Part 15
Dasselbe begriff auch der Vater. Er sagte nie ein Wort darüber, denn er wußte, daß Eleseus der Augapfel der Mutter war, daß sie über ihn weinte und den Kopf schüttelte; trotzdem aber verschwand ein Stück doppelseitiges Tuch nach dem andern. Darüber war sich Isak ganz klar, daß kein Mensch auf der weiten Welt soviel Wäsche auftragen könnte. Wenn er also alles in allem betrachtete, so mußte Isak deshalb als Mann und Oberhaupt wieder eingreifen. So ein Telegramm durch den Kaufmann kostete allerdings unverhältnismäßig viel, aber teils würde das Telegramm sicher eine ungeheure Wirkung auf den Sohn ausüben, teils war es ja für Isak selbst etwas ganz Außergewöhnliches, wenn er bei seiner Rückkehr Inger von dem Telegramm mitteilen konnte. Als er heimwärts wanderte, trug er sogar noch den Koffer der Magd auf dem Rücken; und er fühlte sich ebenso stolz und so geheimnisvoll wie an jenem Tage, als er Inger den goldenen Ring mitgebracht hatte ...
Es kam eine herrliche Zeit, Inger wußte gar nicht, was Nützliches und Gutes sie nun alles tun sollte. Wie in alten Tagen sagte sie oft zu ihrem Mann: Du kannst alles zustande bringen! Und ein anderes Mal: Du schaffst dich zu Tode! Und abermals: Nein, jetzt mußt du hereinkommen und essen, ich habe Waffeln für dich gebacken! Um ihm eine Freude zu machen, fragte sie: Ich möchte nur wissen, was du mit diesen Balken vorhast und was du eigentlich bauen willst? -- Nein, das weiß ich noch nicht recht, antwortete er und tat sehr wichtig.
Es war jetzt wieder ganz wie in den alten Tagen. Und nachdem das Kind geboren war -- es war ein Mädchen, ein großes, wohlgestaltetes Mädchen --, hätte Isak ein Stein oder ein Hund sein müssen, wenn er nicht Gott dankbar gewesen wäre. Aber was wollte er bauen? Das wäre etwas für Oline, darüber könnte sie klatschen: einen Anbau ans Haus, noch eine Stube. Seht, die Familie auf Sellanraa war nun sehr zahlreich geworden: sie hatten eine Magd, sie erwarteten Eleseus nach Hause, und ein funkelnagelneues kleines Mädchen war angekommen -- die alte Stube mußte nun Schlafkammer werden, anders ging es nicht.
Und natürlich mußte Isak das Inger eines Tages erzählen; sie war ja so neugierig darauf, es zu erfahren, und obgleich Inger das ganze Geheimnis vielleicht schon von Sivert gehört hatte -- sie tuschelten ja oft miteinander --, so tat sie ordentlich überrascht, ließ die Arme sinken und sagte: Das ist doch wohl nicht dein Ernst? -- Aber zum Platzen voll von innerem Glück erwiderte er: Du kommst mit so vielen neuen Kindern daher, wie soll ich sie denn unterbringen?
Die Mannsleute waren nun jeden Tag eifrig beim Steinausbrechen für die neue Grundmauer. Sie waren einander jetzt ungefähr gleich bei dieser Arbeit; der eine frisch und fest in seinem jungen Körper und rasch im Erfassen der günstigsten Lage, im Erkennen der passendsten Steine, der andere alternd und zäh, mit langen Armen und das Brecheisen mit ungeheurem Gewicht einsetzend. Und wenn sie einmal so ein richtiges Kraftstück ausgeführt hatten, schnauften sie gerne eine Weile aus und hielten einen scherzhaften und zurückhaltenden Schwatz miteinander.
