"Semmering 1912"

Part 10

Chapter 103,129 wordsPublic domain

Gestern war er um 7 morgens in ihrer Kabane, hatte ihr schwarz-weißes noch feuchtes Schwimmkleid geküßt, das an einem Haken hing. Und ihre Bastpantoffeln und den Rand ihres Trinkglases. Das Meer war schön, ja, das Meer war schön. Er hatte ihr dann, um 11, von seinem Morgengruß erzählt. Aber _heute_ morgens war der Vorhang irgendwie verschlossen. Auch fragte sie ihn um 1 nicht, weshalb er keinen Kabanenbesuch gemacht habe, weshalb er nicht gebadet habe, ob er nicht wohl sei, oder sonst irgend etwas Menschenfreundliches. Sie fragte nach _nichts_. Wißt ihr was das heißt?! Nein, das wißt ihr nicht, Gott sei Dank! Todesurteile für die wehrlose Seele!

Was war los?!

Ihr Gatte?!

Ihr Liebhaber?!

Komplikationen?!

War sie unglücklich verliebt in irgendwen, absorbiert, betäubt, angenagelt?!

War sie krank, körperlich, Magen, Darm oder noch heiklicher?!

War sie müde?!

Hatte sie vielleicht überhaupt _genug_ oder _zuviel_?!

Wollte sie sich freihalten für Konvenierenderes?!

War er nicht nach ihrer Fasson?!

War er zu unheimlich ungestüm mit seiner Seele?!

Wollte sie ihn wirklich schützen vor sich selbst?!

Aber das wäre ja schrecklich.

Denn er hatte die feste unerschütterliche Absicht gehabt, _an ihr_, _an ihr_ zugrunde zu gehen! Aber vielleicht war es besser _so_! Am nächsten Morgen sagte sie: „O, Sie haben schon genug von mir, ich bitte, antworten Sie nichts, so etwas fühlt man ganz genau, schade — — —.“

Er stand da, und lauschte den Worten, die bereits verklungen waren.

Das Meer war schön, schön, wie niemand es schildern könnte — — —.

VERSCHIEDENES

Neurasthenie ist so lange eine Krankheit, bis es ein Stadium einer _neuen Gesundheit_ wird!

Warte, bis man von deinem geliebten Kindchen _dir_ Anekdoten und Aussprüche zuträgt. Deine eigenen enthalten keine Pointe, sondern nur Mutterliebe!

Frauen haben eine kolossale _Überschätzung_ ihrer Macht. Man ist nur zu wohlerzogen und mitleidsvoll, es ihnen jedesmal zu beweisen!

So lange ich ihr schrieb, was ich durch sie leide, verstand sie es nicht. Als ich es nicht mehr schrieb, sagte sie: „So gefallen Sie mir viel besser!“

Am besten dran sind die _ganz vollkommen_ gebauten Badenden und die _ganz Unvollkommenen_. Beide sind schicksalergeben. Am schlechtesten dran sind die _Halb_zulänglichen. Die möchten es immer durch irgendetwas _ausgleichen_, und bringen es _nicht_ zustande!

Es gibt Frauen, die schlecht schwimmen, und man fühlt: „Ungeschickte Gans!“ Bei der anderen fühlt man nur zartestes Mitleid!

Es gibt „physiologische Matadore“; das sind die Frauen, die _Trikot_ tragen im Meeresbade. Die anderen haben allerlei Ausreden, vor allem das herzige Wörtchen „_indezent_“!

Für die meisten ist das Wasser ein „fremdes Element“. Ihre Tempi erinnern an „Schwimmlehrer“ und „1 ... 2, 3!“

Sie sind ein „gefährlicher Beobachter“, sagte eine Dame schelmisch zu mir.

