"Semmering 1912"

Part 9

Chapter 93,396 wordsPublic domain

Es gibt Frauen, die von der Natur so _luxuriös_ ausgestattet wurden, daß sie sich den _Luxus_ der _Luxuslosigkeit_ erlauben dürfen! (Komtesse T...... W. E.).

Aus dem „Englischen“:

„Man sieht, wie wenig Gott von Geld hält, an den Leuten, die er damit ausstattet!“

Aus dem „Wienerischen“:

„Sö haben gar ka Idee, wie unangenehm i werd’n kann, wann i will!“

„Versuchen Sie es einmal, es _nicht_ zu wollen!“

Aus dem „Französischen“:

Um ganz Pariserisch zu sprechen, braucht man es nur _ununterbrochen_ ganz einfach innezuhaben, daß es _vier_ e gibt, das e muet, das e grave, das e égu, das e circonflexe, und sich danach zu richten! Aber das kann nur der geborene Pariser!

Als ich dem jungen Offizier mitteilte, ich hielte ihn für den Typus des „Eroberers“ und beneidete ihn um sein Glück bei Frauen, erwiderte er: „Schau’ns Peter, schau’ns, Glück gibt’s nicht! Die, bei denen man Glück hat, da ist es doch kein Glück. Die hat man von selbst. Dort erst wäre es erst ein Glück, wo man _kein_ Glück hat. Und _grad’ da_ hat man kein Glück!“

Das Geständnis auf dem Sterbebett.

28./8. 1912.

Aus Nyiregyhaza wird gemeldet: Das Mitglied des Munizipalrates und Direktor der Volksbank Anton F. wurde verhaftet. Seine Frau hat auf ihrem Sterbebette gestanden, daß er vor vier Jahren ein Haus in Brand gesteckt habe, um die Versicherungssumme zu erhalten für ihren Sommeraufenthalt!

Konklusion: Weihe deine Frau in nichts ein, sie könnte aus _Rache_ oder _religiösem Bedenken_ oder aus allgemeiner Stupidität dich verraten!

Moderne Gemäldegalerie der Armen: Farbiger Kunstdruck der „Jugend“, 50-25 Zentimeter, Emil Hoess: _Rehe_. Text von P. A.: „Es gibt Menschen, die sich an der _Anmut_ dieser edlen Tiere _berauschen_! Es gibt Menschen, die der _Leidenschaft der Jagd_ ergeben sind! Es gibt Menschen, die, _ohne_ Rausch und Leidenschaft, gern Rehrücken mit Sauce Cumberland _fressen_! Es gibt _Dichter_, _Don Juans_ und _normale Männer_!“

Nur mit dir, Geliebte, hat das Leben für mich noch einen Reiz, aber _ohne dich_ hat es noch mehr Reiz!

Sie bewunderten sich gegenseitig — — — da war es ein Mißton! Sie bewunderten gemeinsam einen Schildkröt-Schirmgriff — — — da war es ein Akkord!

„Haben Sie mich noch gern?!“ fragt sie immer innerlich nach der ersten Umarmung. Weshalb fragt der _herrliche Idiot_ nie: „Haben _Sie mich_ noch gern?!“

_Schamgefühl_ ist „_ein Schutz für Unzulänglichkeiten_“. Man verbirgt, was _zu verbergen_ ist! Treue ist auch ein Schutz. Wenn ich nur wüßte, wogegen?! Ah, ja, gegen die _Gefahren_ der Treulosigkeit!

_Essen_, um das Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das Vergnügen zu haben, zu _hungern_!

_Philister_, _Lebenskünstler_, _Dichter_!

Es gibt kein laues Bad von 27 Grad und keine gute Kernseife, die nicht jede Sünde der Frau hinwegwüschen!

Eine Frau, der _ich_ ihr _Alles_ bin — — — pfui Teufel!

Sie sagte: „Nie, nie, nie, werde ich Ihnen genug dankbar sein können!“

„Oh ja, Fräulein, wenn Sie mich Ihre Achselhöhlen küssen lassen!“

Das Schrecklichste ist, irgendeinen pathologischen Zustand, wie Rausch oder Eifersucht, nicht „_ausschlafen_“ zu können! Denn dazu ist ja der Schlaf da, daß man wieder „zur Besinnung“ komme, daß man „ein Vieh war“!

