Part 6
»Einen Bettler, sage ich, was bin ich sonst? Sie verkehren mit einem vom Unglück Gezeichneten auf gleich und gleich -- unterbrechen Sie mich nicht -- wer tut das noch? Es ist das _Alleraußergewöhnlichste_ in der heutigen Gesellschaft! Sie bewirten einen Mann, der gewissermaßen an einem Wendepunkt Ihres Lebens als Ihr Rivale auftrat. Wie gut Rosa Sie doch kannte! Sie kennen keine Vorurteile, keine kleinlichen Gefühle.«
»Ich bitte!« stammelte Schwedenklee, aufs tiefste beschämt. Nichts ist ja peinlicher, dachte er, als derartige Lobeshymnen anhören zu müssen. Mein Himmel, diese liebe Ellen, was für Vorstellungen sie wohl von mir gehabt haben mag!
* * * * *
»Dieses Glas dem Gedächtnis Rosas!« sagte Blank feierlich nach dem dritten Glase und ließ den Wein im Licht funkeln. Obschon den Tod im Antlitz, sah er schön aus in diesem Augenblick. Später, wenn Schwedenklee sich an den Abend erinnerte, sah er Blank immer in dieser Geste vor sich.
Schwedenklee tat ihm Bescheid.
Aber Blank erhob sich vom Sitze, und so konnte auch Schwedenklee, dem jede Exaltiertheit ein Greuel war, nicht sitzenbleiben. Wenn er nur diese theatralischen Manieren sein ließe, dachte er, tief unglücklich.
Lange verharrte Blank in Schweigen und Versunkenheit. Aber seine Augen, ohne Blick auf einen Stich an der Wand gerichtet, leuchteten verklärt.
Augusta servierte mit verdrossener Miene den Nachtisch.
Plötzlich fühlte Schwedenklee Blanks Auge auf sich gerichtet. Er hob die Lider und begegnete einem forschenden, sonderbar und befremdend forschenden, grübelnden, bohrenden Blick, dessen Ausdruck sich indessen augenblicklich änderte.
»Ich dachte eben --« begann Blank mit sonderbar leiser, heiserer, zerstreuter Stimme.
»Sie dachten --?«
»Ja.« Blank sammelte sich. »Ich dachte: wie merkwürdig es ist, daß wir beiden hier beisammensitzen.«
»Was ist daran so merkwürdig?« sagte Schwedenklee, schon etwas gelangweilt. Was kümmerte ihn schließlich dieser Blank, was kümmerte ihn schließlich diese Ellen? Nichts, letzten Endes gar nichts. Er fing an, die Einladung zu bereuen.
»Merkwürdig ist natürlich ein falscher und völlig unzulänglicher Ausdruck«, fuhr Blank mit leiser Stimme fort. »Dieser Augenblick bedeutet mehr! Er ist erhaben, nichts anderes als erhaben! Wir drei -- geeint -- in diesem Augenblick!«
»Wir drei? Geeint?«
»Ja!« Blanks Augen weiteten sich. »Nur uns beide, Sie und mich, hat diese wunderbare Frau in ihrem Leben geliebt. Hier sitzen wir beide nun -- und sie -- sie ist bei uns! Und sie ist glücklich!«
Es entstand eine Pause.
»Glauben Sie denn an diese Dinge?« fragte Schwedenklee dann betroffen und etwas bleich.
»Ob ich daran glaube? Es ist für mich Gewißheit, daß sie in diesem Augenblick gegenwärtig ist. Ich empfinde es deutlich. Ein Strom von Glück durchrinnt mich. Sie segnet uns aus einer unbegreiflichen, vollkommeneren Welt.«
Schwedenklee schüttelte den Kopf.
»Der Gedanke wäre unerträglich, daß Verstorbene uns beobachten.« Er erhob sich sogar vor Erregung.
»Weshalb unerträglich?« Blank lächelte voller Nachsicht.
»Ja, unerträglich!« wiederholte Schwedenklee an Stelle einer Antwort und sah gereizt aus. Er ist doch wahnsinnig, dachte er, ganz im geheimen.
