Part 11
Der Sommer stand in voller Glut, die Mückenschwärme tanzten über den Wegen, in den Augen glänzte Schweiß. Vom Strande unten stiegen an den Abenden häufig bunte Leuchtkugeln in den Nachthimmel empor, der Strand wimmelte von Menschen. Die Saison stand auf der Höhe.
Der Anbau war fertig, ein mit Bändern geschmückter Tannenbaum funkelte auf dem First.
Schwedenklee hatte den Handwerkern ein Faß Bier gestiftet, am Abend aber sollte das Ereignis im Hause gefeiert werden. Schon seit einer Woche war das Programm erörtert worden.
»Heute abend um sieben, Ellen, mache dich schön!« sagte Schwedenklee.
Augusta hatte ihr letztes hergegeben. Allerlei Leckerbissen als Vorspeise, eine göttliche Suppe mit Leberklößchen, gebratene Hähnchen mit dem herrlichsten Salat der Welt. Törtchen von Walderdbeeren, Ellen hatte sie gesammelt. Sekt im eisigen Wasser des Brunnens gekühlt. Im Speisezimmer brannten zwei Dutzend Kerzen. Zur Feier des Tages durften Strolly und Munki bei Tisch gegenwärtig sein. Sie benahmen sich anfangs gesittet, aber, ganz wie Kinder bei außerordentlichen Anlässen, wurden sie mehr und mehr ausgelassen: zuletzt sprang der Kater, von unbezwinglicher Begierde fortgerissen, mitten auf den Tisch und versuchte ein Hähnchen zu stehlen.
Ellen war in der herrlichsten Laune. Die Katze kauerte aufgeregt auf ihrer Schulter. Der Hund saß, ganz Spannung und Bereitschaft, an ihrer Seite -- ihre Augen blendeten vor Freude.
Schwedenklees Fröhlichkeit klang anfangs etwas gezwungen. Ein Schatten war über sein Gesicht gebreitet. Gewiß, alles war wunderbar, es war ein Abend, auf den er sich seit Wochen freute, ein Abend von ganz besonderer Bedeutung, ein Schicksalsabend, und nur um die Feierlichkeit dieser Stunde zu betonen, ohne jeden Nebengedanken, hatte er die zwei Dutzend Kerzen angezündet. Aber als Ellen eintrat, strahlend, den Widerschein der Kerzen in den klaren Augen, mußte er sich plötzlich an das Diner erinnern, das er seinerzeit in Paris Ellens Mutter gab, mit den Spiegeln, im Hotel Panthéon.
Unvollkommen ist das menschliche Gehirn eingerichtet, dachte er, voller Vorwurf gegen den Schöpfer, gänzlich unvollkommen. Die Erfindung eines Pedanten. Kaum zündet man ein paar Kerzen an, schon ist man gezwungen, an Dinge zu denken, die zwanzig Jahre zurückliegen -- weshalb? Etwas steif und melancholisch sah sein Gesicht anfangs aus, etwas melancholisch und dunkel klang seine Stimme. Mit einem Faltengekräusel in der gebräunten Stirn saß er inmitten der vierundzwanzig Kerzen. Vielleicht ist es Vermessenheit? dachte er, und sein Herz wurde plötzlich düster. Vielleicht hat ein Mensch wie ich gar nicht mehr das Recht, die Hand auszustrecken nach ...! Ellen -- die Liebliche -- sie ahnte nichts, wie sollte sie?
In diesem Augenblick aber sprang Munki auf den Tisch und versuchte ein geröstetes Hähnchen mit der Kralle zu angeln. Ellen gelang es gerade noch in der letzten Sekunde, den Kater abzufangen. Sie warf ihn ein paarmal hoch in die Luft, um ihn dann an ihr Herz zu drücken und seinen wilden struppigen Kopf mit Küssen zu bedecken. Ihr Lachen klang so heiter und glücklich, daß Schwedenklee augenblicklich mit fortgerissen wurde. Der Kater hatte den Abend gerettet.
Schwedenklee erhob sich und füllte mit der großen Geste des erfahrenen Zechers die Kelche. Fort mit den törichten Gedanken, fort! Gehen wir dem Schicksal beherzt entgegen ...
»Auf deine Gesundheit, Ellen!« rief er und ließ das Glas im Lichte der Kerzen funkeln.
