Setma, das türkische Mädchen: Eine Erzählung für Christenkinder
Part 2
»Ein sonderbarer Vorfall begegnete nur eines Abends, als ich über City Road gieng. Es war schon halb Abenddämmerung, und ein dichter Nebel, der kaum zehn Schritte weit sehen ließ. Ich hatte mich verspätet, und eilte, um noch bei Tage meine Wohnung zu erreichen, ohne Jemand zu berühren. Niemand begegnete mir. Niemand zeigte sich auf der Straße. Auf einmal sah ich vor mir eine Gestalt, die sich bewegte, und blieb stehen. Bei genauerer Betrachtung fand ich, daß es ein Mensch war, der sich bemühte, einen andern zu Boden gefallenen, und also wahrscheinlich todten Menschen aufzurichten. Ich rief ihm zu: »»Freund! bedenket Ihr auch, was Ihr thut? Ihr rühret einen Menschen an, der ohne Zweifel an der Pest gestorben ist, und müßt doch wissen, daß eine solche Berührung das Leben kostet!«« -- Der Mann richtete sich langsam auf, und entgegnete mit einer hohlen Stimme: »»Kamerad! für mich darfst du keine Sorge haben; ich bin schon einmal an der Pest gestorben, mir thut sie nichts mehr; aber den da hat sie scharf gepackt.«« -- Die Stimme klang so tief herauf, ihr Inhalt war so sonderbar, Alles umher so still, alle Umstände waren so aufregend, und die Gestalt stand im Nebel so feierlich da, daß es mir zu verzeihen gewesen wäre, wenn ich wirklich geglaubt hätte, einen Geist aus der andern Welt zu hören; aber indem ich überlegte, was ich aus der Sache machen sollte, fiel die lange Gestalt mit einem Schrei zu Boden, und war auch todt. Nachher hörte ich, daß es ein Wahnsinniger gewesen, der durch die Abwesenheit seines Wächters, welcher etwas holen wollte, Gelegenheit gefunden hatte, sich los zu machen und auf die Straße zu gehen. Da traf er denn seinen Wächter an, den die Pest unterwegs ergriffen und getödtet.«
»Zu dieser Zeit lebte auch Lord Craven in London. Sein Haus war in dem Theil der Stadt, der seitdem Craven Buildings heißt. Als die Pest allgemein wurde, entschloß sich der Lord, auf seinen Landsitz zu ziehen, um der Gefahr zu entgehen. Als er durch sein Schloß gieng, den Hut auf, seine Handschuhe anziehend, um eben in die Kutsche zu steigen, hörte er seinen Kutscher, der ein Neger war, zu einem andern Bedienten sagen: »»Ich denke, da mein Herr London verläßt, um der Pest zu entfliehen, so muß sein Gott auf dem Lande leben, und nicht in der Stadt.«« -- Der arme Schwarze sagte dieß in der Einfalt seines Herzens, weil er wirklich glaubte, daß es verschiedene Götter gebe, die an verschiedenen Orten Macht haben. Dieses Gespräch machte aber auf Lord Craven einen solchen Eindruck, daß er in London blieb, wo er in dieser Zeit der Noth sehr thätig und nützlich war, und Gott war so gnädig, sein Leben zu erhalten.«
So erzählte der Legationsrath, und setzte hinzu: »Lasset uns Gott bitten, daß diese fürchterliche Plage nicht auch zu uns herüberdringe. Wir hätten's wohl verdient mit unsern Sünden.«
Wie gerne hätte ich diesem Manne mein Herz geöffnet, wenn die Umstände es erlaubt hätten, und unser Aufenthalt in Wien von längerer Dauer gewesen wäre. Aber nach drei Tagen mußte ich auch diesen Ruhepunkt wieder verlassen, und meine betrübte Reise weiter fortsetzen. O wie schmerzlich war das! Vom Vaterlande immer weiter hinweg, ohne Hoffnung, wieder in dasselbe zurückzukommen, oder jemals Eines von den Meinigen wieder zu sehen; und hinein unter ein Volk, gegen welches ich die größte Abneigung hatte, und von dem ich nichts als Verachtung, Mangel und harten Dienst zu erwarten hatte. Als wir Wien verließen, hörten wir dort schon ein Volkslied auf die Eroberung von Belgrad singen, das also anfieng:
Sechszehnhundert acht und achtzig Hobn's Belgrad eing'nomme; Die Türke, die seyn g'loffe, Wie der Maxel is komme &c.
