Part 9
Sie hielt die Teetasse auf den Fingerspitzen, spielte die Dame auf Teebesuch.
Schwedenklee behandelte sie mit grausamer Höflichkeit. Er spielte den Herrn, der eine Dame auf Teebesuch bewirtet.
»Natürlich habe ich Freunde -- von früher her. Wir alle haben Freunde nur von früher her, aus der Jugend. Es ist allerdings wahr, meine Freunde haben sich wenig um mich bekümmert, und es ist ebenso wahr, daß ich mich wenig um sie bekümmerte.«
Er sprang auf und reichte ihr Feuer für die Zigarette.
Sie dankte. »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so lebhaft zu Dunker geraten hast!«
»Ist er also doch tüchtig?«
»Oh!« Nelly lächelte sonderbar, indem sie die Augen zur Decke hob. »Er ist ein wirklich moderner Künstler! Aber er ist keck --!« Schwedenklee sagte nichts. »Er ist sehr keck. Er verfolgt mich unaufhörlich mit seinen Anträgen.«
»Aber du bist ja kein Kind mehr, Nelly!« Oh, wie gleichgültig klang hier Schwedenklees Stimme!
Welch bösen Blick sie ihm gab! Aber sofort lächelte sie wieder gleichmütig. »Ich sagte ihm: spielen Sie Theater auf der Bühne!«
»Sehr gut!« lobte Schwedenklee und lachte.
Pause. Nelly forschte in seinem Gesicht.
»Du bist gar nicht eifersüchtig?« Nelly lachte.
»Eifersüchtig? Ich kenne dich ja, Nelly!« sagte Schwedenklee im Tone unerschütterlichen Vertrauens.
Nelly kokettierte über die Teetasse.
»Vielleicht kennst du mich doch nicht? Er ist ein netter Junge! Erst fünfunddreißig.« Sie lächelte anmutig.
Schwedenklee ignorierte diesen impertinenten Angriff. Dabei war er überzeugt, daß Nelly sich gar nichts aus Dunker machte -- es war ihm übrigens völlig gleichgültig.
»Er ist nett. Und was das Reizendste an ihm ist, er ist solch ein Kind. Er ist -- trotz allem -- ein kleiner Junge!«
»Wirklich?« Schwedenklee lachte anerkennend. »Gerade diese Naivität liebe ich bei Männern.«
Hier richtete sich Nelly in ihrem Sessel auf. Sie gab ihrem Kopf einen Ruck und schleuderte die Tasse auf den Teppich. Sie stand auf.
»Aber Nelly?« sagte Schwedenklee, scheinbar völlig erstaunt und gut gelaunt.
»Was zuviel ist, ist zuviel!« Nellys Brauen flogen in die Höhe.
»Aber ich bitte dich, Nelly!«
»Wenn du mich loshaben willst --«, schrie Nelly mit funkelnden Augen.
»Einen Augenblick ..« Schwedenklee schloß eine Türe.
»Ach so!« sagte Nelly, voller Hohn.
Schwedenklee wurde rot, seine Schläfe zuckte.
»Sie ist ein Mädchen«, sagte er beruhigend, aber seine Stimme zitterte etwas, im Gefühl der Befriedigung, ihren impertinenten Angriff von vorhin mit gleicher Impertinenz erwidert zu haben. »Sie soll sich erholen, und ich möchte jede Aufregung von ihr fernhalten.«
»Oh, welche Rücksichtnahme! Jede Aufregung von ihr fernhalten --!«
»Bitte, Nelly!« sagte Schwedenklee lächelnd, beschwichtigend.
Seine Ruhe und Gleichgültigkeit versetzten sie in Raserei. Ja, Schwedenklee war als Gegner nicht zu verachten, wenn es darauf ankam.
»Bitte, Nelly«, äffte sie ihm nach. »Ich möchte jede Aufregung von ihr fernhalten. Ja, ja! Halte mich nicht für so töricht ...«
Schwedenklee sandte ihr einen warnenden Blick zu. Er wußte -- und er empfand es triumphierend --, daß sie jetzt verspielen würde.
