Part 8
Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle _so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld hat, nicht?!?
„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu der reichen Mama den genialen Ausspruch täte: „Mama, wenn du mich wirklich lieb hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen — — —!“
Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach, wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und Sonnwendstein existieren können?!“
Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen, manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“
GEGEN
Es ist eine der _infamsten Lügen_ der „Modernen“, daß es „ewigen Fortschritt“ gäbe! Wenn _ich_ das schon sage, will es etwas heißen! Die Kremoneser Geigen, die Amati, Guarneri, sind _nicht_ zu übertreffen, ja nicht einmal ihr „Spiegel-Lack“ und ihre „Schnecke“. Der Seiltänzer Blondin, der vor 40 Jahren über den Niagara tanzte und mitten über dem Katarakte auf einem zusammenlegbaren Sparherde sich eine Eierspeise kochte und aß, auf einem Klappsessel sitzend, ist _nicht_ zu übertreffen. Ebenso _nicht_ die Koloratur der Adelina Patti, die Lackarbeiten, Seidenstickereien der Japaner und Goethes Gedichte. Aber diese Herren, nomina sunt bekannt, wollen in Malerei, Musik und Dichtkunst „ewige Fortschritte“ uns einreden? Und gerade ausgerechnet sie? Bei dem nicht zu übertreffenden „Vollkommenen“ demütig haltmachen können, ist _Fort_schritt! Nach Mozart hat man _keine Quartette mehr zu schreiben_!
ROMPE!
Bevor nicht jeder deiner einstigen Kavaliere von dir sagt:
„Was ist an ihr? Sie ist gewöhnlich, dumm und ohne Anmut, ohne Reiz“, glaub’ ich dir deine absolute innere Treue _nicht_!
Zu deinen _Feinden_ mußt du sie erst machen _wollen_, um mir zu zeigen, daß du _mir_ gehörst! Solange sie _siegreich Besiegte_ sind, die Waffe senkend schwärmerischen Blickes, bin ich _besiegter Sieger_! Treibe sie zum Hasse, zur Verachtung! _Dann_ erst — — — liebst du mich! Und so geschah’s.
Nur einer von den Rittern sagte zu mir, nach langem Schweigen, eines Abends:
„Und wissen Sie, was ihre größte Tugend ist? Daß sie Sie liebgewonnen hat, und uns den Laufpaß gab!“
Ich sagt’ ihr das.
Und sie erwiderte: „Der Arme, Gute. Ich hab’
ihn vorgemerkt. Nach Ihnen kommt er dran!“
WASCHUNGEN
„Ich wasche mich täglich unmittelbar nach dem Aufstehen vom Kopfe bis zu den Zehen, zuerst lau und dann kalt,“ sagte das wertvolle moderne Mädchen zu mir.
„Sehr gut,“ erwiderte ich, „aber ich glaube nicht, daß Jeanne d’Arc dazu immer Zeit hatte, als sie in die Schlacht mußte, um Frankreich zu erretten!“
Als ich sehr krank lag, nahm es mich immer „Wunder“, daß meine Geliebte, nach einer durchwachten und durchsorgten Nacht, noch immer die Energie fand, sich morgens vom Kopf bis zu den Zehen einzuseifen und abzuspülen.
Sie sagte zwar: „Das tue ich, um mich _für dich_ frisch zu erhalten!“
Aber, siehe, ich glaubte ihr das nicht.
Es war das „gottlose Weibchen“ in ihr, das trotz allem und _unter allen Umständen_, sich appetitlich erhalten wollte! Für wen?! Nun — — — _für alle_!
RESPEKT
Er war immer, immer gerührt, ergriffen durch ihre „Persönlichkeit“, die auch die lange Krankheit nicht in ihr vernichten konnte. Er hatte immer die Idee, sie würde mit dem letzten Atemzuge noch einen überaus herzigen und aparten Clowntrick machen, und z. B. sagen: „O, Peter, ich werde also, wenn ich hinkomme morgen, den Petrus bitten, er soll, wenn du ankommst, dir deine vielen Sünden verzeihen, schon weil du sein Namensvetter bist!“
Infolgedessen konnte er sich nicht enthalten, sie im Gespräche hie und da zärtlichst bei der Hand, am Arme, am Haupte, anzurühren. Wie ein süßes Kindchen.
