Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht verändert. Gesperrter Text wurde mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet. Die Erzählung ‚Plauderei‘ wurde zwei Mal abgedruckt (siehe S. 31 und S. 170).
Die nachfolgende Widmung wurde zum Andenken an die Bearbeiterin in dieses Buch aufgenommen.
In memoriam
„Mama Beth“
in immerwährender Freundschaft und Dankbarkeit.
Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.
The most beautiful monument a person can have is one that is in the hearts of others.
(Albert Schweitzer)
_Werke von Peter Altenberg_
Wie ich es sehe _Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
Was der Tag mir zuträgt _Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
Prodromos _Fünfte Auflage._ Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf.
Märchen des Lebens _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.
Neues Altes _Dritte Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.
„Semmering 1912“ _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M., geb. 7 M. 50 Pf.
Fechsung _Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 8 Mark
Nachfechsung _Fünfte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark
Vita ipsa _Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.
Mein Lebensabend _Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark
„__Semmering 1912__“
_von_
__Peter Altenberg__
__S. Fischer, Verlag, Berlin__ __1919__
_Fünfte und sechste vermehrte Auflage._
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
INHALT
Bergeswelt 15
Bozen 16
Gartengedanken 17
Moderner Dichter 21
Die Tänzerin 22
Zwei Skizzen 27
Erziehung 29
Plauderei 31
Lied ohne Reime 32
Forellenfang 33
So wurde ich 35
Loca Minoris resistentiae 37
Dolomiten 39
Mama 41
Moderne Annonce 43
Semmering 44
Winter auf dem Semmering 45
Vollkommenheit 46
Nachwinter 47
Heimliche Liebe 49
Das Kino 51
Lebensbild 52
So sind wir 53
Mein grauer Hut 55
Die Kostüme auf dem Semmering in der Silvesternacht 57
Fortschritt 58
Abschied 60
Besuch 61
Buchbesprechung 63
Ein Brief 65
Das Hotel-Stubenmädchen 67
Gespräch 68
Bobby 69
Psychologie 71
Vorfrühling 73
Das Glück 75
Das Duell 76
Stammgäste 77
Sanatorium für Nervenkranke 78
Die Romantikerin I. 83
Erbleichet! Errötet! 85
Ostermontag auf dem Semmering 86
Berghotel-Front 88
Landpartie 89
Psychologie 91
Vor-Vorfrühling 93
Gedenkblatt 95
Oberflächlicher Verkehr 97
Beauté 99
Die Spielereien der reichen Leute 100
Richtige, aber eben deshalb wertlose Betrachtungen 101
Die Probe 102
Ereignis 103
Ende 104
Nach abwärts 105
Abschied 106
Kranken-Toilette 107
Kusine 109
Lied 110
Echt 111
Gespräch 112
Bilanz 113
Sehr geehrtes Fräulein! 115
Herbstlied 116
Ewige Erinnerung 117
Gesang 118
Souper 119
Die Wagenfahrt 120
Wagenpartie 121
Abschiedsbrief des englischen Offiziers 124
Wie ist es?! 125
Vom Rendezvous 126
Examen 127
Les Larmes 128
Testament 129
Aconitum Napellus 130
Manövers 131
Gift 132
Luftveränderung 133
Ein Nachtrag 135
Buchbesprechung 137
An —— 138
Nekrolog (Fritz Strauß) 139
Erster Schnee 140
Der Maler 141
Betrachtungen 143
Ur-Seele 144
Frage 145
Letzte Unterredung 146
Die Niere 147
Krankheit 148
Güte 149
Annonce 150
Plauderei 153
Richtig 154
Reminiszenzen 155
Werte 157
Schlafmittel 159
Fahrt 160
Lied 163
Abschied 164
Gespräch mit einer Baronin, Exzellenz-Frau, über 165 ihren herrlichen zwölfjährigen Sohn
Entzweit 166
Gespräch mit der sechsjährigen Sonja Dungyersky 167
Gleich beim Hotel 168
Gespräch mit einer wunderschönen Dame von 30 Jahren 169
Plauderei 170
Gegen 171
Rompe! 172
Waschungen 173
Respekt 174
Falzarego-Paß-Höhe 175
Enterbte des Schicksals 176
Frühling 177
Erlebnis 178
Die Tänzerin 179
Meine Ehrungen 180
Klara 181
Berghotel-Terrasse, Semmering 182
Erkenntnis 183
Klara 184
Ein Komtessen-Brief 185
Märchen des Lebens 186
Worüber man noch immer weint, und ewig weinen wird! 187
Besuch 188
Liebesgedicht 189
Das größte Kompliment 190
Le monde 191
Ein Regentag 192
In 24 Stunden 193
Hotel-Stubenmädchen 194
Moderner Dichter 195
Natur 196
Noch nicht einmal Splitter von Gedanken 197
Zyklus: „Venedig“ 215
Dieses Buch ist gewidmet den Damen:
_Lilly Steiner_ _Gretl Engländer_ _Kamilla von Nagy_ _Ilci Honus_ _Cäcilia Brandstätter_ _Frieda Frank_ _Lioschka Maliniéwich_ _Mitzi Thumb_ _Frau Machlup_
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BERGESWELT
Bergesregionen, dort wo „nichts mehr gedeiht“ als Krummholz, sturmgebogen, ist seit jeher meine „Märchenwelt“! Nach 40 Jahren fand ich das wieder auf dem „Falzarego-Passe“, „Tre Croce“, „Pordoijoch-Paß“. Weißgraue Felstrümmer, schwarze triefende Erde, Zirbelkieferwälder bis an die Hotels herankriechend. Von Felsen träufelt, rieselt es, Nebelfetzen überall. Nichts will gedeihen als die _Edel-Einsamkeit_. Vor dem Pordoijoch-Hotel grauschwarze Wälder von dichtem Erlengebüsch, dem der Bergsturm nichts antut. Es braust nur und erschauert. Daß hier nichts mehr gedeiht, ist die _Düster-Romantik_ der Bergeswelt. Keine Farbe einer Blume, kein Schrei eines Vogels, kein Schmetterling, kein Käfer. Diese _tönende Eintönigkeit_! Eine schrieb ins Fremdenbuch ein: „Ohne Jemanden nicht leben können und wollen, selbst wenn man es vorher bestimmt geglaubt hatte, es sei unmöglich, — — — _hier vergißt man darauf_!“
