"Semmering 1912"

Part 4

Chapter 43,148 wordsPublic domain

Mich interessiert an einer Frau _meine_ Beziehung zu ihr, nicht _ihre_ Beziehung zu mir!

Daß _ich_ ihr eine exzeptionelle Achatbrosche schenken darf, macht mich glücklich, nicht daß _sie_ es gerührt annimmt!

_Ich_ küsse ihre Haarlocke in meinem Zimmer anbetend, aber ihre braunroten Haarsträhne mögen im Winde flattern _für alle Welt_!

Sie hat Migräne, und _ich_ renne nachts in die Apotheke. _Für mich_ hat sie Kopfweh, da _ich_ besorgt bin, es ihr zu lindern!

Wenn sie „Wintersport“ treibt, zittere _ich_ um ihre zarten geliebten Gazellenglieder! Für _mich allein_ betreibt sie daher „Wintersport“!

Ein Hut, der ihr _schlecht steht_, macht _mich_ unglücklich, ein Hut, der ihr _zu fesch-kokett_ steht, macht _mich_ ebenfalls unglücklich! _Für mich allein_ also trägt sie alle, alle ihre Hüte!

Die Speise, die ihr nicht schmeckt, macht _mich_ unglücklich, die Speise, die ihr schmeckt, macht _mich_ glücklich. _Für mich, für mich_ allein daher ißt sie!

Der Blick, mit dem sie einen anderen liebenswürdig anschaut, macht _mich, mich allein_ unglücklich! Daher gehört dieser Blick _mir, mir_, und nicht ihm, dem eitlen Laffen!

_Mir, mir_ allein gehört alles, was von ihr kommt, Böses und Gutes, denn _ich, ich_ allein empfinde es!

VORFRÜHLING

Von den braunroten Dachschindeln rieseln grauglänzende Bäche. Man muß diesen harten Winter wegschwemmen, auflösen. Die Blumen und Gräser wollen auch schon heraus, nicht nur die genialen Schneerosen und Eriken, die der Nachwinter nicht geniert. Aber es gibt diskretere Kräuter, die erst auf den ernsten „Ruf des Frühlings“ Folge leisten und nicht gewillt sind, mit Schnee und Kälte zu „paktieren“. Das Berg-Schneeglöckchen zum Beispiel, das Leberblümchen und der Frühlings-Enzian. Die lassen mit sich kein Geschäft machen; ein paar sonnige Tage können sie nicht _verführen_, ihre Pracht zu entfalten. Sie wollen Numero Sicher gehen, also eigentlich „Philister der Blumenwelt“. _Nicht vorzeitig verwelken wollen_, ist immer eine Art von „philiströser Tätigkeit“! Franz Schubert, Hugo Wolf usw. usw. hatten sie nicht. Leute, die „Eau de Vichy“ trinken statt „Enzian-Schnaps“, sind zu _verwerfen_! Sie legen zuviel Wichtigkeit ihrem _absolut unwichtigen_ Organismus bei. Ich bin gewiß für Gesundheit. Aber sie muß auch _für andere_ wertvoll sein. Die Gesundheit der _Wertlosen_ ist _wertlos_! Der „_Hypochonder_“ hat irrige Ideen vom Werte seiner Erhaltung! _Wir verzichten gerne_ auf seine Lebenskräfte, die uns _doch nichts bieten_ können! Ein „_reeller Kranker_“ ist uns lieber als ein „_falscher Gesunder_“! Das merkt euch, ihr „_Wucherer mit der Gesundheit_“! Früchte, die fallen wollen, soll man abreißen! Aber statt dessen läßt man sie oben, und sie schreiben fünfaktige Dramen, oder malen, oder bildhauern, jedenfalls treiben sie irgendeinen schädlichen Unfug!

