Part 5
11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen, was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner Miserablität gerade _rührend schön_ ist. Die Menschen ziehen sich zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist _rührendes Patschwetter_. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr geliebt, direkt verhätschelt, als er noch _brauchbar_ war. Jetzt könnte man singen:
„Schnee, du wirst grau und schmutzig — — — was ist mit dir?! Zu nichts mehr bist du nütze — — —.
Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr, verschwinde!“ Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt _äußerlich_, vor den Menschen. Aber _vor Gott_!
GEDENKBLATT
Es ist merkwürdig in meinem Leben. Immer dasselbe. Als ob ich nicht älter, nicht reifer würde. Und ich bin doch schon uralt und todeskrank. In meinem 35. Lebensjahr, an meinem heißgeliebten Gmundener See, schlossen sich zwei Kinder, von 9 und 11 Jahren, mit ihren zarten Seelen leidenschaftlich an mich an. Dadurch entstand meine überhaupt erste Skizze, die ich je geschrieben habe, in der Nacht nach dem Abschied der Kinder von mir, „9 _und_ 11“. Eines Abends erklärte die 9jährige unter Tränen, indem sie das Nachtessen verweigerte, sie würde nichts mehr essen, bis ich nicht zu ihnen ins Haus zöge. Daraufhin schrieb mir der Vater, er verbitte sich von nun an jeglichen mündlichen und brieflichen Verkehr, ja sogar den Gruß auf der Straße, da er meinetwegen doch nicht auswandern wolle. Und so geschah es, strikte nach seinem Befehl. Acht Jahre später erschien nach einer Burgtheaterpremiere der Vater mit seinen, zu herrlichen Geschöpfen erblühten Töchtern an meinem Stammtisch im „Löwenbräu“. „Ich komme zu Ihnen, denn mein Töchterchen A. hat sich gerade so, von selbst, entwickelt, als ob Sie wirklich, ihrem heißen Wunsch gemäß, damals zu uns gezogen wären; eine weltenferne Träumerin!“
Drei Tage später traf sie in der Kärntnerstraße, bei „Schwarz und Steiner“, der Gehirnschlag. Sie hatte gerade vorher gesagt: „Da geht mein Loge-Sänger „Schmedes“, mit seinem gazellenfüßigen, herrlichen Töchterchen...!“ Sie wankte und war tot.
Ich fuhr mit den Eltern im Trauerwagen.
Da sagte der weinende Vater, der nun auch schon tot ist: „Wenn ich das hätte ahnen können, hätten Sie vor acht Jahren unbedingt zu uns ziehen müssen — — —!“
„Nein“, erwiderte ich, „auch wenn Sie das hätten ahnen können, wäre Ihnen eine _tote Tochter_ lieber gewesen als eine, die den _Dichter verehrt_!“
OBERFLÄCHLICHER VERKEHR
Ein Herr, den ich zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, kam im Berghotel per Automobil an und sagte zu mir: „Gut, daß ich gerade Sie hier begrüßen kann. Sie kennen sich doch auf dem Semmering gewiß gut aus. Wo ist hier der _Raseur_?!“ — „Gleich im Hause daneben“, erwiderte ich. — „Ich wußte es ja,“ sagte er beglückt, „daß ich mich an die richtige Adresse gewendet habe; adieu — — —.“
Ein Herr schreibt mir aus Prag: „Teurer verehrter Meister, in Ihrem Buche „Prodromos“ ist ein englischer Reibhandschuh angepriesen. Kann ihn in ganz Prag nicht finden. Bitte auch um genaue Angabe des Preises!“ Ich schrieb zurück: „Bürsten sind nur in Eisenhandlungen zu finden, Preis 1 Krone und 10000, je nach der Qualität!“
Eine Dame, die mir ausnehmend gut gefiel, sagte mir: „Ich habe ein diskretes Anliegen an Sie. Können Sie mich nicht mit Ihrem reizenden Freunde bekannt machen?!“ — „_Nein!_“ erwiderte ich schlagfertig.
