Schwedenklees Erlebnis

Part 5

Chapter 53,617 wordsPublic domain

»Ich kam mit ihr ins Gespräch und sie sagte mir gleich, daß sie aus Paris käme. Aus Paris? Haben Sie vielleicht zufällig einen Bekannten von mir, einen Architekten Schwedenklee getroffen? -- Nie werde ich Rosas verblüfftes, ja entgeistertes Gesicht vergessen ...«

»Ist das Leben nicht sonderbar?«

»Ohne daß Sie es ahnten, haben Sie, Herr Schwedenklee, rasch unsere Freundschaft vermittelt.«

»Welch merkwürdige Zufälle es gibt!«

»So also begann es. Mit Ihrem Namen!« sagte Blank leise und nickte vor sich hin. »So also begann es!« wiederholte er, die Stimme von Trauer überschattet.

Sein Blick verlor sich ins Unbestimmte. Er bewegte die dünnen blutleeren Lippen und feuchtete sie mit der Zunge an. Er schien noch um einen Grad bleicher geworden zu sein.

Schwedenklee erhob sich und bewegte sich lautlos über die Teppiche. Diese ganze Erde sei in der Tat nichts als ein großes Bauerndorf! Und er erzählte hastig und mit halblauter Stimme einige ähnliche Erlebnisse, die ihm begegnet waren und seine Ansicht bestätigten, daß die Erde nichts als ein Bauerndorf sei. Blank antwortete nicht, er schien gar nicht zuzuhören.

Mit aller Umständlichkeit machte sich Schwedenklee eine Zigarre zurecht. Wieder bewegte er sich lautlos über die Teppiche. »Und was ist eigentlich aus Pfitzner geworden?« Er blieb stehen.

Aber Blank hörte ihn gar nicht. Er saß, den verschleierten Blick ins Ungewisse verloren. Er hatte vergessen, wo er war, wandelte in einer fernen, unbegreiflichen Welt. Ein wundes Lächeln spielte um seine Lippen. Die schmalen gepflegten Hände lagen regungslos auf den Lehnen des Sessels, sie zitterten nicht mehr, nur sein gebeugter Oberkörper schwankte leise hin und her.

Verstohlen blickte Schwedenklee auf die Uhr. Da erwachte Blank aus seiner tiefen Versunkenheit. Er atmete tief auf und blickte sich verstört um.

»Verzeihung«, sagte er und schüttelte sich, als friere er.

Schwedenklee streckte sich in den Sessel.

»Und nun, Herr Blank,« begann er mit einer Stimme, die seinen Gast ermutigen sollte, »Sie hatten mir etwas mitzuteilen?«

Blank erschrak heftig. Die nervöse Hand zuckte, seine dunkeln Augen weiteten sich.

»Mitzuteilen --?« stammelte er, anscheinend tief betroffen.

Schwedenklees Miene, der etwas leichtfertige und gutmütige Gesichtsausdruck, versuchte ihn zu beruhigen.

»Ja«, sagte Schwedenklee, sich lächelnd vorbeugend. »Sie schrieben mir in einem Ihrer Briefe, Sie hätten mir Mitteilungen zu machen, die für mich unter Umständen von Interesse sein könnten.«

»Schrieb ich das?« Blank erhob sich erregt, ließ sich aber sofort wieder in den Sessel fallen. »Nein, nein, mein Herr,« fuhr er hastig fort, zuweilen errötend, »was ich zu tun habe, ist, Sie tausendfältig um Entschuldigung zu bitten, das ist alles. Ich befinde mich in einem Zustande der Verwirrung, der Verzweiflung -- ja, des, Sie verzeihen, es klingt wie Pose, des Irrsinns. Ich muß um Nachsicht bitten. Ich weiß nicht mehr, was ich in diesen furchtbaren Wochen sagte oder schrieb. Verzeihen Sie mir. Aber, mitzuteilen? Nein, bei Gott, nein! Ich habe Ihnen nichts mitzuteilen.« Rote fieberische Flecke erschienen unter den Augen des fahlen Gesichts.

Blank war in großer, ganz unbegreiflicher Erregung. Aber allmählich beruhigte er sich.

