"Semmering 1912"

Part 7

Chapter 73,408 wordsPublic domain

Wir überhörten gleichsam diese Geräusche, und dennoch kam es wie „_allgemeine Unzulänglichkeit_“ der Lebewesen über uns, eventuell sogar fanatisch geliebter Damen. Ich liebte einst ein wunderbar schönes 13jähriges Schlossergesellentöchterchen, die mir einst sagte: „Behalten’s Ihre Briefe, es steht ja eh immer nur dasselbe drin, ich weiß schon, Sie haben wieder wegen mir die ganze Nacht geweint! Hab’ i Ihnen was angetan?! Na also, nur g’scheit sein! Kaufens mir lieber 1/2 Kilo Ringlotten, wann’s mich schon so gern haben!“ Bei einer solchen Gelegenheit ließ sie dann in der herzlichsten Weise kleine kurze fast piepsende Geräusche hören, infolge des Ringlottengenusses. Ich sagte: „No, no, was sind denn das für Liebeserklärungen?!“ Sie erwiderte: „Ah da schau’ her, wär’s Ihnen lieber, i sollt’s in mein Baucherl behalten, daß’s mich druckt?! A schöne Lieb’ is das!“

UR-SEELE

„Herr Peter“, sagte die herrliche 5jährige zu mir, „weshalb beschenken Sie Stella immer?! Stella gehört mir, ich bin eifersüchtig.“

„Auf wen?!“

„Auf überhaupt — — —.“

„Du solltest dich doch darüber freuen, wenn Stella beschenkt wird?!“ sagte ich.

„Ja, ich sollte. Aber ich freue mich eben nicht, sondern ich bin nur eifersüchtig!“

„Würdest du Stella dieselben Geschenke nicht geben, wenn du Geld hättest?!“

„Nein, Stella soll mich von selbst lieb haben. Ich habe sie auch von selbst lieb, sie braucht mir gar nichts zu schenken!“

„Aber Kind“, sagte die Großmutter, „du bist sehr herzlos und ungezogen!“

„Aber was braucht der Herr Peter meine Stella zu beschenken?! Meine Stella gehört mir, sie braucht nichts geschenkt, ich habe sie lieb!“

„Du solltest dich freuen, wenn — — —.“

„Ich sollte mich freuen, ich sollte mich freuen, aber ich kränke mich!“

Sie weint. Worüber?! Niemand weint umsonst — — —.

FRAGE

Was ist ein Dichter?!

Einer, der _schon w_einen kann,

wenn _noch_ die andern trockenen Herzens sind — — —.

Einer, der die sechsjährige Prinzessin Sonja Dungyersky

so zärtlich lieb hat wie die eigene Großmama sie lieb hat!

Einer, der abends im Gebirge den eingefangenen Oleanderschwärmer

auf das einzige Oleanderbäumchen setzt im Garten,

das ihn aus ferner Ebene hierherverlockt hat!

Einer, der die braune Nacktschnecke behutsam

vom Waldweg ins Gebüsch trägt — — —.

Einer, der Rosen schenkt und sie bezahlt mit seinem Nachtmahlgelde — — —.

Einer, der die geliebte Hand berührt und dabei Hochzeitnächte spürt von Seligkeiten!

Einer, der leidet, leidet — — —

und alle sagen: „Was fehlt ihm denn zu seinem Glücke?!“

Einer, der die Schale kauft, aus der sie Kakao getrunken hat.

Einer, der ein „innerer Bombenwerfer“ ist,

und dabei doch so sanft, so mild _verständnisvoll_ für alles!

Einer, den alle _verlachen_,

und um den sie trauern, wenn er _nicht mehr_ ist!

LETZTE UNTERREDUNG

„Peter, was ist Ihnen?! Sie schauen so verzweifelt aus, und vor allem so bleich — — —.“

Er schweigt.

„Peter, ist es wegen des jungen Architekten?!“

Er schweigt.

„Peter, Sie lieben mich seit meinem 12. Lebensjahre. Von Eltern, von Gouvernanten, vernahm ich nur: ‚Du mußt, du sollst!‘

In _Ihren_ Augen lag von jeher eine unermeßliche Zärtlichkeit. Das darf ich Ihnen nicht vergessen, Peter. Es war der Lichtblick meiner düsteren Kindheit. Und oft wenn ich dachte: Wozu bist du?! da dachte ich sogleich: Er hat mich lieb! Von Ihrem Blicke lebte ich, das sag’ ich Ihnen nun.“

Er senkt das Haupt — — —.