»Du hast dich in ein kleines Mädchen verliebt, das ist alles«, schrie Nelly außer sich. »Und alles andere -- das mit dem Freunde, mit der Doppelwaise, mit dem Selbstmordversuch, ist einfach eine dumme Komödie!«
Sie ist verloren, dachte Schwedenklee mit Befriedigung -- und schon mit einem gewissen Mitleid.
»Nelly!« sagte er beruhigend, beschwörend. »Ich schwöre dir, alles ist Wahrheit. Du bist heute sehr erregt --«
Ja, Nelly war verloren. Sie schrie, sie verleumdete, beschimpfte. Sie tobte und verließ rasend das Haus.
Schwedenklee tat aufs tiefste gekränkt und machte keinen Versuch, sie zurückzurufen.
»Es ist sehr schade«, sagte Schwedenklee, als er allein war und sich mit zitternden Fingern eine Zigarette anzündete. »Es ist sehr schade, daß man mit Frauen nicht offen sprechen kann. Nun gut, daß es zu Ende ist! Fort mit ihr! Fort mit allen -- ich will sie _alle_ nicht mehr sehen -- Gott sei Dank!«
Schwedenklee horchte an Ellens Türe. Kein Laut. Ellen hatte von der ganzen Szene nichts gehört.
Einige Wochen später aber sagte Ellen: »Es war einmal eine Dame bei Ihnen. Sie war sehr erregt. Ich möchte nicht irgendwie im Wege sein.«
»Aber Ellen! Wie können Sie so etwas denken. Sie sind zu jung, um das zu verstehen!«
18
Schwedenklee hatte sich völlig verändert. In all den Wochen von Ellens Genesung hatte er kaum das Haus verlassen. Ins Stammcafé kam er nicht mehr. Man wunderte sich. Gerüchte schwirrten. Ein Stammgast berichtete, Schwedenklee habe in einer Nacht, da er aus dem Café kam, eine junge Dame -- eine Lebensüberdrüssige -- aus dem Kanal gezogen und zu sich ins Haus genommen.
Er wies auf eine Notiz hin, die in den Zeitungen erschienen war. Architekt S. rettete eine Lebensüberdrüssige, die aus Liebeskummer in den Landwehrkanal sprang.
Kurzum, Schwedenklee erschien nicht mehr im Café, und eine Woche später war er schon vergessen: ganz als ob er tot wäre.
Schwedenklee holte seine großen Mappen aus der Bibliothek. In der Bibliothek befanden sich besondere Schränke, und in diesen Schranken standen die Mappen, die er vor Jahren hatte anfertigen lassen. Es waren zehn graue Mappen, herrlich gebunden -- manche enthielten gar nichts, manche enthielten ein, zwei Skizzen, andere mehrere. Die Mappe »Fabriken« war besonders umfangreich, die Mappe »Warenhäuser« ebenso. Die dickste Mappe hatte die Aufschrift »Städtebau -- Verkehr«.
Über diese Mappe gebeugt saß Schwedenklee in all den Nächten, da er den Schlummer Ellens bewachte.
Vor Jahren hatte er sich, man wird sich erinnern, mit verkehrstechnischen Problemen Berlins intensiv beschäftigt. Es waren seinerzeit sogar einige Notizen darüber in den Zeitungen erschienen. Es gab in Berlin ein halbes Dutzend Bahnhöfe: die Bahnhöfe der Stadtbahn, den Lehrter Bahnhof, den Potsdamer, Anhalter, Schlesischen Bahnhof -- es war, mit einem Wort, ein völliges Durcheinander.
Schwedenklee aber hatte in der Arbeit vieler Jahre eine Lösung gesucht und gefunden: von jedem beliebigen Punkte Berlins aus sollte man bequem jede Reiseroute antreten können!
Schwedenklee plante einen Riesenbahnhof, der gegenüber dem Reichstagsgebäude, mitten im Tiergarten, gelegen war und, über und unter der Erde, im Zusammenhang stand mit sämtlichen bereits vorhandenen Bahnhöfen.
Dieses interessante Problem fesselte ihn von neuem. Es schien ihm noch schwieriger, noch interessanter geworden zu sein. Ganze Nächte hindurch zeichnete er. Er plante die Veröffentlichung einer Broschüre, die Berlin, die Behörden verblüffen sollte.
Ellen genas.
