Setma, das türkische Mädchen: Eine Erzählung für Christenkinder
Part 3
Eines Tages hatte mich meine Frau Obrist-Lieutenant sehr hart mißhandelt, und war darauf aus dem Hause zu einer Gesellschaft gegangen. Ich stellte mich an ein Fenster im Hause, und weinte bitterlich. Meine Seele schrie zu Gott: Du, der Du doch Alles siehest und hörest, himmlischer Vater! kannst Du denn das Alles so ruhig mit ansehen und anhören, und weißt doch, daß ich unschuldig bin? Willst Du mir denn nicht auch einmal helfen, da ich Dich schon so oft darum angerufen habe, und mich frei machen aus dieser Knechtschaft, wo ich immer unter Angst und Furcht leben muß? O Vater! erbarme Dich über mich! -- Indem ich innerlich so seufzte und jammerte, kam der Hauswirth (es war der Gastgeber zum schwarzen Adler in Weilerstadt) zu mir her, und sah meine Thränen. Weil er von der üblen Aufführung meiner Frau wußte, und selbst ärgerlich darüber war, mochte er sich schon denken können, warum ich so traurig sei, und da ich sah, daß er Mitleiden mit mir hatte, so war ich offen gegen ihn, schilderte ihm meine betrübte Lage, und gab ihm zu verstehen, daß ich Gelegenheit wünschte, von diesem Elende loszukommen und davon zu laufen. Er erkundigte sich, ob ich keine Bekannten im Lande habe, zu denen ich meine Zuflucht nehmen könnte. Ich wußte ihm Niemand zu nennen als Herrn Vogt Frisch in Liebenzell und seine Schwester, Frau Doktorin _Commerell_ in Stuttgart. Der letztere Name gefiel ihm, und sein Entschluß war bald gefaßt. Ohne Jemand in seinem Hause ein Wort davon zu sagen, verschloß er mich in eine Kammer, die gerade über dem Gemach meiner Gebieterin war, so daß man alle ihre Reden vernehmen, und durch eine Oeffnung sogar hinunter sehen konnte. Nachdem er mich nun erinnert hatte, daß ich auf ihre Reden gut Acht haben möchte (sie sprach nämlich Böhmisch, was ich schon ziemlich gut verstand), nahm er den Schlüssel zu sich, und erwartete unten, wie ich oben, die Heimkunft meiner Gebieterin. Wie mir da zu Muthe gewesen, kann ich nicht wohl beschreiben; es war in meinem Gemüth ein sonderbares Gemisch von Furcht, Angst, Hoffnung und Freude, von denen immer wieder eins das andere verdrängte, und eine Zeit lang die Oberhand behielt. Jene angstvolle Entscheidungszeit hat sich aber meinem Gemüth und meinen Nerven so fest eingedrückt, daß mir noch lange nachher, so oft ich in einem verschlossenen Gemach mich allein befand, in der Erinnerung an jene Angststunden übel zu Muthe wurde, und mich ein unwillkürliches Zittern in allen Gliedern anwandelte. Mit der Zeit hörte auch dieses auf, nachdem ich die rechte Ruhe in Gott gefunden. Endlich kam sie spät in der Nacht, ziemlich betrunken, wie wir wohl vermuthet hatten, und ob sie gleich nach mir fragte, gab sie sich doch bald zur Ruhe. Ich konnte in dieser Nacht nicht viel schlafen, und wenn ich über meinen kummervollen Gedanken einschlummerte, so weckten mich ängstliche Träume wieder auf. Die Besorgniß, es möchte der Anschlag des Wirths, von dem ich bis jetzt nichts Genaueres wußte, mißlingen, raubte mir alle Ruhe. Wie leicht war's möglich, daß ich in meinem Versteck ausfindig gemacht oder verrathen wurde, und was hatte ich dann zu erwarten! Meine Gebieterin, eine heftige, zornmüthige Frau, hätte mir das nie vergeben, ich