Da sagte sie eines Tages: „Frau Lilly rührst du _nie_ an, obzwar du sie _auch_ sehr gern hast! Du hast aber mehr _Respekt_ vor ihr! Siehst du?“
Seitdem habe ich die süße kindliche Frau nie mehr angerührt.
Einmal sagte sie zu mir: „Hast du mich also nicht mehr so gern wie früher, Peter?“
„O ja, aber ich habe Respekt vor dir bekommen!“
„Du dummer Mensch!“ sagte sie und lächelte —
FALZAREGO-PASS-HÖHE
2250 Meter. Also zum erstenmal seit meiner jauchzenden Kindheit wieder auf steinbesäter Bergalm mit dunklen Latschenkiefern, weißem Speik und Geruch von Ziegen.
Irgendein Wässerlein tropfte, sickerte von ausgelaugten Felsenplatten. Meine Hand berührte zärtlich die polierten Nadeln des Zirbelholzes. Ich lauschte dem Rauschen im Legföhrenwalde. Das Knieholz schwankt nicht im Bergföhnstöhnen. Die Stämme sind wie Kautschuk. Der schwarze Weg ist feucht und klebrig.
Ich gedachte des „Ochsenbodens“ auf dem Schneeberg, Märchen meiner Kindheit. Wie liebte ich diese fahlen blumenlosen Matten mit Geruch von weidenden Tieren!
Wie wenn der Kreis sich schlösse meines Daseins. Auf Bergmatten begann es mit unbewußtem Jauchzen, auf Bergmatten endet es mit ernster Wehmut. Falzarego!
ENTERBTE DES SCHICKSALS
Sie hatte eine kleine reizende Blumenhandlung im Berghotel. Das heißt, sie hatte sie nicht, sondern sie war nur Verkäuferin. Die Besitzer waren in Wien, reiche Leute.
Sie liebte die Blumen, die man ihr von den ungangbaren Felsgraten brachte, sie liebte die Blumen, die man ihr aus Ziergärten schickte in Watte und Holzbaumwolle. Alles, alles mußte sie aber doch verkaufen. Ihre besten Kunden waren die „Hotel-Don Juans“ und die „Neuvermählten“. Und sogenannte notwendige Abschiedsbuketts, von denen man dachte: „Ich will _nicht_, aber ich _muß_!“ Diese verkaufte sie am liebsten, schlug, so weit es ging, mit dem Preise auf, unerbittlich. _Abschied ohne Abschiedstränen_ muß teuer bezahlt werden! Einmal kam ein Dichter, bestellte für die sechsjährige Sonja Dungyersky einen Strauß von hellrosigen „Rosa Crimson Rambler“. Diesen ließ sie sich nicht bezahlen. „Weshalb denn nicht?!“ fragte der Dichter. „Wir wollen doch auch um Gottes willen einmal eine Freude haben! Etwas miterleben!“ erwiderte die Verkäuferin.
FRÜHLING
Also jetzt weiß ich alles — — — zuerst kommen die Kätzchen der Haselstaude, dann kommt primula acaulis, dann gentiana brachyphylla, dann kommt ein grüner Schimmer über die Birken, dann kommt Leontodon taraxacum, dann kommt ein weißer Schimmer über die Birnbäume, dann erwachen die Kastanienbäume, und zuletzt die Lärchen. Jetzt weiß ich alles, so _wird_ es! Hotels werden gebaut aus weißen Betonziegeln, und man projektiert ein Tontaubenschießen. Gleichsam ein lebendiger Protest gegen das Massakrieren von lebenden Tauben. Freilich der Turmfalke, der Sperber, der Wanderfalke, die Eule?!? Aber die tun es aus Instinkt, den wir Gott sei Dank verloren haben. So viele Leute jedoch ersehnen sich ihn wieder. Sie haben aber leider noch genug davon!