_Schlaf_ ist der Verzeiher aller Sünden, die man dem armen Körper antut! Man darf daher nicht _mehr_ Sünden begehen als man Schlaf hat! Einige Sünden jedoch lassen sich nicht „ausschlafen“, z. B. zähes Fleisch mit Kohl. Auch die „Sünde der Faulheit“ läßt sich schwer ausschlafen. Je mehr man begeht, desto schläfriger wird man!

Es gibt zwei Sorten moderner Musiker — — — die _Ehrlichen_, das sind die, die den Richard Wagner _bestehlen_! Und die _Unehrlichen_, das sind die, die _originell_ sind!

Es gibt Dinge, die man nicht „modernisieren“ kann, z. B. den Kuckuckruf. Oh ja, man macht ein Rabengekrächze und nennt es „Kuckuckruf“!

„Der gute alte Richard Wagner“, sagen schon manche Vorge-trottelten!

Mit 82 Jahren ist man mit dem Tode schon so _befreundet_, daß er einem die unangenehmsten Wahrheiten ungeniert ins Gesicht sagt!

Ein Gymnasialdirektor sagte zu jedem Abiturienten beim Abschiede: „Werden Sie General!“ Er meinte, in jedem Berufe könne man es zum General bringen!

Es war direkt interessant, wie völlig uninteressant die Dame war!

Es gibt keinen größeren Idealismus als den einer zärtlich liebevollen Mama. Selbst eine unangenehme Erkenntnis hat bei ihr noch die Gloriole von roten Herzbluttropfen!

Millionäre trösten uns immer damit, man könne sich auch an Austern „überessen“. Aber in _diesen Zustand_ eben einmal zu gelangen, ist ja das Glück!

Ich fahre lieber in einem gefährlichen Automobil als in einem ungefährlichen Omnibus.

Man ist häufig genötigt, in der guten Gesellschaft das Wort „entzückend“ auszusprechen. Ich habe daher im Tonfall dabei bereits so viele Nuancen mir zurechtgelegt, daß eine Dame mir einmal, als ich etwas „entzückend“ fand, sagte: „Sie grober unverschämter Kerl! So ekelhaft ist es ja doch nicht, wie Sie es finden!“

Als der Kutscher uns liebenswürdig die Gegend erklärte, notierte ich bei jedem Bergnamen zehn Heller Trinkgeld. Als er die „Hohe Veitsch“ nannte, waren es bereits theoretisch 3 Kronen 70. Wir rundeten es auf 1 Krone 50 ab!

Die Art deines Gehens, o Fraue, wenn du eine Hoteltreppe langsam hinauf-, langsam heruntersteigst, ist bereits dein „Biografical essay“, eine Offenbarung deiner wirklichen untrüglichen Werte!

Ich sah sie im Speisesaal eine Zigarette rauchen und war entzückt. Ich wußte noch gar nicht, was und wie sie sprechen würde. Sie hätte ewig schweigen dürfen, sitzen, rauchen, blicken — — —.

Das, was die Menschen uns nicht vortäuschen _können_, nicht vortäuschen _wollen_, _das_ sind sie! Ich habe Kinder gesehen, bei denen das „_Nießen_“ sogar entzückend war!

Man kann auch elegant zanken, elegant verzweifelt sein, man kann elegant langweilig sein, und sogar elegant ungezogen! Aber das ist das schwerste!

_Sie_ bezahlte Champagner und _beleidigte_ mich durch die Art, wie sie es tat!

_Ich_ zahlte Champagner, und sie _versöhnte_ mich durch die Art, wie sie es annahm!

Eine Dame sagte: „Ich bitte, Herr Peter, welches ist das idealste Mundwasser?!“

„Ein idealer Zahnarzt! Denn dann braucht man _gar kein_ Mundwasser, ja _nicht einmal_ eine Zahnbürste!“

Der Luxus der Frauen steht theoretisch _im umgekehrten Verhältnis_ zur _Vollkommenheit_ ihres Leibes! Dem _Leinenkleide_ für 25 Kronen entspricht der Leib der _Pauline Bonaparte_! Eine Dame sagte zu mir: „Diese blöden teuren Fetzen! Mich müssen’s nackert sehen! Dö Sachen verschandeln einen ja nur!“

Wenn ein Blumenmädchen in einem Vergnügungslokale an deinen Tisch tritt, dir für deine Dame eine Rose anzubieten, so muß die Dame _sofort_ erklären, daß sie keine wünsche. Sonst macht sie sich _ebenfalls_ einer Erpressung schuldig!

