Part 6
Alle sagten zu ihm sehr bald „Herr Peter“ oder „Peter“. Aber sie sagte nach langer Bekanntschaft „Herr Altenberg“. Er schrieb ihr das. Sie sagte weiter wie bisher: „Herr Altenberg“, obzwar er eine zärtliche Freundschaft für sie hatte. Eines Tages fuhren sie im Wagen durch seine geliebte Berggegend. Da erzählte sie von der Krankheit ihres Kindchens, erzählte, weinte, erzählte, weinte, verstummte. Er sagte: „Ich liebe hier jeden Strauch, ich kenne jeden Acker, jeden Wiesenzaun — — —.“ Beim Abschied sagte sie: „Adieu, Peter — — —.“
WAGENPARTIE
Herr Dr. P. sagte vormittags zu mir: „Darf ich Sie für den Nachmittag zu einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ‚Mürzzuschlag‘?!“
„Bitte sehr,“ erwiderte ich.
Nachmittags sagte der Hotelportier: „Soll ich Ihren Jagdhund in den Wagen bringen, Herr Doktor?!?“
„Selbstverständlich, wegen dem Hund mach’ ich ja überhaupt nur den Ausflug — — —.“
Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug „wegen dem anderen Hund“. Im Wagen sagte ich: „Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein,“ worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: „Was tun Sie meinem armen Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!“ Ich erwiderte, daß er zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf herrlich schillernde Fasanhähne. „Willy,“ sagte der Herr zu seiner Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, „Willy, da schau hin, Fasane!“ Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht „grasen“, sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. „Dieser Willy ist ein so feuriger Jagdhund,“ sagte sein Herr entschuldigend, „daß ihn alles ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!“ Ich dachte: „Er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen — —.“
Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: „Hier sollte ein _Landerziehungsheim_ erstehen für die _moderne reifere Jugend_, Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit einem Graben lehrt uns das so wichtige „Drainage-System“ spielend leicht kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de chambre.“
Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne, falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher, der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht einlassen wollte, ob er „den Rosserln“ eine Jause verabreichen dürfe. Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im „Café Semmering“ als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der Landschaft einen „eigenen, neuartigen, undefinierbaren“ Reiz verlieh, den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß.
Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir sprachen nun über das Wesen der „Frauenseele“, und ich behauptete, daß mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er nannte mich infolgedessen „exzentrisch“, während ich es mehr auf „Lebenskunst“ zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen Berghotel sagte ich: „Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie und Ihren echten englischen Pointer — — —.“
„Nein!“ erwiderte er kurz und bündig.
ABSCHIEDSBRIEF DES ENGLISCHEN OFFIZIERS PAUL AUS LONDON:
„Ich kann es mir nicht vorstellen, daß Du, geliebteste Frau, irgendwo anders glücklich werden könntest als in England und bei englischen Freunden. Allein _Dein_ Wunsch ist für mich over all! Du bist eine _Engländerin_. Deine Seele, Dein Denken, ja _Dein Glück_ ist _englischer Natur_. Du begibst Dich in eine _strange world_. Man wird Dich gut behandeln, and but you will bekome ill and newer knowing from what. Wenn Du also einmal eine Stütze brauchst — — — nun, du weißt ja übrigens alles.
Paul.“
WIE IST ES?!
Wie ist es?! Soll man ein besonderes schönes Mädel, in strenger, grauer Härte halten!? „Immer zu früh noch wird man sie verwöhnen“, fühlen die Eltern. Siehe, eines Tages strömt plötzlich das Licht herein der Bewunderung, das ihre ungewohnten Augen blendet, schädigt! Wäre sie gewohnt, seit ihrem zehnten Lebensjahr, an dieses Licht des Lebens, ertrüge sie nun das gesteigerte blendende, in edler Fassung und dankbar gerührt! So aber?!
VOM RENDEZVOUS
Sie ging den steilen Wiesenpfad hinab, zum Rendezvous.
Ich sah braune Stauden ihre Röcke streifen. Ich sah ihr nach.
Bald kam Himbeergebüsch, das sie begrub.
Um 1/4-1 sollte ich sie erwarten.