„Wieso?!“ erwiderte ich, „ich bin doch weder reich noch in angesehener Stellung!?“

„Womit habe ich Sie gekränkt, Peter?! Ich tue doch mein Möglichstes!“

„Tun Sie einmal ihr _Unmöglichstes_!“

Eine junge Frau sagte zu mir: „O, wenn ich so _gebildet_ wäre wie die Frau Sch., dann wäre ich _noch gebildeter_ als sie!“

Die meisten Menschen verstehen die _ganz tiefen Dinge nicht_! Sie suchen sie _ganz unten_, und sie sind _ganz oben_! Aber sie _dort_ zu finden, dazu muß man _ganz tief_ sein!

Das größte Kompliment:

Frau Vallière, Schauspielerin in Hamburg: „Peter, im Mittelalter wären Sie _heilig_ gesprochen worden! Heute hält man Sie für einen perversen Narren!“

„Ich bin _zu spät_ auf die Welt gekommen!“

„Nein, _zu früh_!“

Märchen des Lebens! In meiner Kindheit las ich von den großen, dicken, glasartigen, weißen, durchscheinenden Quallen mit lila durchscheinenden Füßen, die im Meere schwimmen und leuchten! Nun spülte mir das Adriatische Meer eine an den Sandstrand. Ich untergrub sie mit einer hölzernen Sandschaufel, warf sie ins Meer zurück, um sie zu retten. Aber die Brandung brachte sie wieder. Ein Kind sagte: „Kann man sie essen?!“

„Nein, sie leuchtet nur, nachts, im Meere!“

„Weshalb also willst du sie retten?!“

„Eben _deshalb_, weil sie zu nichts anderem zu _gebrauchen_ ist, als nachts im Meere zu _leuchten_!“

Ein Tintenfisch wurde vormittags an den Strand geworfen. Allen grauste vor dieser unkenntlichen Masse. Zu Mittag stand er auf der Speisekarte. Eine Dame ließ sich ihn servieren, fand ihn recht schmackhaft und eigentümlich.

„Wie können Sie das gut finden?!“ sagten alle empört-überrascht.

„Ich habe ihn, Gott sei Dank, nie gesehen, wie er _wirklich_ im Leben aussieht!“ sagte die Dame.

„Sie sammeln schöne Muscheln?!“

„Ja, es ist das unmodernste und das _modernste_ Kunstgewerbe der Natur!“

„Was finden Sie an mir Besonderes, mein Herr?!“

„Ich liebe Ihren Geist und den Duft Ihrer Achselhöhlen, Ihres Atems, Ihres Schwimmkleides!“

„Und wenn ich _nur_ den _Geist_ hätte?!“

„Dann wären Sie eine tragische und lächerliche Persönlichkeit!“

„Sie _durch_schauen uns, mein Herr!“

„Ja, aber auf der anderen Seite ist es _doch wieder dasselbe_ anziehende Mysterium!“

DIALOG

„Peter, Sie hören _das Gras wachsen_, Sie _ersticken_ alles im _Keime_, _zerstören_ die Frucht im Mutterleibe, seelisch!“

„Ich kenne die Gefahr, ehe sie _Gefahr_ ist! _Später_ ist _zu spät_!“

„Wenn ich ihn mir aber wünsche, diesen ungesäten Keim einer Gefahr?! Wenn ich gerade das mir erwünschte?!“

Er schweigt, wendet den Kopf ab.

„Peter, ich wünsche es mir nicht, nein, bei Gott, ich wünsche es mir nicht!“

„Lassen Sie Gott aus dem Spiele, Teufeline!“

„Peter, ich wünsche mir nichts, nichts als Ihre Freundschaft, Ihre milde Stimmung zu mir nicht zu verlieren!“