»Was ich Ihnen gerne sagen möchte, wenn Sie noch eine Minute Geduld mit mir haben wollen,« fuhr er mit ruhigerer, feierlicher Stimme fort, »ist dies --« Er holte tief Atem und senkte den Blick zu Boden. »Meine Gattin, deren Verlust mich nahezu um meine Sinne gebracht hat, sagte mir wenige Stunden vor dem Tode: Gehe zu Schwedenklee und grüße ihn von mir. Sage ihm, daß ich ihm nicht mehr grolle.«

»Nicht mehr grolle --?« Schwedenklee horchte auf.

»Ja, so sagte sie. Vielleicht aber habe ich auch die Worte verwirrt. Sage ihm, daß ich ihm stets gut war und noch heute gut bin --«

Hier wurde Schwedenklee plötzlich ergriffen.

»Sagte sie das wirklich?« flüsterte er.

»Ja, und sie beauftragte mich, Ihnen dies Bild zu bringen. Es würde Sie freuen, dachte sie. Eine Erinnerung aus der Pariser Zeit.« Blank schlug sich an die Stirn. »Ja, dieses Bild, das war ja die Ursache meines Besuches! Schon habe ich es wieder vergessen, ich sitze hier und plaudere --«

Blank erhob sich und tastete nervös die Taschen des Überrocks ab.

»Mein Himmel, ich werde es doch nicht draußen verloren haben!« rief er in äußerstem Schrecken. »Nein, hier, gottlob, hier ist es. Das ist ja der eigentliche Grund, weshalb ich Sie aufsuchte.«

* * * * *

Eine verblaßte Photographie, in Paris aufgenommen -- seinerzeit. In irgendeiner übermütigen Stunde.

Eine zierliche Dame, in einem großen Hut -- das Gesicht kaum erkenntlich. Daneben er, Schwedenklee, zwanzig Jahre jünger, mit einem flotten kleinen Schnurrbart. Schwedenklee zerbrach sich den Kopf, wo das Bild aufgenommen sein konnte. Er erinnerte sich nicht mehr.

Er trat unter die Lampe und nahm eine Lupe vom Schreibtisch.

Nun erkannte er die Züge der jungen Dame wieder, die in all den vielen Jahren nur selten, flüchtig und verblaßt in seiner Erinnerung wieder auflebten. Ein wehmütiges Gefühl überkam ihn -- daß diese herrliche Jugendzeit vorbei war für immer.

»Ellen Fröhlich!« sagte er vor sich hin.

»Sie hatte zwei Namen«, warf Blank mit verletzter, fremder Stimme ein. »Da Sie sie Ellen genannt hatten, wählte ich ihren anderen Namen. Ellen für Sie, Rosa für mich!«

Schwedenklee blickte ihn verständnislos an.

9

Als Schwedenklee am nächsten Morgen, etwas müde und abgespannt, in seinem breiten Himmelbett erwachte, fiel ihm augenblicklich ein, daß er Blank für heute zum Abendessen eingeladen hatte.

Was für ein Dummkopf bin ich doch, dachte er, unzufrieden mit sich selbst, immer diese alte Gutmütigkeit. Ich bin wütend über einen Menschen und doch kann ich es mir nicht versagen, den Liebenswürdigen zu spielen. Aber sofort erinnerte er sich auch, daß es ganz unmöglich war, Blank, der Begriffe wie Zeit und Nachtruhe nicht zu kennen schien, auf andere Weise zu verabschieden. Er hatte sich auch in der verflossenen Nacht hin und her überlegt, wie er Blank seine Hilfe anbieten könnte, aber keine Möglichkeit gefunden. Da war ihm der Einfall der Einladung gekommen.

Lieber Himmel, dachte er plötzlich erschreckend und setzte sich auf, wie mag dieser arme kranke Mensch in der Nacht nach Hause gekommen sein? Nach dem Osten. Ob er wohl, wie er ihm riet, eine Droschke genommen hatte? Aber vielleicht hatte er gar nicht das Geld dazu? Ich selbst hätte ihm eine Droschke holen und den Kutscher bezahlen sollen -- aber dieser Einfall kam reichlich spät.