Das war auch wieder eine Erinnerung an mein Unglück, die mich schmerzlich verwundete; und so war auch meine Lage in Landshut nicht dazu geeignet, mich dasselbe vergessen zu lassen. Mein Herr war zwar ein gutmüthiger, rechtschaffener Mann; aber seine Frau, aus Böhmen gebürtig, war streng und unbarmherzig, führte einen ungeordneten Lebenswandel, war besonders dem Weintrinken ergeben, und plagte und mißhandelte mich oft über die Maßen. Wie oft seufzte ich nach Erlösung; aber es schien, als ob kein Ohr auf meine Bitten hörte. Nirgends fand ich eine Freundin oder Vertraute, vor welcher ich hätte mein Herz ausleeren können, und Guly -- ach! ich habe ganz vergessen, von ihrem Schicksal etwas zu sagen. Wir hatten uns fest an einander geschlossen, um mit einander zu sterben; als aber der Obristlieutenant Burget in unser Haus eindrang und mich gefangen nahm, kam von der andern Seite ein anderer feindlicher Hauptmann, der Guly am Arme ergriff, und trotz ihrem Schreien und Sträuben von mir losriß. Ich habe sie nicht wieder gesehen. So gieng mir's denn hart und schwer; endlich aber kam doch auch eine Zeit der Erquickung.
Drittes Kapitel. Der Vogt in Liebenzell.
Es war noch in demselbigen Winter, daß der Krieg am Oberrhein ausbrach, und der Kurfürst von Baiern war der Erste, der gegen Frankreich in's Feld zog. Da mußte denn auch ich mit meinem Obristlieutenant und seiner Frau, die ich zu bedienen hatte, noch im Winter des Jahrs 1689 weiter nach Schwaben hinein, und namentlich in's Herzogthum Württemberg, ziehen. So geschah es, daß ich zum ersten Mal das Land zu sehen bekam, in welchem so viel Segen meiner wartete. Unser Weg gieng über Würzburg und Heilbronn nach Pforzheim, und von da in das württembergische Städtchen Liebenzell. Da mußte ich, während meine Herrschaft weiter zog, bleiben, so lange der Feldzug währte, und wurde dem damaligen Vogt oder Amtmann daselbst, Namens _Frisch_, in die Kost gegeben. Nun war ich auf eine Zeit lang aus meinem Kerker los, und konnte wieder freier athmen. Das Städtchen liegt in einem tiefen, engen Thale des Schwarzwaldes an dem Nagoldflusse, und lehnt sich an einen Hügel, welchen die Trümmer einer alten Ritterburg krönen, malerisch an. Hier ist's das ganze Jahr ruhig und geräuschlos; die Straße, welche von Calw und Hirschau durch's Thal herunter führt, ist nicht sehr belebt; auf allen Seiten steigen hohe, steile Berge, die mit Weißtannen und Eichen bewachsen sind, himmelan, und das Städtchen selbst wird nur in den Sommermonaten lebendiger, wo die dort befindlichen warmen Bäder stark besucht werden. Was mir aber mehr werth war, als dieß, das war die Erfahrung, welche ich bald machen durfte, daß ich in eine wahrhaft christliche Familie gekommen sei. In Wien hatte ich die vorübergehende Erscheinung eines wahren Christen gesehen; hier konnte ich das ruhige, liebliche Bild eines ganzen christlichen Hauskreises täglich von allen Seiten beobachten. Da erst fieng ich an, eine bessere Meinung von den Christen und ihrer Religion zu bekommen. Die Predigten, welche ich von dem Stadtpfarrer _Mack_ und dem Helfer _Moseder_ hörte, und die Freundlichkeit und Liebe, welche ich von der lieben Familie des Herrn Vogts erfuhr, machten zum ersten Mal den Gedanken in mir rege, daß ein Christ doch besser sei als ein Türke, und daß ich mich wohl auch noch entschließen könnte, eine Christin zu werden. Vor allen Dingen aber wollte ich das Wort Gottes selbst kennen lernen: denn ich hatte einmal den Spruch in der Kirche gehört: »So ihr bleiben werdet an _meiner_ Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.