Der Arzt sagte: »Sobald die Witterung es erlaubt, heraus aus der Stadt. Sie haben doch, höre ich, eine Besitzung auf dem Lande?«
»Ja.«
»Nun gut, dann sobald wie möglich aufs Land.«
Es war noch kalt, noch fiel Schnee, und schon machte Schwedenklee Pläne.
»Augusta,« sagte er, »halten Sie sich bereit. Wir werden bald aufs Land gehen. Ich hoffe, Sie haben genügend eingekocht --«
Zu Ellen sagte er: »Liebe Ellen, der Arzt will, daß du aufs Land in frische Luft kommst. Wir werden bald reisen. Aber, liebes Kind, wir müssen dich etwas ausstaffieren.«
Herrliche und ganz wundervolle Tage für Schwedenklee, da er mit Ellen einkaufte!
Wäsche, Kleider, Schuhe. Sie besaß ja _nichts_!
Ellen sträubte sich.
»Aber, erlaube doch,« sagte Schwedenklee, so bestimmt, daß Ellen nicht zu widersprechen wagte, »wir leben nun einmal in dieser Welt! Du mußt Kleider haben, Mäntel, Hüte, Schuhe ...«
Wochenlang waren sie in den Geschäften unterwegs.
Er stattete sie aus wie eine Braut, als ob sie seine Tochter wäre, die er zu verheiraten hätte.
Obschon nur Junggeselle, wußte Schwedenklee ganz genau, was eine junge Dame alles brauchte -- von den Taschentüchern angefangen bis zu den Unterleibchen und Gürteln, an denen die Strumpfbänder befestigt sind. Schwedenklee wußte genau, wie Taschentücher einer Dame gearbeitet sein müssen, wie der Besatz eines Hemdes auszusehen hatte.
Es war Schwedenklees höchste Freude, wenn er sah, wie Ellen errötete, weil sie sich in einem Kostüm, einem Mantel gefiel. Oder, wenn sie erregt wurde beim Befühlen von Linnen und Batist.
Ellen war äußerst bescheiden, sie widerstrebte, aber zuletzt gelang es ihm doch stets, sie umzustimmen. Zu Hause beobachtete er beglückt, wie sie Hüte und Mäntel vor dem Spiegel aufprobierte und die Erregung ihre Wangen färbte.
Es war ihm ein Genuß, mit Ellen auf der Straße zu gehen. Niemand ging vorüber, ohne daß sein Blick gefesselt auf ihrem Gesicht geruht hätte. Voller Stolz kassierte er all ihre Erfolge ein, die sie nicht einmal bemerkte. Sie ging leicht, ihr Schritt war leise, wie der ihrer Mutter, nie hatte er einen solch schwebenden Gang, eine solche natürliche Würde bei einer Frau beobachtet. Sie ging wie ein Tier, eine Katze vielleicht, unbewußt und schön, ihre schmalen Hüften spielten.
In einigen Geschäften gebrauchte man die Redensart: »Das gnädige Fräulein, Ihre Tochter --«
Schwedenklee wurde verlegen, zuweilen blutrot -- Ellen lachte wie ein Kind. Sie hatte die Gewohnheit, wenn sie schelmisch lachte, die oberen Zähne in die Unterlippe zu drücken und etwas mit den Augen zu blinzeln.
Einige Sommerkleider für Ellen ließ Schwedenklee bei einer Schneiderin Henrietta anfertigen, die er von Nelly her kannte.
»Ich begreife nun, weshalb Nelly so rasend eifersüchtig ist«, flüsterte die Schneiderin eines Tages in unverschämt zutraulichem Tone.
»Ich bitte Sie, die Kleider, so wie sie sind, sofort an mich zu senden und Rechnung vorzulegen«, schrieb Schwedenklee am gleichen Tage, empört, daß die unverschämte Person Nelly und Ellen in einem Atem zu nennen gewagt hatte. Ja, diesem Volke mußte man Manieren beibringen!
19
Endlich waren alle Einkäufe beendet. Koffer wurden gepackt. Der Tag der Abreise aufs Land wurde festgesetzt.
Der Zug verließ den Bahnhof.
»Nun gehörst du ganz mir«, dachte Schwedenklee triumphierend, und seine Erregung war so groß, daß seine Hände zitterten.
»Was denkst du?« fragte Ellen, verwirrt durch seinen Blick.