Etwas Gutes hatte die gestrige Begegnung auf jeden Fall. Schwedenklee fühlte sich erleichtert! Das »im Hintergrund lauernde Schicksal«, wie er sich ausdrückte, hatte sich entschleiert. Obgleich Schwedenklee eigentlich nicht an Gott, an ein zweites Leben, an Auferstehung, Seelenwanderung und derartige Dinge glaubte, glaubte er doch an mystische Einflüsse, an ein Fatum, das unheilvoll in das Leben eines Menschen eingreifen konnte. In den zwei letzten Jahren hatte er sich unsicher gefühlt. Es war ihm, als wäre er von heimtückischen Gefahren umlauert. Einer seiner Bekannten starb plötzlich am Herzschlag, und schon dachte er: wer weiß es, ob du morgen erwachen wirst? Zuweilen sah er sich alt und krank als Bettler auf der Straße stehen und der Wind blies eisig. Oder ein unheilbares Leiden befiel ihn, zum Beispiel Krebs. Ganz deutlich spürte er die fortwährende Drohung feindseliger Mächte, und nur so -- nicht anders -- läßt es sich erklären, daß die Briefe Blanks auf ihn einen solch ungeheuren Eindruck machten. Nun also kam es, heimtückisch schlich es näher, um ihn zu umstricken und zu vernichten! Deutlich witterte er die Vorboten eines bösen Schicksals, das seine Demütigung und Vernichtung beschlossen hatte.

An diesem Morgen atmete er seit vielen Wochen befreit auf, seine düsteren Grübeleien erschienen ihm unsinnig und albern. Seine Hilfsbereitschaft für Blank entsprang ebenfalls, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, diesem Gefühl der Erleichterung und einer gewissen Dankbarkeit gegen das Schicksal, das sich ihm nicht ungnädig gezeigt hatte.

Werde ich ihm denn abgelegte Kleider geben können? dachte er. Vielleicht aber wird es ihn verletzen? Also Geld. Aber wieviel und in welcher Form?

Man könnte ihm auch einen Korb mit Früchten und guten Sachen schicken, eine Flasche Kognak dazu. Das war ein ausgezeichneter Einfall, und Schwedenklee beschloß, noch heute den Korb zurecht machen zu lassen.

Den ganzen Vormittag war Schwedenklee mit dem gestrigen Abenteuer beschäftigt. Blank hatte ihm, mit einer gewissen Schwatzhaftigkeit, im Laufe der Nacht sein Herz ausgeschüttet, er hatte ihm jede Einzelheit seines Lebens erzählt -- und all das nur aus dem Grunde, weil er einige Wochen lang eine Liebschaft mit seiner Frau gehabt hatte! Notabene: noch bevor sie überhaupt seine Frau war ...

Schwedenklee konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er ging an den Schreibtisch und nahm -- seine Hand zitterte etwas -- das verblichene Bild aus dem Schubfach.

Bei Tageslicht war das Gesicht unter der Lupe etwas deutlicher zu erkennen. Lange, mit einer Art furchtsamer Neugierde, betrachtete er das Bild, und sonderbarerweise begann sein Herz stark zu klopfen, als wäre es frevelhaft, dieser Toten ins Gesicht zu sehen.

Je länger er das verblaßte Bild betrachtete, desto klarer formte es sich in seiner Phantasie, und plötzlich stand es, wie durch ein Wunder, lebendig vor ihm.

Ellen hatte Grübchen in den Wangen gehabt, auf der einen Wange war das Grübchen um ein geringes tiefer als auf der andern -- das fiel ihm jetzt ein, obschon die Grübchen auf dem verblaßten Bild nur dann zu erkennen waren, wenn man wußte, daß sie existierten. Er erinnerte sich an ihre schönen weißen Zähne, die sich beim Lachen ganz entblößten, als lachten sie mit -- und wie scharf waren diese Zähne gewesen! Er erinnerte sich an die Glätte ihrer Haut, die er nie wieder gefunden hatte bei einer Frau, an die Ebenmäßigkeit ihres zarten Körpers, die weiche Biegsamkeit ihrer schlanken Taille. Klar sah er in diesem Augenblick die Modellierung ihrer sanften Schultern vor sich.