Sie kam zurück, von Küssen ganz bedeckt.
Wie wenn die rechte Hand geheiligt wäre,
reichte sie mir die linke,
die ich an die Lippen hielt,
solang bis Wehmut kam und übertropfte — — —.
EXAMEN
Ich unterwarf sie einer strengen Prüfung: Die Hände?! Vollkommen Die Augen?! „ Die Stirne?! „ Die Schultern?! „ Die Füße?! „ Die Zehen?! „ Die Stimme?! „ Die Bewegung?! „ Der Teint?! „ Die Seele?! „ Die Intelligenz?! „ Die Brüste?! Nicht vorhanden. Endresultat: Vollkommen!
LES LARMES
Also, nach vielen Jahren, habe ich wieder geweint.
Freilich war es bei dem Liede von Johannes Brahms: „Sapphische Ode“.
Aber ich hätte nicht geweint, wenn ich sie nicht kennen gelernt hätte — — —.
Ich wäre entzückt gewesen, gerührt, ergriffen.
Aber geweint hätte ich nicht — — —.
Also weinte ich dennoch _ihretwegen_!
TESTAMENT
Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden, bezaubernden Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war, hatte er bestimmt, daß von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines Verstorbenen“ zu kaufen seien, _außergewöhnliche_ Dinge, z. B. eine besondere Bergkristalldruse, oder ein besonderes holzgeschnitztes Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte gemacht hatte im intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines modernen Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der Bruder an jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben eine exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe! Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb die Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir nur das Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine von gelbem Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte: „Ich bin der Vermittler eines _letzten Willens_. Sie hat mir meine Aufgabe _erleichtert_, indem sie sie erschwert hat! Nur _Opfer belohnen_ sich! Ich hatte schon eine herrliche Bergkristalldruse aus den Tauern erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes, gefrorenes Bergwasser. Aber das ist nun also für den nächsten 9. April!“
Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“
„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es _weggegeben_ habe!“
ACONITUM NAPELLUS
In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich _Aconitum Napellus_. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege von Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von Kortina auf den Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte gesehen, oft in Mengen wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein Auge auf diesen Blüten, als ahnte ich, daß ich sie bald in meinem Zimmerchen als winzige durchscheinende Kügelchen, als letzte Hoffnung sterbender Nerven schlucken würde! Damals erlebte ich sie als Zeichen der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre. Wie romantisch kam mir die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber schlucke ich zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg ist und der Nachtsturm braust — — —.
MANÖVERS
Die Herren „_Verehrer_“, die wie Toreros aussehen oder wie kühne Cowboys oder wie französische Ritter aus dem 18. Jahrhundert, sei es von des Buges ihrer Nase Gnaden oder von Schneiders; die treten selbstsicher-nonchalant auf, sitzen oft mit dem Rücken gegen die Dame und sagen sogar, daß dieser oder jener Spaziergang ihnen _nicht_ konveniere und sie es daher _vorzögen_, sich _nicht_ anzuschließen und lieber in Ruhe ein gutes Buch zu lesen! Wenn man eine schöne Nase hat, kann man das allerdings wagen. Aber die Mißgewachsenen müssen eine andere Taktik einschlagen. Pakete tragen, Schirme aufheben und zu allem „Amen“ sagen, ist ihre kleine, süße Aufgabe. Auch damit kann man nette Erfolge einheimsen, und Opfer sind für „Opferfähige“ nicht allzu groß. Im ganzen genommen sind die armen Damen von einer wohlberechneten „Routine“ umgarnt, wie die italienischen Singvögel von den feinmaschigen Netzen. Selten schlüpft eines der herzigen Vögelchen durch, durch die engen Maschen, die ihrer Eitelkeit gelegt sind. In dieser Gesellschaft von Eroberern sticht besonders hervor der immerhin seltenere „_Salonplattenbruder_“, der „seelische“ Messerstecher. Er sticht gleich in die _Ehre_, in den _Ruf_, in das _Glück_ hinein, macht sich nichts aus drei Monaten Kerker, wollte sagen, aus Frauenverachtung. Diese „Verachtung“ sind seine „Geschäftsspesen“. Dafür hat er sie „gehabt“! Einer drang um 1 Uhr nachts in das Zimmer ein: „Ich sage in jedem Falle morgen, Fräulein, daß Sie mich bestellt haben! Also ist es schon ganz egal für Sie!“
Das leuchtete ihr ein — — —.
