ich halte ... Verzeihen Sie mir, Kapitän, sagte Wolodja und wurde bis über die Ohren rot, ich halte das für unehrenhaft.

Aha, wie heikel er ist! sagte Kraut.

Das ist ganz gleich: ich meine nur, wenn es nicht mein Geld ist, darf ich's auch nicht nehmen.

Und ich sage Ihnen nur so viel, junger Mann, begann der Stabskapitän in ernsterem Ton, Sie müssen wissen, wenn Sie eine Batterie kommandieren, wenn Sie da Ihre Sache gut machen, dann ist alles in Ordnung; in die Ernährung der Truppen mischt sich der Batteriekommandeur nicht: das wird in der Artillerie von altersher so gehalten. Sind Sie ein schlechter Wirt, so behalten Sie nichts übrig. Hier müssen Sie Ausgaben machen, im Widerspruch mit Ihren Verhältnissen, für Hufbeschlag -- das ist eins (er bog einen Finger ein), für die Apotheke -- das ist zwei (er bog einen zweiten Finger ein), für die Kanzlei, drei, für Handpferde an die fünfhundert zahlen, Väterchen -- das ist vier, Sie müssen den Soldaten neue Kragen geben, Kohlen brauchen Sie viel, Tisch für die Offiziere müssen Sie halten. Sind Sie Batteriekommandeur, so müssen Sie anständig leben, Sie müssen einen Wagen haben, einen Pelz und noch zwei, drei, zehn andere Dinge ... Was ist da viel zu reden!

Die Hauptsache aber, fiel der Kapitän ein, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, die Hauptsache, Wladimir Ssemjonytsch, ist die: stellen Sie sich vor, ein Mensch, wie ich zum Beispiel, dient zwanzig Jahre, erst für zwei-, dann für dreihundert Rubel Gehalt; soll man ihm für seinen Dienst nicht wenigstens ein Stück Brot im Alter geben?

Ach, was soll das! begann wieder der Stabskapitän, urteilen Sie nicht voreilig, kommt Zeit, kommt Rat, leisten Sie nur Ihren Dienst.

Wolodja überkam eine schreckliche Scham, weil er so unüberlegt gesprochen hatte, er brummte etwas in den Bart und dann hörte er weiter schweigend zu, wie Djadjenko im höchsten Eifer wieder zu streiten begann und das Entgegengesetzte behauptete.

Der Streit wurde durch den Eintritt des Hauptmannsburschen unterbrochen, der zum Essen rief.

Aber sagen Sie heute Appollon Sergjeewitsch, er solle Wein geben, sagte Tschernowizkij zum Kapitän und knöpfte sich den Rock zu. Was knausert er? Sind wir erst tot, kriegt keiner was!

Sagen Sie's ihm selbst.

Das geht nicht. Sie sind der älteste Offizier. Alles muß seine Ordnung haben.

XIX

In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet hatte, war der Tisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.

Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen. Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.

Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den Schnaps tranken.

Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei, und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse; aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede, an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen, und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder. Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.

Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie nach, wo sie geplatzt ist.

Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der Bombe nicht mehr die Rede.

Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem Batteriekommandeur.

Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.

Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.

Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf den Tisch.

Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.

Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere, und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen, meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet, um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.

Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf Wolodja zeigend.

Der Batteriekommandeur antwortete nichts.

Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf dem Rücken und am Halse hervortrat.

Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es damals gethan haben.

Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.

Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, -- er zog einen zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.

Ich! sagte er seufzend.

Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.

XX

Wlang war mit diesem Befehl außerordentlich zufrieden, er machte sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das Bett, den Pelz, eine alte Nummer der »Vaterländischen Annalen«, die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge mitzunehmen. Der Kapitän riet Wolodja, zunächst im »Handbuch«[E] den Abschnitt über das Schießen aus Mörsern zu lesen und sich die Schießtabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, daß, obwohl das Gefühl der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen, ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrücken des Tages und seiner Thätigkeit, zum Teil, und zwar zum größeren Teil daran, daß die Furcht, wie jedes starke Gefühl, nicht lange in gleichem Grade dauern kann. Mit einem Worte, er war schon so weit, daß er den Furchthöhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.

[E] »Handbuch für die Offiziere der Artillerie« von Bezaque.

Ich habe »Wlanga« die Namensliste übergeben. Belieben Sie, ihn zu fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.

Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man ihnen eine kleine Rede hält oder einfach sagt: Wünsch' euch Gesundheit, Kinder! -- oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man nicht einfach sagen: Wünsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme: Wünsch' euch Gesundheit, Kinder!

Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend, bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten und ermutigten Wolodja vollständig.

»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen Entzücken des Selbstbewußtseins.

Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte; aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern. Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion, wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige, eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf, zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen. Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah, seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen, dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer und heiter zugleich zu Mute.

XXI

Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker, der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen, ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen. Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein in die Blindage stürzender Mensch verursachte.

[F] S. »Der Holzschlag« II. Anm. d. Herausg.

Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.

Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage gekommen war.

Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der Aristokratenecke, -- ach, er hat sie nicht gern!

Wie so? Wenn es sein muß, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete langsam Waßin, bei dessen Worten alle übrigen zu schweigen pflegten. Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unnütz totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank' schön dafür.

Bei diesen Worten Waßins lachten alle.

Mjelnikow sitzt vielleicht noch draußen, sagte jemand.