Ein Herr aus Berlin schrieb mir: „Wie lange wollen Sie noch uns Leser mit Ihren Brocken von angeblicher Seelentiefe _anöden_?!“ Ich erwiderte, ich sei zwar schon ziemlich abbröckelnd, aber den genauen Zeitpunkt des _definitiven Endes_ könne ich nicht angeben, er möge sich noch ein wenig gedulden — — —.
Jemand fragte mich, wo denn eigentlich meine Bücher zu haben seien?! Worauf ich erwiderte: „Ich glaube, der Bäckermeister oder der Schuster dürfte noch einige Exemplare auf Lager haben — — —.“
Jemand schrieb mir aus Klein-Höflein, wo ich nie gewesen war und auch _niemanden_ kenne: „Falls Sie nicht innerhalb acht Tagen Ihre Schuld von 11 Kronen 60 Heller bezahlen, werde ich die Sache meinem Advokaten übergeben!“ Infolgedessen bezahlte ich 11 Kronen 60 Heller nach Klein-Höflein. Wenn ich nur wüßte, wo dieser Ort liegt?!
Jemand sagte zu mir: „Ah, Sie sind der berühmte Herr Paul Altenberger, über den so viele gute Witze kursieren?!“ Ich sagte, ich hätte noch andere Qualitäten, und entfernte mich hoheitsvoll-gelassen.
Eine junge Dame sagte zu mir: „Einmal und nicht wieder!“ Ich hatte sie nämlich ihr Nachtmahl selbst bezahlen lassen. Freilich hatte ich die vergebliche Hoffnung gehabt, sie würde auch meines gleich mitbezahlen — — —.
Eine reiche Familie, der ich es mitteilte, daß heute, 9. März, mein Geburtstag sei, sagte im Chore, daß man es mir wirklich gar nicht ansehe, ich schaute aus wie ein guterhaltener Fünfziger. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte den „Fünfziger“ gut erhalten!
Das sind lauter oberflächliche Bekanntschaften, nichts Solides dahinter, kein Gemüt und kein Geld. Es ist sehr, sehr schwer, Menschen zu finden, die sich wirklich und ernstlich an einen anschließen — — —.
BEAUTÉ
_So wenig_ also hältst du von der Schönheit deines nackten weißen oder braunen Edelleibes, daß du dich verpflichtet fühlest, ihn zu schmücken, sagen wir „behängen“ und „belasten“ mit hundert Edelfellchen wertvoller Tierchen?!
Stolz nennst du die _Summe_, die es _gekostet_ hat — — —. Erhöht es deinen Wert, daß man _für dich bezahlte_?! Du weißt, die Besten gehen _in geflickten Kitteln_, ihr Pelz ist Demut und Bescheidenheit. Oder sie tragen das _heilig-einfache_ Gewand der Pflegeschwestern. Schwarz weiß und eine große Brosche in Email mit einem Kreuz zierten euch mehr! Von _innen_ strahlt der Wert nach außen aus, mit Mardermänteln bleibst du roh und _nichtig_! Ich _hasse_ jene Männer, die euch lieben, in eurem stinkenden Prunke! Nein, ich hass’ sie _nicht_, denn ihre _Liebe_ ist _derselbe_ Schein wie Eure Fetzen, sie lieben nicht — — — sie _hassen_ und _verachten_ Euch vielleicht _noch mehr_, berechtigter als ich!!! Jedoch, sie _müssen_!
DIE SPIELEREIEN DER REICHEN LEUTE
In einem ersten „Cercle“ der Residenz kam man auf die Idee, einen Preis von 10 Flaschen Champagner auszuschreiben für die allerstupideste Frage. Ein Graf gewann den Preis mit der Frage: „Comment un homme de tacte et de goût doit-il se comporter, lorsqu’il rencontre la nuit dans une forêt un _accent circonflexe_?!“
RICHTIGE, ABER EBEN DESHALB WERTLOSE BETRACHTUNGEN
Es ist eigentlich ganz widersinnig, auf eine Frau eifersüchtig zu sein, die einem noch gar keine Konzessionen gemacht hat. Denn _je mehr_ Konzessionen sie _den anderen_ macht, _desto größer_ ist die Chance, daß sie einem dieselben mache, und _eventuell_ noch größere! Es ist die falsche _ewige_ Hoffnung, sie für _sich allein_ erlangen zu können! Aber das _kann man nicht_. Denn es hängt nicht von dem ab, was sie gewähren, oder _nicht_ gewähren will, sondern von der ewigen Reizung ihres Nervensystems, daß tausend Männer das und das _von ihr_ sich _ersehnen_! _Das_ allein läßt sie nicht „zur Treue“ kommen. Es wäre denn, daß man alle anderen überbiete! Aber solche „Coups“ gelingen selten auf der _Lebensbörse_!