Brede will ja verkaufen, sagte der Vater. -- Ja, versetzte der Sohn. -- Möchte wissen, wieviel er verlangt. -- Ja, wieviel wohl? -- Du hast nichts gehört? -- Nein, doch, zweihundert. -- Der Vater überlegte eine Weile, dann sagte er: Was meinst du, gibt das hier einen Eckstein? -- Es kommt darauf an, ob wir ihn zuhauen können, antwortete Sivert und stand augenblicklich auf, reichte dem Vater den Setzhammer und nahm selbst den Vorhammer. Er wurde rot und heiß, richtete sich in seiner ganzen Größe auf und ließ den Vorhammer niedersausen, richtete sich wieder auf und ließ ihn abermals niederfallen -- zwanzig gleiche Schläge, zwanzig Donnerschläge! Er schonte weder das Werkzeug noch sich selbst, er leistete tüchtige Arbeit, das Hemd kroch ihm über die Hose heraus und entblößte ihm den Bauch, bei jedem Schlag richtete er sich auf die Zehenspitzen auf, um dem Hammer noch größere Wucht zu verleihen. Zwanzig Schläge!
Nun wollen wir sehen! rief der Vater. -- Der Sohn hielt inne und fragte: Hat er einen Sprung bekommen? -- Alle beide legten sich nieder und untersuchten den Stein, untersuchten den Kerl, den Halunken, nein, er hatte keinen Sprung bekommen. -- Jetzt will ich es einmal mit dem Vorhammer allein probieren, sagte der Vater und richtete sich auf. Noch gröbere Arbeit, einzig und allein mit Kraft, der Vorhammer wurde heiß, der Stahl gab nach, die Feder, mit der Isak schrieb, wurde stumpf. Er geht vom Stiel ab, sagte er von dem Vorhammer und hörte auf zu schlagen. Ich kann auch nicht mehr, sagte Isak. Oh, das meinte er nicht, daß er nicht mehr könne!
Dieser Vater, dieser Prahm, unansehnlich, voller Geduld und Güte, er gönnte es dem Sohn, den letzten Schlag zu tun und den Stein zu spalten. -- Da lag er nun in zwei Teilen. Ja, du hast einen kleinen Kniff dabei, sagte der Vater. Hm. Aus Breidablick könnte man schon etwas machen. -- Ja, das sollte ich meinen. -- Ja, wenn das Moor mit Gräben durchzogen und umgegraben würde. -- Das Haus müßte hergerichtet werden. -- Ja, selbstverständlich, das Haus müßte hergerichtet werden, oh, es würde viel zu arbeiten geben dort, aber ... Wie war es, hast du gehört, ob die Mutter am Sonntag in die Kirche will? -- Ja, sie hat davon gesprochen. -- So. Aber komm, nun müssen wir uns ordentlich umschauen, damit wir eine schöne Steinschwelle für den Anbau finden. Du hast wohl noch nichts Passendes dazu gesehen? -- Nein, antwortete Sivert.
Dann arbeiteten sie weiter.
Ein paar Tage später meinten beide, nun hätten sie genug Steine zu der Mauer. Es war an einem Freitagabend, sie setzten sich, um auszuschnaufen, und plauderten wieder eine Weile.
Hm. Nun, was meinst du, sagte der Vater, wollen wir ein wenig an Breidablick denken? -- Warum? fragte Sivert. Was sollen wir damit? -- Ja, das weiß ich nicht. Das Schulhaus ist auch dort, und Breidablick liegt mittendrin. -- Ja, und? fragte der Sohn. -- Ich wüßte gar nichts damit anzufangen, denn man kann es zu nichts verwenden. -- Hast du daran gedacht? fragte Sivert. -- Der Vater antwortete: Nein. Ich denke an Eleseus, ob er wohl darauf arbeiten möchte? -- Eleseus? -- Ja, aber ich weiß nicht. -- Lange Überlegung auf beiden Seiten. Dann sammelte der Vater das Handwerkszeug zusammen, lud es sich auf und wendete sich heimwärts. -- Ich meine, du solltest mit ihm darüber reden, sagte Sivert schließlich. Und der Vater schloß das Gespräch mit den Worten: Nun haben wir auch heute keinen schönen Stein zu der Türschwelle gefunden.