Wenn in einem Geschäfte eine Kundschaft nach einer Ware sich erkundigt, die nicht vorhanden ist, so haben die Verkäufer nicht _stolz-abweisend_ zu erklären: „Nein, das führen wir nicht — — —!“, sondern _zerknirscht-reuevoll_.

Weshalb erhält man bei uns hölzerne _Fußschemel_ nur in den _Spielereihandlungen_, während die Geschäfte für _Kücheneinrichtungen_ sich beharrlich sträuben, dieselben zu führen?! Fußschemel sind keine Spielerei, und in der Küche braucht man Schemel — — —. Das sind unergründliche Geheimnisse der Geschäftswelt!

In Berlin kann man von März bis Oktober die riesigen Spiegelscheibenfenster in die Keller hinablassen, und man sitzt im Lokal gleichsam im Freien in guter Luft. Bei uns kann man das nicht. Wundert Sie das?! Mich nicht!

Unsere Auslage-Arrangeure wollen immer so viel als möglich vom Lager hinauszwängen, während gerade _ein einzelnes, besonderes Stück_ die _ganze Führung_ des Geschäftes, seinen _Geist_ bereits dokumentierte!

Die Klosettfrauen sollten gezwungen werden, lose, einzelne Seifenblätter zu verkaufen. Die _gemeinsame_ Seife erinnert fast an ein „gemeinsames Zahnbürstchen“!

Alle Menschen leben „über ihre Verhältnisse“, über ihre ökonomischen, sexuellen und vor allem über die ihres Verdauungsapparates! Daher ihre ewige Reizbarkeit und Unduldsamkeit. Irgend etwas bedrückt sie!

Ich sagte einst einem befreundeten jungen Restaurateur in G.: „Vor allem nimm jede nicht konvenierende Speise _zurück_, selbst im Falle einer krassen Ungerechtigkeit. Du machst immer noch das _bessere_ Geschäft, wenn du dieses eine Mal bei dem Hundskerl draufzahlst. Sonst redet er dir noch Hunderte ab!“

In den gutgehenden Geschäften sind die Bedienenden nervös, weil _zu viel_ zu tun ist, und in den schlechtgehenden, weil _zu wenig_ zu tun ist!

Wenn ein Zyniker in der Gesellschaft von Damen zynisch ist, so ist er es _nur_, weil alle diese Damen ihm _keinerlei Hochachtung_ einflößen. Ich kann mir einen jeden Zyniker denken, der vor einer „innerlichen Kaiserin des Daseins“ _verstummte_! Tut er es aber auch in diesem Falle nicht, dann ist er ein Zyniker!

„Ich verehre Euch, Meister Altenberg, seit Jahren. Aber wozu die Worte?! Ich möchte Euer letztes Werk erstehen. Was kostet es?!“

„Fünf Kronen.“

„Für drei Kronen würde ich es nehmen — — —. Aber eine schöne „persönliche Widmung“ erbitte ich mir natürlich!“

Ich schrieb eine persönliche Widmung: „_Sie_ haben mir zwei Kronen abgehandelt, _ich_ habe es mir abhandeln lassen; jetzt wissen Sie, was an _Ihnen_ und an _mir_ ist!“

3jähriger Wahrheitsfanatiker, aus dem noch was werden kann:

„Wen hast du denn besonders lieb, Bubi?! Die Mama?!“

„Nicht besonders — — —.“

„Dein Schwesterchen?!“

„Nicht besonders — — —.“

„Wen also hast du besonders lieb?!“

„Die Schokolade!“

Liebesbrief:

„Oh, ich habe ein so grenzenloses Vertrauen zu Ihnen, daß ich es auch dann nicht verlieren könnte, wenn Sie es mißbrauchen würden!“

Höchstes Lob (Frau Dr. Eugenie Schw.):

„Mein lieber Peter Altenberg, mit keinem der sogenannten „Modernen“ könnten Sie sich vertragen! Mit _Gottfried Keller_ hätten Sie sich _vertragen_, obzwar Ihr von früh bis abend _erbittert gestritten_ hättet!“

Ausspruch:

„Wissen’s, bei uns in der Hofoper, ich mein’ beim Ballet, teilen wir die Künstlerinnen, Sängerinnen, natürlich nicht ein nach dem, was sie können, das is uns Tänzerinnen doch ganz egal, sondern nach dem, ob sie „_betamt_“ (liebenswürdig-menschenfreundlich) oder „_unbetamt_“ sind! Die Jüdinnen also sind alle _unbetamt_ natürlich, aber es gibt sogar unbetamte _Christinnen_ bei uns! Und die sind noch ärger!“

Für 500 Kronen Honorar erklären dir die Ärzte, du habest „eine leichte Blutzirkulationsstörung“. Es sei nichts von Bedeutung. Für drei Kronen erklären sie dir, es sei ein leichter Schlaganfall. Die Hauptsache wäre, er solle sich ja nicht wiederholen!

Ein genialer Arzt verlor seine Stelle und erschoß sich, weil er sich jungen Patientinnen gegenüber schamlos benommen hatte. Sie fragen mich, was ich über den Fall dächte?! Ich rechne mir es aus: 57 Patientinnen in ihrer „Ehre“ gekränkt, 57 Tausend durch den Verlust des genialen Arztes _effektiv_ geschädigt!

„O, Herr von Altenberg, wie geht es Ihnen?! Noch immer nicht verheiratet?! Woran arbeiten Sie jetzt momentan?! Schwärmen Sie noch immer für schöne schlanke 15-Jährige?! Und überhaupt, was gibt es Neues in Ihrem reichbewegten Leben?!“

„_Genehmigt!_“ erwiderte ich gelassen und entfernte mich.

Jemand sagte zu mir (jeden Tag ist es ein anderer): „Sie sind der glücklichste Mensch! Sie haben keine Bedürfnisse!“

„Nein, ich habe keinerlei Bedürfnis, Bedürfnisse zu haben, die ich ja doch nicht befriedigen kann!“

Die Forelle, der Hecht sind gefährliche, ewig auf der _Raublauer_ liegende Tiere. Aber man fängt sie geschickt mit irgendeinem Köder. Bei Frauen macht man es aber ungeschickt. Meistens reißen sie sich los und verspeisen nur den Köder!

Die Prinzessin sagte: „Man macht dem Sudermann immer den Vorwurf, daß er theatralisch sei. Das finde ich ungerecht. Wenn man das meinem Cousin, dem Louis Liechtenstein, nachsagen dürfte, so wäre es gerecht. Denn der hat’s nicht nötig. Aber der arme Sudermann, der ist doch dazu da, theatralisch zu sein!“

Ich sandte dem herrlichen 11jährigen Kinde Margit Kr. einen selbstgebundenen Strauß von hellblauen Skabiosen und gelben Teerosen. Die Mama sandte den Strauß zurück mit dem Bemerken, ihr Töchterchen sei noch _minderjährig_. Ich schrieb: „Gnädige Frau, wann erfolgt die Volljährigkeitserklärung für _Schönheit und Anmut_?! Gott, Jesus Christus und die Dichter verstehen nichts von Kalenderberechnung!“

Das mystisch schöne Kind hatte eine unschöne Mama. Alle Damen sagten zu mir: „Sie wird der Mutter nachgeraten!“ Endlich kam der wunderbare Vater an, wie ein Sieger-Torero. „Für einen Mann ist er viel, viel zu schön!“ sagten alle Damen. „Nun und das Kind?!“ sagte ich. „Weshalb soll es gerade ihm nachgeraten?! Weil Sie es sich erwünschen?!?“ Bestien!

Je lustiger, je übermütiger die Geliebte, desto verstimmter der Geliebte. Alles geht auf seine Kosten, Unkosten. Aber manche Männer nehmen regen Anteil — — — an diesem Diebstahl vor ihren Augen! Amüsement ist „Ablenkung des Herzens!“ _Gutmütigkeit_ des _Mannes_ — — — _verbrecherischer Idiotismus_!

Was nützt es dir, o Jüngling, daß du mit Sorgfalt und Geschmack ein Bukett zusammenstellest aus herrlichen Bergblumen und Gartenrosen?! Die Dame fühlt: „Die Bergblumen kosten nichts, und die sieben Rosen je eine Krone!“

Nur Juden haben die Ungezogenheit, mich zu fragen, weshalb ich stets an dickem, grünem, seidenem Kordon zwei herrliche Automobilpfeifen, Sirenen, trage!? Christen fragen das nie. Sie denken gleich: „Weil er ein Narr ist!“ Die Juden lassen sich durch die Frage noch wenigstens die Hoffnung offen!