ERLEBNIS
Ich kaufte mir für eine Krone eine Porzellankaffeeschale mit gemalter Ansicht: „Semmering, Hotel Panhans“, steckte eine große Rolle Papier hinein, auf dem geschrieben stand: „_Das_ sind die „Andenken“, die die reichen Damen ihren unglücklichen Dienstboten vom Semmering mitzubringen pflegen!“
Und das Dienstmädchen sagt gerührt: „Aber gnä’ Frau, nein so was — — —!“
Aber sie meint: „Nein, so was Billiges, Scheußliches!“
Kaum hatte ich die Sache auf meinem Tische aufgestellt, besuchte mich ein reicher Gutsbesitzer. „Großartig,“ sagte er, „wir fahren heute weg. Meine Frau hat drei solcher Kaffeeschalen für unsere Dienstboten gekauft! Und ich sag’ Ihnen doch, mein lieber Altenberg, solche Leut’ freut das am meisten!“ „Ja, Schnecken!“ wollte ich sagen, aber ich sagte: „Selbstverständlich, sicherlich.“ Dann sagte er: „Zeigen Sie’s jedesfalls meiner Frau, vielleicht gift’ sie sich.“
DIE TÄNZERIN
Ja, gut, ich war von meinem achten Jahre an bis zu meinem siebzehnten eine englische Tänzerin in Varietés.
Aber ich darf es nur denen sagen, die es als meine Ehre betrachten, daß ich schön tanzte und mir mein Geld verdiente und meiner Mutter davon gab, nämlich Geschenke. Sonst nahm sie nichts.
Aber den Damen darf man es nicht sagen, die kalt und bös im dummen Leben stehn! Sie wissen nichts von unserer hohen Ehre, daß wir der Kunst _gedient_ und dennoch stets _Herrinnen_ geblieben sind über uns selbst! Sie glauben, man müsse im Kampfe unterliegen, denn siehe, sie unterlägen im ersten _Vorpostengefecht_!
MEINE EHRUNGEN
Die Frau eines berühmten Operettenkomponisten sagte zu mir: „Herr Altenberg, Sie wissen doch alles von den wichtigen Sachen im Leben, ich bitte, soll man Rhabarber in einem Garten anpflanzen?“
„Nein, unter keiner Bedingung! Rhabarber verbraucht alle Bodenkraft ringsumher, er ist, gleich dem Rasen, der Egoist in der Pflanzenwelt!“
Die Frau eines berühmten Schriftstellers sagte zu mir: „Ich bitte sehr, soll man den Reis schon die Nacht vorher einweichen in einem Wasserwandel?“
„Jedenfalls! Reis bedarf der Vorbereitung, wie jede zarte Sache!“
Eine dritte Dame sagte: „Alles was in Ihren Büchern ist, ist _längst vorher_ in unseren Herzen! Aber wir sind _feig_, behalten es bei uns. Es ist gut, daß jemand den Mut habe! Und dann: Uns glaubt man nicht. Den Dichtern zwar auch nicht. Man sagt: _Ein Dichter_! Uns aber sagt man: Gans!“
KLARA
Es gibt Mädchen, deren _ewige Verehrer_ wir bereits sind durch die Art wie sie ihre Haare zurückstreichen an den Schläfen. Eine unermeßliche Anmut ist es, eine kindlich-lässige, _nichts_ bedeutend und für uns ein _Schicksal_!
Hätte ich nicht gesehen, wie sie ihre Haare zurückstreicht — — — aber ich _habe_ es gesehn und bin _verloren_!
Von nun an für sie beten und weinen — — —.
Wie hob sie die Arme, wie hielt sie die Schultern, wie waren ihre Hände, ihre Finger, wie stand sie da, und wie besiegte sie alle Nixenreigen im Mondlichte am Waldsee der Märchen?!
Sie strich die aschblonden Haare zurecht, eine Bewegung, die so natürlich, selbstverständlich ist wie Atmen, Gehen, Sprechen. Ich aber beugte mein Knie vor Gottes _Weltenanmut_, die er mich Armseligen in seiner unerschöpflichen Gnade, an einem Julivormittag erschauen ließ!
BERGHOTEL-TERRASSE, SEMMERING
Daß ich da bin, ist mir ein ewiges Rätsel — — —.