BOZEN
Auf dem Hauptplatze in Bozen steht das Walther von der Vogelweide-Denkmal aus Sandstein. Er hat die Stellung des Wolfram von Eschenbach, bevor er das Lied singt an die selbstlos Geliebte. Das ist sehr gut. Denn auch Vogelweide war so Einer. Er besaß die Kraft, zu singen und zu weinen! Nun setzten sich gerade auf seine Kappe zwei Tauben, und pflogen emsig der Liebe! Vogelweide hielt ganz still dabei, in seine Träumereien versunken von Liebesleid, gönnte den Tauben ihr billiges, leicht erreichbares Vergnügen.
GARTENGEDANKEN
Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch „Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen. Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte, knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur: sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo.
Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend. Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst! Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt!
Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen. Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will „gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur „Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen, der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt.
Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur Schlingpflanze gehört ihre _Stütze_. Man _soll_ sie sehen, sie ist ein naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht, weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum, Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam. Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein Überfluß der Reichen und der Armen.
Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich, erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen Betonmauern.
Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser, Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter. „Warte nur, balde ruhest du auch!“
Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?! Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken, und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche, Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser, fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität: Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!
Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut. Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum. Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch _nicht mehr_ enthält! Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht, die sanften Herzen melancholisch macht. Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter, dürstenden Blumen zärtlicher Erretter! Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle, Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle! _Gießkannen_ rieseln sanft auf schwarze Erde, damit die Pracht des Sommers baldigst werde! Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu, kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’! Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?! Such’ deine _kleine große_ Welt in deinem Garten!
MODERNER DICHTER
In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — — Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“ Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“ Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit, die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern! Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“ Die andre hält’s bereits für zynisch, wenn er im Gespräch sanft-zärtlich ihre Hand berührt. Die eine sagt: „Ein Romantiker ohne Herz!“ Die andre sagt: „Ein Herzlicher ohne Romantik!“ Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — — und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!
DIE TÄNZERIN
Das Kind, allein in der Garderobe der Tänzerin, ordnet liebevollst alles — —.
Sie setzt sich dann in eine Ecke auf ein niedriges Stockerl, kauernd in sich versunken.
Die Tänzerin kommt, erhitzt, erregt vom Tanzen.
Sie setzt sich an den Toilettetisch.
Sie wendet sich um, erblickt das kauernde Kind.
„Immer, Marie, kauerst du da in der Ecke in meiner Garderobe, stundenlang. Wird dir denn das nicht langweilig?!?“
„Nie, Fräulein! Nur Menschen, die ich nicht lieb habe, langweilen mich. Menschen, die ich lieb habe, langweilen mich nie! Wodurch sollten sie es?!? Alles an ihnen ist mir wert und teuer. Ich könnte ihnen zuschauen von früh bis abends.“
Die Garderobiere blickt herein:
„Was ist das, Mizerl, schon wieder da?! Das Fräulein wird sich bedanken. Entschuldigen Sie, Fräulein, der Fratz ist gar so romantisch veranlagt. Der Vater sagt immer: ‚Wie du zu uns ehrsamen Bürgersleuten kommst — — —.‘ Gestern hat sie beim Nachtmahl gesagt: ‚Jetzt verbrenn’ ich alle meine dummen Märchenbücher — — — ich habe eine lebendige Fee gefunden!‘ So ein Fratz, was?! Man sollt’s nicht für möglich halten. Aber bitt’ Sie, 10 Jahre!? Sie wird’s schon billiger geben mit den ‚lebendigen Feen‘! Die Männer tun uns beizeiten die Märchen austreiben — — —.“ Ab.