„Sie irren sich! Sie haben gewählt, entschieden, und gerichtet!“

„O, Peter — — —.“

FAUNA UND FLORA

An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun in lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten, fast mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln stammen aus dem Indischen Ozean und sind wertvolle _wertlose_ Prunkstücke. Aber die kleinen Muscheln, hier umsonst, sind kleine moderne erlesene Kunstwerkchen der Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine ist doch so wie die andere!“ — „Für _mich_ nicht!“ erwiderte ich. Die kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind entzückend. Sie suchen herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht mehr können, so zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist ein bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind wie von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das _Strandbad_ kannten. Auch du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in _jugendlich-lächerlichem_ Stolz abweisend mit den Blicken mißt, und deine Brüste werden die Spannkraft eingebüßt haben, so oder so; und ewig wird das Meer noch Grasbüschel auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein _Leid_ wird vielleicht _leben_, denn sterblich ist das _Jauchzen_, es verhallt; der _Seufzer_ aber ist unsterblich. Er dringt zu Gottes feinem Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend fällt. Gott liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl „göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es _reinigt_! Die satte Freude liebt er _nicht_!

QUO VADIS?!

Du hältst mich für anspruchsvoll und ungezogen — — — ich bin es nicht. Du _hörst_ einfach das Ächzen meiner Seele nicht — — — Das ist es. Du bist taub! Wieviel Rücksicht hingegen nimmst du für die alte Frau, die einen reichen Mann hat, wohlgeratene Kinder, und der du _nichts_ bist, nichts, in alle Ewigkeit! Wieviel Rücksicht für Herrn v. G., Frau Z., und den Professor!?! Und, siehe, alle sind _frei_ von dir. Das heißt, sie schlürfen deine Gnade, wie ein Spaziergänger den Duft der Linden und des Jasmins! Es _ist_, und ist _nicht mehr_. Mir aber ist der Duft deiner Bluse, deiner Haare, deines Atems, _ewiges Verhängnis_! Noch bin ich tapfer, kann in mich hineinweinen. _Noch!_ Bringe nicht grausam um _dein Kind_, das du _in mir_ erzeugt hast, meine _Liebe_! Oder bring’ es um und wandle in Frieden die Pfade der Gewöhnlichkeiten! Man wird dich _haben_ wollen, oder nicht! Jedoch das Mittelding ist nur des _Dichters_! _Er will_ dich haben, und vom _Nichthaben_ lebt er! Lass’ ihn _neben dich_ setzen im Kaffeehaus, im Restaurant, und geh’ _an seiner Seite_! Im Dampfschiff lass’ ihm Platz, und überall, ganz neben dir! _Lass’ ihm_ seine ewigen Hochzeitstage, die _dich_ kaum sehr genieren! _Du_ gibst so wenig, und er nimmt _so viel_! _Das_ soll dich freuen, Frau! Ich sag’ es nicht zu meinem Besten, sondern zu dem _deinen_! Ein besseres _Himmelsgeschäft_ auf _Erden_ kannst du nicht machen als _mit mir_! Einer spendet dir den Reichtum seiner Seele für einen Blick auf deine Kinderschultern, die noch dazu von einem Stoff bedeckt sind! Du gibst ein _Nichts_, und spendest _eine Welt_! Ich rede dir zum letzten Male zu — — — verschütte nicht die Schätze, die du schenkst! Bald bist du arm, du weißt es nicht — — — Dein müdes erstaunt-verlegenes Lächeln trifft dann meine tote Seele, um deren Feuergeist du dir nie Mühe gabst! Adieu — — —.

DREISSIG

Weißt du, daß du einmal alt wirst?!

Und daß die Männer sich nicht mehr es vorstellen werden können, daß du gefallen hast, ja, _begehrenswert_ warst?!

Diese fatale _Umwandlung_ deiner Person, die doch eigentlich _dieselbe_ geblieben ist!?

Das wirst du alles erleben _müssen_, geliebteste Frau, und in Ruhe und in Würde, und in _scheinbarer_ Selbstverständlichkeit!

Und siehe, noch ist einer da,

der dein Kopfkissen beneidet um dein Haupt,

und alle Düfte dieser schönen Erde

hergibt für den Duft deiner braunblonden Haare!