Der nächste Tag war ein Samstag, und da mußten sie schon sehr früh aufbrechen, um mit dem Kinde rechtzeitig übers Gebirge zu kommen. Jensine, die Magd, sollte auch mit, da hatten sie die eine Patin, die andern Gevattern mußten jenseits des Gebirges unter Ingers Verwandten aufgetrieben werden.
Inger war sehr hübsch, sie hatte sich ein besonders kleidsames Kattunkleid genäht und trug überdies weiße Streifen um den Hals und an den Handgelenken. Das Kind war ganz in Weiß, nur unten am Saum war ein neues blauseidenes Band durchgezogen; aber es war ja auch ein ganz besonderes Kind, es lächelte und plauderte schon und horchte auf, wenn die Stubenuhr schlug. Der Vater hatte den Namen ausgewählt. Ihm kam dies zu, er wollte hier eingreifen -- laßt uns nur meinem Rat folgen! Er hatte zwischen Jakobine und Rebekka, die beide etwas mit Isak zusammenhingen, geschwankt, schließlich war er zu Inger gegangen und hatte ängstlich gesagt: Hm. Was meinst du zu Rebekka? -- O ja, antwortete Inger. -- Als Isak dies hörte, wurde er ordentlich männlich und sagte barsch: Wenn sie etwas heißen soll, so soll sie Rebekka heißen. Dafür stehe ich ein!
Und natürlich wollte er mit in der Kirche sein, der Ordnung halber und auch, um das Kind zu tragen, der kleinen Rebekka sollte ein gutes Taufgeleite nicht fehlen. Er stutzte sich den Bart, zog wie in jüngeren Jahren ein frisches rotes Hemd an; es war zwar in der größten Hitze, aber er hatte einen schönen neuen Winteranzug, den legte er an. Übrigens war Isak nicht der Mann, der sich Verschwendung und Flottheit zur Pflicht machte, deshalb zog er zu der Wanderung übers Gebirge ein Paar von seinen märchenhaften Siebenmeilenstiefeln an.
Sivert und Leopoldine mußten bei den Haustieren daheim bleiben.
Sie ruderten im Boot über den Gebirgssee, und das war eine große Erleichterung gegen früher, wo sie immer außen herum hatten wandern müssen. Aber mitten auf dem Wasser, als Inger der Kleinen die Brust geben wollte, sah Isak etwas Glänzendes an einem Faden um ihren Hals hängen. -- Was konnte das sein? In der Kirche bemerkte er, daß sie den goldenen Ring am Finger trug. Oh, diese Inger, sie hatte sich es nicht versagen können!
17
Eleseus kam nach Hause.
Er war jetzt mehrere Jahre fort gewesen und war größer als der Vater geworden, mit langen weißen Händen und einem kleinen dunklen Schnurrbart. Er spielte sich nicht auf, sondern schien sich ein natürliches, freundliches Wesen zur Pflicht zu machen; die Mutter war verwundert und froh darüber. Er bekam mit Sivert zusammen die Kammer, die Brüder waren gut Freund miteinander und spielten einander manchen Schabernack, an dem sie sich höchlich ergötzten. Aber natürlich mußte Eleseus beim Zimmern des Anbaus helfen, und da wurde er bald müde und erschöpft, weil er körperlicher Arbeit ganz ungewohnt war. Ganz schlimm wurde es, als Sivert die Arbeit aufgeben und sie den beiden andern überlassen mußte -- ja, da war dem Vater eher geschadet als gedient.
Und wohin ging Sivert? Ja, war nicht eines Tages Oline übers Gebirge dahergekommen mit der Botschaft von Oheim Sivert, daß er im Sterben liege! Mußte da nicht Klein-Sivert hingehen? Das war ein Zustand! -- Niemals hätte das Verlangen des Oheims, Sivert jetzt bei sich zu haben, ungelegener kommen können; aber da war nichts zu machen.