Blank schwieg und versank in Gedanken. »Sie war ein Genie der Liebe«, hub er nach langer Pause, als spräche er für sich, von neuem an. »Stellen Sie sich eine Pflanze vor, die täglich neue Blüten treibt, immer schönere, immer herrlichere Blüten -- so war sie! Sie konnte lieben, wie nie ein Mensch liebte! Die Liebe machte sie genial, schöpferisch. Denken Sie, sie wachte eine ganze Nacht, saß aufrecht neben mir und sagte am Morgen: ich wollte dich eine ganze Nacht lang atmen hören! Denken Sie: Rosa war eine leidenschaftliche Raucherin. Sie rauchte zwanzig bis dreißig Zigaretten am Tage. Wenn ich aber verreiste, auf ein Gastspiel, und sie konnte nicht mitkommen -- all die zwanzig Jahre waren wir zusammengerechnet nicht vier Wochen voneinander getrennt! -- so rauchte sie nicht. Das sind natürlich nur geringfügige Beispiele, schlecht gewählt dazu. Tausende solcher Züge könnte ich Ihnen berichten. Sie war ein unerschöpfliches Wunder. Nein, mein verehrter Freund, Sie haben sie nicht gekannt! -- Gottlob, sage ich,« fügte er mit einem eigentümlichen, verletzenden Lächeln hinzu, »denn sonst wären Sie _seinerzeit nicht eine Stunde länger in Paris geblieben. Nicht eine Minute!_« Triumphierend rief Blank dies plötzlich mit seiner heiseren Stimme Schwedenklee ins Gesicht.
Schon keimte ein sonderbares Gefühl des Neides in Schwedenklee auf. Und Unmut über das Betragen seines Gastes. Man soll mit Leuten vom Theater nichts zu tun haben, dachte er. Diese Pathetik, diese Theatralik, die Bühne verdirbt den Menschen! Er wurde dunkelrot im Gesicht.
Blank entging diese Veränderung Schwedenklees völlig.
»Rosa erwartete Sie damals!« fuhr er geheimnisvoll und erregt fort. »Ich sagte Ihnen ja, in der ersten Minute -- unvergeßlicher Augenblick! -- fiel Ihr Name. Ihr Name war es ja, der rasch eine Verbindung zwischen uns herstellte, erst später begriff ich es. >Schwedenklee,< sagte sie, >oh, Sie kennen ihn? Er wird wohl in den nächsten Tagen ebenfalls hier sein!<«
»Sie glaubte also, daß ich kommen würde?«
»Sie äußerte diesen Gedanken wiederholt. Aber Sie kamen nicht. Vierzehn Tage lang wurden Sie erwartet. Dann sprach sie nicht mehr davon. Aber ich fühlte deutlich, daß sie litt.«
»Litt?«
»Ja. Ich -- ohne Besinnung vor Eifersucht -- fühlte es allzu deutlich.«
»Ich hatte seinerzeit -- bestimmte Studien hielten mich in Paris fest --«
Spöttisch war Blanks Blick. »Ich zitterte -- ich spreche offen -- jeden Tag, daß Schwedenklee eintreffen könne. Aber Schwedenklee _kam nicht_!«
»Nein!« warf Schwedenklee mit schwankendem Blick ein. »Er kam nicht!«
»Und da fühlte ich -- beruhigt, daß Sie Rosa in Wahrheit nicht liebten. Sie waren ja unabhängig, Sie konnten reisen --«
»Ich? Wieso? Woraus schließen Sie, daß ich Rosa oder Ellen nicht liebte?« Schwedenklee setzte sich zur Wehr.
»Weil Sie nicht kamen!« triumphierte Blank.
»Das sagt nichts«, knurrte Schwedenklee.
»Doch, es sagt alles!« ereiferte sich Blank, unter dessen Augen rote Flecke erschienen, in großer Erregung. »Sie hätten kommen _müssen_!«
»Aber Sie sehen ja, daß ich nicht _kam_!« rief Schwedenklee, ebenfalls außerordentlich erregt.
»Ja!« Blank lehnte sich triumphierend zurück. Sein Auge funkelte. »In der Tat, Sie kamen nicht! Sie waren leichtsinnig, Sie ahnten gar nicht die Bedeutung dieser Tage! Sie ahnten gar nicht, daß es um das Glück Ihres Lebens, um Ihr Lebensglück ging --«
»Sie werden mir mehr und mehr unverständlich, Herr Blank«, entgegnete Schwedenklee und zog die Brauen hoch.