« Dieser Spruch hat mich sehr gefreut; denn wenn man einem Gefangenen sagt, wie er frei werden könne, so lacht ihm das Herz. An die Freiheit, welche Christus meint, dachte ich dabei nicht, denn von dieser verstand ich noch nichts. Aber ich hatte von da an eine mächtige Begierde in mir, das Neue Testament durchzulesen. Zwar hörte ich in der Kirche manchen Abschnitt daraus, auch wurde in unserm Hause bei der Morgen-Andacht jeden Tag ein Kapitel aus der Bibel vom Herrn Vogt selbst vorgelesen; aber das Alles genügte mir nicht, ich wäre gern selbst an der Quelle gewesen, um mit vollen Zügen daraus zu trinken. Allein vor dieser Quelle hieng ein Schloß. _Ich konnte nicht lesen._ Ich dachte aber, lernen sei keine Schande, und bat die zwölfjährige Tochter des Vogts, mich im Lesen zu unterrichten. Da ich mit großem Ernst und Eifer an dieses Geschäft gieng, so war ich auch in wenig Wochen damit im Reinen, und nun konnte ich meinen Durst befriedigen, und war unbeschreiblich froh, dieses verschlossene Heiligthum nun vor mir eröffnet zu sehen. Freilich kam ich da an Manches, was ich nicht so bald verstand; aber ich hatte Jemand, an den ich mich wenden durfte: das war die Schwester des Herrn Vogts, Frau Doktor _Commerell_ aus Stuttgart, eine sehr liebreiche und äußerst verständige Frau, die während der Sommermonate das Bad in Liebenzell gebrauchte und in unserem Hause wohnte. Diese nahm sich meiner wahrhaft mütterlich an, und gewann durch ihre Freundlichkeit mein ganzes Vertrauen, so daß ich sie über Alles fragen konnte, was mir dunkel war, und nie von ihr abgewiesen wurde. Das war mir viel werth.
Eine besondere Freude hatte ich mit den liebenswürdigen Kindern des Vogts, die alle einen sehr aufgeweckten und lebhaften Verstand zeigten. Wir ergötzten uns oft an ihren kindlichen Einfällen, deren mir immer noch einige erinnerlich sind.
Der fünfjährige Theodor war eines Morgens früh wach geworden, als eben der Vater sich rüstete, eine Reise nach Wildbad zu machen. Es war ein schöner Aprilmorgen; die Sonne war eben aufgegangen und schien hell in's Zimmer herein. Theodor fragte: »Warum hat denn heute die Sonne so früh ausgeschlafen? Nicht wahr, Vater! sie ist so früh aufgestanden, um dir auf dem Wege nach Wildbad zu leuchten?«
Ein ander Mal auf einem Abendspaziergang, als der Mond abwechselnd hinter den Wolken war, und der Stern Jupiter in seiner Nähe, sagte Theodor: »Sieh', Vater, der Mond will den Stern fangen.«
Als die Großmutter krank war, fragte er sie: »Warum bist du krank?« Sie sagte: »Ja, das weiß nur der liebe Gott.« Er fuhr fort: »Darf man Ihn denn fragen?« -- »Nein,« antwortete die Großmutter, »man muß mit Allem zufrieden sein, was Gott thut.« -- Theodor fragte weiter: »Darf man denn den lieben Gott fragen, wenn man zu Ihm in den Himmel kommt, warum Er einen hier krank werden läßt?« -- »O!« war die Antwort, »im Himmel bei Gott ist man dann so froh, daß man dann noch besser weiß, man solle nicht so fragen.«
Einmal fragte er: »Warum blühen die Birnbäume weiß, und die Apfelbäume roth? nicht wahr, weil jene weiße Birnen und diese Aepfel mit rothen Backen tragen?«
Ein ander Mal sagte er: »Man sollte die Männer _Nauspersonen_ heißen, weil so viele auf der Straße vorbeigehen; die Frauen aber _Stubenpersonen_, weil sie mehr im Zimmer bleiben.«
Die sanft aussehende, aber manchmal etwas eigensinnige _Lina_ fragte die Mutter: »Warum tadelst du mich denn so oft, und fremde Leute loben mich doch immer?« -- Man sieht daraus, wie vorsichtig man mit seinen Aeußerungen auch über kleine Kinder sein muß, wenn sie dabei sind.
