Part 11
Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck, wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.
Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her:
»Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig, kridderwidderwitt, den deen ik ne! Den sien Lohn is mi to wenig, Pillkantüffeln mag ik ne!«
Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was sollte ihm da die See tun können?
Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm das Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit vermacht wäre.
Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge, zu sagen: »Dat is ok jo wieder nix as Woter!« -- aber er verbiß es, denn er dachte: Erst ganz hin sein!
»Vadder, neem fischt wi nu?«
»Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne sehn!«
Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn es mehr sein sollte als die Elbe.
Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm, die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.
Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und ließ sich nichts merken.
Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N. z. W.
Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn am ersten davor zu bewahren.
Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte.
Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen.
»94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weest du doch!« »138?« »Jakob Mees.« »3?« »Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln hätten.
Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem Gedankenaustausch über das Wetter.
Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das nicht, nur das nicht!
Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück, daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte.
Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der Kehle stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.
Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde, sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden. Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre!
Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht geben!
Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der Seefischer ging nach vorn -- da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren -- schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im Gesicht! -- Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch -- da ging es wieder los: Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten Gesichts, dann aber mußte er sich geben. »Gliek ist all rut,« tröstete er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann regungslos auf der Ducht.
»Bang bün ik ober ne, Vadder,« sagte er matt, »bloß seekrank!«
»Schall ik di wedder an Land setten?«
Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war als die Luft in der Koje.
Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute.
Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.
Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im Norden blinkte.
Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.
Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d. h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus, dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in die Koje.
Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in den Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden,« sagte Klaus Mewes, »dorüm kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.«
Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste wie nichts Gutes hinter Helgoland.
* * * * *
In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.
Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der Morgenkaffee.
»Vadder, neem sünd wi?«
»Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne fischen könnt.«
»To Anker, Vadder?«
»Jo, Störtebeker!«
Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal so sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie nicht wiederkommen sollte.
»Blief man giern liggen,« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst, während er geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du ok nix, dat kann jo ne god gohn.«
Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann, der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu weut wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.
Denn siehe -- Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war, es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen und zu tanzen begannen.
»Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile.
»Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!«
»Dat segg man nich to hart,« rief der Knecht von der Diele.
»Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!«
»Non!« sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.
Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs, auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig verjagt werden.
Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.
Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen.
»Up Hilchland ist fein, Hein Mück.«
»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,« sagte Hein Mück aber und zog die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.
Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich heran.
An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die kleinen, kleinen Ewer und Kutter.
»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker. Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber brandete die See in dumpfem Grollen.
Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und krächzten.
Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn. »Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud weurn.«
Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder in ihr Recht und alle stürzten an Deck.
Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an seinem Ruder aus.
Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.
Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser, mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen.
Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und Knecht gingen in die Puk.
Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.
»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei, drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen gelassen hatten.
Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß. Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über die Reling.
Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und rief: »U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een -- den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!«
Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert, der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer, daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn deshalb in die Talje nehmen.
Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.
Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein zerbrochener Topf und ein großer Stein.
Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte, in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel ab und nahm seeseitigen Kurs.
Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.
Der erste Streek war getan.
* * * * *
Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.
Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.
Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten ja! »Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!« versicherte er immer wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.
Wie im Fluge verging die Zeit.
»Is so wiet,« sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!«
Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: »Kap Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«