»Wieso? Aber ich bin ja der einzige, der ermessen kann, was Sie weggegeben, was Sie verschwendet, was Sie achtlos fortgeworfen haben. Ich! Ich allein! Zwanzig Jahre Glück -- wissen Sie, was das bedeutet?« rief Blank triumphierend aus. »Verstehen Sie, was zwanzig Jahre Glück bedeutet? Als Rosa starb, küßte ich sie, und ich fühlte, wie sie versuchte, mich wiederzuküssen, obschon sie halb bewußtlos war. Ich küßte sie, als sie schon erkaltete. Das ist das Glück von zwanzig Jahren! Verstehen Sie? Ich küßte sie in den Tod. Und wenn ich sterbe -- bald! -- so werde ich ihr meine Küsse _entgegensenden_! Das ist das Glück von zwanzig Jahren. So steht es also. Sie sind reich -- ich bin ein Bettler und weiß nicht, wovon ich morgen leben soll. Und doch: ich würde für nichts mit Ihnen tauschen, für nichts!«
Hier wurde Schwedenklee wirklich böse.
»Schweigen Sie doch endlich!« schrie er, indem er aufsprang, rot vor Zorn.
Blank, der sich in der Erregung ebenfalls erhoben hatte, taumelte, wie von einem Schlage getroffen, zurück. Er rang nach Atem. Dann streckte er Schwedenklee flehend die mageren Hände entgegen, er rang diese Hände, daß die Finger knackten.
»Verzeihen Sie mir!« schrie er. »Ich weiß nicht, was ich tue!« Er war einer Ohnmacht nahe. »Ein Glas Wasser!« stammelte er, und Schwedenklee sah, daß sich ganz plötzlich Blanks von hundert Fältchen zerknitterte Stirn mit unzähligen kleinen Schweißperlen bedeckt hatte.
Mit zitternden Händen griff er nach dem Glas Wasser. Sein Blick war scheu, Vergebung heischend. Der Blick eines Menschen, der Jahre hindurch sich demütigen mußte -- oh, wie abscheulich!
* * * * *
Ja, grausam und unerbittlich sind die Menschen. Ein Mensch mit 39 Grad Fieber kommt zu ihnen -- trotz dem Fieber! Sie sind gerührt. Aber wenn der Fiebernde sich nicht wie ein normaler Mensch benimmt, gleich verwünschen sie ihn.
Als man bei Kaffee und Likören in der Bibliothek saß, hatte Blank sich vollkommen wiedergefunden. Man plauderte über Theater, Oper, Bühnenkünstler, Dirigenten, und Blank wußte anregend zu erzählen. Der Name Rosa-Ellen fiel nicht mehr.
Schließlich erhob sich Blank und ging an den Flügel.
»Einmal noch wollen wir es versuchen!« sagte er, und seine langen blassen Finger glitten scheu und zögernd, als fehle ihm der richtige Mut, über die Tasten.
Großer Ernst war über sein weißes Antlitz gebreitet. Er sang. Eine italienische Romanze, schwermütig, mit Anläufen der Hoffnung, zuweilen geheuchelt heiter. Schwedenklee verstand nicht ganz den Text.
Blanks Stimme klang anfangs heiser und kraftlos, bald aber leuchteten einzelne Töne klar und hell auf, und schließlich floß die Stimme groß und gleichmäßig dahin. Mit Inbrunst, erschüttert sang Blank, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Welch herrliche Stimme er gehabt haben muß, dachte Schwedenklee, der sich bedrückt in eine Ecke zurückgezogen hatte.
Da machte ein hartnäckiger Hustenanfall Blanks Gesang ein Ende. Er führte das Taschentuch an die Lippen.
Entmutigt und still erhob sich Blank, den Blick zu Boden gerichtet.
Er reichte Schwedenklee die Hand.
»Leben Sie nun wohl, Herr Schwedenklee, und Dank für diesen Abend!« sagte er und wandte die glänzenden Augen Schwedenklee zu.
* * * * *
Auch Schwedenklee griff nach dem Hut.
»Ich bitte dringend, sich nicht bemühen zu wollen.«
»Ich habe das Bedürfnis, noch ein paar Schritte zu gehen.«
Schweigend gingen sie die dunkle Straße hinab.