»Sekt?« sagte Ellen. »Ich habe noch nie Sekt getrunken, es ist das erstemal!«
»Versuch' es nur! Es ist noch niemand daran gestorben.«
»Er kitzelt!« rief Ellen und lachte.
In wunderbarer Laune verlief das Diner. Schwedenklee wurde gesprächig. Sie tranken auf Ellens Zukunft, ihren Ruhm, sie tranken auf ihre Freundschaft und auf die Herrlichkeit dieses Sommers. Der Sekt hatte Schwedenklees Gesicht gerötet, seine Augen glänzten, sein Gebiß leuchtete jung und stark. Er fühlte sich wieder als derselbe lebensfrohe Schwedenklee, der er in Paris war, seinerzeit. Zwanzig Jahre -- was sollen sie bedeuten, es ist nur ein albernes Vorurteil ... Nein, damals gab es nichts Unmögliches für ihn -- und heute?
Schwedenklee leerte den Kelch und warf ihn lachend gegen die Wand.
Ellen saß mit blendenden Augen, umweht vom Schein der Kerzen. Ihre Haut leuchtete wie Blüten. Häufig kühlte sie die heißen Wangen mit den Rücken der schmalen Hände. Sie lachte übermütig, und schon nach dem dritten Glas lachte sie ausgelassen über die geringste Kleinigkeit. Sie fütterte die Tiere mit Leckerbissen, und Strolly, obschon ein großer Hund, durfte auf ihrem Schoß sitzen.
»Unser Haus ist also glücklich fertig!« sagte Schwedenklee. »Nun beginnt die Einrichtung. Es soll wunderbar werden, warte nur! Ein so behagliches Nest wollen wir uns bauen, und hörst du, ein Bett soll Ellen bekommen -- wie ein Traum!«
»Ja, wie eine Muschel soll es sein und ganz in Spitzen eingehüllt --«
»O, wie fein!« lachte Ellen.
»Und dann werden wir hier in Mecklenburg herumfahren und antike hübsche Möbel zusammenkaufen.«
Ausführlich besprachen sie die Einrichtung des Hauses. Schwedenklee wurde nicht müde, neue Vorschläge zu machen.
»Und welche Farbe soll dein Schlafzimmer bekommen, Ellen?«
Ellen dachte lange nach. »Rosa!« rief sie. »Weißt du, so ein zartes Rosa, wie Korallen.«
»Und dein Wohnzimmer?«
»Himmelblau!«
Schwedenklee lächelte. Ob wohl die Farben zusammenstimmen würden?
»Weshalb sollten sie nicht zusammenstimmen?«
»Gut also -- und dann das Badezimmer. Blattpflanzen, Palmen, Gummibäume, Farne, Kakteen -- es wird wie ein Palmenhaus sein, Ellen!«
Wohl eine volle Stunde wurde über das Badezimmer gesprochen, das das schönste und originellste in ganz Deutschland werden würde. Dafür sollte sein, Schwedenklees Name bürgen!
»Aber Arbeit! Viel Arbeit. Bis alles soweit ist, wird auch schon der Herbst da sein, Ellen!«
»Oh, weh!«
»Ja. Und dann werden wir nach Berlin zurückkehren und du wirst deine Studien wieder aufnehmen. Ich werde dich zu den ersten Lehrern bringen. Viele kenne ich ja persönlich.« Schwedenklee renommierte ein wenig mit seinen Bühnenbekanntschaften.
Ellen war hell begeistert. »Wie ich mich auf die Arbeit freue! Hoffentlich enttäuscht mein Talent nicht.«
»Weshalb sollte dein Talent enttäuschen? Ich sage dir nur eines« -- Schwedenklee lächelte vielsagend und zwinkerte ein wenig mit den Augen -- »du hast mehr Talent, als du je ahnen kannst, ja!«
»Mein Himmel!« Ellen wirft erregt die Hände in die Luft.