Das Kind: „Meine Mutter blamiert mich vor Ihnen. Sie versteht gar nichts von meiner Andacht. Ich habe eine Andacht für Sie, obwohl Sie nur eine Tänzerin sind!“
Es klopft.
„Blumen abzugeben von einem Herrn von Willigsdorf — — —.“
Türe zu.
Es klopft.
„Ah, Max — — —.“
„Ich bin entzückter von dir als je. Du hast dich, gestatte mir die konventionelle Phrase, selbst übertroffen. Aber das empfinde ich! Gott, daß diese kalten Kerls das mitgenießen dürfen!? Aber Gott sei Dank, sie könnens nicht! Nur ich kann es, nur ich kann es, nur, nur ich! Wenn du mir das wenigstens glauben könntest, Hélèn, nur das wenigstens. Es wäre fast alles! Mehr brauchte man ja eigentlich gar nicht!“
„Ich glaube es dir, Max, sonst könntest du es unbedingt nicht so leidenschaftlich überhaupt vorbringen!“
„Diese schönen Blumen! Irgend jemand versucht es mit 50 Kronen mein Lebensglück zu zerstören!“
„Jawohl, Max, alle versuchen das, andere wollen es sogar noch billiger unternehmen und geschickter. Aber alles hängt bei uns Frauen von unserem guten Willen ab; und den habe ich nur für dich! Es ist vielleicht ein Zufall, aber es ist so, Max!“
Er führt ihre Hand tief gerührt zum Munde. Das Kind steht auf, küßt ihm ehrerbietigst die Hand.
„Wer ist dieses Kind?!?“
„Es ist das Töchterchen unserer Garderobiere! Sie kauert immer in der Ecke meiner Garderobe, hält alle meine Sachen in bester peinlichster Ordnung — — —.“
„Hast du die Tänzerin auch so lieb wie ich — —.“
„Das kann ich nicht wisse — — —.“
„Möchtest du ihr alles, alles verzeihen, sogar wenn sie dir ganz ohne Grund eine schreckliche Ohrfeige gäbe?!?“
„Ja, ich möchte es ihr ganz gewiß verzeihen, wegen ihres Tanzens, das ich gesehen habe. Ich möchte mir nur denken: Weshalb tust du das einem Menschen an, der dich so lieb hat?! Wenn du eine Ohrfeige austeilen willst, gib sie doch lieber einem, dem du gleichgiltig bist! Der spürt es doch weniger schmerzlich — — —.“
„Ich glaube, du bist eine gefährlichere Konkurrentin für mich als die Herren, die Blumen schicken — — —.“
Ab.
Es klopft.
Der Theatermeister.
„Herr Theatermeister, Sie haben wieder zu spät hell gemacht, wenn die Sonne bei meinem Tanze endlich sieghaft durchdringen sollte. Es ist schrecklich. Ich glaube, Sie machen es absichtlich — —.“
„Fräulein, so etwas lasse ich mir von niemandem sagen. Das ist eine Gemeinheit, Sie verzeihen schon — — —.“
Die Tänzerin legt ihren Kopf auf den Toilettetisch, beginnt bitterlich zu weinen. Das Kind erhebt sich langsam, macht einen Schritt gegen den Theatermeister, streckt sich, hebt den Arm, sagt: „Hinaus, Sie roher Mensch!“
Der Theatermeister geht langsam ab.
Das Kind kauert wieder in seiner Ecke. Die Tänzerin weint wie ein Kind. Dann trocknet sie ihre Tränen.
Sie wendet sich nach dem Kinde um.
„Niemand hat mich so lieb wie du, niemand — — —.“
Das Kind erhebt sich, steht kerzengerade: „Ich möchte alle töten, die Ihnen etwas Böses antun, Fräulein — — —!“
Ein Diener bringt eine Karte.
„Bitte — — —.“
Ein älterer Herr tritt ein.
„Mein Sohn hat sich gestern erschossen, Ihretwegen — — —. Konnten Sie ihm wirklich nicht helfen, daß er diese seelische Krankheit besiege?!?“
„Nein, ich konnte es nicht, obzwar ich ihm dezidiert sagte, daß er mir völlig unsympathisch sei!“
„Vielleicht hätten Sie es ihm eben nicht so dezidiert sagen sollen — — —.“
„Pardon, mein Herr, ich mußte es! Ich bin eine arme Tänzerin, ausgesetzt ununterbrochen allen Gefahren, die es überhaupt für eine Frau gibt! Überlassen Sie mir das heilige Recht, gegen Eindringlinge, gegen ‚Buschklepper der Seele‘, ‚Rowdys der Seele‘, mich zu wehren!“
„Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein. Ich bin aber der unglückselige Vater — — —.“
Ab.
Das Kind stürzt zu den Füßen der Tänzerin hin: „Was haben Sie da angestellt, Fräulein?!?“