Oline sagte: Ich hatte gar keine Zeit, den Auftrag zu übernehmen, nein, ganz und gar nicht, aber ich habe nun einmal die Liebe zu allen den Kindern hier und für Klein-Sivert besonders, und so wollte ich ihm zu seinem Erbe verhelfen. -- Ist denn der Oheim Sivert sehr krank? -- Ach du lieber Gott, er nimmt mit jedem Tag mehr ab! -- Liegt er zu Bett? -- Zu Bett! Herr des Himmels, ihr solltet nicht so freventlich herausreden. Sivert springt und läuft nicht mehr auf dieser Welt.
Nach dieser Antwort mußten sie ja annehmen, daß es mit dem Oheim Sivert stark auf das Ende zugehe, und Inger trieb Klein-Sivert noch tüchtig zur Eile an; sofort sollte er gehen.
Aber der Oheim Sivert, der Halunke, der Schelm, lag durchaus nicht im Sterben, er lag nicht einmal beständig zu Bett. Als Klein-Sivert ankam, fand er eine fürchterliche Unordnung und Vernachlässigung auf dem kleinen Hofe vor, ja, die Frühjahrsarbeit war nicht einmal ordentlich getan worden, nein, nicht einmal der Winterdung war hinausgefahren, aber der Tod schien nicht augenblicklich bevorzustehen. Der Oheim Sivert war allerdings ein alter Mann, über siebzig, er war hinfällig und trieb sich halb angezogen im Hause umher, lag auch oft zu Bett und mußte für verschiedenes notwendig Hilfe haben; zum Beispiel mußte das Heringsnetz, das im Bootsschuppen hing und da schlecht aufgehoben war, ausgebessert werden. O ja, aber der Oheim war durchaus nicht so am Ende, daß er nicht noch gepökelte Fische essen und sein Pfeifchen rauchen konnte.
Nachdem Sivert eine halbe Stunde dagewesen war und gesehen hatte, wie alles zusammenhing, wollte er gleich wieder heim. -- Heim? fragte der Alte. -- Ja, wir bauen eine Stube, und dem Vater fehlt meine Hilfe. -- So, sagte der Alte, ist denn nicht Eleseus daheim? -- Doch, aber der ist diese Arbeit nicht gewohnt. -- Warum bist du dann gekommen? -- Sivert erklärte, welche Botschaft Oline gebracht habe. -- Im Sterben? fragte der Alte. Meinte sie, ich liege im Sterben? Zum Teufel auch! -- Hahaha! lachte Sivert. -- Der Alte sah den Neffen gekränkt an und sagte: Du machst dich über einen Sterbenden lustig, und du bist nach mir getauft worden! -- Sivert war zu jung, um eine betrübte Miene aufzusetzen, er hatte sich nie etwas aus dem Oheim gemacht, und jetzt wollte er wieder heim.
Na, und du hast also auch gemeint, ich liege im Sterben und bist da gleich hergerannt, sagte der Alte. -- Oline hat es gesagt, beharrte Sivert. -- Nach kurzem Schweigen machte der Oheim ein Angebot: Wenn du mein Netz im Bootsschuppen flickst, darfst du etwas bei mir sehen. -- So, sagte Sivert, und was ist es? -- Ach, das geht dich nichts an, versetzte der Alte mürrisch und legte sich wieder zu Bett.
Die Verhandlungen brauchten offenbar Zeit. Sivert wußte nicht recht, was tun. Er ging hinaus und sah sich um, alles war unordentlich und vernachlässigt, die Arbeit hier in Angriff nehmen zu sollen, wäre ein Unding gewesen. Als er wieder hereinkam, war der Oheim auf und saß am Ofen.
Siehst du dies? fragte er und deutete auf einen eichenen Schrein, der zwischen seinen Füßen auf dem Boden stand. Das war der Geldschrein. In Wirklichkeit war es einer von jenen Flaschenkasten, mit vielen Abteilungen, den Beamte und andere vornehme Leute in alten Tagen auf ihren Reisen mit sich geführt hatten; es waren jetzt keine Flaschen mehr drin, der alte Bezirkskassierer bewahrte Rechnungen und Gelder darin auf. Oh, diese Flaschenkiste, die Sage ging, daß sie den Reichtum der ganzen Welt berge, die Leute im Dorfe pflegten zu sagen: Wenn ich nur das Geld hätte, das der Sivert in seinem Schrein hat!