_Noch_ ist einer da, der die Weintraubenbeere _beneidet_, in deinem Mund zu sein!

Und alles, alles, alles ist ihm _heilig_, was mit dir _irgendwie_ zusammenhängt!

Auch dieser Zauber wird gebrochen werden, so oder so!

Was brauchst du, eigenwillig, eigensinnig, es zu beschleunigen?!

Lass’ es der Zeit! Sie hilft dir sowieso!

LA ROCHE FOUCAULD

Ich habe in _La-Roche-Foucauld_ einen Satz gefunden: „Man sollte nur _jenen_ Frauen die _Ehre_ erweisen, _eifersüchtig zu sein_, die uns die Gnade erweisen, uns _nie_ eifersüchtig zu _machen_!“

VERSÄUMTES RENDEZVOUS

Ein dunstiger schwüler Tag — — —

Ich schlief bis 7 Uhr abends,

Verschlief das Rendezvous.

Und dennoch war es mir,

als ob _sie_ es nicht eingehalten hätte!

Wie hat sie mein Versäumnis ausgenützt?!

Hat sie gekränkt _gewartet_, nein!?

Sie absolvierte ihr Programm,

Was ging sie’s an, daß ich verschlief?!

Sie führte ihr Söhnchen zur Taubenfütterung nach Venedig.

Dann „Cavaletto“ und „Café Lawena“.

Es war _meine_ Schuld, daß ich nicht kam — — —.

Und _meine_ Schuld war es, daß ich mich kränkte.

Was konnte sie dafür?!

Und doch!

Was _immer_ in uns vorgeht in bezug auf die geliebte Frau, _an Leid und Bangen_ — — —

sie trägt zum Teil die _Schuld_!

Weshalb, wieso, das kann ich euch nicht sagen! Doch es ist! Wie du es anstellst, Frau, daß wir _nicht_ gekränkt sind,

das sei die _Genialität_ deiner zarten Seele!

JALOUSIE

Eifersucht?!

Fraue, du steckst mir meine _Grenzen_?! Bis _dahin_ und nicht weiter?! _Kindische_ Törin!

Bin ich nicht eifersüchtig auf die Luft, die du in deinen geliebten warmen, feuchten Mund einatmest?!

Wie darf sie, ganz gefühllos, die weichen Innenwände deines Mundes spüren?!

Bin ich nicht eifersüchtig auf den Bissen, den du mit dem geliebten Speichel sanft umnässest?!

Von da zum Blick von Sympathie und Freude, zu einem lebendigen Mann, ist noch eine Welt!

Du _wunderst_ dich, daß ich _verzweifelt_ bin,

da ich dem _Löffel_ doch schon deine Zunge _nicht_ gönne!

Ich trauere um alle Schätze, die du so vergeudest; dem Bette deine Ausdünstung, dem Glase deine Lippen!

Aber beim „lebendigen Mann“ ergreift mich der Irrsinn.

Weshalb stirbt er nicht momentan vor Glück, der feige Hund?!

An seiner Leiche würde ich weinen, ihn beneidend um seinen schönen Tod.

Jedoch, er geht _lebend_ hinweg, und denkt: „Die könnt’ ich haben!“

Fluch ihm, nein, _dir_!

KLAGE

Du nennst mich einen _Komödianten_!?

Weil du die _Fassungskraft_ nicht hast für _mein Gefühl_;

oder weil du dir selbst _zu nichtig_ vorkommst — — —.

Oder weil Frauen, die eifersüchtig sind auf meine Anbetung für dich, dir sagen, ich sei ein Komödiant!

Oder Männer, die es nicht wünschen, daß du meinem Fanatismus _menschenfreundlich zart_ begegnest!

Oder weil _dir selbst_ nichts daran liegt,

daß ich dich _lieb habe_!

_Ja, das ist es!_

Denn _gläubig_ seid ihr _dort_, stupiden Ohres lauschend,

wo ihr es _hören wollt_!