»Wie lau die Luft ist,« sagte Schwedenklee, sich verlegen räuspernd, »es wäre Zeit, daß der Frühling endlich käme.«
»Es wäre wirklich Zeit!« antwortete Blank in Gedanken.
Endlich faßte sich Schwedenklee ein Herz. Er begann damit, wie erfreut er wäre, ihn, Blank, näher kennengelernt zu haben. Wie gesagt, er hoffe, daß sein Gesundheitszustand sich bald bessere. Nun wisse er ja wohl, daß es ihm zur Zeit schwierig sei, seinem Körper jene Pflege angedeihen zu lassen, wie es geboten sei. -- Kurz und gut, Schwedenklee nahm einen Brief aus der Tasche.
Blank hatte argwöhnisch auf Schwedenklees Rede gelauscht und fuhr nun entsetzt zurück. »Nie, nie werde ich unser freundschaftliches Verhältnis beflecken«, rief er mit großer Geste aus.
»Aber gerade, wenn Sie das Wort Freundschaft gebrauchen --«
»Nie, niemals.«
Schwedenklee hatte wie gewöhnlich in seiner Unbeholfenheit nicht die richtige Form gefunden. In der letzten Minute, er wollte den Brief schon entmutigt einstecken, fielen ihm die rechten Worte ein. Er sprach davon, daß man einem Freunde die Erlaubnis einräumen müsse, in besonderen Fällen ein bescheidenes Darlehen --.
Blank schien zu schwanken.
»Wenn ich Ihr großherziges Anerbieten annehme, so geschieht es aus Gründen, die ich Ihnen nicht auseinandersetzen kann!« sagte er dann mit einem tiefen, langen Blick und nahm den Brief unter Dankesversicherungen in Empfang.
»Sobald ich in der Lage sein werde ...«
»Keine, nicht die geringste Eile!«
Es gelang schließlich Schwedenklee sogar, Blank in eine Droschke zu stopfen, deren Kutscher er entlohnte.
»Und wenn Sie einmal einen freien Abend haben, Herr Blank?«
»Ich werde Ihre Güte nicht mißbrauchen. Dank und leben Sie wohl -- für immer!« rief Blank. Und dann, schon in der Droschke, fügte er noch einige Worte hinzu, denen Schwedenklee an diesem Abend keinerlei Bedeutung beimaß. Er sagte: »Ich bin glücklich, Sie näher kennengelernt zu haben. _Wie wichtig das für mich ist, werden Sie vielleicht einmal erfassen._« Aber, wie gesagt, Schwedenklee beachtete diese Worte an diesem Abend kaum.
Blanks bleiche Hand winkte aus dem Fenster. Die Droschke rollte davon und im Nu war sie unter anderen Gefährten untergetaucht.
»Nun, Gott sei Dank, das wäre überstanden!« sagte Schwedenklee zu sich selbst. »Großer Gott, was für Elend gibt es auf dieser Welt.«
Schwedenklee fühlte sich erleichtert und befreit von einem Schuldbewußtsein, das ihn quälte, ohne daß er bestimmte Ursachen hätte angeben können.
Das Schicksal seiner Mitmenschen, ja sogar seiner Bekannten und Freunde, kümmerte Schwedenklee, der immer mit sich selbst beschäftigt war, nicht allzusehr. Von Zeit zu Zeit hatte er das Bedürfnis, diese Gleichgültigkeit, die er recht wohl als Mangel empfand, durch irgendeine gute Handlung zu sühnen. Er schenkte, zum Beispiel, einer armen Frau, die fünf Kinder hatte, eine Summe Geldes, einen Posten Wäsche und Kleider.
So hatte er Blank heute eine ziemlich große Summe aufgedrängt, um Ruhe zu finden vor peinigenden Gedanken, Reflexionen über die heutige Gesellschaft, Ungerechtigkeit der sozialen Schichtung und andere peinliche Dinge.
Beruhigt ging er zu Bett.