Ich war schon in der Gruft, durch Schuld der Ärzte!
Heimtückische Mörder ihr, nein, schrecklicher, _Idioten_!
Nun hab’ ich den Bergwald vor meinem Fenster,
und die Stimme der K. P. jauchzt und singt und spricht Gesänge; bloß wenn sie nur sagt, was alle Menschen sagen; Gewöhnlichstes wird zum _ewigen Ereignis_. Wie man es sagt, ist alles, _was_, ist nichts!
Und die Komtesse schreitet, fliegt, schwebt, schlängelt sich über die Terrasse — — —.
Das süße Kindchen Sonja Dungyersky steht da in braunen Locken und ihre Beine sind dünn und braun wie von Gazellen — — —.
Daß ich noch bin, ist mir ein ewiges Rätsel. Gott, schütze mir die, deren Schönheit mich berauscht! An denen ich krank werde und gesund zugleich!
Berghotelterrasse aus Beton, mit deinen grellroten Tischen, Sesseln, ich war dein erster Morgengast, und ich begrüßte dich zärtlichst, du feuchte noch vom Morgentau! Im äußersten Ecke saß ich, oberhalb der Baumwipfel, und starrte in den weißen Mürztalnebel! Ich sah dich erstehen aus grauen nassen weichen Betonhaufen; ich wartete 21 Tage auf deine Marmorhärte; ich war dein erster Gast!
ERKENNTNIS
Alle Frauen rächen sich am Manne für irgendeine Unzulänglichkeit, die sie besitzen! Häßliche Fingernägel machen sie bereits boshaft und gereizt. Von einem „unidealen Busen“ gar nicht zu sprechen! Da begehren sie Tag und Nacht auf mit dem grausamen Schicksal, verzehren sich in Leid, und _lassen sich’s nicht merken_! Deshalb muß eigentlich jeder Mann _milde_ sein, _gerührt_, gestimmt zum _Verzeihen_! Wenn eine die Genialität hätte, es zu sagen: „Ich bin unglücklich _über mich selbst_!“ Aber das wagen sie nicht, es sich selbst einzugestehen. Sie verlassen sich auf die Güte des Mannes, der sich „sekkieren, quälen, ungerecht behandeln“ läßt! Sie haben aber recht, denn _seine_ Liebe ist von Gott eingegeben, und _ihr_ Schicksal ist irdisch und ein bißchen vom Teufel! Er hat die _göttliche Kraft_ zu _leiden_ mitbekommen, sie die _irdische Schwäche_, _glücklich_ sein zu wollen!
KLARA
13. Juli, vormittag. Sie ging, in weißem Kleide, langsam den Wiesenweg hinauf. Ich sah sie; und sah sie wieder nicht. Sie grüßte, und ein Gebüsch verdeckte sie. Dann sah ich sie wieder. Langsam sah ich ihr weißes Kleid und ihre blonden Haare dem Wald zuschweben. Ich stand gebannt und grüßte nicht. Sie wußte, wie mir zumut war. Sie grüßte noch einmal. Wie wenn man sagte: „Du bist der erste, der gebannt steht und es vergißt, zu grüßen — — —!“
Sie wußte dennoch nichts von ihrer heiligen, schrecklich-süßen Macht. Ich aber warf mich aufs Bett und weinte — — —. Dann kam sie zurück. Ich sah ihr weißes Kleid und ihre blonden Haare. Gebüsch verbarg sie, mochte sie entschwinden. Dann sah ich sie wieder. Ich verneigte mich. Sie ging vorüber; und wie eine Regenwolke kam es über die lichte Landschaft — — —.