hätte es gewiß schwer empfinden müssen, und meine Lage wäre mehr als um's Doppelte verschlimmert worden. -- Am Morgen, als sie aus ihrem schweren Schlafe erwachte, gieng's nicht so gut ab. Lange rief sie vergebens, und ließ nach mir fragen; es wollte keine Setma kommen. Endlich forderte sie den Wirth vor sich; der sagte ihr, man hätte mich seit gestern Nachmittag im Hause nicht gesehen. Da fieng sie an zu muthmaßen, was an der Sache sei; sie fluchte und tobte, daß mir die Haut schauderte; sie ließ allenthalben scharfe Nachsuchungen anstellen, und weil ihr einfiel, daß ich nirgends als zu Liebenzell bekannt sei, schickte sie unverzüglich einen Reitenden dahin. Das hatte der kluge Wirth vorhergesehen, und mir deßwegen den Weg nach Liebenzell abgerathen. Als nun dieser Bote ohne Nachricht wieder zurückkam, und auch sonst nichts zu erfahren war, gieng das Toben, besonders über den Wirth, von Neuem an, und ich hörte sie zu ihrer anderen Dienerin auf Böhmisch sagen, ich müsse nur im Hause heimlich verborgen sein, aber morgen mit Tagesanbruch wolle sie das ganze Haus durchsuchen lassen. Natürlich erschrack ich darüber sehr, und als der Wirth später kam, um mir heimlich etwas Speise zu bringen, theilte ich ihm diese Nachricht sogleich mit. Dem war denn auch nicht länger wohl bei der Sache; er kam daher nach Mitternacht, da Alles im Hause still war, und führte mich, an dem Zimmer meiner Gebieterin vorbei, unter Angst und Zittern zum Hause hinaus zu seiner Mutter, welche ziemlich weit vom Adler entfernt wohnte. Hier mußte er noch eine gute Weile klopfen, bis uns aufgemacht wurde, obgleich schon Alles mit der alten Frau verabredet war. Der Wirth fragte mich, ob ich Geld habe. Ich hatte mein ganzes Vermögen bei mir, welches in drei Gulden bestand; die zog ich heraus. Er gab einen davon seiner Mutter, die zwei andern stellte er mir wieder zu, zum deutlichen Beweis seiner Redlichkeit und Uneigennützigkeit. Blos aus herzlichem Mitleiden hatte er sich entschlossen, mich mit eigener großer Gefahr zu erretten. Nach der Zeit habe ich nichts mehr von ihm erfahren können, als daß er gestorben sei. Möge ihm der Herr, der keinen Trunk kalten Wassers unvergolten läßt, seine Barmherzigkeit und Treue an jenem Tage reichlich lohnen!
Ich mußte nun auf seine Anweisung die wenige türkische Oberkleidung, welche ich noch anhatte, ablegen, und dagegen eine geringe Magd- oder Bauern-Kleidung anziehen, die schon in Bereitschaft war. Als nun der Tag schon von fernher zu dämmern anfieng, mußte ich ohne weiteren Zeitverlust mit der alten Frau zum Thor hinaus, und Stuttgart zuwandern. Durch die Wache am Thor kam ich mit Hilfe meiner alten Mutter, obwohl unter großer Angst, glücklich hindurch; aber unterwegs hatte ich noch einmal eine schreckliche Verlegenheit durchzumachen. Als wir nämlich in der Gegend von Magstatt auf dem freien Felde waren, und der Tag schon völlig angebrochen, kam ein Wachtmeister meines Obristlieutenants zu Pferd auf uns zu, den ich gleich von ferne erkannte. Kaum hatte ich in meinem großen Schrecken noch Zeit, meiner Führerin die Gefahr zu bezeichnen, daß sie mit mir auf einen Seitenweg einlenkte, und der Wachtmeister, ohne auf uns zu achten, vorüberritt. So hatte mich die gute Hand Gottes auch dießmal gerettet, daß ich unerkannt blieb, und ich durfte es, noch ehe ich Ihn recht erkannte, schon deutlich und mannigfaltig erfahren, was die Schrift sagt: »Sein Rath ist wunderbarlich, und Er führet es herrlich hinaus!«