Sein Schlaf indessen war unruhig. Er träumte von Ellen. Sie hatte ihren Koffer gepackt, bereit abzureisen. Er brachte sie in einem Wagen zur Bahn, aber schon angesichts der glühenden Uhr des Bahnhofs befahl sie dem Kutscher zu wenden und zum Hotel zurückzufahren. Später, da stand sie schon im Zuge, der Zug fuhr schon an, aber sie sprang im letzten Moment -- zum Erstaunen und Schrecken aller Reisenden, die laut aufschrien -- aus dem Zuge. Ich kann nicht, ich kann nicht, schrie sie. Da verfiel Schwedenklee -- im Traum -- auf einen infamen Gedanken. Er beschwätzte Ellen, daß er mit ihr reisen werde. Sie war überglücklich, und sie fuhren zusammen. Bei der ersten Station verließ er heimtückisch den Zug. Es war eine Station voller Dunkelheit und Düster, und er sah das schöne glückliche Gesicht der Ahnungslosen an sich vorübergleiten.
Hier erwachte Schwedenklee. Er war heiß, unruhig und voller Ängste. Die Nacht war finster und lang. Vielleicht, dachte er, wäre ich mit dieser Frau glücklich geworden? Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich das Glück meines Lebens leichtsinnig fortgeworfen?
Am Morgen erinnerte er sich deutlich an den Traum. Wie sonderbar, dachte er, Ellen reiste in der Tat schwer ab. Wir telegraphierten sogar an das Theater, jetzt erinnere ich mich. Aber ich wünschte, daß sie reiste, denn -- ich hatte ja schon eine Verabredung mit ihrer Freundin, dieser rotbäckigen, stupsnäsigen Schwedin -- wie hieß sie? -- Fräulein Svenska. Ja, leichtsinnig ist die Jugend.
»Welch ein Schuft bist du doch gewesen, Schwedenklee!« sagte er zu sich. »Und diese Frau hat dich vielleicht wirklich geliebt!«
11
Ellen -- Blank -- schon nach kurzer Zeit streifte Schwedenklee das immerhin nicht alltägliche Erlebnis nur noch selten in seinen Gedanken. Er hatte die Verbindung mit Fräulein Wiedehopf wieder aufgenommen, und seine Beziehungen zu der jungen Dame waren rasch vertraut geworden, in viel kürzerer Zeit, als er anfänglich beabsichtigt hatte. Er hatte Verpflichtungen, war wenig zu Hause, seine Gedanken waren durch die neue Freundschaft hinlänglich beschäftigt.
Etwa zwei Wochen nach jenem Abendessen, als er nachmittags gerade das Programm zu einem Ausflug entwarf, klopfte Augusta und meldete Blank.
»Herr Blank wartet mit einem Wagen vor der Türe.«
»Wer?«
»Herr Blank. Der Herr von neulich!«
Ungläubig und etwas verwirrt starrte Schwedenklee auf Augusta -- schon kam ihm Blank mit ausgestreckten Händen entgegen.
»Ich hatte gelobt, Ihre Liebenswürdigkeit nicht mehr zu mißbrauchen!« rief er lebhaft aus. »Sie sehen, ich bin schwach geworden. Wenn Sie mich nicht tief unglücklich machen, kränken wollen, müssen Sie mir erlauben, Sie zu einer Wagenpartie nach dem Grunewald einzuladen.«
»Ich bin leider gerade sehr beschäftigt, Herr Blank.«
»Nein, nein, verletzen Sie mich nicht, ich bitte Sie! Geben Sie mir Gelegenheit, mich für Ihre Einladung zu revanchieren.«
Schwedenklee fand sich noch immer nicht zurecht. Wagen -- Grunewald -- und wie sah Blank aus? Er war kaum wiederzuerkennen!
Er trug einen noch recht ordentlich aussehenden dunkeln Ulster, einen neuen Hut, neue Schuhe -- und seine Blässe war völlig verschwunden. Sein Gesicht war leicht und gleichmäßig gerötet, wie das eines gesunden, glücklich erregten Menschen. Erst später fand Schwedenklee, daß diese Röte von hohem Fieber herrührte.
Blanks Augen strahlten vor Freude, es war Schwedenklee ganz unmöglich, ihn zu enttäuschen. Er bat noch um eine Minute Geduld.
»Ich werde dem Kutscher unterdessen Bescheid sagen. Sie essen doch im Grunewald mit mir?«
Nun rollten sie dahin.