DIE PROBE
Es gibt eine sichere Probe für Sympathie. Ich denke mir alle schönen Mädchen hier in dem Berghotel, die mir gefallen, der Reihe nach quer über eine breite weiße Landstraße aufgestellt. Plötzlich rast von einer scharfen Kurve her ein riesiges Automobil. Welche wirst du instinktiv zurückreißen, erretten?!? Von allen nur Klara, Franziska und die blonde 13jährige süße Ungarin!
EREIGNIS
Am 24. Juli haben sie die Bergwiesen gemäht — — —
hingeschnitten die diskreten Farben eines alten Perserteppichs — — —
die Duft-Symphonien abgebrochen unserer „musikalischen Nasen“! Wie ein Kapellmeister „abklopft“.
Frischer einfacher Heuduft wurde sogleich, und schon ahnte man feiste Kühe mit den Stampfmühlen ihrer feuchten Mäuler für die rosigen Euter es vorbereiten!
Wie _Urkraftrausch_ waret ihr, Bergwiesen, bis zum 24. Juli.
Es dröhnte von Hummeln; es schimmerte braunwolkig, distellila, schafgarbenweiß , königskerzengelb, arnikagold; es roch wie „Menagerie“, „Apotheke“; wie Bienenhonig schmeckt, so roch es im vorhinein.
Es betäubte süß und belebte.
Es vermittelte: sanft einschlummern, frisch erwachen!
Nun ist es nicht mehr.
ENDE
Vom 17. September 1911 bis 19. Oktober 1912 war sie seine kleine Heilige. Sie war geboren 9. April 1900.
Dann erzählte ihr eine Dame der sogenannten „guten Gesellschaft“, daß er ein Säufer sei, und schon zwei Jahre im Irrenhaus interniert gewesen sei.
Hatte er sie seitdem weniger lieb?! Das war ja unmöglich.
Aber sie schämte sich _seitdem_ seiner Verehrung — — —.
Die Liebe eines besoffenen Tollhäuslers?! Pfui Teufel!
Da wollte er ihr das ersparen, und mied sie von nun an.
Hie und da hörte er in den Korridoren des Hotels ihre geliebte jauchzende Kinderstimme.
Da schloß er denn die beiden Türen seines Zimmers und warf sich, in unmeßlichen körperlichen und seelischen Qualen, auf sein Sofa hin.
So endete eines seiner schönsten, seiner tiefsten _Lebensgedichte_, das viel Leid, viel Begeisterung und viel, viel Liebe in sich ein Jahr lang geborgen hatte!
NACH ABWÄRTS
Niemand beschrieb noch körperliche Qualen — —
weißt du, wie Brandwunden sind am zarten Fingerballen?! So brennt es dir im ganzen Leibe,
und keine Linderung durch aufgelegtes Leinöl;
es brennt Tag und Nacht.
Wie eine mittelalterliche Folter, der du unterliegst; die Folterknechte aber sind im Innern; und unsichtbar ereignet sich das Schreckliche.
Scheinbar friedlich sitzest du in deinem Zimmerchen,
und draußen ist der braune Bergwald.
Er kann dir nicht mehr helfen, er, der dir einst half zu den Begeisterungen, dem besten Mittel, jung und stark zu sein!
Und nachmittags irr’ ich in den langen, schmalen, düsteren Korridoren,
das Antlitz meiner kleinen Heiligen zu sehn.