GIFT
Es gibt ein Gift, das ewig wirkt,
ja sich vertausendfacht in seiner Wirkung
durch unablässiges Erinnern.
Das sind die deplaziert liebenswürdigen Worte der Geliebten zu fremden Männern.
Es ist ja richtig, sie hat sich nichts Besonderes dabei gedacht.
Doch weshalb hat sie nicht an das Besondere gedacht, uns tief zu quälen?!
Ihre gekränkte Miene bei unserm Vorwurf
kann uns nicht eines Besseren belehren,
so daß wir tief zerknirscht von hinnen schleichen.
Ein jeder Apotheker _ist verpflichtet_, das Gift zu kennen, das er uns reicht!
Und so die Frau.
_Will_ sie uns vergiften?!
Vielleicht, für Augenblicke, um uns dann, in ihrer Gnade, Gegenmittel zu verabreichen!
Erinnern ist ein Gift, das ewig wirkt,
und sich vertausendfacht in seiner Wirkung,
durch unablässige Erinnerung!
LUFTVERÄNDERUNG
Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie von einer _monatelangen_ Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton von zärtlicher Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen. „Findest du unser Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch nicht so ganz zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ — „Kinder, laßt euch in euren Gewohnheiten (von _acht_ Tagen) ja nicht stören, ich werde mich allem akkommodieren (alter Jesuit!).“
„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er kommt!“ — „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In besserer Luft kann man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird netter, rücksichtsvoller behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja — — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots, Jacken, Schals, als ob alle plötzlich tuberkulös geworden wären. „Annie häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon so nett, sogar ohne Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ — „Schlaft ihr hier nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine Familienmitglieder schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht gut zu tun, dem Erhalter und Ernährer.
Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber vor allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“ Nämlich auf den zweihundert Kronen.
EIN NACHTRAG
Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine _fortdauernde_ Sache sein könne, sondern eine durch _Haß_-, _Verachtungs_- und vor allem _Gleichgültigkeits_-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren Sinne sein müsse! _Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben_! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine _anständige Stetigkeit und Verläßlichkeit_ der _Gefühlswelt_, ja sogar der Sinnenwelt, was eine _noch entsetzlichere Stupidität_ ist! Die „Mehrheit“ will uns eben _blöde machen_! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen _wir Flöhe_ uns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch _verwunden_, _ohne_ Genies zu sein! Wir haben den _gesunden_ _Menschenverstand_! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr _Glücklichen_, ihr wart niemals auch nur eine _Stunde lang_ wirklich glücklich! _Geschäfte_ habt ihr gemacht und _Bilanzen_ berechnet! Ihr „_Aktiven_“ seid ewig „_passiv_“ gewesen!
BUCHBESPRECHUNG
Ich habe mir das Buch schenken lassen vom Verlag J. J. Weber, Leipzig: „_Rosen und Sommerblumen_“. Ich lese es, ich betrachte die 160 Photographien, wie ein Werk von Maeterlinck! Jede Rose erblüht mir, als wandelte ich in einem Märchengarten. Alles wird Wirklichkeit. Ich sehe die Kletterrosen über alle Mauern, Wände, Gitter sich hinaufschwingen, blühend rosigweiße Pracht verbreitend über kahle, harte, notwendige Dinge! Ich sehe das Kletterröschen: „Maidens blush, Mädchens Erröten“, ich sehe die Immergrünrose: „Félicité et perpétuité“. Ich sehe „soleil d’or“, goldgelb mit rosigen Rändern. Ich sehe „Memorialrose“, für Grabdenkmäler, „Minnehaha“, die mich an Wedekinds herrliches Buch erinnert, das von der Nackterziehung erlesener Geschöpfe handelt, ich sehe die Rose „Katharina Zeimet“, mit _Wildrosencharakter_, wie manche scheinbar zarte Frauen, die Rose „Konrad Ferdinand Meyer“, die „Beauty of the Prairies“, die weiße Rose „Frau Karl Druschki“, die Bourbonrose „Souvenir de la Malmaison“ (in der Todesstunde getauft der Kaiserin Josefine). Ich sehe Rankrosen in düsterem Hohlweg glühen; Crimson Ramblerrose in riesigen rostrot lasierten ausgebauchten Töpfen, Japan vorzaubernd und seine Gärten; _vergeblich_ suche ich eine Rose „Kronprinzessin Cecilie“! Rosenzüchter, _dichtet mir_ in der ganzen weiten Welt eine Rose, die dieser _Herrlichsten_ wert wäre! „Kronprinzessin Cecilie“, du müßtest einen Platz erhalten im Garten, daß man schon von weitem deine deutsche und dennoch _internationale_ Pracht verspürte!