»Mein Freund!« rief Blank unter lebhaften Gesten aus. »Ich sehe, Sie sind außerordentlich erstaunt. Ich bin es ja selbst! Noch immer kann ich es nicht fassen. Wissen Sie denn, was geschehen ist? Niedergebrochen, erschöpft, in Verzweiflung, habe ich plötzlich neuen Lebensmut bekommen. Ahnen Sie, was das bedeutet? Neuen Lebensmut? Ich fange wieder an zu hoffen. Vielleicht -- ja wer weiß es, aber ich habe immerhin die Hoffnung --, vielleicht hat das Schicksal in einer guten Laune beschlossen, mir so etwas wie einen Nachsommer zu schenken! He, Kutscher, fahren Sie doch etwas hurtiger, nicht so langsam!«
»Ich freue mich aufrichtig, Sie zuversichtlicher zu sehen!«
»Und das kam so, mein lieber und verehrter Herr Schwedenklee! Hören Sie nun. Sie, mein verehrter Freund, Sie sind die Ursache! Ja! Ihr, wie sagten Sie in Ihrer großen Güte, Ihr Darlehen -- damit begann es. Mein Himmel, was ist seitdem alles geschehen! Ich bin verwirrt, kindisch geradezu. Ich hatte den Mut, die Selbstüberwindung, Ihren Brief nicht sofort zu öffnen. Bei jeder Laterne kämpfte ich mit mir. Nein, sagte ich, du bist kein Bettler! Zu Hause öffnete ich Ihren Brief und -- glauben Sie mir -- ich war vor Erstaunen minutenlang betäubt. Morgen, sagte ich, bringe ich ihm das Geld zurück. Morgen! Aber am Morgen dachte ich anders. Plötzlich -- es war wie ein Wunder, stieg wieder, nach Monaten, ein Gefühl der Hoffnung in meinem Herzen empor. Ich sagte mir: wenn Gott dir einen gütigen Freund in den Weg gesandt hat, weshalb willst du diesen Wink des Himmels nicht verstehen? Gut, ich brachte das Geld nicht zurück!
Ich handelte! Ich raffte mich auf! Ich löste meine Kleider aus -- hier, diese Kleider. Ich ging zu einem Friseur. Ich ging in eine Badeanstalt. Ich ging in ein Restaurant und aß. Ich wurde plötzlich ein anderer Mensch! Hoffnungen beflügelten mich. Ich ging in die Filmbörse. Waren Sie schon in der Filmbörse? Ein Kaffeehaus in der Friedrichstraße?«
Schwedenklee schüttelte den Kopf.
»Gehen Sie nicht hin. Sie werden nie so viel Elend, offenes und verborgenes, schlecht verborgenes Elend, auf einer Stelle finden. Ich gehe hin -- ich bin gesättigt, anständig gekleidet, ich bestelle Kaffee. Glückt es heute nicht, so glückt es morgen. Ich fühle Ihr Kuvert in meiner Tasche, ich habe keine Eile, ich fühle mich sicher.
Was denken Sie? Regisseure kommen herein. Sie haben das ja nie beobachtet. Man kennt diese Regisseure, die Herren und Damen stürzen sich förmlich auf sie --! Aber auf _mir_ ruht sein Blick, der Blick des Allmächtigen. Ich tue, als kümmere es mich nicht im geringsten. Er geruht an meinen Tisch zu kommen. Er stellt sich vor, denken Sie, obschon ihn hier jedermann kennt und er es genau weiß. Was denken Sie, was geschieht? Er verpflichtet mich für zwei Filme, zwei -- bei sehr gutem Honorar! Zwei Filme!« Blank lachte laut heraus und breitete die Arme den Vorübergehenden entgegen.
»Ich hatte früher eine Verachtung für den Film, müssen Sie wissen. Er erschien mir wie eine Profanierung der Kunst. Ich war immer Idealist, das heißt ein Dummkopf -- werde es bleiben bis an mein Lebensende, kann nicht anders. Ich lehnte früher, da ich noch auf hohem Rosse saß, jedes Engagement ab. Später aber gab sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparserie zu filmen, bis ein Regisseur schrie: Bedauere, Sie _verhusten_ mir ja jede Aufnahme. Ja, so sagte er: Sie verhusten ... hahaha!«
So laut war Blank, so froh erregt, daß Schwedenklee der Überzeugung war, er sei etwas angeheitert.