Wenn ich sie erschaue, ergreift mich der Gram.
„Wie geht es Ihnen heute?!“ sagt sie sanft, und blickt erstaunt auf diese menschliche Ruine, die ihr fast täglich tiefe Hymnen singt — — —.
ABSCHIED
Mein geliebter Pinkenkogel, hart an meinem Fenster aufsteigend,
ich sage dir _Adieu_!
Ich muß nun wieder ins Exil hinter vier Mauern; die Menschen wollen „langsam Sterbende“ nicht sehn. Und diese wieder nicht die Menschen!
Dazu sind diese „Institute“ da, daß nur der weite Park die Klagen höre.
Der „Pfleger“ sieht die Träne ungerührt. Wo käm’ er hin, wenn er sich rühren ließe?!
Geliebter Pinkenkogel, lebewohl — — —.
Und sag’ auch ihr — — —
wie liebt sie deine Bäume und deine Pfade aufwärts zu der Alm — — —
und sag’ auch ihr — — —
nein, sag’ ihr nichts!
Sie weiß, daß unter allen Abschiedstränen
die qualvollste _für sie_ vergossen ist — — —.
KRANKEN-TOILETTE
Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke „herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche, die Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus einem ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als möglich in seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie. Man zwingt ihn zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst wieder zum gewöhnlichen Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf man diesen Zustand von organischer und infolgedessen nützlicher Apathie des Kranken nicht vor Augen führen. Denn hierin ersehen sie nur eine traurige _Stagnation_ des Leidens, was ihnen in Anbetracht ihrer Sorge und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist Geld, sagt der Engländer, nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der Pfleger ein größeres Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von „rücksichtsvollster Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und selbstverständlich. Es ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der apathische Kranke aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht, gesäubert, rasiert und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie ein krankes Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich fabelhaft erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf den bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem Besuchstage _verfällt_ der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit, Energie hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man schleppt sich hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man auf und ist gesund. Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch wieder Besuchstag. Man ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch überzogenen Bette wie ein Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das sind Utopien. Bei Nacht wird man insgeheim weggeführt, denn niemand in der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich ereignet“ hat, was keine Hoffnung zuläßt — — —.
KUSINE
Mit 52 Jahren stürzte meine Kusine ab vom Seekofel, beim Blumenpflücken.
Mit 16 erhielt sie ihr erstes Ballkleid von „Maison Marisson“.
„Sie muß die Schönste sein!“ sagte die Direktrice des Ateliers zuversichtlich.
Zum ersten Male dichte Rüschen in gelbem Musselin. Bis dahin trug man nur weiße Ballkleider.
Sie war die Schönste. Sie erregte Neid. Sie glaubte, ein Prinz werde kommen oder etwas Ähnliches, z. B. ein Bankdirektor. Was hätte sie anderes sich erträumen können, in gelben Musselin-Rüschen von der „Marisson“, und entouriert von allen?!
Zum Souper meldeten sich 14 Herren.
„Ich hab’ nur eine rechte Seite und eine linke“, sagte sie glückstrahlend.
Mit 52 Jahren stürzte sie vom Seekofel ab, beim Blumenpflücken.
Was sie erlebt, von 16 bis 52, ich weiß es nicht. Ich kenne nur ihren ersten Triumph und ihren letzten Absturz — — —. _Dazwischen_ dürfte so eine Melange gewesen sein von beiden!
LIED
Was nützt des Herbstes braune Symphonie?!
Ich bin zu krank.
Sonst sah ich alles mit dem Blick der Liebe, dem Blicke einer namenlosen Zärtlichkeit.
Ich wußte wie die Buche sich verfärbt im frühen Froste,
und wie ihre Röte allmählich erbräunt.
Die Amsel raschelte im dürren Laub, die schwarze Schnecke zog über die Wege.
Du sagtest mir, holdestes Kind, du müßtest nun in ein Institut, für 2, 3 Jahre — — —.
Ja, es ist Herbst geworden, und ich bin zu krank.