Der Oheim Sivert entnahm dem Schrein ein Papier und sagte feierlich: Du kannst doch wohl Geschriebenes lesen? Lies dies Dokument! -- Klein-Sivert war durchaus nicht überlegen im Lesen von Schriftstücken, nein, das war er nicht, aber jetzt las er, daß er zum Erben der ganzen Hinterlassenschaft des Oheims eingesetzt sei. -- Und nun kannst du tun, was du willst, sagte der Alte und legte das Dokument wieder in den Schrein.
Sivert fühlte sich nicht besonders gerührt, das Dokument berichtete ihm eigentlich nicht mehr, als was er vorher gewußt hatte, schon von Kind auf hatte er ja nichts anderes gehört, als daß er den Oheim einmal beerben werde. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er in dem Schrein Kostbarkeiten hätte zu sehen bekommen. -- Es ist wohl viel Merkwürdiges in dem Schrein, sagte er. -- Mehr als du denkst, versetzte der Oheim kurz.
Er war so enttäuscht und ärgerlich über den Neffen, daß er den Schrein zuschloß und wieder zu Bett ging. Da lag er dann und gab verschiedene Mitteilungen kund: Dreißig Jahre lang bin ich hier im Dorf Bevollmächtigter und Herr der Gelder gewesen, ich habe es nicht nötig, jemand um eine Handreichung anzuflehen. Woher wußte denn Oline, daß ich am Sterben sei? Kann ich nicht, wenn ich will, drei Mann zum Doktor fahren lassen? Ihr sollt nicht euren Spott mit mir treiben. Und du, Sivert, kannst nicht warten, bis ich meinen Geist ausgehaucht habe. Ich will dir nur eins sagen: Jetzt hast du das Dokument gelesen, und es liegt in meinem Geldschrein; mehr sag ich nicht. Aber wenn du von mir fortgehst, dann richte deinem Bruder Eleseus aus, daß er hierherkommen soll. Er heißt nicht nach mir und trägt nicht meinen irdischen Namen -- aber er soll nur kommen!
Trotz der Drohung, die in diesen Worten lag, überlegte Sivert sich die Sache und sagte dann: Ich werde Eleseus deinen Auftrag ausrichten.
Oline war noch auf Sellanraa, als Sivert zurückkam. Sie hatte Zeit gehabt, einen Gang durch die Gegend zu machen, ja sogar bis zu Axel Ström und Barbros Ansiedlung, dann kam sie wieder zurück und tat äußerst wichtig und geheimnisvoll. Die Barbro ist dicker geworden, sagte sie flüsternd, das wird doch nichts zu bedeuten haben? Aber sagt es niemand! Was, da bist du ja wieder, Sivert, da brauche ich ja wohl nicht erst zu fragen, ob dein Oheim entschlafen ist? Ja, ja, er war ein alter Mann und ein Greis am Rande des Grabes. Was -- er ist also nicht tot? Gott sei Lob und Dank! Was, ich hätte nur ein leeres Geschwätz verführt, sagst du? Wenn ich nur bei allem so frei von Schuld wäre! Konnte ich denn wissen, daß dein Oheim Gott ins Angesicht log? Er nimmt ab, das waren meine Worte, und diese werde ich einmal vor Gottes Thron wiederholen. Was sagst du, Sivert? Ja, aber lag nicht dein Oheim zu Bett und rauchte und faltete beide Hände auf der Brust und sagte, nun liege er da und kämpfe es aus?
Mit Oline konnte man sich unmöglich in einen Streit einlassen, sie überwältigte ihren Gegner mit ihrem Geschwätz und machte ihn mundtot. Als sie hörte, daß der Oheim Sivert Eleseus zu sich rief, ergriff sie auch diesen Umstand sofort und verwendete ihn zu ihrem Vorteil. Da könnt ihr hören, ob ich ein leeres Geschwätz im Munde geführt habe. Der alte Sivert ruft seine Verwandten herbei und schmachtet nach seinem Fleisch und Blut, es ist am letzten bei ihm. Du mußt ihm das nicht abschlagen, Eleseus, geh nur gleich, damit du deinen Oheim noch am Leben triffst. Ich muß auch übers Gebirge, da können wir zusammen gehen.