AN —
Ich liebe dich — — —. ’s ist keine Frage mehr. Solange ich dich sah und sah und sah, und sah, _wußt_’ ich es nicht, _konnt_’ ich es nicht wissen! Nun, da ich dich den ganzen Vormittag nicht sah, zum _ersten Male_, und ich auch nicht weiß, ob ich des Abends dich _wiedersehen_ werde, _nun_ ist die Bangigkeit in mir! Mit wem bist du?! Wer nützt die Pause aus?! Kommst du vielleicht jetzt eben zur Besinnung, daß es noch heißere Leidenschaften gibt als die meiner Bewunderungsblicke?! Oh, wärst du hier, ich sänke dir zu Füßen, du würdest spüren, was ich bisher nicht wußte, und was doch war, vom ersten Tage an — — —! Und was du vielleicht wußtest, eh’ es war! Was liegt dir dran, vielleicht freut es dich doch!
NEKROLOG (FRITZ STRAUSS)
Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern sollen, und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich wünsche ihnen — — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir verhältnismäßig ganz Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar nicht ein, weshalb gerade ein 24jähriger Millionärssohn weggerafft werden soll, der genug Kultur hatte, Geld in _wirkliche_ Werte, ohne Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor, obzwar er wußte, daß es mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten Operation. Er war ein „_Gentleman-Musical-Clown_“, so benannte ich ihn sogleich. Jeden Abend nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch „nicht nötig“ hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“ mit ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und Violine. Sie ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen Damen vergaßen ihrer Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar keine hatten; die kranken Herren vergaßen, den kranken Damen den Hof zu machen. Das Lachen war da, das Lachen, in diesen heiligen, ernsten Gesundheitsräumen, und die Langeweile der _Liegekuren_, dieser neuen Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu konzentrieren, war vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als „Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und er sagte es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24 Jahre alt, unabhängig, mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig, bescheiden. Der hätte _bleiben_ dürfen! Nur der!
ERSTER SCHNEE
12. September 1912. Es regnete und es schneite zugleich. Der Sonnwendstein war bedeckt mit Schnee. Das war ein Lokalereignis. Jedermann besprach es eifrig. Die herrliche 14jährige, wie eine Venetianerin aus dem 18. Jahrhundert, stellte sich an die Fensterscheibe und sah hinaus. Alles andere ward sogleich dagegen lächerlich und gleichgültig. Für sie war Schnee gefallen auf dem Sonnwendstein, denn sie interessierte sich dafür. Ich hätte ihr zwei Meter hohen Schnee gewünscht, ganze weiße Hügel und Abgründe, damit sie sich besser amüsiere bei dem Anblick! Sie sah hinaus, und ich beneidete die Fensterscheibe um den Hauch ihres unbeschreiblich schön modellierten Mundes. Überall zogen Nebelfetzen dahin, dorthin, zerfetzten, verwischten die Landschaft, ertränkten sie in Grau. Das junge Mädchen begann sich zu langweilen. Es wird ein öder Tag werden in diesem Berg-Hotel. Mir erschien er licht und wertvoll! Sie setzte sich hin, um mit einem Kinde ein Spiel mit gelben, grünen, lila Würfelchen zu spielen. Sie ließ das Kind absichtlich gewinnen. Das Kind sagte: „Mit dir spiele ich nicht mehr, du spielst zu schlecht, immer verlierst du, du Ungeschickte!“
DER MALER
Die kleine 6jährige Tatarenkönigin Sonja D. sagte zu dem Dichter, der sie anbetete: „Mein Bruder Bogdan und ich, wir schlafen immer mit einem geöffneten Jagdmesser, einem Kindergewehre für Schrot und einer Pistole mit echten Kapseln, unter dem Kopfpolster! Aber die Banditen wollen nicht kommen, sich abschlachten zu lassen! Die Feiglinge!“ Der Dichter nahm das vergötterte Königinchen in seine zärtlichen Arme — — —.