»Ich fürchte, Ellen wird sich langweilen«, erwiderte Schwedenklee lächelnd, um seine Erregung zu verbergen.
»Ich? Auf dem Lande? Oh, nie!« rief Ellen aus. Dann saß sie still, mit großen Augen, die erfüllt waren von Genugtuung, diese grauen Hauswände, zwischen denen der Zug sich durchzwang, hinter sich zu lassen.
»Gott sei Dank!« flüsterte sie und atmete auf, als die Stadt zu Ende war und die Wiesen kamen.
»Allmächtiger!« dachte Schwedenklee. »Wie wird es sein, wenn ich mit ihr allein sein werde?«
* * * * *
Schwedenklees Landgut »Siebenbirken« lag an der Ostsee, ganz in der Nähe von Warnemünde. Es lag nicht direkt am Meer, gewährte aber eine herrliche Aussicht über die See.
Der Name stammte von Schwedenklee selbst. Früher hatte dieses Bauerngut überhaupt keinen Namen gehabt, nur eine Hausnummer. Aber da gerade sieben Birken vor dem Hause standen, hatte Schwedenklee den Besitz sehr poetisch »Siebenbirken« genannt.
In einer Anwandlung von Weltflucht hatte Schwedenklee vor Jahren »Siebenbirken« gekauft. Er wollte allein, zurückgezogen, »wie ein Bauer« leben. Damals. Er hatte das Bauernhaus und die Wirtschaftsgebäude gelassen, wie sie waren, etwas krumm, plump, mit Stroh gedeckt, und ein Haus auf einem Punkte errichtet, der die schönste und vollkommenste Aussicht über die See bot. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr um »Siebenbirken« gekümmert. Er hatte einige Monate -- damals als er weltflüchtig war -- auf dem Landsitz verbracht und den Bau des Landhauses geleitet. Als der Bau fertig dastand, war er noch eine Woche geblieben. Aber am Ende der Woche hatte ihn das Grauen der Einsamkeit erfaßt. Noch in der Nacht hatte er gepackt: es war ja nicht auszuhalten! Mit dem Frühzug schon war er nach Berlin gefahren. Nur einige Male war er noch auf zwei, drei Tage in all den Jahren nach Siebenbirken gekommen, und stets hatte ihn das Gefühl trostloser Langeweile wieder vertrieben. Nein, nein, er hatte kein Talent, einsam zu leben! Verschiedenen Anwandlungen, das Landgut zu verkaufen, hatte er nur aus Trägheit nicht nachgegeben.
»Ahnte ich etwas?« sagte er sich heute, in sein Inneres horchend.
Der Bauer, an den das Gut verpachtet war, holte sie in einem wackligen Stuhlwagen ab.
Der Wagen war so klein, daß Augusta mit den Koffern und Kisten auf der Station warten mußte.
»Wie wunderbar! Wie herrlich!« rief Ellen mit leuchtenden Augen aus, als sie durch die scharfe Märzluft dahinfuhren. In den Wäldern lag noch da und dort Schnee.
»Wird es dir hier gefallen?«
Ellen nickte freudig.
Am ersten Tage hätte Schwedenklee nahezu die gute Laune verloren: die Mahlzeiten schienen ihm etwas sehr ländlich. Augusta ging mit Tränen in den Augen, fiebernd, aufgelöst, in der völlig kahlen Küche hin und her. »Es ist ja nichts da, gar nichts da!« sagte sie. Ellen hatte sich eine von Augustas Schürzen umgebunden und versuchte durch ihre Munterkeit Augustas Verzweiflung zu verscheuchen.
Am nächsten Tage fuhren Augusta und Ellen zur Stadt, um einzukaufen. Bepackt mit Töpfen, Schüsseln, Kochlöffeln, Sieben, Porzellan, Gläsern kehrte der Wagen zurück. Augusta strahlte.