ECHT
Ich bin sehr _skeptisch_ in bezug auf _Empfindungen_. Festliche Stimmung bei Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren Krankheitsfällen können mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese „Rolle“ wohlerzogener Leute. Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität, obzwar auch dieses wenige schon eine beträchtliche ist. Aber _eine_ Empfindung gibt es, die _nicht_ unecht ist, das ist das klägliche Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der allernächsten Angehörigen, in _dem_ Augenblicke, da der Sarg aus dem Schlafzimmer hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein Lebewohl, kein _oh_ und kein _ach_. Da gibt es nur ein klägliches erschreckendes Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund aussperrt, ihm die Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man sich sogleich wieder, von den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll gestützt, und wankt zu Hut, Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen wartet nämlich.
Aber dieser _eine_ kurze Augenblick ist _echt_, da der Tote sein Schlafzimmer verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man nämlich wirklich Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß eigentlich alles, alles auf der Welt nicht dafürsteht — — —.
GESPRÄCH
„Wie ist das also, Peter, mit dem ›Geben‹, wie Sie immer behaupten, das seliger sein soll als das ›Nehmen‹?! Wie ist das?!“
„Das ist also so: wenn du an einem Bettler vorbeigehest, und du bist nur erfüllt, gehoben, durchwärmt von dem Gefühle, eine exzeptionelle Freude jemandem bereiten zu wollen, die in deiner Macht steht, sie zu spenden, und du schenkst ihm da eine Krone, während er dich ansieht, anstarrt, als hättest du dich nur in der Münzsorte vergriffen, du aber gehest, ihm zunickend, hinweg — — — das ist: _Geben_ ist seliger denn _nehmen_! Wenn du aber denkst: „Pfui, diese Belästigung! Dieser alte zerfetzte, demütige Hund!“ Und du gibst ihm dennoch 20 Heller, so hochnäsig-widerwillig, dann, dann ist: Geben _unseliger_ denn nehmen!“
„Peter, also da hast du — — — 20 Heller! Nein, ich habe nur Spaß gemacht. Ich will dir eine Krone schenken, hole sie dir heute nacht von meinem Nachtkästchen ab — — —.“
BILANZ
Es gibt Dinge, die _unvergeßlich_ sind. Mit _diesen_ hat man seine Seele zu beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen, verschwinden, also allmählich _absterben_ zu lassen. Unvergeßlich ist das Vöslauer laue Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“, Alm vor dem Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à discrétion, also sechs Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine Magda S., Evelyn H., Klara und Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja Dunjersky. Dann Richard Wagner, Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms, Puccini, Massenet. Dann die „Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“ und „Poires bonne femme“ und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“, „Strindberg“, „Maeterlinck“, „Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des Grieux“ in „Manon“, „Maria Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann Winkelmann“, in _allen_ seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu _allen_ Jahreszeiten. Man muß „Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht „passiv werdenden“ Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit, „unreelle Werte“, wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens frech einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen „feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem _falschen Buch-Konto_ zu verrechnen, daß sie „_an ihr_“ zugrunde gegangen sind!
Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?!
SEHR GEEHRTES FRÄULEIN!
Sie lieben also Albert!?
Sie suchen also eigentlich einen Mann, dem Sie „sein Alles“ sind; der durch Sie es vergißt, daß die Welt _erfüllt_ ist von herrlichen, merkwürdigen, anmutigen und originellen Geschöpfen!? Sie suchen also einen _Idioten_! Einen, dem Sie _die Schmach_ antun, ihn in einen Zustand zu versetzen, wie der Auerhahn auf der Morgenbalze. Einen, der vor Gefühl _nichts anderes_ mehr sieht und hört um ihn herum! Um ihm etwas _bieten_ zu können, rauben, stehlen Sie ihm seine Weltenseele, und für eine Haarnadel aus Ihren Haaren gibt er das Glück von Tausenden eventuell hin! Und diese Scheuklappenpolitik nennt Ihr dann „Liebe“! Ein _verdoppelter_ Egoismus, dem zum „heiligen _Dreibund_“ nur noch der miserable Köter „Putz“ fehlt, an den Ihr Euch gemeinsam attaschiert!