_Dort_ wird euch der _Trug_ als _tiefste Wahrheit_ klingen!

Uns aber laßt ihr _sterben_,

denn wir sind nicht wichtig für euren _schamlosen Egoismus_!

Ihr wißt, _wer_ euch von Wichtigkeit hienieden!

_Vertrödelt_ keine Zeit mit _an euch kranken_ Seelen!

Die Gesunden _tun mehr_ für euch!

Glaubt, o glaubt denen, die euch für eine Stunde nur besitzen wollen!

Sie meinen’s ernst und gut mit euch!

Sie ahnen, daß ihr vielleicht zu anderem _nicht taugt_!

Ihr fürchtet euch, uns zu _enttäuschen_, die wir _Ideale_ träumen!

Wie recht habt ihr, euch da nicht einzulassen!

Schon bei den _Fingernägeln_ fängt die _Tragödie_ an!

VERHÄNGNIS

Dein Atem, wenn du sprichst — — — ich saug’ ihn ein in mich.

wie durstige Kindchen Milch aus Mutterbrüsten!

Er duftet auch wie Milch; und im Theater duftete deine seidene weiße Bluse wie süße Milch!

Willst du der dunklen, düsteren Pinie sagen, was sie dir ist?! Vergeblich!

Der weißen Magnolie, dem Jasmin, der Agave, der Hortensie?!

Und so die Frau!

Sie glaubt dir nicht — — —.

Weil es ihr _gleichgültig_, _deshalb_ glaubt sie nicht!

Sie würde jedem Leeren, _Unwerten_ glauben,

glauben, glauben, glauben,

wenn’s ihr _darum zu tun wäre_, ihm zu glauben!

Das _blödeste_ Wort erhielte seinen Klang und seine Süße! Und Macht und Wert!

Sie läßt sich nur betören,

wo sie bereits betört ist, _ehe_ er betörte!

Und dennoch sag’ ich dir, dein Atem, wenn du mit mir sprichst,

er duftet mir wie süße Milch,

wie Milch aus Mutterbrüsten dürstendem Kindchen!

Du wirst mir sagen, ich sei ein Narr — — —.

Gerade _diese_ Narrheit aber nähmest du ernst,

bei _dem_, wo es dir _paßt_, sie _ernst_ zu nehmen!

Ich bin ein Narr, das _nicht_ zu wissen!

Ich _weiß_ es! Und dennoch ändert’s nichts. Ich bin also ein tausendfacher Narr!

Der eine sagt: „Wie geht es, gnädige Frau?!“

Sie fühlt: „Wie lieb, wie zart besorgt er ist!“

Der andere kann vor Rührung gar nicht sprechen,

da sagt sie: „Heute sind Sie nicht sehr amüsant!“

Ein Kindchen aus der Schwarzwald-Schule schrieb in ihr Heft:

„Wieso kommt es, daß _immer_ einen gerade die am wenigsten mögen,

die man am meisten lieb hat?!“

DIE BROSCHE

Sie ließ durch eine Freundin nachforschen, wieviel die Amethystbrosche gekostet habe, die ich ihr geschenkt hatte.

„15 Lire!“ sagte sie dann zu mir. „Ich weiß, was das _bei Ihnen_ bedeutet!“

„Es bedeutet ‚_Liebe_‘!“

„Hätten Sie es auch noch für mich gekauft, wenn es 25 gekostet hätte?!“

„Auch!“

„Und bei 40?!“

„Nicht!“

„Weshalb?!“

„Weil es meine Verhältnisse überstiegen hätte!“

„Aber da fängt gerade die echte Liebe erst an!“

„Bei mir nicht! Bei mir hört sie da auf!“

VERSÖHNUNG

Und _etwas_ bleibt zurück — — —.

’s ist _nicht_ wie nach dem Ungewitter der Natur,

wo alles wirklich reiner wird und blinkender — —.

_So_ ist es _nicht_!