Zartheit, Behutsamkeit, Stille und unendliche Sanftheit ging von dieser Frau aus. Ihr Schritt war still, die Berührung ihrer Hand leise. Schmiegte sie sich an ihn, so war es kaum zu fühlen, und doch war die Berührung unsagbar innig.

Ja, jetzt in dieser Sekunde fühlte er deutlich ihre zärtliche Liebkosung.

Sein Herz wurde schwer und er legte das Bild zurück. »Ein rührendes Wesen, in der Tat«, sagte er. »Vorbei -- tot! Ja, das Leben ist eine höllische Einrichtung!«

Traurig das Schicksal dieser Frau, die das Leben so heiß geliebt hatte. Von Paris war sie in ein Sommerengagement nach Nürnberg gegangen. Daran erinnerte er sich noch deutlich. Sie hatten noch einige kurze Briefe gewechselt, bis die Korrespondenz plötzlich ohne jeden sichtbaren Grund einschlief. In Nürnberg hatte sie Blank kennengelernt, der sie -- wie er selbst gesagt hatte -- liebte, bevor er sie sah.

»Ich sah sie noch gar nicht. Die Tür ging auf -- ihre Seele strömte vor ihr her. Wer kommt hier? dachte ich. Und ich liebte diese Frau, die im Begriffe stand, über die Schwelle zu treten, bevor ich sie überhaupt sah. Es ist mir heute noch rätselhaft!«

Blank sollte in Köln gastieren. Sie begleitete ihn. Er sang »um Rosa«. Er gefiel, zweijähriger Kontrakt, auch Ellen wurde engagiert. Sie heirateten auf Grund dieses Engagements. Drei Jahre hier, zwei Jahre dort, in kleineren und größeren Provinzstädten -- ein Nomadendasein, fröhlich und heiter ertragen, obwohl voller Sorgen. Plötzlich aber ging es in die Höhe: München, Mannheim, endlich Dresden! Blank hatte den Gipfel erreicht. Das Dasein der beiden war ohne Sorgen -- einen Pelzmantel mit Bärenkragen trug Blank, wie er sagte. Sie reisten im Sommer nach der Schweiz, ans Meer.

»Nie gab es wohl zwei glücklichere Menschen als uns beide! Ein Kreis prächtiger Freunde, immer Blumen in den Zimmern, und ein Heim, das widerhallte von der herrlichsten Musik! Der und der spielte Cello, der und der Geige, der und der den Flügel -- erste Künstler, die in der ganzen Welt konzertierten. Berühmte Dirigenten aßen bei uns zu Abend. Und Rosa im Mittelpunkt, Rosa umschwärmt, bewundert, geliebt ...«

In Dresden aber holte Blank das Geschick ein. Eine Erkältung, wenig beachtet. Eine Wucherung an den Stimmbändern. Blanks Laufbahn als Sänger war besiegelt. Ellen dagegen spielte noch, sie erhielt ihn Jahre hindurch. Kuren, Ärzte. Der Niedergang begann. Schließlich erkrankte auch Ellen, die Lunge. Das war das Ende.

Furchtbarer Sturz in das tiefste Elend. Auch Blank wurde brustkrank.

»Wir liefen um die Wette nach dem Tode, Rosa und ich. Sie hat das Ziel zuerst erreicht, aber ich bin nicht weit hinter ihr.«

Gestorben an der Schwindsucht, zwei Menschen trugen sie zu Grabe ...

»Arme Ellen!« sagte Schwedenklee und legte das Bild zurück in das Schubfach.

Er war in solch melancholische Stimmung geraten, daß er, was selten vorkam, schon am Nachmittag das Stammcafé aufsuchte.

Hier saß er an einem kleinen Marmortisch und sah lustlos zu, wie der Rechtsanwalt Cohnstamm mit dem Polizeileutnant Hammerstein eine Cadrepartie auf dem Matchbillard ausfocht. Er war wortkarg und zerstreut, trank ohne Genuß seine Tasse Kaffee. Der Rechtsanwalt erbat seinen Rat bei einer schwierigen Stellung. Sprang Schwedenklee auf, wie es sonst seine Art war, um sein Licht leuchten zu lassen? Er zuckte gleichgültig die Achseln.