Der Maler kam. Da sagten die Damen:
„Was finden Sie denn so Besonderes an dieser 6jährigen Sonja Dungyersky, die Sie jetzt malen für 500 Kronen? Sie ist doch viel unliebenswürdiger, eigenwilliger, unsanfter als die meisten anderen reizenden Kindchen hier?“
Der Maler: „Ich male sie von heute an _umsonst_, verstehen Sie mich, _umsonst_! Für mich und für _die Welt_! Also ausnahmsweise diesmal _nicht_ umsonst! Ich werde sie malen auf einem niedrigen, schmiedeeisernen, schweren Throne, mit ihren braunen Gazellenbeinen und ihren braungoldenen Locken! Umgeben von gebleichten Tatarenschädeln! Einer muß an einer goldenen Kette herabbaumeln und in einer Ecke muß ein Jüngling den grünen Giftbecher trinken und sie anblicken. Das Ganze heißt: ‚Kleine winzige Tatarenkönigin, Wildkatze, Besiegerin!‘ Wie aus einer entschwundenen Zeit von Kraft, Trotz, Schönheit, Unbesiegbarkeit stammt sie, und dennoch könnte man über ihre Anmut, über ihre Stimme, ja über ihre zarten Handbewegungen allein schon tagelang weinen und sich momentan hinopfern!“
So sprach der Maler; und die Mütter der wohlerzogenen, folgsamen Kinder erbleichten und schlichen fast krank von dannen!
Am nächsten Tage schrieben sie: „Wollen Sie unser Kindchen für 2000 Kronen malen?“
Und er schrieb zurück: „Nein!“
Aber am dritten Tage schrieb er zurück: „Ja!“
Und er malte die Kindchen und alle Tanten und Kusinen, und die Großeltern waren entzückt!: „Ja, ja, so ist unser Schätzchen, unser liebes, goldiges Geschöpfchen! Die Sanftmut schaut ihr aus den Augen heraus — — —!“
Ja, es waren _sanfte Kälber von dummen Kühen_, richtig porträtiert! Und ein jedes Kälbchen kostete 2000 Kronen, billigst berechnet!
Aber das Tataren—Königinchen Sonja Dungyersky, auf schmiedeeisernem breitem kurzem Throne, hatte er „umsonst“ gemalt. Und die Damen sagten: „Il s’est moqué de vous, Madame Dungyersky!“ Aber die Großmama stand lange lange vor dem Bilde. Nie sprach sie ein Urteil aus. Aber oft stand sie vor dem Bilde und starrte es an, an, an. Und eines Tages sagte sie: „Pour les étrennes, donnez moi l’image! Ce n’est rien pour vous. Vous êtes trop jeunes et trop vieux! Il faut pouvoir songer tout à la fois dans le passé et dans l’avenir!“
BETRACHTUNGEN
Der Schlitten war leicht wie eine Nußschale, aus braunem Stroh; die Landschaft prangte weiß in weiß, die roten Ebereschen und die bunten Gimpel, die schwarzen Krähen bemalten sie diskret und vornehm, fast nach japanischem Geschmacke. Ich sprach mit der edlen Dame über zarte Dinge des Lebens. Die edlen rehbraunen gedrungenen Pferde gaben die bekannten Verdauungsgeräusche von sich, schienen also nicht nach „Prodromos“ sich zu ernähren, sondern viel Unnötiges, Beschwerliches zu sich genommen zu haben, wie Hafer samt den Spelzen, fi donc!