„Peter, ich kann erst ganz glücklich sein, bis Sie mich wieder anschaun, lichten, liebevollen Antlitzes, wie eh und je — — —.“

Da schaute er sie an, an, an, lichten, liebevollsten Antlitzes, wie eh und je, so wie sie es brauchte und verlangte — — —. Ihr, Ihr zuliebe, damit sie wieder schimmere, leuchte, in ihren schlimmen Koketterien!

DIE NIERE

Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim Nierenbraten die Niere _ihr_ überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er sie selbst gern ißt. Aber wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist überhaupt so ein sicherer Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel: „Otto, weshalb ißt du denn die Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noch dazu am liebsten, deshalb lasse ich sie mir für zuletzt!“ — „Ach so,“ erwidert Hermine enttäuscht. Oder: „Max, du ißt ja die Niere doch nicht!“, und hat sie schon in ihr Mündchen gesteckt, während Max nichts im Halse stecken bleibt als das Wörtchen: „O doch!“ Oder: „A schöne Lieb’, frißt die Niere selber auf, da schau’ der an da!“ Diejenigen Herren jedoch, die „das Opfer der Niere“ bringen, tun es auch meist ziemlich _geschmacklos_, indem sie innerlich sich anstellen, als hätten sie jetzt Anspruch auf Dankbarkeit und Treue ihr ganzes Leben lang! Nein, dem ist _nicht_ so. Die Damen nehmen gern die Leckerbissen an, die man ihnen spendet, aber sie haben die richtige Idee, daß solche Selbstlosigkeiten sich durch das Gefühl eines höheren Wertes, das man von sich selbst bekommt, reichlich belohnen! Wozu also die Sache überzahlen?!

KRANKHEIT

Wenn man körperlich sehr, sehr leidend ist, so zerquetscht,

dann wird man erst wie der „_Normalmensch_“!

Man wird reduziert auf das „_allgemeine Maß_“!

Da sieht man erst, wie schrecklich dieses ist! Pfui Teufel!

Man könnte keiner ideal schönen Frau mehr, selbstlos exaltiert, zu Füßen sinken — — —.

Man erwünscht sich eine „Gefährtin“, „Pflegerin“, „Teilnehmerin“.

Für „_Seelen-Luxus_“ ist keine Kraft vorhanden — — —.

Die Wiesen sind schneefrei und sogenannte „Palmkatzerln“, wie graue Seidenflocken, blühen an den noch blätterlosen Weidenbäumen.

Das alles übt keinen Reiz mehr aus.

Man sagt: „No, schon wieder ein Frühling; die 30 Lichtbäder im Sanatorium haben mir einen Schmarrn geholfen.“

Jetzt kommt der Frühling daher, und er geniert mich direkt — — —.

Früher hab ich ihn angedichtet, mit der Kraft meiner unendlichen Seele — — —;

jetzt kann ich nicht einmal mehr „heurige Radieschen“ vertragen.

Was geht mich da der Frühling an?!?

GÜTE

Jeder Mensch, der irgend etwas begeht, und weiß es selbst nicht, daß er es falsch getan hat — — — siehe, an ihm geht es _dennoch_ schlimm aus! Er kann sich nicht entschuldigen mit seinem „_guten Willen_“, denn Gott berücksichtigt diesen _nicht_, sondern nur die „_edle Weisheit_“ einer jeglichen Betätigung! Der sogenannte „gute Wille“ ist eine schmachvolle _feige_ Entschuldigung, die in dem „Buche Gottes“ in das Minus-Konto eingetragen wird!

„_Ich habe es gut gemeint_“, ist ein Zeugnis für „Selbstverurteilung“. _Meine es schlecht_, mein Lieber, aber _denke_ das _Richtige_!

„_Güte_ ist Stupidität; es gibt nur eine einzige wahrhaftige Güte: _Weisheit_! Rate mir nicht, helfe mir nicht aus _Güte_; da kann ich leicht _dein Opfer_ werden. Rate, hilf mir aus eiskalter kristallklarer, unerbittlicher, adeliger _Weisheit_!