Mein Gehirn hat Wichtigeres zu leisten als darüber nachzudenken, was Bernard Shaw mir zu _verbergen_ wünscht, indem er mir es _mitteilt_!

Die modernen Damen verlängern sich die Fingernägel statt des Gehirnes. Das erstere scheint leichter zu sein!

Die Männer suchen ihre Damen von 8 Uhr morgens bis 11 Uhr nachts bei guter Laune zu erhalten! Wahrscheinlich wegen der übrigen Stunden!

Körperliche Vollkommenheit verpflichtet zu jeder anderen, geistig-seelischen Vollkommenheit! Aber glücklich die, die zu dieser Verpflichtung _verpflichtet_ sind!

Ein runder Rücken ist nicht nur ein _runder Rücken_. Es bedeutet auch einen _flachen_ Brustkasten!

Weshalb dieses unintelligente Sträuben gegen Nährmittelpräparate wie „Sanatogen“?! Jedenfalls wird es euch mehr nützen als Rostbratl mit Erdäpfelsalat! Ihr fürchtet euch vor zu viel Kräften?! Na ja, ihr müßt es ja wissen, wofür ihr sie dann doch nur verwendet!

Nährmittel haben zur Voraussetzung „eine ganze verfeinerte Kultur“. Sonst bleibe man bei dem a la Hunnen auf dem Sattel weichgerittenen Roastbeef!

Ich habe gelesen: Den Engländern fehlen leider zwei Sachen: Sinn für „feine zarte Küche“ und Sinn für „feine zarte Musik“. Jetzt weiß ich, weshalb sie die Welt unterjocht, viel Geld und viel Ehre gemacht haben!

„Ich habe meinen Gatten lieb, weil er mich reich ausstattet! Ich habe meinen Geliebten lieb, _obwohl_ er mich nicht reich ausstattet! Wie lieb hätte ich erst einen Geliebten, der mich reich ausstattet! Aber das gibt es ja gar nicht; der hat das doch nicht nötig, das wäre ja ein idiotischer Verschwender, den man unter Kuratel setzen müßte!“

„Ich denk’ über so viele Sachen nach, Gustav, und da werd’ ich ganz blöd. Wann ich einmal gar nicht nachdenk’, und was ganz Blödes sag’, dann sagen die Leut’, daß es riesig g’scheit is. Aber unbewußt sagen sie. Das heißt also, daß es doch blöd is, nicht, Gustav?!“ „Dummerl!“ sagte Gustav, das heißt: „Gscheidterl!“

Die 5jährige Edith sagte abends beim Abschiede zu mir: „Also wann, wann, wann — — —?!“

Da ergänzte die Mutter: „werden Sie morgen wiederkommen?!“

„Aber geh’, Mutti, das weiß er ja, was ich gemeint hab’!“

Je tiefer die _seelische_ Liebe der Frau, desto _geringer_ ihre „physiologische“ Erregbarkeit. Das scheint schauerlich paradox zu sein! Die „Liebe“ verteilt ihre Erregung auf den _Gesamtorganismus_, während minderwertige Gefühle nicht diese Kraft haben, sondern sich _lokalisieren_!

In jeder schönen Frau, in jeder wohlgestalteten, steckt die „Hure“. Sie kann nicht anders als Tag und Nacht von dem Gefühle gereizt, gekitzelt, erregt zu werden als dem: „Ich könnte _jeden_ Mann selig machen, ihn in die letzten Räusche bringen!“ Eine Frau von diesem _Weltenempfinden_ weg auf _sich_ konzentrieren wollen und können, ist das Wesen der _glücklichen Liebe_! Ich bezweifle, daß es bei einer wirklich _vollkommen schönen_ Frau gelinge! Aber wie viel solcher gibt es?! Also gibt es doch viele „glückliche Liebende“. Und dann: die Frau rechnet mit ihrem allmählichen „schäbig-werden“. Das vermehrt die Chancen der — — — Idioten! Übrigens gibt es noch die sogenannte „gute Erziehung“. Ja, die Idioten haben Chancen!