Aber ach! wie sauer wurde es mir, den weiten Weg von fünf starken Stunden zu Fuß zurückzulegen. Ich war des Gehens gänzlich ungewohnt. So lange ich daheim in Belgrad war, hatte ich nie auch nur eine Stunde zu Fuß gemacht. Ich besaß alle Bequemlichkeiten reicher und vornehmer Personen; eine Schaar von Sklaven und Sklavinnen wartete auf meine Befehle, und da die türkischen Frauenzimmer überhaupt gewöhnlich ihre Zeit in der Stille ihrer Wohnungen zubringen, so war mir das längere Gehen etwas ganz Neues. Auch während meiner Gefangenschaft und der Reisen mit meiner Herrschaft waren wir immer gefahren, und erst in Liebenzell hatte ich gelernt, kürzere oder längere Spaziergänge zu Fuß zu machen, von denen ich jedoch jedesmal sehr ermüdet zurückkam. Und nun sollte ich auf einmal einen so weiten Weg in ungewohnter Kleidung unter ermüdender Angst, von Nachtwachen ermattet, zu Fuß machen. Das war beinahe zu viel gefordert. Meine Füße wurden bald wund, und jeder Tritt machte mir die empfindlichsten Schmerzen. So kam es, daß wir erst gegen Abend die ersehnte Residenzstadt Stuttgart erreichten, welche ich nach großer Angst und Trübsal als eine liebe Frei- und Ruhe-Stadt begrüßte. Als wir auf der Höhe des Hasenberges ankamen, von welcher man das schöne Kesselthal und die fernen Hügelreihen überblickt, lag die Stadt im Gold der Abendsonne vor uns; die blühenden Obstbäume waren roth angeschienen wie die Mandelbäume in unserem Garten zu Belgrad; auch der Tannenwald schimmerte röthlich, und noch mehr die Weinberge; die fernen Hügel, von denen einer das Württembergische Stammschloß trägt, waren in einen violetten Duft getaucht, und am Himmel schwammen rothe Wölkchen in Menge herum, die mir viel schöner dünkten, als ich sie je gesehen, denn sie trugen die Farbe der Freiheit, in deren Genuß mir's jetzt bei allen Schmerzen so unbeschreiblich wohl war.
Die Noth war indessen noch nicht zu Ende. Als ich mit großer Mühe endlich am Rothenbühlthor anlangte, wurden wir da, weil es eben Kriegszeit war, nicht eingelassen, und mußten noch einen großen viertelstündigen Umweg bis zum Hauptstätter Thore machen. Es war mir fast nicht möglich, mit meinen wunden Füßen mich noch so weit zu schleppen; aber die Noth zwang mich, und wenn ich vor Ermattung niedersinken wollte, so nahm mich meine Führerin wieder beim Arm und sprach mir Muth zu. Aber ihr eigener Muth sollte nun auch geprüft werden. Die äußere Wache des Hauptstätter Thors ließ uns ungehindert ein; aber desto strenger wurden wir von der inneren Wache angehalten und ausgefragt, so daß meine Führerin, welcher man am hitzigsten zusetzte, endlich hinausschlüpfte und sich aus dem Staube machte. Ich habe sie auch nachher nicht mehr gesehen, noch etwas von ihr gehört, ohne Zweifel ist sie aber glücklich wieder nach Hause gekommen. Nun stand ich allem da unter den wilden Soldaten, denen mich meine Sprache schon als einen Fremdling verrathen mußte; und ich weiß nicht, ob ich diese angstvolle Beklemmung noch länger würde ausgehalten haben, ohne in Ohnmacht zu fallen, wenn mir nicht Gott so schnell Hilfe