»Und zu denken, wie diese Ellen lachen konnte! Wie sie es verstand, auch das Nichtigste zu genießen! Und wie drollig sie sein konnte! Immer bereit zu einem übermütigen Streich!«

Der Oberkellner näherte sich, zutraulich: Es seien schon große Beträge auf Herrn Oberbaurat für heute abend gesetzt.

»Ich werde heute abend nicht spielen«, sagte Schwedenklee, mit Falten in der Stirn. »Ich habe Gäste zu Hause.«

Schon um einhalb acht Uhr begab sich Schwedenklee nach Hause. Er freute sich auf Blanks Besuch. Ja, er freute sich, ist es zu glauben?

»Und gestern zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn loswerden könnte!«

* * * * *

Schwedenklee bekümmerte sich eigentlich nie um die Wirtschaft. Seine ganze Tätigkeit bestand darin, jeden Monat das Wirtschaftsbuch nachzuprüfen. Er nahm sich natürlich nie die Mühe, das Buch wirklich nachzusehen, da aber Augusta den Eindruck gewinnen solle, als ob er ganze Nächte hindurch rechne, so ließ er das Buch stets einige Tage liegen. Einmal half ihm der Zufall. Er addierte eine Seite, eigentlich aus Zerstreutheit, es stimmte nicht.

»Sie haben sich hier zu Ihren Ungunsten getäuscht, Augusta!«

Es war wirklich eine Fügung des Himmels, geschehen vor drei Jahren. Seit dieser Zeit öffnete Schwedenklee dieses furchtbare Wirtschaftsbuch überhaupt nicht mehr.

Seine Anordnungen pflegte Schwedenklee in lakonischer Kürze zu erteilen, häufig schrieb er sie auch auf einen Zettel. Ja, er liebte Scherereien nicht, Schwedenklee. Es ging wunderbar.

Auf den heutigen Abend aber hatte er Augusta besonders hingewiesen. Es war seine Absicht, Blank mit der größten Sorgfalt zu bewirten. Dieser arme Teufel sollte noch einmal eine Freude haben in seinem Leben ...

Das Unglaubliche geschah. Schwedenklee inspizierte das Speisezimmer. Augusta hatte sich wirklich Mühe gegeben. Man konnte jedermann empfangen, einen Fürsten, wenn es sein mußte.

»Und wie war das eigentlich, auf dem Atelierfest von Ellens Freundin, der schwedischen Bildhauerin, wie hieß sie doch -- sagen wir: Fräulein Svenska?« fragte sich Schwedenklee, als er, in der Bibliothek auf und ab gehend, auf Blank wartete.

Es war da jemand, der die Mundharmonika spielte, und man saß, da nicht genug Stühle da waren, auf dem Boden -- nicht wahr? Es war ein Kostümfest!

Mein Gott, was konnte man doch damals alles machen. Man drehte den Rock um, band sich ein Taschentuch um den Hals: schon war man ein Apache!

Es war eine ungeheure Hitze in dem Atelier, ganz richtig. Man trank schwedischen Punsch, und schon nach dem ersten Glas änderte sich der Glanz von Ellens Augen.

Ja, jetzt fiel es ihm ein: Sie, Ellen, führte ihn in einen Winkel neben eine der mit nassen Tüchern verhängten Tonbüsten und schlang die Arme zart und weich um seinen Hals. »Dich werde ich ewig lieben!« flüsterte sie.

Da ertönte die Klingel: Blank!

Schwedenklee spürte noch Ellens weiche Arme, ihre Stimme flüsterte dicht an seinem Ohr, als Blank eintrat.

Er errötete, als er Blank die Hand reichte.

10

Blank hatte sich in große Gala geworfen. Er trug unter dem fadendünnen Überzieher mit dem abgeschabten Pelzkragen einen grauen, dünnen Gehrock, einen schlechtgebügelten Kragen, eine alte flotte graue Binde. Die Knöpfe der altmodischen Weste waren aus Glas und einer fehlte. Seine Hände waren gepflegt, wie gestern, die Manschetten ausgefranst, aber peinlich sauber.

»Wie glücklich ich bin!« rief er mit seiner heiseren Stimme etwas theatralisch aus und drückte Schwedenklee die beiden Hände, mit einer Herzlichkeit, die Schwedenklee in Verlegenheit brachte.