Man hat Konzessionen gemacht, beiderseits, um der Sache willen des dummen Lebens,

die wichtiger erschien zuletzt als klare Wahrheit!

Und dennoch ist die klare Wahrheit das _Wichtigste_!

Man kann ihr nicht entrinnen!

Sie sickert durch, sie gräbt sich durch, und sie bestimmt den Lauf des Lebensstromes!

Sie hatten sich versöhnt — — —.

Das _gibt_ es _nicht_.

Versöhnt muß man sein, eh’ man sich trifft!

_Geboren_ einer für den anderen!

Versöhnung heißt: „Ich will _ein_ Aug’ zudrücken!“

Wie machst du es, wenn _beide_ offen sehn?!?

AUSEINANDERSETZUNG

Sie sah ihn wieder.

„Wen verehren Sie jetzt, wen beglücken Sie jetzt mit Ihrer exaltierten Anbetung?!“

„Mitzi Thumb!“

„Diese?! Nun, und erwidert sie Ihre Zuneigung?!“

„Ja; sie sagt, daß sie meine Schwärmerei _verstehe_!“

„Das ist alles?!?“

„Ja, das ist _alles_! Unsere Begeisterung gerührt, erstaunt, milde, sanftmütig, ein wenig dankbar, annehmen können! Das ist _viel_. Das ist _alles_! Sie verstanden das nicht!“

„Nein, aufrichtig gesagt, ich verstand es damals nicht. _Jetzt_ verstehe ich es — — —.“

„Nein, jetzt _ebensowenig_! Dichterseelen verstehen — — — dazu muß man etwas von dieser zarten Seele selbst besitzen!“

LEGENDE

Man spricht so viel von Gottes schöner Welt — — —

und doch ist es um diese schlecht bestellt!

Gott und die Künstler erträumen sich die Frau vollkommen, vom Haupt bis zu den Zehen.

Doch keine ist es.

Da kam ein Dichter traurig zu Gott und klagte: „Herr, wir widmen unser Herz der Frauenschönheit, und keine ist wirklich vollkommen! Zeige uns doch einmal eine, wie du dir’s gedacht hast!“

Da hatte Gott Mitleid mit dem enttäuschten Dichter, und schuf _Mitzi Thumb_!

DER ANFANG

Der Anfang, der Anfang ist immer das Interessanteste, Wahrhaftigste, wirklich Merkwürdigste und eigentlich noch niemals Dagewesene, trotz hunderttausend Beispielen derselben Art. Später haspelt sich alles ab, wie es muß, und das Ende ist immer, immer verlogen und komödiantenhaft. Aber der Anfang, der Anfang, da ist noch keinerlei Routine, und da ist der schöne merkwürdige Zufall, daß man überhaupt in diesem Ozean des Lebens sich kennen lernte!

Man sagte mir immer: „Gehe doch hin zu ihr ins Sekretariat, sie fragt immer nach dir — — —.“ Endlich ging ich hin. Sie saß bei der elektrischen Lampe und las „Pasqual“. Ich dachte: „Da du es nicht wissen konntest, daß ich kommen würde, ist es eine bedeutsame Lektüre für eine Siebzehnjährige.“ Da ich aber nur den Namen des Autors kannte, sprach ich wie immer über Verdauungshygiene. Plötzlich entstand Kurzschluß und es wurde im ganzen kleinen Palais finster. Ich sprach weiter und erklärte, daß der „obstipierte“ Mensch unmöglich irgendwelche besondere geistige und seelische Qualitäten besitzen könne und daß Pasqual, der da aufgeschlagen vor ihr läge, jedenfalls und unbedingt, seinen Geist, falls er einen besonderen und hervorragenden gehabt habe, nur durch „Tamar Indien Grillon“ sich habe erwerben können, es wäre denn, daß ein gütiges Schicksal ihm von Natur aus unter die Arme gegriffen hätte! Der Kurzschluß wurde repariert; es wurde wieder licht, und die junge Dame sagte:

„Ich habe schon längst bemerkt gehabt, daß Sie tadellose Frauenhände besäßen, so verklärte. Gestatten Sie, daß ich dieselben berühre?!“

„Bitte sehr — — —“ erwiderte ich.