EIN KOMTESSEN-BRIEF
Lieber Peter Altenberg,
weshalb sagen Sie mir das über die „göttliche Vollkommenheit meines Leibes“, den _Sie_ unbedingt unter allen Hüllen _nackt_ sehen?! Ich habe doch schon _alle Untugenden_, die unser Stand, unsere Sorgenlosigkeit, unsere Verwöhnung von früh bis abends, mit sich bringen ohne unser Hinzutun!? Jetzt kommt noch die Begeisterung eines Dichters hinzu, also eines Menschen, der nichts will als begeistert, berauscht, gerührt sein?! So ein Beschenker! Sie werden mich nicht eitel machen, Edler, ich werde nur denken: „Vielleicht verhilft es ihm zu einem Gedichte, das wieder anderen hilft, wenn sie es lesen!?“ Und dennoch habe ich mich abends in dem Stehspiegel angeschaut und gedacht: „Dichter wissen doch alles!“
MÄRCHEN DES LEBENS
Der größte Beweis von _Kultur_ und _Takt_ einer Frau ist es, sich die ihr immerhin ganz angenehme Verehrung eines ungeliebten Mannes gefallen zu lassen, ohne ihn je zu kränken! Eine Dame ließ sich durch sechs Wochen meine schwärmerische Begeisterung sanft lächelnd gefallen. Beim Abschied bat ich sie, doch den Rehlederhandschuh abzustreifen, damit ich zum ersten- und zum letztenmal ihre geliebte Hand küssen könne — — —.
„Schau’ns, Peter, was haben’s davon, nix. Das hat gar keinen Zweck. Hab’ ich recht?!“
„Vollkommen“, erwiderte ich.
„Leicht sind Sie getröstet, mein Herr!“ erwiderte sie.
„Im Gegenteil, ich bin _untröstlich_ darüber, daß Sie in Ihrer Kindheit zu wenig französische und englische Gouvernanten gehabt haben!“
WORÜBER MAN NOCH IMMER WEINT, UND EWIG WEINEN WIRD!
Die Frau verließ den Mann — — —.
Hundert Millionäre lagen ihr zu Füßen.
Da bekam ihr Kindchen Scharlach.
Ihr Mann schrieb ihr: „Marie schreit auf aus tiefem Schlaf, ruft Deinen Namen!“
Da kam sie.
Und blieb!
BESUCH
Nun gut, ich bin ewig begeistert, trotz meiner 53 Jahre und meiner Krankheit, die doch schließlich unmerklich die Kräfte wegfrißt wie ein irrsinniger Jaguar, der nie genug hat und im Blute wühlt und trinkt ganz ohne Durst! Mir gegenüber, auf Zimmer 142, 143, wohnt seit gestern ein kleines Mädchen, Ungarin, Bulgarin oder Serbin; im Nationalkostüm mit ganz nackten, herrlichsten Beinen geht sie. Als ich sie heute auf der Stiege traf, lächelte ihre Mama über mein begeistertes Gesicht. Ich stand und schaute. Weshalb reisen, wenn die fremden Länder in ihrer Märchenpracht sich zu uns bemühen?! Das Hotelstubenmädchen ließ mich in das unaufgeräumte Zimmer. Ich kniete an dem Bett des Kindes nieder, küßte das Linnen, auf dem ihr heiliger Leib geruht! Das Stubenmädchen sagte: „Wann sollen denn die Menschen schön sein als so lang sie klein sind?! Später „wachsen sie sich aus“, da wird eine wie die andere — —.“
Ich schenkte ihr zwei Kronen, denn sie war meine Mitarbeiterin geworden an dieser Skizze, die zwar noch nicht angenommen und bezahlt ist. Aber man muß etwas riskieren — — —.
LIEBESGEDICHT
Ich wußte es, sie hatte mich betrogen — — —.
Betrogen? Nein. Sie hatte nur vergessen, es mir zu sagen, es mir mitzuteilen — — —.
Denn ich hätte es ihr gestattet; wie einem Kindchen Kugler-Gerbeaud-Bonbons, von denen man nicht wissen kann, wie zart sie schmecken — — —.
Das Stubenmädchen brachte mir ihren, meinen armseligen Ring, zehn Kronen, den sie auf Zimmer 109, im Bett gefunden hatte.
Dann ging ich in die Bergwiesen, in den Wald, zu unserem heiligen Ruheplätzchen.
Hochgelbe Arnika wuchs, weißer Klee, braune Schuppenwurz, lila Orchideen, ein Liebesteppich.
Sie hatte mich betrogen. Nein.
Dort, siehe, war es ein weißes Bett gewesen wie tausend Betten — — —. Ein weißes, weißes, nichtssagendes Bett.