»Du wirst also deine Studien aufnehmen. Aber wir werden immerhin noch Zeit haben, um im Winter auf vierzehn Tage nach St. Moritz zu fahren.«
»St. Moritz?«
»Ja. Es ist phantastisch im Winter. Es gibt dort Häuser, zehnstöckig -- wie in Neuyork. Du wirst sehen. Es ist wunderbar. Am Tage Sport, abends Tanz.«
»Und dann,« fuhr Schwedenklee fort, »im Frühling fahren wir auf einige Wochen nach Florenz. Du sollst Florenz sehen! Ein Schmuckkästchen! Ein Museum! Die Straßen allein sind schon ein Museum!«
»Wie herrlich!«
Schwedenklee entwarf Plan um Plan. Schön und berauschend stand die Zukunft vor ihm.
Augusta hatte längst abserviert. Die Kerzen erloschen, es brannten nur noch drei. Da sah man auch plötzlich den dunkeln Nachthimmel, flimmernd von Sternen, in der offenen Türe stehen. Es funkelten die großen Sternbilder, deren Namen Schwedenklee sich nie merken konnte. Berauschend strich der Atem der Sommernacht ins Zimmer, die Grillen feilten. Wolken von Düften hoben sich aus der trächtigen Erde.
Plötzlich knatterte es und am Himmel erschienen farbige Leuchtkugeln und Feuerräder. Rote Lohe schlug aus dem Meer empor, und die Sterne wurden bleich und unscheinbar.
Nein, Ellen hatte noch nichts von der Welt gesehen, noch gar nichts. Aber ihre Augen weiteten sich, heiß vor Begierde, wenn er erzählte. Höher noch schwang sich die feine Braue, und die Lippen atmeten erregt.
Er also war ausersehen, er, ihr die Wunder der Erde zu zeigen, ihr keusches Staunen, ihre reine Verzücktheit zu genießen! Er! Dank den erhabenen Göttern ...
Dann also würde er ihr Paris zeigen: wimmelnde Stadt, immer auf den Beinen, ohne Schlaf, bebend von Lärm, widerhallend von Freude, schwimmend in Licht.
Und dann also --
Erregt ging Schwedenklee hin und her, von den großen Sternbildern zu Ellen mit den glänzenden Augen und heißen Wangen, immer hin und her.
Auch auf einem großen Dampfer war sie ja noch nicht gewesen: surrend und tobend Tag und Nacht, das kühle gischtende Meer durchschneidend, angefüllt mit Luxus und Behaglichkeit. Meer, Wolken -- unbeschreiblich herrlich! Nein, sie hatte ja noch nichts, gar nichts gesehen -- wie glücklich er war!
So würden sie also dahinfahren, Tag um Tag. Indien! Japan!
»Japan?« rief Ellen und schlug die kleinen Hände zusammen.
»Ja, Japan. Ich bin ja auch noch nicht dagewesen, aber es soll ein einziges Wunder sein. Man fährt in kleinen Wagen dahin, von braunen, flinken Burschen gezogen -- die Teehäuser, die Tempel -- und die ganze Bevölkerung in Kimonos und auf hohen Stöckelschuhen. Da gibt es einen Berg, den man immer auf den Holzschnitten abgebildet sieht -- wie heißt er doch? Fujiyama! Diesen Fujiyama wollen wir besteigen!«
Wie Ellen sich freute zu reisen, die Welt zu sehen! Denn sie hatte ja bis jetzt nichts gesehen. Sie kannte nur Dresden, Berlin, und einmal war sie in Potsdam gewesen.
Man höre! Schwedenklee lachte laut heraus.
Und wieder ging Schwedenklee erregt hin und her, von den großen Sternbildern zu Ellen, von Ellen zu den großen Sternbildern. Immer größer wurden seine Schritte. Seine Stimme klang plötzlich unsicher.
Sie würden also reisen, und er versprach, ihr die Welt zu zeigen, so wahr er hier auf und ab gehe.
»Aber«, begann Schwedenklee tastend, »in welcher Form -- ich meine, in welchem gegenseitigen Verhältnis werden wir zusammen reisen?«
Ellen verstand nicht.
»Ich meine, in welcher Eigenschaft wirst du mit mir reisen?« Schwedenklee blieb stehen, sein Herz pochte.
»In welcher Eigenschaft?« Ellen saß mit offenen Lippen. Sie konnte gar nicht begreifen.
»Ja.« Aus lauter Hilflosigkeit runzelte Schwedenklee die Stirn. »Du kannst doch nicht etwa als meine Nichte mit mir reisen, oder als meine Sekretärin.«
Ellen lachte laut heraus!