geschickt hätte. Aber Er wachte über Seinem Kinde, dem Er so große Gnade zugedacht hatte, und ließ es nicht zu, daß mir auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre. Eben als die Soldaten auf's Neue über mich herfallen wollten, kam von ungefähr, d. h. durch die Schickung Gottes, die Frau eines Ipsers, welche ganz nahe beim Hauptstätter Thor wohnte, und riß mich fast mit Gewalt aus den Händen der Soldaten los, denen Gott nicht erlaubte, es zu verwehren. Kaum hatte ich ihre Stube erreicht, so sank ich kraftlos zusammen und bat die gute Frau, sie möchte mir nur ein Lager anweisen, auf dem ich ausruhen könne; denn ich sei nicht mehr im Stande, auf meinen Füßen zu stehen. Sie war äußerst besorgt um mich, und behandelte mich so freundlich, als hätte sie mich schon lange gekannt. Sie richtete mir ein gutes Bett zu, kleidete mich selbst aus und legte mich hinein. Darauf untersuchte sie meine Füße, die sehr übel zugerichtet waren, und legte eine kühlende weiße Salbe darauf, welche bald ihren wohlthätigen Einfluß mich empfinden ließ, indem sie die große Hitze herauszog. Dann kochte sie mir eine gute Suppe, und gab mir ein Glas Wein zu trinken. Die große Müdigkeit ließ mich bald einschlafen und die ganze Nacht sanft ruhen. Zwei Tage mußte ich bei der guten Frau bleiben, und wegen meiner kranken Füße das Bett hüten: ihr Mann war auf Arbeit in einem benachbarten Städtchen. Als ich mich ein wenig erholt hatte, wozu es meine Hauswirthin an Pflege nicht fehlen ließ, sagte ich dieser, daß ich mit Frau Doktorin Commerell bekannt sei, und sie gern sehen möchte. Sie traf dann auch sogleich Anstalt, daß die Frau Doktorin erfuhr, ich sei in ihrem Hause. Alsbald kam sie zu mir, erkannte mich auf der Stelle, und da ich ihr erzählte, wie es mir bisher gegangen, nahm sie den herzlichsten Antheil an meinem Schicksal, und sagte zu mir, ich solle nur mit ihr in ihr Haus kommen, welches auf dem Spitalplatz war. Von Stund' an war meiner Noth abgeholfen. Diese treffliche Frau erzeigte mir unaussprechlich viel Liebe und Wohlthaten nach Leib und Seele, und hielt mich wie eine Tochter, so daß ich für alle bisherigen traurigen Erfahrungen reichlich getröstet wurde und hinlänglichen Ersatz fand.
Fünftes Kapitel. Der Gasthof zum Bären in Stuttgart.
Das Erste, wornach ich fragte, und was ich mir wünschte, nachdem ich meinen neuen Wohnsitz bezogen hatte, war -- eine Bibel. Bisher konnte ich nicht dazu kommen, eine eigene Bibel oder auch nur ein eigenes Testament zu besitzen; nun aber hatte ich Gelegenheit dazu, und meine Bitte war auch nicht vergeblich. Frau Doktorin Commerell, die ich von nun an immer _Mutter_ nannte, schenkte mir eine schöne neue Handbibel, die in Wittenberg gedruckt war, und mir nach und nach so lieb wurde, daß ich sie, wenn mir Jemand mein Juwelenkästchen aus Belgrad gebracht und dafür angeboten hätte, nicht würde darum vertauscht haben. Alle die Sprüche, welche mir bei früheren Gelegenheiten wichtig und zum Segen geworden waren, oder nachher wurden, pflegte ich mit rother Tinte zu unterstreichen. Wenn ich dann später einen solchen unterstrichenen Spruch wieder fand, so fiel mir auch die Erfahrung wieder ein, bei welcher er mir seiner Zeit gedient hatte, die Gebetserhörung, die Bewahrung, die Errettung, die