Von den Fliegen sagte Lina, sie seien Müßiggänger und Schmarotzer. Ein ander Mal aber, als sie sah, daß die Kindsmagd das Tischtuch in's Feuer ausschüttelte, sagte sie zu ihr: »Ei, Regina! weißt du nicht, daß Gott für die Sperlinge sorgt, und muß es Ihm nicht mißfallen, wenn du so manche Brosamen zu Grunde gehen lässest, welche ein Frühstück für die Sperlinge hätten geben können?«
Ihren Großvater, der ziemlich übel hörte, fragte sie: »nicht wahr, Großvater, du hörst nicht wohl, weil du so alt bist?« -- »Ja!« -- »Aber du bist doch nicht älter als der liebe Gott, und der hört doch Alles!«
Aehnliche Aeußerungen kamen fast täglich vor, und machten uns manche fröhliche Stunde.
Der Vogt hatte auch zwei Knaben von neun und zehn Jahren, die bei großer Munterkeit sehr viel Gutmüthigkeit zeigten, und wenn die Lebhaftigkeit zuweilen in Wildheit ausartete, doch das Gute hatten, daß sie dem elterlichen Befehl auf der Stelle gehorchten. Wir hatten an einem schönen Nachmittag im Mai einen Spaziergang in das nur eine Stunde entlegene Kloster Hirschau gemacht, um von dem frommen Abt Matthäus _Aulber_, der seinem Ende nahe war, Abschied zu nehmen. Er wurde weggerafft vor dem Unglück, das drei Jahre später dieses große und schöne Kloster traf, als die Franzosen es durch Brand zerstörten. Wir waren Alle voll von dem Eindruck, welchen das Bild dieses sterbenden, ehrwürdigen Dieners Christi in unsern Herzen zurückließ, und als bei unserem Weggehen die großen Fenster des hochgelegenen Prälaturgebäudes im letzten Strahl der Abendsonne glänzten, so ergriff uns der Gedanke, daß auch drinnen ein helles Licht der Kirche im Verlöschen sei, dessen letzte Strahlen wir aus den Fenstern seiner Augen hatten schimmern sehen. Ernst gestimmt wandelten wir das enge Thal hinunter, dem Fluß entlang. Ein paar böse Knaben begegneten uns, die einem armen alten Mann nachspotteten, weil sein alter brauner Tuchrock mit weißer Leinwand geflickt war. Die beiden Knaben des Vogts waren auch in Versuchung, in das Gelächter einzustimmen; aber ein scharfer Blick vom Vater verwies es ihnen sogleich, und etwas später fragte er sie: »Kinder! warum ist's nicht recht, über jenen armen Mann zu lachen?« -- »Wir haben ja nicht über den Mann gelacht, sondern nur über seinen Rock,« antwortete Ernst.
»Ei! was soll das heißen?« fuhr der Vater fort. »Ist der Rock lächerlich, so ist auch der Mann lächerlich, daß er den lächerlichen Rock anzieht!«
»Aber,« sagte Gottfried, »der Mann kann ja nichts dafür, daß sein Rock so geflickt ist; er wird eben kein anderes Tuch gehabt haben.«
Der Vater stand still. »Seht ihr wohl, daß keiner von beiden das Auslachen verdient, weder der Mann noch sein Rock! Der arme Mann kann nichts dafür, daß sein Rock so geflickt ist, weil er kein anderes Tuch hatte, und der Rock ist ohnehin unschuldig. Aber wißt ihr denn auch, was hier besser am Ort gewesen wäre, als auslachen?«
Beschämt sagten Beide mit einander: »Mitleiden mit dem armen Manne, daß er keinen bessern Rock hat.«
»Nun,« erwiederte der Vater, »merkt euch dieß für ein anderes Mal, und nennet mir eine Geschichte aus dem Alten Testament, an die man in solchen Fällen denken muß.«
_Gottfried._ O ich weiß schon, du meinst die Geschichte von den bösen Knaben aus Bethel, die im zweiten Buch der Könige steht.
_Vater._ Recht, die meine ich, und wenn wir nach Hause kommen, will ich sie euch vorlesen.
_Ernst._ O, aber aus dem Bilderbuch!
_Vater._ Gut.
