Seefahrt ist not!

Part 19

Chapter 194,010 wordsPublic domain

Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte, er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte, und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern, wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.

* * * * *

Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen, nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.

Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder, immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.

Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann kam auch all das andre wieder an die Reihe.

In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.

Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in tiefen, schweren Träumen.

Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen, verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken war!

Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen!

Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß mitnehmen mußten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden mußte!

»Morgen kummt Vadder gewiß,« tröstete er seine Mutter, als er sich das klamme Zeug auszog, sie aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle.

Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak, wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab, dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu verhindern, daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode käme, wie sein armer Vater, dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie hatten sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters, laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik,« flüsterte sie vor sich hin, »du schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich aus den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer halten würde, daß sie streng und hart sein müßte, denn der Junge saß voll von diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen, aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung war, mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie konnte es nicht ...

Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um die See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein Vater nicht wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde der See lag, da richtete er sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg, sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er und davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen und sein Vater könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle zusammen sagten!

Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein Vater müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte, da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten: mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.

Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen und kam deshalb erst spät am Abend zurück.

»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt, »wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?«

Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern.

»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend.

»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,« erwiderte er geruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«

Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen, weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.

Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer! Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte: nu hau mi man wedder!

* * * * *

Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst recht Störtebeker.

Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« -- »Wat schall dat denn, Junge?« -- »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« -- »Ik hebbs jo all to, Klaus.« -- »Ganz fast?« -- »Jo, ganz fast!« --

»Denn sünd wi up See, Mudder,« sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up -- dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken ... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is Hilchland! ...«

So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu. Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert.

»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur, de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«

Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.

* * * * *

Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer war er dann auf See bei seinem Vater.

Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm gewesen war, hatte sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.

Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach der See zu schippern und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke her und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken hätte, er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür, de wull jo god!

Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloß den Kohn verkäupen?« rief er heftig, »de hürt mi to un dor hett nüms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!« Als er sie dann aber nach dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los und brachte es nach dem Neß zurück.

Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.

War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!

Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe, ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus.

Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie schlug ihn, daß er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen.

Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen. Da saß er im Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und sagte grimmig: »Wi weut di woll mörr kriegen, du Dickkupp!«

Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wußte sich nicht mehr zu helfen.

»Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er, »hilp mi doch! Kumm doch wedder!«

Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein Seemann kam, ihm die Hände zu lecken.

»Hilp mi doch, Vadder!« ......

Letzter Stremel.

Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer geblieben ist.

Wir kurren in der Gegenwart.

* * * * *

Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Blätter von den Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.

Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat, sondern ihren Namen von der »Olive« bekommen hat, einem haverierten und abgeschlachteten Schiff, das zuerst den Anleger bildete) -- liegt die Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die neun Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler, für den Winterfang angenommen hat.

Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben mit den hamburgischen Türmen, die am Finkenwärder Deich die Todesflagge genannt wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefährlichste Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten der Nordsee, meilenweit hinter Helgoland. Da ist keine Reede und kein Hafen zu erreichen, wenn das Wetterglas fällt: alle Stürme müssen draußen ausgeklüst werden.

Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter können sich des Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten Seefischer, die jungen und starken, können diese Fischerei betreiben: aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer geworden, seitdem die Fischdampfer groß geworden sind: Winter und Sommer muß der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die Stürme hinein.

Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.

Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp, bunte Bänder und grüne Blätter -- so neu ist er.

Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat Teßmar, Farewell, Senator von Melle, Süllberg, Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus Störtebeker.

In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:

+----------------------+ | Klaus Störtebeker, | | Finkenwärder. | +----------------------+

Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein Vater und zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren lassen.

Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes! Dem jungen Klaus Mewes!

Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem kleinen Klaus Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen Zimmermann und was nicht alles machen wollten und aus dem doch nur eins werden konnte, in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater.

Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei eingebüßt. Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern fischen.

Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter den Füßen gehabt haben, vor dem großen, herrlichen Fischerkutter stehen, betrachten die glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug, und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den Schiffer, dem er gehört und der mit ihm nach See gehen kann.

* * * * *

Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren und ist hochgewachsen.

Drei Sprüche zieren sie.

Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch aus dem Ewer:

Hilpt mi, Sünn un Wind, hilpt mi bit Fischen! Ik heet Klaus Mees un bün van Finkwarder.

Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn -- und die letzte Koje schmückt das trotzige Wort:

Finkwarder blifft Finkwarder un geiht ne van de See!

* * * * *

Da kommt der junge Klaus Mewes.

Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten her. Er hat seinen Leutnant besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel voneinander.

»Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht bange,« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt: »Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See an! England ist Rom und wir sind Karthago -- goden Wind, Klaus Mewes!«

Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der ausgesehen hat: es ist, als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.

Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und höher hat auch er den Kopf nicht getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem Isländer und auf seinen Seestiefeln.

Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann. Nicht als finsterer Fliegender Holländer geht er einher: viel ähnlicher ist er dem blonden Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, nur von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich erobern wollte.