* * * * *
Auf Siebenbirken lebten der Bauer mit seiner Familie, ferner zwei Pferde, drei Kühe, ein Rudel Schweine, etliche dreißig Hühner, einige Familien Gänse und Enten. -- Es gab einen Hund, eine Art Schäferhund, fahlgelb mit dunkelgrauen Rückenhaaren, mit Namen Strolly. Diesen Hund hatte Schwedenklee aufgezogen, zur Zeit, da er baute, und obschon er nur zwei-, dreimal auf das Gut zurückgekehrt war, hatte der Hund ihn wiedererkannt. Das rührte Schwedenklee. »Strolly«, furchtbar bissig und rasend allen Fremden gegenüber, war liebenswürdig, untergeben, sittsam und von äußerstem Entgegenkommen gegen Freunde. Schon am ersten Tage war er zu Ellen übergegangen, obschon ihn sein Feingefühl hinderte, es allzu deutlich zu zeigen. Sooft er Schwedenklee sah, tat er so, als ob er ihm die gleiche Anhänglichkeit bewahrt habe. Sobald aber Ellen nur sichtbar wurde, zeigte sich offen seine Heuchelei.
Es gab einen schwarzen, dicken Kater, Munki, der es liebte, sich auf den Schultern spazierentragen zu lassen, ein menschenliebendes Tier, das sich an den Beinen rieb, sobald man sich zeigte. Dick, befriedigt, glücklich saß der Kater auf Ellens schmaler Schulter. Am dritten Tage schon war auch er zu Ellen übergegangen.
Es gab eine Stute »Lotte«, die -- ein Phänomen -- mit der Zunge eine Türklinke hob, sobald sie neben dem Pferdestall Stimmen hörte.
Es gab zwei Hähne, einen dicken alten, mit in hundert Schlachten zerzausten Federn, und einen jungen -- schlank, graziös, mit den Bewegungen eines Fechters --, die sich wie Teufel bekämpften. Zuweilen wurde der jüngere von dem alten bis tief hinein in den Wald gejagt.
Es gab ein kleines Schwein, das zärtlich war wie ein Hund und sich gerne den Kopf graulen ließ. Das waren die Besonderheiten von Siebenbirken, sonst war es ein Landgut wie jedes andere. Nicht zu vergessen eine Gans, die -- ein Einzelgänger, nicht auf dem Hof gebrütet -- von den übrigen Gänsen verleugnet und gehaßt wurde und den Menschen wie ein Hund folgte. Sonst wie überall: Geschrei, Gegacker, Lärm, Blöken, und die Jauche rann aus den Ställen in den großen Misthaufen des Wirtschaftshofes.
Beglückt beobachtete Schwedenklee, daß Ellen auf dem Gute auflebte. Vom Morgen bis zum Abend war sie unterwegs in Ställen und Scheunen. Munki, der schwarze Kater, saß auf ihrer Schulter, Strolly sprang ihr bis an die Ohrläppchen -- und sie zankte den fetten Hahn aus, der sich gegen den jungen, den sie »Spanier« nannte, albern und eifersüchtig benahm. Die Blässe ihres Gesichtes verlor sich, zartrotes Geäder erschien auf den Wangen. Ihre Stimme zwitscherte fröhlich.
Nur dann und wann saß sie in sich versunken abseits, den Blick gequält in die Ferne gerichtet. An diesen Tagen sprach sie nur selten, leise, die Stirn zerknittert. Ihr Blick war verschleiert von Schwermut, die Gedanken ferne.
Ein Zittern durchrieselte sie, wenn man sie berührte. Abends brannten dann zwei Kerzen in ihrem Zimmer, und am Morgen erschien sie bleich, verstört, mit geröteten Augen. Aber immer seltener wurden diese Anfälle schwerer Traurigkeit, die Schwedenklee, besonders anfangs, sehr beunruhigten.
Ellen interessierte sich für alles, was in der Wirtschaft vorging. Sie war als Stadtkind nur flüchtig mit dem Lande in Berührung gekommen. Was für Futter erhielten Hühner und Schweine, weshalb wurde der Acker gewalzt, wie kam es, daß der Klee zwei, drei Jahre stand, was war eigentlich »Winterroggen«, von dem so viel die Rede war -- über all das konnte sie nicht ausführlich genug mit dem Bauer sprechen, und sie fragte auch Schwedenklee unausgesetzt, Schwedenklee, der kaum Weizen von Roggen zu unterscheiden vermochte.
Als die Pferde zum erstenmal auf die Koppel durften, war es ein richtiger Festtag für Ellen. Sie selbst brachte die Pferde in den Stall zurück. Sie lernte sogar das Melken der Kühe. Schwedenklee hatte sich nie überwinden können, das Euter einer Kuh zwischen die Finger zu nehmen.