Demüthigung; kurz Alles, was Gott schon an mir gethan, und das war mir denn eine vielfache Aufforderung zum Dank und Lob Gottes, und zum festen Vertrauen auf Ihn. Mein ganzes Leben seit meiner Bekanntschaft mit Gott und Seinem Wort stand so in lauter Sprüchen verzeichnet vor mir, und manche Seite meiner Bibel war in späteren Jahren ganz roth. Kam ich z. B. an den Spruch: »Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen;« so war er roth unterstrichen zur Erinnerung an einige Angststunden, die ich in Landshut erlebte, als ich den Schatullenschlüssel meiner Frau verloren hatte. Damals fiel mir dieser Spruch ein, und tröstete mich so, daß ich mich von meiner Verlegenheit erholen und nüchtern besinnen konnte, wo ich den Schlüssel hingelegt hatte. Oder kam ich zu dem Spruch: »der Herr weiß die Gerechten zu erlösen &c.«; so war er unterstrichen zum Andenken an meine Befreiung aus der Gefangenschaft. Die Stelle: »der Herr will nicht den Tod des Sünders, sondern daß sich der Sünder bekehre und lebe;« erinnerte mich daran, wie ich in Belgrad so sehr gewünscht hatte zu sterben, als die Stadt erobert war, und wie gut es Gott gemacht, daß Er mich wider meinen Willen hieher führte, wo ich Ihn und Seinen Sohn kennen lernte. So wurde mir mein Bibelbuch von Tag zu Tag theurer, ich lernte es als den größten Schatz ansehen, den ein Mensch besitzen kann, und wunderte mich nicht wenig, wenn ich zuweilen in ein Christenhaus kam, wo die Bibel auf dem Schrank und der Staub auf der Bibel lag.« --
Hier, liebe Kinder! muß ich die Erzählerin, die gute Setma, die ihr gewiß schon Alle lieb gewonnen habt, ein wenig unterbrechen, um euch eine kleine Geschichte zu erzählen, welche die Setma noch nicht wissen konnte, weil sie sich erst neulich und zwar in England zugetragen hat. Ich habe euch diese Geschichte aus dem Englischen übersetzt, denn es wäre gar schön, wenn auch deutsche Kinder ihre Bibel so lieb hätten.
Die kleinen Wanderer. Eine wahre Geschichte.
Zwei kleine Knaben kamen einst, Von Kummer bleich gemacht, Zu einem Haus, und baten dort Um Obdach für die Nacht.
Als sie erzählt ihr Mißgeschick, Trieb's Manchem Thränen aus: Ihr Angesicht so offen war, Die Wahrheit blickte d'raus.
Die Eltern waren weggerafft Durch schweren Fiebers Macht; Zu armen Waisen wurden sie An Einem Tag gemacht.
Nicht Freund noch Heimat hatten sie, Kein Stücklein grobes Brod; Sie suchten einen fernen Ohm In ihrer großen Noth.
All' ihre ird'sche Habe schloß Ein kleines Bündel ein; Der And're wohlverwahret trug Die Bibel hintend'rein.
Der Hausherr sagte zu dem Kind: »Euch mangelt Geld und Speis'; Verkaufe deine Bibel mir; Ein Thaler sei der Preis.«
»O nein,« sprach er, und floßen ihm Der Thränen viel' herab: »Eh' ich verkaufe dieses Buch, Sei lieber hier mein Grab.« --
»Es gibt ja and're Bücher noch, Gibt Bibeln nicht allein.« -- »Ja,« sprach er, »aber keines kann Mir je so nützlich sein.
»Sie ward mir in der Schul geschenkt, Eh' mich die Noth vertrieb; Da lernt' ich lesen in dem Buch, Und ich gewann es lieb.
»Ich sah, obschon ich noch so jung, Mein böses Herz darin; Sie lehrte mich, wie Jesus starb, Und starb -- auch für Edwin.
»Oft in der Drangsal stärkte sie Den Muth mir, wenn er sank; Ich setzte müd' und matt mich hin, Und fand d'rin Speis' und Trank.