HERBSTLIED
Die Ahornblätter sind wieder goldgelb, man kann die einzelnen goldenen Bäume zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.
Gerade vor einem Jahre sah ich sie, 25. September 1911.
Sie war 11 Jahre alt. 11! Was macht es?!?
Der Wald bot damals alles, was er heute bietet, und immer bieten wird — — —.
Nur ich bin düsterer geworden, weil ich _zuviel_ an ihre Zukunft denke.
Als ich sie damals sah, da ging ich in den Wald, um mir es einfach jauchzend mitzuteilen: „Du hast das Herrlichste erschaut!“
Jetzt aber, tieferfüllt von ihr, seh’ ich im düsteren Herbstwald dunkle Schatten kommender Eroberer!
Oh, Gnade, Gnade, Ihr Herren, für mein geliebtes Kindchen!
Tut ihr nichts!
Die Ahornblätter sind wieder goldgelb geworden, man kann die goldenen Bäume einzeln zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.
EWIGE ERINNERUNG
Von Kortina brachen wir auf, Automobil, 9 Uhr morgens, und schlängelten uns hinauf, auf den Falzaregopaß, 2117 Meter. Hinter dem Hotel pflückte ich „Speik“, diese weiße duftende Bergblume, Kindheitserinnerung. Der Boden war schwarz, weich und feucht; und überall rieselte Schneewasser. Und dann hinab ins Tal. Und von da aus sogleich wieder auf den Pordoihjochpaß, Kristomanos-Schutzhaus, 2250 Meter. Da gab es gar keine Blumen mehr, wie herrlich. Der starre Sturm verbat sich alles Blühen. Er stöhnte und beherrschte! Wie wenn man als Kind eine große Seemuschel ans Ohr dicht anlegt, so brauste es. Nur sagt man in jenem Falle, das Tosen des Meeres sei in der Muschel eingefangen. Hier aber ist nichts eingefangen; man sieht das Brausen über die kahlen gelb-braunen Wiesen; ganz aus erster Hand vernimmt man den Sturm. Im wunderbar warmen geschützten Speisezimmererker nahm ich ihr Bild heraus (Kl. P.), betrachtete es lange. Ich dachte: „Mit dir hier zu sein!“ Aber es wird nie, nie, nie, nie sein — — —. Wie schade.
GESANG
In allem hatte sie treffsicheres Urteil.
In allem. Nur sein Gesang gefiel ihr,
obzwar die Töne wie laues Regenwasser seinem geziert ovalen Mund enttropften.
Er sang mit ihr, sie spielte das Klavier, er sang _für sie_!
Und deshalb fand sie seine Stimme lieblich,
obzwar sie selbst das C-moll-Adagio Beethovens unaussprechlich zärtlich spielen konnte,
und für alles _sonst_ aristokratisch-feine Ohren hatte.
Und einmal sagte sie zu mir:
„Ist es Ihr Ernst, daß Sie seine Stimme für tonlos halten, oder steckt da etwas dahinter, Lieber?!“
„Es steckt etwas dahinter!“ sagte ich, „das Vorurteil des dummen Weibchens!“
SOUPER
Es war ein Nichts — — —.
Immer ist es ein _Nichts_, aus dem zuletzt ein _Etwas_ wird!
Törichte Frauen, die ihr mit dem Leben _tändelt_, mit _uns_ und mit _euch selbst_!
Er sagte einen dummen Scherz,
so um den Bann zu brechen öder Stimmung.
Da gossest du aus deinem Glase ein wenig Wasser ihm auf sein Gewand — — —.
„Zur Strafe!“ sagtest du lächelnd.
Koketter Kerkermeister!
Jede Intimität ist eine _perfide_ Brücke zu einer Seele oder zu unedleren Teilen.
Er fühlte sich geehrt durch das Begießen,
und seine Augen sagten gleichsam: „Es kam von dir!“
Es war ein _Nichts_ — — —
immer ist es ein _Nichts_, wie Frauen nämlich denken, ein Nichts, das uns tief _unglückselig_ macht!
DIE WAGENFAHRT