Alle Menschen, die angeblich „zusammengehören“, machen es sich gegenseitig leicht, indem sie „gut“ sind. „Weise sein“, in bezug auf einen geliebten Menschen, das fällt ihnen zu schwer, das können, ja, das _wollen sie nicht_. Da könnten sie „in Konflikte kommen“, „mißverstanden“ werden; aber die dumme alberne leichtfaßliche Güte, die versteht ein jeder, erkennt sogar ein jeder Gleichgültige an. _Güte_ ist ein feiges _Seelenmanöver_, um _Idioten zu bluffen_! Die Idylle des Familienlebens, das Ehelebens, des Lebens zwischen Geliebten, besteht zu 70 Prozent daraus.

„_Bin ich nicht gut zu dir, du Undankbarer?!?_“ ist die Phrase der „geschickten Kühe“, die damit die „ungeschickten Ochsen“ an sich fesseln! Mögen es auch noch so sehr in anderer Beziehung „Stiere“ sein — — —.

ANNONCE

Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern beginnt: „_Bei Behandlung von Herzkrankheiten_ — — — — —“, und dann folgt die Anpreisung des berühmten „_Franz Josef-Bitterwasser_“, vor dem Frühstück (1/8 Liter) in _kleinen Schlucken_, _ganz langsam_, _absatzweise_, zu trinken! Nun meinen natürlich alle Leser, daß diese zu Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte nur dazu dienen, den Leser „einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — — nämlich zu seinem eigenen Heile! Denn die _vitale Nervenkraft des Herzens_ hängt von der minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate angedeihen läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch! Man nehme nur diese täglichen Annoncen:

Menthol-Franzbranntwein, Salz-Cakes, Sanatogen, Biocithin, Vegetabilische Nährsalze, Eau de Cologne 4711, Chocolat Suchard, Califig, Pears soap.

Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen sagen: „Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit du, Ochs, Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens mit lauter Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der _nicht_ annonciert, kann mir nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts!

PLAUDEREI

Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte. Und wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte unbedingt eine Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine Mission! Das hält einen in Zusammenhang mit allen Menschen, die man nicht kennt. Den Bekannten gegenüber hat man ja keine Mission. Für die ist man ein Narr oder ein Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese Ehre tun wir ihm ja doch nicht an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich könnte meine Sachen widerrufen, aber Tausende würden sie als Wahrheiten in sich aufnehmen. Ich könnte es verkünden: „Nein, die Frauenseele ist doch nicht so, _wie ich sie sehe_!“ Aber Tausende würden jammern: „O, bitte, wir sind _doch_ so!“ Mein Talent war klein, aber mein Fühlen war groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl, nämlich für allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten Nestchen, beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und Begeisterung. „Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn so und so habe ich einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was haben S’ davon?!“ — „Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die schöne Gärten lieben, und es gibt solche, die _ihre_ schönen Gärten lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und was haben s’ davon?! Nichts!

RICHTIG

Ich verkehrte mit einer sehr intelligenten, gebildeten Dame, die viel mit Aristokraten beisammen war. Da sagte mir eine andere Dame, mit der die Aristokraten _nicht_ verkehrten: „Peter, wenn Sie nicht der _Peter_ wären, würde die Dame auch _Sie_ nicht so oft in ihrer wunderbaren Equipage abholen!“ Ich erzählte das meiner Freundin. Sie erwiderte: „Sicherlich; weshalb sollte ich nicht lieber mit einem feinfühligen Dichter als mit einem Kommis beisammen sein wollen? Der Kommis kann gewiß ebenso intelligent und wertvoll sein, aber ich lerne ihn nur kennen als den, der mir Seide anpreist. Den Dichter kenne ich im voraus aus seinen Werken. Beide könnten mich im Nahverkehre _gleichmäßig_ enttäuschen. Aber von dem einen habe ich dann wenigstens seine _Werte_ noch in meinem Bücherschranke und kann bei der Lektüre vergessen, daß er ein gemeiner Kerl ist!“

REMINISZENZEN

Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser wie fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an. Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus Glas. Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte Hölzchen (eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben Docht und zündete jene an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft brannte er nicht. Endlich brannte er. Da stülpte das Stubenmädchen vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel. Nun wurde noch ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name „Ditmar“ und zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben matten Schein. Da saß man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze: „Charakter des Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“

„Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite — — —“

„Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags ganz gerade abgeschnitten.“

Charakter des Wallenstein: „Auf der Höhe seiner Macht angelangt, überfiel ihn wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch Höherem, Unerreichbarem — — —“

Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links rauchte sie ein wenig und schwärzte sogar den Glaszylinder an.