Oline verließ indes Sellanraa nicht, bis sie Inger auf die Seite gezogen und ihr noch über Barbro zugeflüstert hatte: Sag es niemand, aber sie hat die Anzeichen! Und nun meint sie wohl, sie werde die Frau auf der Ansiedlung. Manche Leute kommen obenauf, ob sie auch von Anfang an so klein sind wie Sandkörner am Meeresstrand. Wer hätte nun das von Barbro geglaubt! Axel ist sicher ein fleißiger Mann, und so große Güter und Höfe wie hier im Ödland gibt es nicht auf unserer Seite des Gebirges, das weißt du auch, Inger, du stammst ja aus unserer Gemeinde und bist dort geboren. Barbro hatte ein paar Pfund Wolle in einer Kiste, es war lauter Winterwolle, ich habe keine davon verlangt, und sie hat mir auch keine davon angeboten; wir sagten nur Grüßgott und Gutentag, obgleich ich sie von Kindesbeinen an gekannt habe, damals, als ich hier auf Sellanraa war, und du, Inger, fort in der Lehre --
Jetzt weint die kleine Rebekka, warf Inger rasch ein, und dann steckte sie Oline noch eine Handvoll Wolle zu.
Große Dankesbezeugung von Oline: Ja, ist es nicht, wie ich eben zu der Barbro gesagt habe, so freigebig wie die Inger gibt es niemand mehr, sie schenkt sich wahrhaftig lahm und wund und murrt nie darüber. Ja, geh nur hinein zu dem kleinen Engel, noch nie hat ein Kind seiner Mutter so ähnlich gesehen wie die kleine Rebekka dir. Ob sich Inger erinnern könne, was sie einmal gesagt habe, daß sie keine Kinder mehr bekomme? Da könne sie nun sehen! Nein, man solle auf die Alten hören, die selbst Kinder gehabt hätten, denn Gottes Wege sind unerforschlich, sagte Oline.
Dann trabte sie hinter Eleseus durch den Wald aufwärts, vor Alter gebückt, fahl und grau und neugierig, immer dieselbe. Nun würde sie zum alten Sivert gehen und zu ihm sagen, sie -- Oline -- sei es gewesen, die Eleseus bestimmt habe, zu ihm zu kommen.
Aber Eleseus hatte sich durchaus nicht nötigen lassen, es war nicht schwer gewesen, ihn zu überreden. Seht, im Grunde genommen war er besser, als es den Anschein hatte, er war wirklich auf seine Art ein guter Bursche, gutmütig und freundlich von Natur, nur ohne große körperliche Kräfte. Daß er aus der Stadt nur ungern aufs Land zurückkehrte, hatte seinen guten Grund, er wußte ja wohl, daß die Mutter wegen Kindsmord in der Strafanstalt gewesen war, in der Stadt hörte er nichts davon, aber da auf dem Lande wußten es wohl alle. War er nun nicht mehrere Jahre lang mit Kameraden zusammen gewesen, die ihm ein feineres Empfinden beigebracht hatten, als er früher gehabt hatte? War nicht eine Gabel ebenso notwendig wie ein Messer? Hatte er nicht alle Tage da drinnen nach Kronen und Öre gerechnet, und hier rechnete man immer noch nach dem alten Talerfuß. O ja, er wanderte sehr gern übers Gebirge in eine andere Gegend, daheim auf dem väterlichen Hofe mußte er ja jeden Augenblick seine Überlegenheit im Zaume halten. Er gab sich Mühe, sich den andern anzupassen, und es gelang ihm auch, aber er mußte auf der Hut sein, zum Beispiel, als er vor ein paar Wochen nach Sellanraa heimgekommen war. Er hatte ja einen hellgrauen Frühjahrsüberzieher mitgenommen, obgleich man mitten im Sommer war; als er ihn an einem Nagel in der Wohnstube aufhängte, hätte er gut das silberne Schild mit seinen Buchstaben darauf nach außen drehen können, aber er hatte es nicht getan. Ebenso war es mit dem Stock, dem Spazierstock! Es war allerdings nur ein Regenschirmstock, von dem er den Stoff und die Stahlschienen abgemacht hatte, aber auf Sellanraa hatte er ihn nicht getragen und lustig geschwungen, weit entfernt, er hatte ihn verborgen am Schenkel angelegt getragen.