Ihr Lachen ermutigte Schwedenklee wieder. Er verlor etwas seine Befangenheit. »Auch als meine Tochter doch wohl nicht?« fragte er.
»Nein!« Ellen schlug sofort die Augen nieder.
Mutig ergriff Schwedenklee ihre beiden Hände. Er bemühte sich, seiner Stimme einen heiteren, harmlosen Klang zu geben, als er fortfuhr: »Dann bleibt ja nur eines, Ellen --?«
Groß und hell bis in die tiefsten Tiefen waren Ellens Augen auf ihn gerichtet. Sie errötete, ein zarter Gluthauch überzog blitzschnell Gesicht und Nacken. Ja, nun hatte sie verstanden. Ihre Arme begannen leise zu zittern. Sie zog die Hände an sich, schob den Sessel weit zurück und stand auf.
»Sprich nicht!« rief sie und hielt sich die Ohren zu, da sie sah, daß Schwedenklee Miene machte, weiterzusprechen. Sie schüttelte hastig den Kopf, in entzückender Verwirrung. »Nicht heute, nicht jetzt, frage nicht --« stammelte sie -- »wie sollte ich heute antworten können? Sprich nicht -- morgen ...«
»Gut, dann morgen. Ich wollte dich nicht erschrecken, Ellen. Gute Nacht.« Er streckte ihr die Hand hin.
Sie nahm seine Hand. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, so sanft, daß er sie kaum fühlte, und bot ihm -- zum erstenmal -- die Lippen zum Gutenachtkuß. Ihr Mund war heiß und weich.
* * * * *
Fiebernd, mit heißem Kopf, trat Schwedenklee ins Freie.
»Ihr Sterne!« sagte er zu den großen Sternbildern, trunken vom Sekt, berauscht von seinem Glück, und blickte lange zum flimmernden Firmament empor. »Du grundgütiger Himmel, herrlich und wunderbar ist das Leben!«
Es war ja wohl kein Zweifel, daß sie einwilligen würde. Immer noch fühlte er ihren heißen, weichen Mund auf seinen Lippen. So zart, wie ein Hauch nur.
»Ja, dies ist die Lösung, und ich werde glücklich sein!«
Mit glühenden Schläfen ging Schwedenklee lautlosen Schrittes durch das taunasse Gras. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht. Kühle hauchte vom Walde her. Sternschnuppen schossen über den Himmel.
Schwedenklee träumte, die Augen weit geöffnet. »Und immer wird sie um mich sein,« flüsterte er, »am Morgen, am Mittag, in der Nacht. Immer werde ich sie sehen, fühlen, sie wird plaudern, und ich werde entzückt sein, nur ihre Stimme zu hören.«
»Ich werde mit ihr reisen. Ich habe ja Geld, ich kann alles, alles bezahlen! Wenn es sein muß, verkaufe ich die Bauplätze! Die Menschen werden auf der Straße, in den Dielen der Hotels die Hälse verdrehen. Und meine Bekannten werden sagen: Seht an, Schwedenklee, ja, das ist ein Bursche!«
»Schwedenklee, geschworener Gegner der Ehe, wird also plötzlich heiraten? Seht an! Nun, laß sie reden. Eine junge Frau, die reizendste Frau der Erde werde ich haben -- und glücklich sein -- laß sie reden --!«
»Vielleicht aber --?«
Schwedenklee ging hastig weiter, über ein gemähtes Kleefeld, im silbernen Licht der Sternennacht.
»Vielleicht aber werde ich Kinder haben? Kinder? Ich, der Väter, die ihre Sprößlinge spazieren führen, immer ungeheuer komisch fand -- nun weshalb nicht? Man wird sie baden, pudern, pflegen -- sie werden schreien -- aber was schadet es, laß sie nur schreien. Sie werden süß sein. Und Ellen -- dieses süße Wesen, selbst noch ein Kind -- Mutter!«
Schwedenklee blieb erschüttert stehen. Sternschnuppen fegten über ihn hin.