Das war der Anfang.

SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE

Daß die „Nervenärzte“ nichts verstehen, wäre eine _natürliche menschliche Eigenschaft_ der meisten _Berufsmenschen_, wenige Genies ausgenommen. Aber daß sie ihre _schändliche Ignoranz_ ausnützen auf „suggestivem Wege“, indem sie die selbstverständlich viel mehr „über ihre eigenen Zustände“ verstehenden Kranken durch ihren schmählichen Doktortitel, zu ihren „folgsamen kuschenden Hundesklaven“ machen wollen, das ist eine _bodenlose feige Gemeinheit_! Eine Dame z. B. liebt ihre Schwester fanatisch, und ihr sich für sie aufopfernder Gatte kann gerade diese Schwester und den _Fanatismus seiner Frau_ für dieselbe nicht ausstehen! Wenn _sie_ ins Zimmer tritt, geht er aus dem Zimmer. Das erzeugt naturgemäß allmählich _Nervenzerstörung_. Der liebevolle Gatte schickt sie in ein „erstes“, d. h. teuerstes Sanatorium. Dort sagt man nicht dem Esel von Gatten (gibt es überhaupt andere Tiersorten dieser Gattung?!): „Sie müssen mit der Schwester Ihrer Frau liebenswürdiger umgehen!“ Sondern man verordnet „Lichtbäder“ mit nachfolgenden kalten Duschen!

Die arme junge Frau klagt dem Arzte: „Mein Mann behandelt meine zärtlichst und fanatisch geliebte Schwester roh, verständnislos, lieblos vor allem gegen mich, die angeblich Geliebteste, Verehrteste!?! Ist das seine Opferfähigkeit?!?“

Der Arzt erwidert: „Nach zwanzig Lichtbädern mit nachfolgenden kalten Duschen wird sich das alles, alles geben! Sie werden dann die Dinge mit ganz anderen Augen anschauen — — —!“

„Aber Herr Doktor, die Liebe zu meiner Schwester — — —!“

„Auch das sind nur _vorübergehende Exaltationszustände_! Glauben Sie es mir, meine Gnädige, Ihr Fall ist ›_typisch_‹. Sechs Wochen bei uns, und Ihre Schwester wird Ihnen gleichgültig werden!“

LE LIDO

As-tu vu le sable brun de la mer?! Non, je n’ai _rien_ vu — — — j’ai vu _Maria_! As-tu vu l’eau sans fins et les écumes blanches?! Non, je n’ai rien vu — — — j’ai vu _Maria_! As-tu entendu le bruit de la mer?! Non, je n’ai rien entendu — — — j’ai entendu la voix de Maria! N’as-tu pas senti venir la _santé_ du corps, par le soleil?! Non, j’ai senti venir la _maladie_ de l’âme, par Maria!

Erfüllte Bitte um ein Autogramm, an Herrn Platon de Naxel, Venise:

„Il y a un _mystère_, qui nous fait _vivre_ — — — la femme!

Il y a une _réalité_, qui nous fait _mourir_ — — — la femme!“

„Ich habe kein Herz für Kleider,“ sagte sie.

„Weil Sie ein Herz haben!“ erwiderte er.

„Nein, weil ich keine Kleider habe!“

„Eine Frau kann gar nicht genug Canaille sein!“ sagte die Schöne.

„Das halte ich für übertrieben,“ erwiderte er.

„Nein, er kommt ja doch _jedesfalls_ einmal darauf, daß wir seiner Liebe _unwürdig_ sind!“

„Und wenn er nicht darauf kommt?!“

„Dann müssen wir ihn für diese _Stupidität_ bestrafen!“

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

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