WERTE

Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“, besessene „Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie nicht um ein Stückchen _vorwärtsgekommen_, das heißt, _von irgendeinem Leid befreit_ worden ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch übersieht man, hält sie für nichts und ist vor allem nicht dankbar. Als mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden war, gaben ihn sämtliche Professoren infolge von unheilbaren Alterserscheinungen für verloren, und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist, weinte sich die Augen aus. Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar Indien Grillon“, mit der Aufforderung, _jeden Morgen_ vor dem Frühstück _unbedingt_ eine Pastille zu nehmen.

Seitdem ist er ein _Jüngling_ geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine einzige Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit, rosige Laune, Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht, daß er alt ist. Sein einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und abends, aus ökonomischen Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie Rebhühner, Rehrücken kalt, kalte Poularden, Straßburger Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er liest von morgens bis abends französische Romane (deutsche versteht er nicht, sie sind ihm zu „vertrackt“), ohne Augenglas, geht _nie_ aus seinem Zimmer, und bedarf _absolut keiner Bewegung_. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle und Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme noch immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine Dichtungen; die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch vielleicht Mediziner werden sollen!“

SCHLAFMITTEL

Paraldehyd, _Dir_ gilt mein Lied! Der Tag ist lang, mir ist so bang vor’m _nächsten_! Paraldehyd, _Dir_ gilt mein Lied! Ich glaubte stets, mein letztes Lied sollt’ einem Frauennamen gelten — — — versunken sind nun diese Welten! Mit _Medinal_ hätt’ ich die Wahl — — — indessen Paraldehyd bringt _tieferes_ Glück — — — ein längeres _Vergessen_!

FAHRT

Ich bin nicht gereist, ich weiß bis heute es nicht, wie ein Schlafwagen ausschaut, verstehe nichts davon, daß man nachts in seinem Bett, auf einem Kopfpolster, unter einer Decke und mit anderen nützlichen und bequemen Utensilien, durch die Welt getragen wird und morgens, ganz ausgeruht, irgendwo sich befindet, wo man, mit Respekt zu melden, noch niemals auch nur annähernd gewesen ist. Nun brachte man mich an einem frischen Julimorgen, per Automobil, 70 Kilometer die Stunde, nach _Wiener-Neustadt_. Alle Wiesen begossen uns fortwährend mit ihren Parfüms. Wind und Duft, das allein spürte man. Lioschka sagte nur einmal: „Wenn etwas geschieht, gehen die Splitter der Autobrille vorerst in die Augen und zerreißen sie!“ Dann nahm sie langsam die Autobrille ab. Dann sagte sie: „Ihre geliebten weißen Kartoffelblütenfelder! Früher habe ich mich nicht getraut, sie schön zu finden! Es hätte sich auch nicht für mich geschickt!“ Dann sagte sie: „Haben Sie auch den roten Mohn in den Wiesen gern, obzwar es ein Unkraut ist und schädlich für die armen Kühe?!“

Ich berührte leise ihre Hand in den hellbraunen Rehlederhandschuhen. In Wiener-Neustadt setzte man mich ab. Gerade fiel einer von einem Gerüste, brach sich das Genick. Ich kaufte mir Bergblumenansichtskarten und fünffarbige Hülsen für Bleistifte. Ich ließ mir ein Zimmer aufsperren im Hotel neben dem Bahnhof, um zu schlafen. Alle Bediensteten waren wie besorgte Kindermädchen, obzwar ich nicht nach „reichlichem Trinkgeld“ aussah. Aber der Schein trügt. Das ist vielleicht die letzte Philosophie dieser dienenden Menschen.