„Ich bin _gewitzigt_“, heißt: „Ich bin gewitzigt über die Dinge, über die ich _gewitzigt_ bin. Aber über die Dinge, über die ich _noch nicht_ gewitzigt bin, über die bin ich noch nicht gewitzigt!“

Kinder rupfen zarten Insekten ihre überzarten Flügel aus. So machen es _Erwachsene_ den _Dichtern_!

„Sie reizen uns _unnötig_ auf mit Ihren anarchistischen Theorien!“ sagte eine junge Dame zu mir.

Wie würde ich es erst tun, wenn ich es _für nötig_ hielte!

„Woher nehmen Sie ununterbrochen Ihre Begeisterung für Frauen, Kinder, die Natur?!“ sagte jemand zu mir.

„Von Abführmitteln! Tamar Indien Grillon! Von meiner ‚_inneren Unbeschwertheit_‘!“

„Sie scherzen!“

„Gewiß. Denn Sie würden davon nur _Diarrhöen_ kriegen!“

„Wir sind eben noch keine „chemischen Retorten!“ Schauen Sie doch die „Roßknödel“ an auf der Straße, woraus das Pferd seine ganze riesige Kraft gezogen hat!?“

„Ja, es ist eine wahre _Roßnatur_!“

„Was verstehen Sie eigentlich unter „Kunst“?!“ sagte ein Herr um Mitternacht, bei Champagner, zu mir.

„Da müssen Sie noch ein bisserl was _bar_ draufzahlen, wenn ich Ihnen die Frag’ jetzt beantworten soll!“

Wenn jemand magenkrank ist, so muß ein moderner Arzt ihn sogar fragen: „Haben Sie mit Ihrer Wäscherin nie so „leichte Konflikte“, oder verkehren Sie nicht mit _ärmeren_ Leuten als _Sie_ sind, oder schläft Ihre Geliebte nicht gern bei anderen?!“ _Solche_ Kleinigkeiten schon können einen überempfindlichen Organismus aus dem sogenannten physiologischen Gleichgewichte bringen.

Was _du_ nicht willst, daß _man_ dir tut, das _tu’_ geschwind den _andern_ an, denn _sie_ tun dir’s _jedenfalls_ an!

Jeder „Sport“ macht aus der _romantischen_ Natur eine Zirkusmanege!

Musik ist: wie wenn die Seele plötzlich in einer _fremden Sprache_ ihre _eigene_ spräche!