»Die Psalmen brachten Licht und Ruh', Und milderten den Schmerz; Erfrischende Verheißungen Fand mein verschmachtet Herz.« --
Zwei Thaler bot der Hausherr nun, Und brachte sie herein. Er aber schlug sie standhaft aus, Und ließ sich nicht d'rauf ein.
Man fragte: »Wie? wenn nun der Ohm Nicht mehr am Leben ist, Und in der weiten Welt umher Ihr hilflos irren müßt?«
Vor seiner Antwort möchte wohl Erröthen mancher Christ: -- »Wenn Eltern, Freund' und Heimat flieh'n, Dann Gott mein Führer ist.«
Hier schwieg der Hausherr ganz erstaunt, Und Alle weinten d'rob; Er dachte: »Aus der Kinder Mund Bereitet Gott sich Lob!«
Die kleinen Pilger beugten Nachts Ihr Knie vor dem, der mild Die Raben speiset, wenn sie schrei'n, Und Waisenthränen stillt.
Am andern Morgen traten sie Die Reise wieder an. Der Waisen Vater wolle sie Geleiten auf der Bahn!
Nun lasse ich Setma weiter erzählen.
»Meine getreue Mutter und Pflegerin war nun nach ihrer Klugheit und Vorsicht vor allen Dingen für Schutz und Sicherheit meiner Person besorgt, und machte solche Personen, welche Einfluß hatten, mit meiner Geschichte bekannt. Namentlich geschah dieß bei der damaligen Frau Oberhofmeisterin _v. Wachenheim_, welche sich dann bei der Frau Herzogin _Magdalena Sibylla_, damaliger Mitregentin und Landesmutter für mich verwendete. Die Herzogin schenkte mir gnädigst ihre Huld, versicherte mich ihres Schutzes, und bewies mir von da an bis zu ihrem Ende unzählige Wohlthaten, was ihr der Herr in Seinem Lichte reichlich und ewig vergelten wolle.
Dieser mächtige Schutz war mir aber auch sehr nöthig, und kam mir wohl zu Statten, als kurze Zeit hernach mein vormaliger Gebieter, der Obrist-Lieutenant Burget, von ungefähr nach Stuttgart kam, und, ich weiß nicht auf welchem Wege, auskundschaftete, daß ich mich in Stuttgart aufhalte. Gleich noch in der Nacht schickte er einen seiner Diener, den ich wohl kannte, in das Haus der Frau Doktorin, und ließ mich hart bedrohen. Zum Unglück befand sich gerade Niemand zu Hause, als ich und der Sohn der Frau Doktorin, der damals Magister war, und so wurde ich sehr in Angst und Schrecken gesetzt. Sobald meine Mutter nach Hause kam, erzählte ich ihr den Vorfall, und sie wußte gleich Rath. Den andern Morgen schickte sie früh zur Frau v. Wachenheim und ließ ihr sagen, was vorgefallen sei. Diese gieng sogleich zur Herzogin, und bat sie, die nöthigen Maßregeln zu treffen, damit ich vor den Ansprüchen des Obristlieutenants geschützt werde. Die Herzogin nahm sich unverweilt der Sache thätig an, und schickte einen ihrer Kammerherren zu ihm, der wegen meiner Loskaufung mit ihm unterhandeln sollte. Hierauf ließ sie den Obristlieutenant zur herzoglichen Tafel laden, und behandelte ihn da mit so viel Auszeichnung und Herablassung, daß er nachgiebigeren Sinnes wurde, und mich der Herzogin um einige Eimer Wein zu eigen überließ. Darein mußte denn endlich auch seine Frau willigen, obwohl sehr ungern: denn viel lieber hätte sie ihre Rachgier an mir ausgelassen. Am liebsten wäre es mir freilich gewesen, sie gar nicht wieder sehen zu müssen; aber das konnte ich nicht verhindern. Ich mußte mich, auf ihre Einladung und den Befehl der Herzogin, im Gasthof zum Bären, wo sie logirten, auf eine Mahlzeit bei ihnen einfinden, und konnte