Er ist vielleicht doch ein reicher Narr! Das letztere stimmte. Man brachte mir alles, das heißt zehn Flaschen Pilsner Bier. Das _ist_ doch alles! Ja und einen Roßhaarpolster. Wenn ich nur wüßte, weshalb man noch nicht auf polierten Granitsteinen schläft?! Diese Eiderdaunen aus zusammengedrückter Watte sind doch nur für die „Prinzessinnen in den Kindermärchen“! Wir Erwachsenen wollen hart schlafen, wie die Kaiser in ihren einfachen Feldbetten im Kriege. Amen.

Ich erwachte und fuhr sogleich auf den Semmering zurück. Aus dem Dunst ins Gebirge. In _Pottschach_ stieg eine ein, in einem braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Die hatte ein Gesicht wie eine 14jährige Eleonora Duse. Aber in Payerbach stieg sie wieder aus. Sie sah meinen Blick nicht voll Trauer und Verzweiflung. Besser für sie und mich. Vielleicht hätte sie gedacht: „Alter Hund!“ Die Lokomotive „pustete“, wie man zu sagen pflegt, in die Bergweltkurven hinauf. Man glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird. Aber das ist ein laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der „unglücklichen Liebe“. Unser Herz ist dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind „unvorhergesehene Fälle“, die auch der genialste Maschinentechniker nicht vorausberechnen kann. Die Luft wurde immer frischer, und ich gedachte des genialen Erbauers dieser Bahn, Ritter von Ghega, der sie in die Felsen mit Gewalt hineinbohrte, damit der Naturfreund alles genieße, Abgründe, Urwälder, Ausblicke, kurz die Dekoration der Bergeswelten! Auf dem Semmering dachte ich: „In Pottschach ist eine eingestiegen, in einem braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Weshalb hat sie meinen Blick nicht gesehen von namenloser Begeisterung?! Vielleicht hätte er sie geschützt vor dem Herrn so und so, dem sie jetzt unbefangen die Hand reichen wird zum „ewigen Bunde“?! Unsere Blicke sind nicht da, um zu „zünden“, sondern um zu „schützen“, vor Blicken, die „seelisch stargrau“ sind! Wir sind nicht da, um zu „erobern“, sondern um zu „schützen“! Ein jeder hat _seine_ Aufgabe im Leben! Er erfülle sie!

LIED

Die 15jährige Anna war sein Ideal. Strohgelbe leuchtende Weizenwogen ihre Haare!

Franziska hieß die jüngere Schwester.

Annas Lachen war wie tausend jubilierende Herzen — — —.

Franziska hieß die jüngere Schwester.

Immer war Anna vorhanden, in seiner Seele, _noch_ mehr, wenn sie _abwesend_ war — — —.

Franziska hieß die jüngere Schwester.

Anna bekam den „Scharlach“. Er wurde _bleich_.

Franziska bekam auch den Scharlach.

Anna genas — — —.

Doch er blieb bleich.

ABSCHIED

Nun bist du fort — — —.

Nun _wirst_, nun _kannst_ du mich nicht mehr _quälen_.

Ich sehe deinen Blick nicht mehr, der ins Leere starrt,

das heißt, auf _alle_ Männer, die _sich gerade finden_!

Ich sehe nicht mehr, daß du frech „schachern“ willst,

mit dem immerhin geringen Kapitale, das dir mitgegeben!

Und daß du „Wucherzinsen“ begehrst für einen annehmbaren Leib!

Ich bin _erlöst_, weil ich dich nicht mehr _sehe_.

Was du _mir_ bist, kannst du _niemandem_ sein!

Das aber kannst du erst verstehen,

bis du _allen_, _allen nichts mehr_ sein wirst!

’s ist eine Frage nur der Zeit, der Monate, der Stunden — — —.

Und ich kann warten.

Ich habe die _Tränenkraft_, zu warten.

Und wenn du _weinend_ zu mir flüchten wirst,

werde ich, trocknen Auges, deine zerstörte Seele schützen, schirmen!

Denn irgend etwas bleibt stets unzerstört — — —.