»Zwei Filme also,« fuhr Blank lebhaft fort, »Sie sehen, das Unfaßbare war geschehen. Ein Wunder hat sich ereignet! Das Schicksal hatte mich völlig vergessen, plötzlich aber ließ es sein Auge wieder in Gnaden auf mir ruhen. Ich filme bereits eine ganze Woche, heute, am ersten freien Tag, eilte ich zu Ihnen, um Ihnen die große Neuigkeit zu verkünden. -- Im ersten Film, der zur Zeit gedreht wird, spiele ich die Rolle eines Günstlings der großen Katharina, der an schleichendem Gift, das ihm sein Rivale, ein französischer Abbé, eingab, dahinsiecht. >Die Rolle ist Ihnen wie auf den Leib geschrieben, Blank<, sagte der Regisseur. Sie sehen! Ja, eine herrliche Sache: ich sieche dahin, drei Akte hindurch. Meine erlauchte Geliebte läßt mich fallen im Augenblick, da ich den Stempel des Todes auf der Stirn trage. Aber ich räche mich ...«
Blank nahm eine Schachtel aus der Tasche und bot Schwedenklee eine Zigarette an. »Ich habe nicht vergessen, daß Sie ein leidenschaftlicher Raucher sind, hoffentlich schmeckt Ihnen die Marke. He, Kutscher, lieber Freund, halten Sie einen Augenblick!« Und Blank bot mit fliegender Hand Feuer. »Und nun, lassen Sie das Pferdchen wieder laufen!«
Wohlig stieß Blank die Rauchwolken in die durchsonnte Luft, indem er fortfuhr:
»Weitaus amüsanter ist der andere Film, den wir in acht Tagen drehen werden. Er wird Sie erheitern, mein verehrter Freund. Ich bin also ein heruntergekommener Graf und sitze an der Straße als Bettler! Eine Dame, die mich in meinem früheren Leben kannte, eine Tänzerin, reicht mir -- sie ist eben im Begriff, in ihr Auto einzusteigen -- ein Goldstück. Aber siehe da, schon erkennt sie mich. Sie nimmt mich in ihren Wagen. Die Menge der Neugierigen, die sich ansammelte, spendet ihrem mitleidigen Herzen Beifall. Ich werde gefüttert, gepflegt -- und schon bin ich wieder ein Graf, ein hochfeudaler, etwas hinfälliger Greis. Die Tänzerin unterbreitet mir einen Ehekontrakt. Sie will meinen Adel heiraten, und ich soll nach der Trauung, laut Kontrakt, verschwinden für immer. Aber was glauben Sie? Ich tue es nicht, ich bin nun wieder an das gute Leben gewöhnt, drohe, verteidige meine Ehre, werfe die Liebhaber die Treppe hinunter, sperre meine schöne Gattin in die Bügelkammer. Hahaha! Ist es nicht lustig? Ja, auch Sie müssen lachen. Ich sehe sogar, daß Sie gespannt sind, wie es endet, aber Sie schämen sich zu fragen. Habe ich recht?«
»Ja, Sie haben recht.«
»Nun, so sollen Sie hören. Meine Gemahlin ist schlauer als ich. Sie lädt eine Nichte ein, ein süßes Geschöpf -- ich bin töricht genug, mich zu verlieben, werde bei einem zärtlichen Tete-a-tete ertappt -- Scheidung! Meine Aktien stehen schlecht, ich bin genötigt, mich zu verabschieden, stecke die Abfindungssumme ein, und in der Schlußszene sehen Sie mich als alten Gecken flanieren. Ich mache Bekanntschaft, Sekt, meine Dame stiehlt mir die Abfindungssumme und die Kellner werfen mich auf die Straße -- hahaha!«
»Aber Kutscher,« unterbrach Blank plötzlich seinen Redeschwall und berührte, erschrocken aufspringend, die Schulter des Kutschers, »ist es denn nötig, daß Sie uns mitten in den See hineinfahren?« Augenblicklich aber sah Blank seine Täuschung ein. »Verzeihung -- ja, es war eine Sinnestäuschung. Ich sehe ja, es ist der Himmel, der sich im Asphalt spiegelt, es war nur eine vorübergehende -- wie soll ich sagen --?«