»Ich freue mich, daß Sie heute viel wohler aussehen«, erwiderte Schwedenklee, der das Bedürfnis empfand, seinem Gaste seinerseits etwas Angenehmes zu sagen. In der Tat, die Leichenblässe, die Blank gestern zeigte, schien heute etwas gemildert.

»Wohler?« Blank lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich lag den ganzen Tag mit Fieber zu Bett.«

»Und Sie haben nicht einfach angerufen?«

»Dieses bißchen Fieber sollte mich abhalten? Bei meinem Gesundheitszustand ist es ja völlig einerlei, ob ich mich schone oder nicht. Könnten Sie auch nur ahnen, wie ich mich auf das Zusammensein mit Ihnen freute!«

Beim Anblick der gedeckten Tafel blieb Blank vor Erstaunen auf der Schwelle stehen.

»Ist es möglich?« rief er aus.

Augusta hatte sogar einen Strauß Maiglöckchen in die Mitte des Tisches gestellt. Das helle Speisezimmer war von einem herrlichen Duft erfüllt.

»Ist es möglich? Für mich diese Mühe! Nie werde ich Ihnen das vergessen.« Und wieder drückte er Schwedenklees beide Hände, während er bemüht war, seine Ergriffenheit zu verbergen. Lebhaft fuhr er fort: »Ich weiß ja wohl, daß Sie ein Künstler im Arrangement von Festen sind! Rosa erzählte mir, daß Sie ihr einst in Paris -- Himmel, daß ich Sie nicht belauschen konnte! -- ein Abendessen gaben, mit Dutzenden von Kerzen, deren Glanz sich in geschickt aufgestellten Spiegeln verhundertfachte. Vielleicht erinnern Sie sich noch? Ja, Sie erinnern sich -- ich sehe es --«

»Sonderbar, gerade dieser Tage --«

»Verzeihen Sie mir, ich sehe, daß es Ihnen nicht angenehm ist, an vergangene Zeiten erinnert zu werden. Ich muß Sie um Nachsicht bitten, wenn ich im Laufe des Abends dann und wann auf das Vergangene zurückkomme. Ich fürchte, ich kann nicht anders, denn gerade die Qual, die ich bei jeder Erinnerung empfinde, ist mir eine Wollust. Ich darf Ihnen wohl sagen, daß Rosa mir alles aus ihrem Leben erzählte, jede Einzelheit. Ich bitte auch, obschon es unnötig genug erscheint, erklären zu dürfen, daß nicht das geringste Arg gegen Sie in meinem Herzen ist. Wie sollte es auch? Einmal war ich ja sehr eifersüchtig auf Sie« -- Blank lächelte schmerzlich -- »furchtbar eifersüchtig, ich gestehe es Ihnen offen. Ich haßte Sie, Sie ahnen nicht, wie ich Sie haßte.« Blank errötete und seine dunkeln Augen glühten -- allein bei der Erinnerung an diesen Haß.

»Ich begreife nicht, weshalb haßten Sie mich?«

»So wahnsinnig hatte mich die Eifersucht gemacht. Ich hatte natürlich nicht den geringsten Grund. Nun, es ist lange her -- zwanzig Jahre. Heute empfinde ich für Sie nur Freundschaft und Zuneigung, ohne zu erwarten, daß Sie meine Gefühle erwidern. Darf ich dieses Glas auf Ihre Gesundheit leeren?«

Mit einem tiefen, wunderbar warmen Blick der dunkeln Augen und einem schönen Lächeln des verwüsteten Gesichts hob Blank das Glas ins Licht.

»Wenn jemand hier Ursache hätte, böse zu sein,« fuhr er mit großer Lebhaftigkeit, leise lächelnd, fort, »so wären ja wohl Sie es!«

»Ich? Aber, ich bitte --«

»Gewiß, Sie! Denn ich war es ja, der Ihnen diese wundervolle Frau entfremdete -- in einer Zeit, da sie noch sehr an Ihnen hing.«

Schwedenklee hob verwundert den Blick vom Teller. »Noch an mir hing?« fragte er, errötend und geschmeichelt.