GESPRÄCH MIT EINER BARONIN, EXZELLENZ-FRAU, ÜBER IHREN HERRLICHEN ZWÖLFJÄHRIGEN SOHN

„Je crains déjà maintenant nuit et jour les femmes qui viendront _plus tard_ — — —!“

„Eh, madame, craignez donc les hommes qui viendront _plutôt_!“

ENTZWEIT

Oft sagte ich ihr, was mir an ihr nicht recht war — — —

ganz verzweifelt starrte sie mich mit bösem Blicke an.

Ein Abgrund öffnete sich, meine Liebe und ihre Freundschaft aufzunehmen.

Dunkel ward’s und kalt.

Hilflos ist die Frau in solchen Augenblicken, glaubt stets sich etwas zu vergeben, falls sie milde wird, ergeben,

fällt der bangen Stunde hilflos stumm anheim.

Ich sagte: „Hörst du die Holzfäller, den Schwarzspecht, riechst du der feuchten Wurzelstämme braunen Moder, siehst du die Bläue des letzten Enzians, fühlst du meinen Schmerz?“

Sie sagte: „Mit solchen Reden wollen Sie mich versöhnen?!“

„Mit solchen Reden nicht, doch überhaupt. Und irgendetwas muß gesprochen werden, sei’s dies, sei’s jenes. Vielleicht findet sich ein Wort — — —. Es _muß_ ein Wort einfach _gefunden_ werden, das sich wie eine Notbrücke von meiner Seele zu der deinen spannt!“

Und sie: „Siehst du, du bereust — — —.“

„Ja, ich _bereue, daß meine Liebe_ größer als meine Sehnsucht, dich zu _bessern_, ist!“

GESPRÄCH MIT DER SECHSJÄHRIGEN SONJA DUNGYERSKY

„Das ist ein Pastellstift zum Malen. Oh, ich weiß alles, sehen Sie!?“

„Alles, alles weißt du, angebetetes Kindchen, aber wie sehr ich dich lieb habe, das, das weißt du doch nicht — — —!“

„Und gerade das weiß ich. Sie haben mich sogar lieber als meine Großmama mich lieb hat — — —.“

GLEICH BEIM HOTEL

Gleich beim Hotel, links von der weißen Straße

ist eine abschüssige Wiese, die niemand betritt.

Im Urzustande ist das vielfarbige Fleckchen.

Auf roten Disteln wiegte sich der Distelfink,

und graue Brennesseln bargen gelbe Schnecken.

Es war ein Gewirr von braun und grau und weiß,

mannshoch und dicht. Im Mondlicht lag es düster.

Hier erschaute ich der holden Jahreszeiten holden Wechsel.

Oberhalb wurde gebaut mit hunderttausend weißen Betonwürfeln,

und unten war das Bahngeleise nach Triest.

Hier aber, auf dem abschüssigen unzugänglichen Wiesenfleckchen, gab ein Monat dem anderen die Tür.

Ein jeder kam in _seinem_ Prachtgewande.

Und jeden grüßte ich dankbaren Blicks.

Es war mein Kalender. Ich erkannte jeden Monat, jede Woche, ja jeden Tag an den Veränderungen.

Als alles blühen _wollte_, sah ich es voraus;

ich sah voraus, als alles sterben _mußte_!

Wer wird dich nun betrachten, da ich fort bin?!

Es _ist_, und ist dennoch _nicht mehr_ — — —.

L’âme, c’est la nature, devenue _consciente_ de soi-même!

Et puis: La nature _n’existe_ que lorsqu’on l’aime!

GESPRÄCH MIT EINER WUNDERSCHÖNEN DAME VON 30 JAHREN

„Nach kaum 14 Tagen wollen Sie schon wieder vom heiligen Semmering abreisen, Sie mit Ihren empfindlichen Nerven?“

„Ja, ich spüre es, daß der Semmering mir nicht hilft — — —.“

„Ein berühmter Homöopath hat gesagt: „O, Mensch, die Heilprozesse deiner Krankheit dauern _immer gerade so lange_, als du Zeit gebraucht hast, sie _durch deine Sünden zu akquirieren_ — — —!“

„Mein lieber Herr Altenberg, 16 Jahre lang kann ich nicht auf dem Semmering bleiben!“

PLAUDEREI

Ausspruch eines fünfjährigen Mäderls:

„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht mehr, ob man noch auf der Welt ist!“