DAS GLÜCK

Ich erwartete das Glück vergeblich Jahre und Jahre lang. Endlich kam es und setzte sich zutraulich an mein Bett. Es hatte gelbbraunen Teint wie die Javanerinnen, schmale, lange Hände und Finger, Gazellenbeine und bewegliche lange Zehen. Ich sagte: „O, bist du wirklich, wirklich endlich das Glück, das lang ersehnte, tief entbehrte?!?“ — „Ich werde es dir morgen schreiben, ob ich es wirklich bin oder nicht. Du wirst selbst urteilen — — —.“

Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel, auf dem geschrieben stand: „Adieu, auf Nimmerwiedersehen — — —.“ Ja, es war also wirklich und wahrhaftig „das Glück“ gewesen!

DAS DUELL

Ich, als „Outsider“ der Gesellschaft, die sich anmaßend und fälschlich die „gute“ nennt, begreife überhaupt naturgemäß nur eine einzige Art, zum Duell seine Zuflucht zu nehmen. Das ist, wenn man in bezug auf eine Frau in seinem Lebensglücke so sehr geschädigt wurde, daß man unbedingt zum Mörder und nachher zum Selbstmörder werden will! Da hat man im „Duell“ die Chance, den Kerl umzubringen und nach „vollendeter Sühne“ sogar ganz fröhlich am Leben zu bleiben und zu sagen: „Sixst’ es, Annerl, Mauserl, Herzerl, jetzt wirst net so bald wieder dich einlassen, einer von die Herren Kavaliere is schon kalt geworden trotz deiner heißen Liebe!“

STAMMGÄSTE

Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die Ansicht, daß alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher in dem gesamten Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung eingetreten sei, die nun glücklicherweise schwinden werde! Sie haben eine „falsche Liebenswürdigkeit“ mit dem Bedienungspersonal, erkundigen sich nicht ungern nach Dingen, die sie nichts angehen. Auch ihre eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen bringen sie in einem gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das ganze Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast, der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der Winter bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet hatte: „Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder, die niemals stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der Stammgast leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung, nämlich für ihn, diene!

Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets wiederkehrendes Getier!

SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE

(aber nicht die, in denen ich mich befand!)

_Morgenvisite._

Der Doktor sitzt, wie ein Staatsanwalt ernst blickend und forschend, an einem riesigen Schreibtische.

Der Delinquent (Patient) tritt ein.

„Bitte, nehmen Sie Platz — — —.“

Pause, in der der Staatsanwalt (Arzt) den Verbrecher mustert, ob Paralyse oder Simulation vorhanden sei — — —.

„Also, mein lieber Peter Altenberg, ich kenne Sie nämlich schon seit langem aus Ihren interessanten Büchern, und erlaube mir daher den konventionellen Titel „Herr“ bei einem berühmten Manne wie Sie wegzulassen. Ihre Verehrerinnen apropos sollen Sie ja direkt mit ‚P. A.‘ titulieren!? Diese _Ehrenabkürzung_ wage ich bisher noch nicht — — —.

Aber zur Sache! Also, mein lieber Peter Altenberg, was werden wir denn zum Frühstück nehmen?!?“

„_Wir?!_ Das weiß ich nicht. Aber ich selbst nehme Kaffee, hellen Milchkaffee — — —.“

„Kaffee?! So?! Also Kaffee, hellen Milchkaffee — — —?!? Also schön, Kaffee — — —!“

„Ja, bitte, es ist mein gewöhnliches Getränk, an das ich seit dreißig Jahren gewöhnt bin — — —.“

„Ganz gut. Aber Sie sind eigentlich hier, um sich von Ihrer bisherigen Lebensweise, die Ihnen anscheinend bisher nicht besonders genützt hat, zu _entwöhnen_, vielmehr die _nötige Energie_ zu akquirieren, solche _Veränderungen_ Ihrer gewohnten, ja vielleicht _allzu gewohnten_ Lebensweise allmählich wenigstens vorzunehmen!?! Nun, bleiben wir also vorläufig beim Milchkaffee. Aber weshalb diese dezidierte Aversion gegen Tee?! Man kann auch Tee mit Milch verdünnt trinken — — —?!“