Hier aber war Bergwiesen-Liebesteppich, in Gottes bunter Pracht! Hier blieb sie mir treu!
DAS GRÖSSTE KOMPLIMENT
(Der Komtesse T. W. geweiht.)
Einige Herren saßen beim Frühstück auf der herrlichen Bergterrasse, sprachen über die junge Gräfin.
Der erste: „Sie ist so liebreizend, daß man krank und gesund zugleich wird bei ihrem Anblick!“
Der Zweite: „Ich habe ein Gedicht gemacht, es ist das erste in meinem Leben. Puccini will es mir in Musik setzen.“
Der Dritte: „Ich schrieb an meine geliebte alte Mutter nur über sie, acht Quartseiten — — —.“
Der Vierte: „Sie ist da, und selbst der Bergwald ist seitdem schöner, melancholischer, düster-verhängnisvoll geworden!“
Der Fünfte: „Wenn sie abends 8 Uhr, beim Konzerte, in den Speisesaal treten würde, _splitternackt_, sich hinsetzen, essen, trinken, sprechen würde, so würde der ganze Saal es für natürlich, selbstverständlich finden, als ob man längst darauf gewartet hätte! Man spürte es direkt als etwas Unschickliches, daß sie früher angekleidet gekommen war!“
LE MONDE
Die Schaukel war weitausgebaucht und braunrot.
Im Winter sah sie nach nichts aus, im Sommer wurde sie mir eine lichte Welt! Klara, Franziska schaukelten darin, vormittags, nachmittags bis zum Abend, in weißen Batistgewändern, mit blondgoldenen, wehenden Seidenhaaren.
Im Winter sah die braunrote Schaukel nach nichts aus, im Sommer wurde sie mir eine lichte Welt — —.
Dann kam der Herbst und dann der erste Schnee. Da blickte ich denn oft dankbar hinaus zur Schaukel, tief dankbar für das einst Gebotene.
EIN REGENTAG
Es regnet. 9. Juli 1912, nachmittag 5 Uhr. Ganz dichte graue Schleier ziehen über den Bergwald vor meinen Fenstern. Alles trieft, ist untergetaucht in Nebel. Die Blumen haben ihre Farbe verloren, die Blechdächer glänzen, sind von Staub gereinigt, naß-poliert. Die Schaukel, die Schaukel. Vormittags schaukelte noch die sonnigste Frau, die blondgelichtete, die _musiksprechende_, in der Sonne! Ich sah sie schweben und weinte. Mir ist nichts anderes gegeben als zu weinen. Ich kann keine Lieder komponieren zum Preise, wie Brahms, Hugo Wolf, Grieg. Ich kann nur eine Melodie — — — weinen. Klara, Klara. Es regnet. Graue Schleier ziehen über den Bergwald vor meinem Fenster. Es duftet nach nassem Wald natürlich. Alles ist wie ertränkt. Klara, Klara, du sitzest in deinem Zimmer, lernst wichtige Dinge, fürs nächste Jahr, für die Prüfung, für das Leben. Deine blonden Lockenwolken streifen das weiße Papier, auf dem du schreibst — — —. Du sagst: „An einem solchen faden Nachmittag ist’s noch am besten zu lernen — — —!“
IN 24 STUNDEN
„Ich bitte, nehmen Sie mich um Gotteswillen heute nacht in Ihr Zimmer!“
„Was interessiert Sie an meinem Zimmer?! Sie haben es doch schon oft bei Tag besichtigt?!“
„Bei Nacht muß es viel schöner sein!“
„Mein Mann wird Sie erschießen!“
„Das macht nichts!“
„Mein Mann wird mich erschießen!“
Infolgedessen sah er nie ihr Zimmer bei Nacht.
Nun werdet ihr mich fragen: „Und bei Tage?!“
Frauen sind so kindlich, das Tageslicht als _neutralisierend_ zu betrachten; die Sonne kann mit ihrem lichten Strahl die dunklen Sünden bleichen! Sie läßt sich erzählen und beichten! Und verzeiht!