Als wir nach Hause gekommen waren, wurde gleich das Bilderbuch geholt, und die Geschichte aufgeschlagen. Der Vater las:
Elias war im Feuerwagen, Empor in's Reich des Lichts getragen, Und staunend blickt Elisa nach. D'rauf greift er nach Eliä Mantel, Zertheilt des Jordans tiefen Bach, Und schickt sich zum Propheten-Wandel. Mit Salz beginnet er sein Amt, Die bösen Wasser rein zu machen, -- Und sehet, wie sein Eifer flammt, Als böse Buben ihn verlachen! Von Bethel sie gekommen waren, Woher der Kälberdienst gestammt, Und wild, als wie die rothen Kamt- schadalen, rufen ihre Schaaren: »Komm her, du Kahlkopf! Komm herauf, Kahlkopf!« -- und machen ihn zum Spott. Und er die wilde Brut verdammt Im Namen des Herrn Zebaoth, Und setzt dann weiter seinen Lauf. Und eh' ihr euch umgesehen habt, Und Elisa auf den Carmel kommt, Da ist der Fluch schon eingetroffen: Im nahen Eichwald dumpf es brummt, Und es kommen zwei Bären einhergetrabt, Den schrecklichen Rachen grimmig offen. Nun hört man ein Jammern und Zettergeschrei, Der Eine flieht da, der Andere dort, Aber das Fliehen ist bald vorbei: Die Meisten ergreift der blutige Mord, Und zweiundvierzig Knaben zerrissen, Die Strafe der Bosheit leiden müssen. Doch haben die Bären keinen verzehrt; Nicht Hunger sie trieb, sondern Gottes Schwert. Sie gehen nun langsam wieder heim, Und suchen sich Bäume mit Honigseim.
Zuweilen machte der Vogt einen Besuch bei seinem Freunde, dem Pfarrer Roth in Möttlingen, einem kleinen Dorfe östlich von Liebenzell. Er war damals schon neunzehn Jahre Pfarrer auf diesem Dorfe, und blieb nachher noch neunundzwanzig Jahre daselbst. Da der Vogt gewohnt war, bei solchen Besuchen immer seine ganze Familie mitzunehmen, zu welcher ich auch gezählt wurde, so durfte ich jedesmal auch mitgehen, was mir eine besondere Freude machte, da ich den Pfarrer Roth, einen sehr unterhaltenden Mann, so gern erzählen hörte. Ich hatte ein rechtes Herz zu ihm, und konnte ihm meine Gedanken und Empfindungen ganz offen mittheilen. Er verstand mich gleich, und wußte mir immer etwas Passendes zu antworten. Einmal z. B. sagte er mir: »Weißt du denn auch, wie die Bauernweiber bei uns es machen, ehe sie zu Bette gehen?« -- »Nein,« sagte ich. -- »Nun sieh, damit sie nicht am Morgen die Mühe haben, erst Feuer anzumachen, kehren sie am Abend die Glut auf dem Heerd zusammen und bedecken sie mit Asche, dann haben sie am andern Morgen gleich wieder Feuer. Nun mach' du's auch so. Wenn du Abends zu Bette gehst, so bitte den Heiland, daß Er die guten Gedanken in deiner Seele zusammenkehre, damit du sie am Morgen gleich wieder findest, und dein erster Gedanke beim Erwachen Jesus sei.« Diesen Rath habe ich denn auch befolgt, und großen Nutzen davon gehabt.
Ein anderes Mal äußerte ich gegen ihn, wie bang es mir sei, wenn ich nun bald wieder in den Dienst meiner Herrschaft zurücktreten müsse, wo ich nichts als Spott und Verachtung zu erfahren haben würde, wenn ich meinen Glauben an Jesum bekennen wollte, und wo es mir schmerzlich ahnd thun werde nach dem christlichen Umgang und Unterricht, den ich in meiner jetzigen Lage in so reichem Maße genieße. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir, zur Ermunterung meiner Standhaftigkeit, die Geschichte von dem jungen christlichen Märtyrer
Cyrillus.