„Ja, aber ich pflege Milchkaffee zu trinken — —.“

„Haben Sie, Herr Altenberg, einen bestimmten Grund, den Genuß von Tee des Morgens für Ihre Nerven für unzukömmlich zu halten?!?“

„Ja; weil er mir nicht schmeckt — — —.“

„Aha, das wollte ich eben nur wissen. Also, mein lieber Herr, was nehmen Sie denn zu Ihrem so geliebten und _anscheinend unentbehrlichen_ Milchkaffee dazu?!?“

„Dazu?! Nichts!“

„Nun, irgend etwas _Konsistentes_ müssen Sie doch dazu nehmen! Ein leerer Kaffee schmeckt einem ja gar nicht — — —.“

„Nein, ich nehme nichts dazu; mir schmeckt nur ein _leerer_ Milchkaffee — — —.“

„Nun, mein sehr geehrter Herr, bei uns geht das eben nicht. Sie werden mir freundlichst die _Konzession_ machen müssen von zwei Buttersemmeln — — —.“

„Ich hasse Butter, ich hasse Semmeln, aber noch mehr hasse ich Buttersemmeln!“

„Nun, diesen Haß werden wir schon noch _besiegen_! Ich habe schon _schwierigere Kunststücke_ fertiggebracht, mein Lieber — — —. So, und jetzt begeben Sie sich stillvergnügt zu Ihrem Frühstück in der Veranda. Noch eins: Pflegen Sie nach dem Frühstück auszuruhen?!?“

„Je nachdem — — —.“

„Je nachdem gibt es nicht. Entweder Sie ruhen oder Sie machen Bewegung — — —.“

„Also dann werde ich ruhen — — —.“

„Nein, dann werden Sie eine halbe Stunde lang gehen — — —!“

Der Delinquent verläßt wankend das Amtszimmer und begibt sich zum _Strafantritte_ auf die Veranda zum Frühstücke, verschärft durch zwei Buttersemmeln.

Einige Tage später. Der Staatsanwalt: „Nun, sehen Sie, mein lieber berühmter Dichter, Ihr Gesichtsausdruck ist schon ein viel freierer, ich möchte sagen, ein menschlicherer, nicht so präokkupiert von fixen Ideen — — —. Haben Ihnen die zwei Buttersemmeln geschadet?! Na also!“

Nein, sie hatten ihm nicht geschadet, denn er hatte sie täglich im Hühnerhofe verteilt — — —.

_Nachmittagsvisite._

„Herr Peter Altenberg möchten sogleich zum Herrn Direktor komme — — —.“

„Setzen Sie sich, bitte.

Ich habe Ihnen den Alkoholgenuß strengstens untersagt — — —.“

„Jawohl, Herr Direktor — — —.“

„Kennen Sie diese ganze Batterie von leeren Sliwowitz-Flaschen?!?“

„Jawohl, es sind die meinen — — —.“

„Man hat sie heute unter Ihrem Bette aufgefunden — — —.“

„Ja, wo sollte man sie denn sonst auffinden?! Ich habe sie ja dort deponiert — — —.“

„Wie haben Sie sich das Gift in meiner Anstalt verschafft?!“

„Ich bestach jemanden. Sein ehrliches Gewissen ließ es bei zwei Kronen nicht zu. Da offerierte ich ihm drei Kronen.“

„Sie sind also unschuldig an der ganzen Sache, sondern der ungetreue Diener ist der Schuldige! Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen, obzwar er bereits fünfundzwanzig Jahre im Hause ist und er sich, _soweit ich es übersehen konnte_, stets einer tadellosen Konduite erfreut hat — — —.“