»Dir gefällt es hier?« Seine größte Sorge war, daß es ihr schließlich doch nicht gefallen könnte. Allein, fern von allen Menschen wollte er sie haben. Ja, so mußte es sein, grenzenlos war sein Egoismus, das Schicksal hatte gesprochen.
»Wir werden also hierbleiben? Du wirst sehen, es ist gar nicht zu langweilig. Wenn erst die Badegäste kommen werden.«
Ellen zog die Braue hoch, ihre feine nervöse Braue. »Ich will keine Menschen sehen!«
Wie dankbar war Schwedenklee.
»Du willst also vorläufig nicht nach Berlin zurückkehren?«
»Berlin?« Ellen war entsetzt. »Ich will bei Strolly und Munki bleiben!«
Schwedenklees Gesicht wurde dunkel: er war eifersüchtig auf die Tiere ...
20
Schwedenklee hatte sich von dem Dorftischler einen großen Zeichentisch nach eigener Angabe anfertigen lassen. Hingegeben an seine Idee zeichnete er: er hatte nun den großen Berliner Zentralbahnhof weiter in den Tiergarten hinein verlegt. Er brauchte -- ja, was er brauchte, das war vor allem Platz! Monumentalität, Raum, Auffahrts- und Abfahrtsalleen! Nicht, daß man nach zehn Jahren sagte: bei aller Genialität, Schwedenklee hat es nicht verstanden, zehn, zwanzig, fünfzig Jahre in die Zukunft zu blicken. Eine Stadt wie Berlin ging wie eine Mine hoch! Also Raum -- immer tiefer hinein in den großen Tiergarten --.
Aber schon nach kurzer Zeit beschäftigte ihn eine neue Idee leidenschaftlich.
Das Landhaus war zu klein! Es war nur für ihn, Schwedenklee, berechnet. Er hatte es seinerzeit mit Absicht so klein gehalten: anders würden ihn, hatte er befürchtet, fortwährend Bekannte überlaufen! Von einem kleinen, sehr bescheidenen Gastzimmer abgesehen, das unter dem Dache lag, enthielt es nur drei Zimmer. Schwedenklee hatte sich auf einen Raum beschränkt, Ellen bewohnte das andere Zimmer, dazwischen lag die »Halle«, die als Speiseraum diente. In dem Giebelzimmer hauste Augusta.
Schwedenklee beschloß, das Landhaus in großem Stil auszubauen. In großem Stil? Nein, in allergrößtem Stil, mochte es kosten, was es wollte. Tagelang tat er geheimnisvoll. Als er mit sich im reinen war, rief er Ellen an den Zeichentisch.
Sie kam, den schwarzen Kater auf der Schulter. Strolly sah eifersüchtig zum Fenster herein und winselte flehentlich.
Lieber Himmel, was für ein stattliches Gebäude das Landhaus plötzlich geworden war! Nach beiden Seiten und nach der Höhe baute Schwedenklee aus.
Ellen stimmte allen Plänen zu. So und so -- erklärte Schwedenklee. »Und du sollst ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer haben -- mit einer kleinen Loggia.«
»Oh, wie fein!« rief sie aus. »Aber ich brauche alles gar nicht. Ich bin so zufrieden mit meinem Zimmer!«
»Und hier, siehst du, werden wir das Badezimmer hinausbauen!«
Schwedenklee schwebte eine Art Glashaus vor: in der Mitte ein versenktes Bassin, ringsum eine Art Gewächshaus mit Palmen, Blattpflanzen, Kakteen. Schwedenklee sprach mit auffallend unsicherer, stotternder Stimme. Ellen war hell begeistert.
Schwedenklee verlor sich in Einzelheiten. Erschrocken und fast mystisch erregt erinnerte er sich, daß er die gleichen Pläne, ganz die gleichen, mit Ellens Mutter, der unglücklichen Ellen, in vielen Stunden durchgesprochen hatte! Sein Atem stockte. Wie viele Jahre ist es her? Und nun steht sie hier, ihre Tochter --! Jetzt aber sollten die Pläne Wirklichkeit werden!