»Eins, zwei, drei --« zählte Schwedenklee. »Also drei Kinder! Gut!«
»Sie, die selbst noch so zart ist, ein Kind fast --!«
»Überlegen wir: mein bisheriges Leben -- nein, keine Reue, keine Vorwürfe -- was geschehen ist, ist geschehen -- aber es wird von nun an _Sinn_ in mein Dasein kommen, dieses In-den-Tag-hinein-Leben hat ein Ende.«
Ein Verzauberter, ging Schwedenklee über die Felder. Süß stieg der Geruch der Erde auf. Nie in seinem Leben hatte er diesen Glanz der Gestirne gesehen.
»Und wir werden reisen, und alle werden mich beneiden! Welch ein junges, herrliches Wesen er sich erobert hat, werden sie sagen, seht an, dieser tolle Knabe! Und sie -- Ellen -- eine schlechte Partie wird sie ja nicht machen. Nein, das kann wohl niemand behaupten ...«
»Und wodurch habe gerade ich dieses Glück verdient?« fragte Schwedenklee. »Durch nichts, durch nichts ...«
»Durch nichts!« rief er triumphierend und herausfordernd. »So ist das Leben!«
25
Schwedenklee schlief in dieser Nacht wunderbar! Er träumte angenehm: er packte Koffer, Koffer, streute Trinkgelder um sich, Scharen von Kellnern dienerten, Autos rollten, Dampfer tuteten, beglückt fühlte er Ellens Gegenwart in jeder Sekunde, ohne daß er sie eigentlich je sah -- sie waren unterwegs.
Spät am Morgen erwachte er, dampfend und erfrischt vom Schlaf. Es war fast schon neun Uhr. Ellen hatte soeben gefrühstückt und erhob sich vom Tisch, als er eintrat.
Sie errötete, rasch und tief -- augenblicklich mußte er wieder an ihre heißen, weichen Lippen denken -- flüchtig, mit einer gewissen Hast, berührten ihre kühlen Finger seine Hand.
»Was für Langschläfer wir doch sind!« rief sie lachend aus. »Ich habe einen richtigen Katzenjammer!« Und sie strich sich mit den Fingerspitzen über die Schläfen, so daß die Hände ihr Gesicht verbargen. »Und was für törichte Dinge ich wohl geschwatzt haben mag, heute nacht?«
Schon war sie zur Türe hinaus.
Schwedenklee fand ihre mädchenhafte Verwirrung entzückend. Sie schämte sich, ohne jeden Grund. Wie herrlich, diese Reinheit!
Nein, er hatte natürlich nicht erwartet, daß sie ihm um den Hals fallen würde, keineswegs. Sie war ein junges Mädchen, vor eine bedeutsame Frage gestellt, sie mußte Zeit zur Überlegung haben -- er würde weder mahnen noch drängen, nicht, daß man einmal sagen könnte, er habe sie überrumpelt.
Und doch ...
Nein, nein, Schwedenklee war gewissermaßen dankbar, daß sich die erste Begegnung nach seinem Antrag so und nicht anders abgespielt hatte.
Er frühstückte mit gutem Appetit. Aber, während er ein Ei in der Hand aufschlug, konnte er doch den Gedanken nicht unterdrücken, daß es schließlich nicht nötig war für Ellen, so rasch, so verwirrt und verlegen wegzulaufen. Nein, nein, ganz unter uns, er hätte es hübscher und richtiger gefunden, wenn sie ihm zum Beispiel beim Frühstück Gesellschaft geleistet hätte.
Mit einer kleinen Falte in der Stirn zerlegte er eine Sardine.
Schwedenklee begann den Tag mit einer gewissen Feierlichkeit. Er ging bedächtig durch die Ställe, was er selten tat, er sprach lange und fast freundschaftlich mit dem Pächter, er stand und blickte über Felder und Äcker. Hell glänzte der Tag, eine Lerche schmetterte im Sonnendunst, sein Herz wurde heiter und froh.
Trotzdem -- je länger er stand und in den hellen Tag hineinblickte -- desto leerer und verwirrter wurde es in seinem Herzen. Er fühlte sich vereinsamt, verlassen, der Glanz des Tages bedrückte ihn. Obschon er sich geschworen hatte, Ellen in ihrem Versteck im Walde nie mehr zu belauschen, trieb ihn doch ein unwiderstehliches Verlangen, sie zu sehen, hinein in den Wald. Er pirschte sich vorsichtig durch das Erlengebüsch, erschreckend bei jedem Knacken eines Astes. Die Naturbühne aber war verlassen. Ellen war nicht da.