»Ja! Es war nicht so einfach, wie es heute aussieht ...«

»Nicht so einfach?«

»Nein, ganz im Gegenteil -- es war sehr schwer!«

»Reden wir nicht mehr davon«, brummte Schwedenklee.

Nichts mehr von der Peinlichkeit des gestrigen Abends. Man plauderte wie alte Bekannte. Blank, dessen krankhafte Erregung gestern Schwedenklee folterte, war heute viel ruhiger und beherrschter. Er zeigte sich als ein Mann von den besten gesellschaftlichen Formen, wenn er auch seine weltmännischen Allüren etwas zu stark betonte. Schwedenklee liebte es nicht, bei Tisch viel zu reden, er antwortete nur träge und zerstreut. Blank dagegen sprach mit großer Lebhaftigkeit, die Rede, begleitet von lebhaften Gesten, schien ihm eine wahre Wohltat zu sein. Seine Wangen färbten sich, seine Augen sprühten. Er fühlte sich wohl, er fühlte sich fast wie zu Hause, nach dem zweiten Glas nannte er Schwedenklee, der zuweilen seine Sicherheit verlor, sogar manchmal »lieber Freund«. Ja, dann und wann hatte Schwedenklee den Eindruck, als spielte Blank den Überlegenen.

Augusta hatte sich in der Tat alle Mühe gegeben und ein vorzügliches Menü zusammengestellt. Sie servierte aber schmollend. Sobald sie Blank erblickt hatte -- sie starrte förmlich auf die ausgefransten Manschetten -- hatte sie nur verächtliche Bewegungen. Jede Geste von ihr sagte: und wegen dieses Bettlers lassen Sie mich den ganzen Tag herumrennen?

»Eine Flasche Selters, Augusta«, sagte Schwedenklee mit einer gewissen rügenden Schärfe, und Augusta zog brummend ab.

Trotz des vorzüglichen Menüs und des herrlichen Weins fühlte sich Schwedenklee nicht recht behaglich, ja vorübergehend war er sogar den Anwandlungen einer schlechten Laune unterworfen. Die Lebhaftigkeit Blanks störte ihn. Er hätte Blank gerne -- so albern es ihm selbst vorkam -- bescheidener und demütiger gesehen. Nein, von den ausgefransten Manschetten wollte er natürlich nicht sprechen, aber daß Blank, den er gestern von der Straße aufgelesen hatte, den er aus purer Gutmütigkeit zum Essen eingeladen hatte, ihn »lieber Freund« nannte -- war das ganz in Ordnung? Mit einem gewissen Neid prüfte er zuweilen mit verstohlenen Blicken Blanks Erscheinung. Ohne Zweifel mußte er vor Jahren von großer, ja seltener Schönheit gewesen sein. Noch jetzt wirkte sein großgeformter Musikerkopf imposant. In dem bleichen, zerknitterten Gesicht glühte ein Paar wundervoller Augen. Was für Augen habe ich dagegen? dachte Schwedenklee. Diese dunkeln Augen schienen das einzig Lebendige -- Überlebende -- in dem wachsfahlen Gesicht zu sein. Sie waren Feuer, Gedanke, Seele, Jugend, sie waren dreißigjährig, das Gesicht fünfzig-, hundertjährig, wenn man will.

So oft Schwedenklee von einer dieser Anwandlungen schlechter Laune ergriffen wurde, verbarg er sie hinter ausgesuchtester Höflichkeit: »Bitte zuzugreifen -- bitte sich zu bedienen!«

»Ich sehe, ich ermüde Sie mit meinem Redestrom«, rief Blank aus. »Ich muß auch in dieser Hinsicht um Ihre Nachsicht bitten. Seit Jahren habe ich fast nie mehr mit einem gebildeten Menschen gesprochen. Sie ahnen nicht, welcher Genuß für mich Ihre Gesellschaft ist. Bedenken Sie, diese Menschen, mit denen ich noch zusammenkomme -- oh, mein Gott, welches Niveau! Sie, mein verehrter Freund, der es wagte, einen Bettler ins Haus zu laden ...«

»Jeder Mensch kann einmal eine unglückliche Periode --« murmelte Schwedenklee.