»Und dann,« sagte er, atemlos vor Erregung -- denn Ellen schmiegte sich, zärtlich, mädchenhaft, an seine Schulter -- »weißt du, wenn alles fertig ist, was ich dann tun werde?«
Ihr schönes reines Auge blendete. »Nein.«
»Dann werde ich Siebenbirken der kleinen Ellen schenken.«
»Ich will es nicht haben!« rief Ellen aus, und ihr Blick verriet Unsicherheit und Argwohn. Sie löste leise die Hände von seiner Schulter und lief verlegen lachend davon.
»Meine Freude!« stammelte Schwedenklee und erhob sich schwankend, indem er ihr mit den Blicken folgte.
21
Schon in der nächsten Woche kamen die Werkleute, und der Umbau und Ausbau des Hauses begann. Es wimmelte auf Siebenbirken plötzlich von Handwerkern.
Schwedenklee erhob sich schon am frühen Morgen. Er ging mit dem Meterstab hin und her. Er fertigte für Maurer und Zimmerleute und Tischler Detailzeichnungen an.
Man muß es zugeben, in den letzten Jahren war Schwedenklee die Entschlußkraft einigermaßen abhanden gekommen. Er sollte zum Beispiel einen wichtigen Brief schreiben. Er konnte sich nicht dazu aufraffen. Da ist dieser Brief, dachte er, es wird höchste Zeit! Aber die Tinte war dick geworden. Der Brief unterblieb.
Schwedenklee hatte sich sehr geändert. Er sieht, daß eine Latte an einem Zaun lose ist. Sofort holt er Hammer und Nägel und hämmert, daß es lustig widerhallt.
Da steht ein alter Fliederbusch, dessen Blätter matt herabhängen. Schwedenklee hätte früher nie einen Finger gerührt. Jetzt holte er sofort einen Hammer und einen langen Zimmermannsnagel und meißelt Löcher in den zementharten Lehm rings um den Stamm.
»Was tust du?« staunt Ellen, hingerissen und voll äußerster Verwunderung.
Schon schleppt Schwedenklee Wasser heran und gießt die Löcher voll, sorgfältig, geduldig, bis der Zement sich erweicht. Schon am zweiten Tage stellen sich die matten Blätter des Fliederbusches steif und prall. Und Ellen staunt!
Schwedenklee ließ sich wiegen -- auf derselben Wage, wo die Schweine, in einem Holzverschlag, gewogen wurden. Sein Gewicht war außerordentlich hoch. Er verschwieg es! Aber man sah ihn nun schon am frühen Morgen mit dem Spaten im Garten. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts den ganzen Tag über. Nach einer Woche hatte er bereits fünf Pfund verloren.
Nun begann Schwedenklee schwere Steine, Feldsteine, die in Massen an einer Hecke angehäuft waren, zu schleppen und zu rollen. Er hatte beschlossen, einen Steingarten zu bauen. Der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirne.
In dieser Woche nahm er acht Pfund ab. Schon waren ihm die Hosen zu weit. Sein Gang war leichter, er lief sogar zuweilen, allerdings nicht lange, da ihm der Atem kurz wurde. In seine schlaffen Arme kam wieder Kraft.
Zuweilen strichen Radfahrer flink an Siebenbirken vorbei. Mit einem merkwürdigen Interesse sah Schwedenklee diesen flinken Radfahrern nach.
»Kannst du radfahren, Ellen?« fragte er eines Tages, voller Entschlossenheit.
»Nein!«
»Vielleicht wäre es hübsch, Partien zu machen?«
»Oh!«
Schon fuhr Schwedenklee in die Stadt und brachte zwei funkelnagelneue Räder mit.
Ja, bei Gott, vielleicht hatte Schwedenklee sich doch etwas zuviel zugemutet! Er fuhr vor etwa zwanzig Jahren Rad und glaubte nicht, daß es möglich wäre, diese Kunst zu verlernen? Kaum aber hatte er das Rad bestiegen, als er schon auf der anderen Seite in das Gras hinabstürzte. Augusta lachte, Ellen lachte, die Handwerker lachten. Wurde Schwedenklee böse? O nein, auch Schwedenklee lachte. Kühn fuhr er einige zwanzig Meter geradeaus, um bei einem Holzhaufen zu kentern.