ZYKLUS: „VENEDIG“

EINDRÜCKE

In Triest hatte ich im _Hotel Excelsior_ ganz hoch oben ein Kabinett, das eine kleine eiserne Balustrade hatte, von der aus man das Meer sah und rechts die braungrünen Hügel. So sah ich also zum erstenmal das Meer, in meinem 55. Lebensjahr. Abends trat ich an die eiserne Balustrade und betrachtete die weite graue Fläche Wasser. Ich durfte also auch noch ein Meer sehen, und morgen sogar ein Schiff mit Frühstückszimmer, Speisesaal, Kajüten und Deck zum Spazierengehen. Das gütige strenge Schicksal hatte mir das alles aufgespart, gleichsam als _Schlußbelohnung_ eines ereignislosen Daseins. Diese schwebende Stiege an der schneeweißen Wand des Schiffes! Man frühstückt: Teeschale Kaffee, licht, gut passiert, mit Schlagsahne, und fährt zugleich mit Turbine auf dem Adriatischen Meer. Dabei liest man in Intervallen Zeitung und schreibt Ansichtskarten an Annie W. Man zeigt mir freundschaftlich die „italienische Küste“ im fernen weißen Nebel, und ich selbst erblicke braune Segel von Fischerbarken. Das alles ist wundervoll. Meine englische Freundin sagt: „Ich habe es gewußt, daß es Ihnen viel Spaß machen wird!“ Aber es macht mir viel Ernst! Venedig ... also das ist dieses Venedig, mit einem Palazzo Vendramin, in dem mein Gott, Richard Wagner, den letzten Seufzer aushauchte. Hier also ist der große weite, palastumrankte Platz, auf dem sechs reizende Kaffeehäuser sind, mit 1000 Tischen und Stühlen, und wo abends in der Mitte auf eisernem, elektrisch beleuchtetem Gerüste die _Banda Municipale_ spielt. Und gegenüber der Lido, wo die Menschen in Licht, Salzluft und Wasser sich verjüngen und die schönen Frauen wenigstens ihre herrlichen zarten weißen Füße, Zehen, Beine, Knie zeigen. Wenn man dann abends auf dem Markusplatz so eine viertelnackte Nymphe en grande toilette sieht, denkt man: „Bitte sehr, die Schneiderinnen wollen auch leben!“ Bei „Salviati“ sah ich Gläser von der Farbenpracht von exotischen Schmetterlingen, Vögeln und Orchideen. Andere wieder waren düster wie der Himmel vor dem Gewitter und die Seele eines Eifersüchtigen. Viele schienen herausgewachsen zu sein, wie aus Erdreich und Sonnenlicht und Tau und Regen. Aber dazu muß man in den Kanal Grande fahren, in die Ausstellung, da ist die „Glas-Aristokratie“, während sonst überall die schreiende Marktware ist. Parmesan und Paradeis sind die Lieblingsdinge. Man ißt fast alles mit diesen beiden Dingen. Fast zu allem offeriert man dir eine Glasbüchse mit Silberdeckel, in der geriebener Parmesan sich befindet. Die neue Oper von Wolf-Ferrari: „Die neugierigen Frauen“ von Goldoni, Lustspiel, wurde im Goldoni-Theater, hellblau und gold, unübertrefflich dargestellt; Kapellmeister, Orchester, Stimmen, Spiel einfach _vollkommen_. Wolf-Ferrari ist ein feiner, nobler, geschickter, diskreter — — — jetzt weiß man _alles_! _Gott_, daß ihm _nichts_ einfällt, das macht er _absichtlich_, er ist zu nobel, zu kompliziert dazu, er _will nicht_ melodiös sein, wie alle Modernen, die es nicht _können_! Was die Mode betrifft, bin ich leider nur für die englisch-amerikanische, während die französische überladen und unnötig ist. „Ich habe Geld, ich habe Geld, es zu bezahlen!“ schreien alle diese Modelle von Hüten und Kleidern, während die englischen und amerikanischen flüstern: „Wir haben so viel Geld, daß wir gar nicht brauchen, es erst zu zeigen!“ Der Meeressand ist wundervoll, ihn durch die Finger gleiten lassen ist eine „ästhetische Wollust“. Rührend ist die ärmliche Vegetation der Küste: Grasbüschel, Akazien, Birken. Bilder habe ich noch keine gesehen. Die Historie versucht es wie ein altes, Opfer heischendes Ungeheuer, hier überall uns von der einfachen Natur abzulenken. Aber bei mir gelingt es ihr nicht, ich bin der „heilige Georg“, obzwar ich Richard heiße, pardon, Peter. Ich weiß, daß man Giotto „Dschotto“ auszusprechen hat, und damit habe ich mich losgekauft. Deckengemälde interessieren mich nicht, man bekommt einen steifen Hals davon. Von Berühmtheiten der modernen Zeiten waren hier außer mir: Heinrich Mann, Jakob Wassermann, Max Oppenheimer, Tilla Durieux, Adolf Loos, Eduard Stucken. „No, und ich bin nix?!“ sagte die Neunzehnjährige, die sich von mir die Hotelrechnung bezahlen ließ. „Welche kann das noch von sich behaupten, daß ein solcher Schmutzian wie du für sie hat bezahlen müssen?!“

VENEDIG

Und plötzlich _fiel es ihm ein_, ein trauriges Erschrecken — — — ja, sie wollte _nicht_ mit ihm verkehren!

Es wurde ihm _sogleich_ zur Gewißheit!

Mit untrüglicher Klarheit war es in seinem armen Gehirn, in seinem armen Herzen, plötzlich, lähmend, vernichtend, untergrabend! ja, er hatte es sogar _gewußt_, gewußt, das heißt geahnt, schon nach den ersten Stunden des Beisammenseins. Sie wollte ihn gleichsam sogleich beschützen vor seiner Erkrankung an ihr, vor seiner Torheit, vor seinen kommenden Kränkungen, vor seiner Sehnsucht am lauten Tage und in stiller Nacht, ja, vor seiner Sehnsucht wollte sie ihn beschützen, kurz vor allem und allem und allem, und zwar _sogleich_, prompt, radikal, hilfreich, unerbittlich, wie ein Arzt, wie eine Mama, wie eine Schwester, wie eine Heilige. Eine _schöne Idee_, eine _Aufgabe_, eine _Mission_!