Nur die Finsternis ist heimtückisch, macht zur Verbrecherin und verrät! „Kommen Sie, mein Herr, bei Tageslicht!“
HOTEL-STUBENMÄDCHEN
Ich sagte zu meinem Hotel-Stubenmädchen: „Johanna, Sie werden von Tag zu Tag unaufmerksamer gegen mich. Gestern waren sogar keine Zündhölzer vorhanden.“ Sie sagte: „Jetzt wird es schon wieder besser werden. Ich habe nämlich meine Schwester, 27 Jahre alt, verloren, man hat ihr zum Schluß das ganze linke Bein abgenommen. Sie hat gesagt: „Ich möchte auch mit _einem_ Bein leben!“ Aber es ist doch nicht gegangen.“ Sie brachte mir zehn Pakete Zündhölzchen. Sie sagte: „Wenn man nur wüßte, wofür man so schwer bestraft wird!? Die Dame auf Nr. 32 hat sicherlich mehr gesündigt als wir, und wie fein lebt sie?!“
Ich sagte: „Johanna, wenn es auf Erden richtig zuginge, brauchten wir ja nicht die Hoffnung aufs Himmelreich — — —“
Sie sagte: „Entschuldigen Sie vielmals die zahlreichen Versäumnisse der letzten Tage. Meine arme Schwester hat ausgerungen. Jetzt kann ich wieder meine Pflicht erfüllen!“
MODERNER DICHTER
In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — — Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“ Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“ Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit, die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern! Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“ Die andre hält’s für zynisch, wenn er im Gespräch sanft-zärtlich ihre Hand berührt. Die eine sagt: „Ein Romantiker _ohne_ Herz!“ Die andre sagt: „Ein Herzlicher _ohne_ Romantik!“ Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — — und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!
NATUR
Naturempfinden ist wie die _Mutterliebe_ eine ewige rastlose Emotion. Man kann nicht sagen: Hier ist es schön! Man muß erfüllt sein, krank, von allem anderen losgelöst, begeistert, gerührt, dankbar und erstaunt! Man muß sich sagen: Wie komme ich dazu, das zu erleben, zu erschauen?! Es muß ein „Nervenrausch“ sein, sonst ist es nichts, nichts! Es darf keinerlei Zweck haben für die werte Gesundheit, es muß von selbst wirken und beglücken, wie das Antlitz der jungen Mutter, die sich über die Wiege des soeben erwachten Kindchens beugt. Ein Glücksschimmer ist da über seinem Antlitz, weshalb, das weiß niemand. So muß die Natur wirken! Sie ist kein hygienisches Heilmittel, pfui, sie ist ein _Mysterium_. Nimm gewisse Vögel aus dem Wald, und sie sterben vor Gram. Gib sie zurück, und sie zwitschern Dankgebete. So ist das Naturempfinden. Eine heiße, süße, zehrende Leidenschaft der Seele! _Sport_ und _Hygiene_ sind Börsenmanöver, die die modernen Menschen mit dieser Kirche „Natur“ effektuieren!
NOCH NICHT EINMAL SPLITTER VON GEDANKEN
_Dialog_
„Sie haben erklärt, ich hätte die feinstmodellierten Nasenlöcher, die es gäbe?! Das ist nicht sehr viel — — —.“
„Nein, es ist _nur_ Edelrassigkeit!“
_Extrakt eines Königinnenlebens_:
„Die Königin fühlte sich am wohlsten, wenn sie bei einer edlen Zigarette, mit Gräfin P. A. über ihr Lieblingsthema, die Krankenpflege, _plaudern_ konnte.“
_Die Philosophie_:
Sie war die Lieblingsschülerin des berühmten alten Professors E. in Pr. Und _dennoch_ sagte sie: „Zu braunem Musselinkleide gehören eben unbedingt braune Strümpfe, braune Schuhe, brauner Schirm!“ _Dennoch?!_ Nein, _deshalb_!
_Leben des Alternden_
Immer bissiger und innerlich immer voller Tränen!
_Leben des reichen Mädchens_
„Ohne Beschäftigung könnte ich es nicht aushalten. Man muß es sich doch beweisen, daß man _auch_ ein Mensch ist!“