„Herr Direktor, Sie haben mir doch noch gestern gesagt, daß ich in Ihrer Anstalt und durch das regelmäßige solide Leben hier mich um zwanzig Jahre direkt verjüngt hätte und fast gar nicht mehr wiederzuerkennen sei?!?“

„Das sagte ich _aus pädagogischen Gründen_, um Ihr Selbstbewußtsein zu stärken — — —.“

„Herr Direktor, darf ich mir die leeren Sliwowitz-Flaschen bei Ihnen später abholen lassen ?!? Ich bekomme nämlich für jede sechs Heller retour — —.“

Direktor zu dem unredlichen Angestellten: „Sie Anton, wie konnten Sie sich unterstehen, nach fünfundzwanzig tadellosen Dienstjahren, einem Patienten, und sei es auch ein berühmter Dichter mit Eigenheiten, solche Mengen Branntwein gegen Bestechung zu verschaffen?!?“

„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“

„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“

„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil ich mir soviel nebenbei verdiene — — —.“

Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚_anbandeln_‘ lassen — — —. Ein jeder hat sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“

DIE ROMANTIKERIN I.

Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem Augenblick _irgendeine Niederträchtigkeit_ heranschleichen könnte! Aber vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging, und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun, eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen, nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte, spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn man gar nichts hat!

ERBLEICHET! ERRÖTET!

Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet _Zugluft_ auf!“ Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu werden, das ist, neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem Halse und ohne Hut durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen Zimmern, bei _weit geöffneten_ Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das Heilmittel! Alles daran zu setzen, sie _vertragen_ zu können, ist das Wesen des modernen „Höchstkultivierten“! Angst vor Rheumatismus oder Bronchialkatarrh ist das _absolut untrügliche_ Zeichen eines tief rückständigen _unaristokratischen_ Organismus! Da helfen weder Ahnen, noch sogenannte _künstlerische Qualitäten_! Der betreffende Organismus ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen Kragen hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja Erquickung sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax tagelang dem Gebrause aus! Was die Legföhre aushält und das Rhododendron, gerade eben dasselbe muß _auch er aushalten_! Abgehärtete Frauen sind bereits _dadurch allein_ schon in einer „höheren Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, _in jeder Beziehung_! Ich kenne alle Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. _Es ist Talmi und Pofel!_ _Schein_-Existenzen!

OSTERMONTAG AUF DEM SEMMERING

Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis alles geschehen sein wird, der _geordnete sichere_ Frühling, dann erst werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann, dann gibt es _kein Zurück mehr_, verstanden?! Und dann bis in den Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches, erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren, die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!

Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft: „Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die „gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft, direkt aus der Originalflasche, _unverdünnt_ serviert! Viele Damen hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt aus der Originalflasche!?

Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie eine Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich wenigstens kulinarisch genießen!“

Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der Lüster jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein bißchen weh getan!“

Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für meinen _Turmfalkenblick_! Ich würde ihr schreiben: „Dante Alighieris Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat _Zeit_, über ihren eigenen Tod hinaus zu _warten_! —

BERGHOTEL-FRONT

Sechs Uhr morgens. Ein nebeliger Julimorgen. Alles duftet nach feuchtigkeitsdurchsogenem Waldboden. Alle Fenster sind geschlossen, bis auf die der jungen Schönheit, die vor den Toren der Lungentuberkulose angelangt ist. An diesem Fenster hängt, vom gestrigen Abendprunke, ein tiefblau seidenes Gewand, bewegt sich im Morgenwinde. Irgendwo singt eine Kinderfrau ein Kindchen wieder in den unterbrochenen Morgenschlaf ein. Ein Hund kriecht vorüber, als käme er von einer Sündennacht außer Hause. Ich denke: „Klara, Franziska, Sonja — — —“, und belausche ihre geliebten Kinderatemzüge, die ich nicht höre!