nicht ohne Angst und Zittern hingehen; aber da ich nun ein Eigenthum der Herzogin war, durfte sie es nicht wagen, anders mit mir zu reden als freundlich. Von der Art und Weise, wie ich entkommen, wurde gar nicht gesprochen, und das ersparte mir die Verlegenheit, den Adlerwirth, der sich so großmüthig meiner angenommen, verrathen zu müssen. Man fragte mich blos, wie es mir in Stuttgart gefalle, was ich für Beschäftigung habe, ob ich schon im Schloß gewesen, und dergleichen. Als ich Abschied von ihnen nahm, dankte ich noch für alles Gute, was sie, und besonders er, mir von Anfang an erwiesen. Damit war mir's Ernst. Er hätte mich ja auch an einen andern Ort verkaufen, oder noch mehr mißhandeln können; ich war ja in seiner Gewalt. Aber der HErr war es, der unsichtbar meinen Odem bewahrte, meine Schritte und Tritte leitete, und Seine Hand über mir hielt, daß mich kein Uebel anrühren durfte. Und das Schmerzliche, was ich erfahren mußte, das war gewiß nothwendig und wohlthätig für mich, wär's auch nur deßwegen, weil ich so die Errettung um so mehr schätzen und dafür danken lernte.
Als ich aus dem Bären wieder heraus war, da fühlte ich mich so froh wie Jonas, da ihn der Wallfisch wieder an's Land spie. Den langen Weg von da bis zum Spitalplatz hatte ich, mehr fliegend als gehend, in wenigen Minuten zurückgelegt, und als ich heim kam, warf ich mich in die Arme meiner treuen Pflegerin und rief: »Aber nun sollen sie mich nicht wieder hier wegreißen!« -- »Nein, das sollen sie auch nicht,« erwiederte die Mutter, »Gott selbst hat dich auf wunderbaren Wegen frei gemacht. Vergiß nicht, Ihm zu danken.«
Ja, ich bleibe stets an Dir, Du hältst mich bei meiner Rechten; Deine Hand wird mich verfechten, Und mich leiten für und für Nach dem Rathschluß Deiner Treue, Bis ich mich mit Ehren freue.
Sechstes Kapitel. Die Stiftskirche in Stuttgart.
So lebte ich nun in der Gemeinschaft und im Umgang mit wahren Christen; aber ich selbst war noch keine Christin, ich war noch eine Muhamedanerin. Das konnte und durfte nicht so bleiben, da ich doch an die Bibel und den darin geoffenbarten lebendigen Gott und Seinen Sohn Jesum Christum von Herzen glaubte, und aus vielfacher Erfahrung wußte, wie kräftig und trostreich dieses Wort dem Herzen ist. Ich äußerte daher gegen meine Pflegemutter den Wunsch, ich möchte gern durch die Taufe in die christliche Kirche aufgenommen werden. Sie hatte das erwartet, und war mir mit Freuden dazu behilflich. Ihr Sohn, der damals Repetent in Stuttgart war, und nachher als Spezial in Urach starb, gab sich dazu her, mir alle Tage regelmäßigen Unterricht in der christlichen Religion zu ertheilen, und den Segen dieser Unterrichtsstunden, die er mit Gebet anfieng und endigte, werde ich nicht vergessen und hoffentlich auch nicht verlieren. Das Wort Gottes wurde mir durch ihn so deutlich und klar, daß ich vom Lesen desselben viel mehr Genuß hatte als vorher, und daß es mir immer leid war, wenn ich durch häusliche Arbeiten, welche doch auch nicht versäumt werden durften, in der Betrachtung der heiligen Schrift unterbrochen wurde. Er besaß nicht nur die Gabe der Deutlichkeit, sondern behandelte auch seinen Unterricht mit großer Genauigkeit. Einiges aus meiner Erinnerung an seinen Unterricht möge hier stehen.