»In Cäsärea bewies im Jahr 258 nach Christi Geburt ein Kind, Namens _Cyrillus_, eine ungemeine Beharrlichkeit. Er rief ununterbrochen den Namen Christi an, und Mißhandlungen und Schläge konnten ihn nicht von einem offenen Bekenntniß des Christenthums abschrecken. Verschiedene Kinder von gleichem Alter verfolgten ihn, und sein eigener Vater trieb ihn aus dem Hause, worüber ihm viele Leute wegen seines Eifers für das Heidenthum Lob ertheilten. Der Richter ließ den Knaben vor sich kommen und sagte zu ihm: »»Mein Kind! ich will dir deine Fehler verzeihen, und dein Vater soll dich wieder aufnehmen. Es steht in deiner Macht, in den Genuß der Güter deines Vaters gesetzt zu werden, wenn du nämlich klug bist, und dein Glück nicht mit Füßen trittst.«« -- »»Ich trage Eure Vorwürfe gern«« -- erwiederte das Kind. -- »»Gott wird mich aufnehmen. Es macht mir keinen Kummer, daß ich aus meinem väterlichen Hause vertrieben bin: ich werde eine bessere Wohnung bekommen. Ich fürchte den Tod nicht: denn er wird mich in ein besseres Leben führen.«« -- Nachdem ihn die Gnade Gottes gestärkt hatte, dieses gute Bekenntniß abzulegen, ließ man ihn binden und zur Hinrichtung führen. Der Richter hatte geheime Befehle gegeben, ihn zurückzuführen, weil er hoffte, der Anblick des Feuers könnte seinen Entschluß überwältigen. Cyrill blieb unbeweglich. Die Menschlichkeit des Richters versuchte immer wieder auf's Neue, Gegenvorstellungen zu machen. »»Euer Feuer und Euer Schwert«« -- sagte der junge Märtyrer -- »»sind unbedeutend. Ich gehe in ein besseres Haus, zu vortrefflicheren Reichthümern. Laßt mich lieber gleich sterben, daß ich zu ihrem Genuß gelange.«« Die Zuschauer weinten vor Rührung. »»Ihr solltet euch lieber freuen,«« -- sagte er -- »»wenn Ihr mich zum Tode führet. Ihr wisset nicht, was für eine Stadt ich bewohnen werde, und was für eine Hoffnung ich besitze.«« So gieng er seinem Tode entgegen und war die Bewunderung der ganzen Stadt. Aus dem Munde der Kinder hat Gott sich ein Lob zubereitet!« --
Ich schämte mich bei dieser Erzählung herzlich über meine Schwachheit und Furchtsamkeit; aber doch konnte ich mich, so oft ich an eine Trennung von der mir so lieb gewordenen Familie in Liebenzell dachte, eines heimlichen Schauders nicht erwehren, und sah auch keinen Ausweg, um dieser schmerzlichen Veränderung zu entgehen. Das Spätjahr kam mit schnellen Schritten herbei, der Feldzug hatte ein Ende, meine Herrschaft zog in die Winterquartiere nach Baiern zurück, und ich mußte mit. Bei dem herzverwundenden Abschied von meinen Freunden in Liebenzell blieb mir zur Aufrichtung nur die Hoffnung, sie etwa im nächsten Feldzug wieder zu sehen.
Viertes Kapitel. Der Adler in Weilerstadt.
Was ich gehofft hatte, geschah -- nur halb. Der Feldzug fieng zwar im nächsten Jahre frühzeitig wieder an, und ich mußte wieder mit meiner Herrschaft nach Württemberg reisen; aber dieß Mal gieng's nicht nach Liebenzell, sondern nach der kleinen Reichsstadt Weil (gewöhnlich Weilerstadt genannt), wo der Obrist-Lieutenant seine Frau, und mich zur Bedienung derselben, zurückließ. Da hatte ich es nun freilich nicht so gut, wie in Liebenzell; kein Freund und Vertrauter war da, dem ich meine Noth hätte klagen, kein Bibelbuch, aus dem ich hätte Trost schöpfen können. Wie gern hätte ich einen, wenn auch nur kurzen Besuch bei dem Pfarrer Roth in Möttlingen gemacht, das nur eine Stunde von Weilerstadt entfernt ist; aber auch das wurde mir nicht gestattet. Ich hatte unter dem Druck meiner Gebieterin herbe und schwere Tage durchzumachen, und würde vergangen sein in meiner Noth, wenn mich nicht Gott von Zeit zu Zeit durch einen Spruch aus der Bibel auf mein tiefes Seufzen hin erquickt hätte.