LANDPARTIE

Ich bin „radikal“ geworden. Ich mache mit einer mir sympathischen Dame eine Eisenbahnfahrt von 25 Minuten nach M. Wenn sie nicht am Fenster lehnt und in die Landschaft hinausstarrt, bin ich bereits enttäuscht, nicht mehr ganz „à mon aise“. Sie erwartet also „anregende Konversation“, pfui! Wenn sie sagt: „Es zieht, machen Sie, bitte, das vis-a-vis-Fenster zu“, bin ich mit ihr fertig. Rheumatismus zieht nicht bei mir, das ist schlechtrassig, so 1870, zur Krachzeit. Wenn ich ihr in M. das herzige, brausende, dunkle Flüßchen zeige, muß sie entzückt sein, ja sie muß, sie muß, sie muß! Wenn ich ihr den Frieden der langen Dorfstraße zeige, muß sie selbst „friedevoll“ werden! Wenn ich ihr das niedere, schneeweiße Haus zeige mit den schwarzen Eisengittern und den vergoldeten Schleifen und sage: „Hier hatten die Generäle Napoleons des Ersten Quartier!“, so muß es ihr wie heiliger Schauer über ihren rosigen Rücken laufen! Billiger gebe ich es nicht. Es sind schlechte Zeiten angebrochen für wirklich zarte Seelen, und daher muß man prüfen, ehe man ewig Landpartien macht! Wenn sie in dem kleinen, traulichen Dorf-Kaffeehaus ihren Tee selbst bezahlt, ist es gut. Wenn nicht, ist es bedenklich. Wenn sie den Sonnenuntergang nicht beachtet, sondern lieber von einem erzählt, der sie einst sehr, sehr geliebt hat, ist es vollkommen verfehlt. Auch der Rauch der Lokomotiven sogar hat sie zu interessieren. Wenn sie sagt: „Ich möchte nicht gar zu spät nach Hause kommen“, so ist es falsch. Mit mir kommt man immer _zu früh_, und nie zu spät nach Hause. Auf der Rückfahrt hat sie eine andere zu sein wie auf der Hinfahrt! Wie sie das macht, ist _ihre_ Sache! In dem „langen Tunnel“ hat _nichts_ zu geschehen! Aber sie hat es innerlich zu bedauern, _daß_ es so war! Ich bin „radikal“ geworden. Eine Fahrt von 25 Minuten; Aufenthalt; retour — und ich weiß alles!

PSYCHOLOGIE

Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den _Gegenständen_, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das ist ein „biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind mir Männer höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten Silbergriffen, die irgend etwas vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder gar ein reizendes Frauenköpfchen mit Lockengewirr. Freilich haben die Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von einem lieben Freund geschenkt erhalten; aber erstens hat man keine solchen geschmacklosen Freunde eben nicht zu haben (_zwei_ Verneinungen geben leider eine Bejaung), und zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch über den Schädel hauen. Überhaupt bin ich unter _kultivierten Menschen_ nur für „_Bons_“ in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den „leichten Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte, nicht gewebte Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die „Natur-Bauernmuster“ noch zu _pardonnieren_ sind. In „einer einzigen Farbe“ gekleidet sein, vom Hut bis zu den Schuhen, ist „letzte Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur _Naturgriffe_ zu haben. Ein _freier Hals ist edelrassig_. _Hohe_ Krägen sind ein _Nonsens_, außer für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht _sämtliche_ Bewegungen eines erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen zu können, ist _schlechtrassig_! Hosen können nie breit genug sein, und sind _immer_ noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet _offen zu lassen_, ist eine miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen, dem erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich _auffallend schön_! „Die Herde ist _das_, wovon man sich _in allem_ zu unterscheiden hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein _hundsordinärer_ Blödsinn.

„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit _Zylinder_ spazieren ging.

„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie mich denn?!“

„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe, daß Sie hier einen Zylinder tragen — — —“

„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“

„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend etwas schuldig sind — — — !“

VOR-VORFRÜHLING