Nein, es war nicht verwunderlich, daß Eleseus übers Gebirge ging. Er taugte nicht zum Hausbauen, er taugte dazu, Buchstaben zu schreiben, das konnte nicht der erste beste, aber in seiner Heimat war niemand, der seine Gelehrsamkeit und seine Kunst zu schätzen wußte, ausgenommen vielleicht die Mutter. So wanderte er fröhlichen Herzens vor Oline her den Wald hinauf, er wollte weiter oben auf sie warten, er lief wie ein Kalb, hetzte ordentlich vorwärts. Eleseus hatte sich gewissermaßen vom Hofe weggestohlen, er hatte Angst, gesehen zu werden, jawohl, denn er hatte den Frühjahrsüberzieher und den Spazierstock mitgenommen. Jenseits des Gebirges konnte er ja hoffen, bessere Leute zu treffen und auch selbst gesehen zu werden, vielleicht sogar in die Kirche zu kommen. Deshalb plagte er sich in der Sonnenhitze mit dem überflüssigen Überrock.
Und er hinterließ keine Lücke, wurde nicht vermißt beim Hausbau, im Gegenteil, nun bekam ja der Vater den Sivert wieder, der Sivert war von viel größerem Nutzen und hielt vom Morgen bis Abend aus. Sie brauchten auch nicht viel Zeit zum Aufrichten des Gebäudes, es war nur ein Anbau, drei Wände; sie brauchten auch die Stämme nicht zuzuhauen, das wurde im Sägewerk gemacht. Die Schwartenbretter kamen ihnen dann gleich beim Dachbau zugute. Eines schönen Tages stand wirklich die Stube vor ihren Augen fertig da, gedeckt, mit gelegtem Boden und eingesetzten Fenstern. Weiter konnten sie vor der Ernte nicht mehr damit kommen. Das Verschalen und Anstreichen mußte auf später warten.
Da kam plötzlich Geißler mit großer Gefolgschaft übers Gebirge daher! Und das Gefolge war zu Pferde, auf glänzenden Pferden mit gelben Sätteln; es waren wohl reiche Reisende, sie waren sehr schwer und dick, die Pferde bogen sich unter ihnen durch. Mitten unter diesen großen Herren ging Geißler zu Fuß. Es waren im ganzen vier Herren und Geißler, dazu noch zwei Diener, von denen jeder ein Lastpferd führte.
Auf dem Hofplatz stiegen die Reiter ab, und Geißler sagte: Da haben wir Isak, den Markgrafen selbst. Guten Tag, Isak! Du siehst, da komme ich wieder, wie ich gesagt habe.
Geißler war noch ganz der alte; obgleich er zu Fuß kam, schien er sich keineswegs geringer zu fühlen als die andern, ja, sein abgetragener Rock hing ihm lang und leer über seinen eingefallenen Rücken hinunter, aber sein Gesicht zeigte einen überlegenen und hochmütigen Ausdruck. Er sagte: Diese Herren und ich haben die Absicht, ein Stück weit den Berg hinaufzuwandern; sie sind zu dick und möchten ein wenig Speck loswerden.
Die Herren waren übrigens freundlich und gutmütig; sie lächelten zu Geißlers Worten und entschuldigten sich, daß sie wie im Krieg über den Hof hereinbrächen. Sie hätten Mundvorrat bei sich, würden ihn also nicht arm fressen, wären aber dankbar, wenn sie für die Nacht ein Dach über den Kopf bekommen könnten. Vielleicht dürften sie in dem neuen Gebäude da übernachten.