Schwedenklee kehrte enttäuscht in den Garten zurück und nahm, um die Langeweile zu verscheuchen, die Leere, mit übertriebenem Eifer seine Arbeit auf. Der Garten, muß man wissen, stieg von der Eingangspforte zur Treppe des Hauses sanft an. Schwedenklee beabsichtigte, diese Steigung in zwei Terrassen abzubauen, die, mit Stauden und Sommerblumen bepflanzt, dem Vorgarten ein heiteres und repräsentatives Gepräge geben sollten. Schon seit Wochen war er mit dieser Terrassierung beschäftigt, die Arbeit würde noch Wochen beanspruchen.
Eifrig handhabte er den Spaten. Die Sonne stach scharf ins Genick. Und Ellen, wo war sie?
* * * * *
Plötzlich hörte er eine Stimme, eine kernige, helle, etwas selbstbewußte, ja arrogante Männerstimme.
»Erlauben Sie mal, hören Sie mal!« rief diese Stimme.
Schwedenklee richtete sich auf. Ein dicker Schweißtropfen lief über seine Nase.
An der Gartentüre stand ein junger Mann. So unangenehm ihn der selbstbewußte, herrische Ton der Stimme berührt hatte, so sympathisch erschien ihm zu seiner Überraschung das Aussehen des jungen Mannes. Er war ein hübscher, großer Bursche mit gebräuntem Gesicht und hellen blauen Augen, blonden, strähnigen Haaren, die flott zurückgebürstet waren. Das Gesicht strahlte Jugend, Gesundheit und Selbstvertrauen. Er trug einen lichtgrünen Touristenanzug, graue Wickelgamaschen, gelbe Schuhe und einen weichen, breiten Kragen. Keinen Hut. Ein Badegast, dachte Schwedenklee. Häufig verirrten sich Badegäste an seine Türe.
»Sind wir hier richtig?« rief die helle, selbstsichere Stimme. »Ist dies die Residenz des Herrn Schwedenklee?«
Schwedenklee, etwas verwundert, nickte.
»Nun wohl, Dank den erhabenen Göttern!«
Der junge Mann klinkte die Türe auf und stieg die Stufen empor.
In der Geste des Aufklinkens der Pforte, in der Art des Eintretens erkannte Schwedenklees geschultes Auge sofort die Bühne.
Etwas unwillig stach er den Spaten in die Erde und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.
»Und wo, teurer Freund,« fuhr der Eindringling mit strahlender Miene und einer höflichen Verbeugung fort, »wo können wir diesen sagenhaften Millionär Schwedenklee finden?«
»Schwedenklee, das bin ich.«
Lachend, mit übertriebenem Erstaunen trat der Gast einen Schritt zurück. »Sie? Verzeihen Sie, man sagte mir: ein _älterer Herr_! Es ist mir eine Ehre, mich Ihnen zu Füßen zu legen: Richard Pohl -- nicht zu verwechseln mit dem berühmten Nord- oder Südpol gleichen Namens -- Mitglied der Vereinigten Sommertheater in Hamburg.« Kräftig und zutraulich schüttelte er Schwedenklees Hand. »Also Sie sind es, dessen Güte die Himmel rühmen? Es ist mir eine hohe Freude!«
»Seit einigen Tagen bin ich hinter Ihnen her«, fuhr Pohl gesprächig und lebhaft fort. »Sie sehen eine Art Odysseus vor sich! Ja, in der Tat, es ist nicht leicht, Sie zu finden, Ehrwürdiger, und selbst hier im Ort hatte ich noch Mühe. Aber nicht Sie suche ich eigentlich, obschon es sich der Mühe lohnte, sondern eine Dame: Ellen Blank!«
Aus der weitschweifigen Erzählung erfuhr Schwedenklee, daß Pohl mit der Familie Blank schon seit der Dresdener Zeit bekannt war. Er war der Sohn eines Musikers der Dresdener Oper, und Blank war sein erster Lehrer gewesen. Zufällig hatte er in einer Fachzeitung von Blanks Tod gelesen. Er schrieb einen Brief an Ellen nach Berlin, bekam ihn aber als unbestellbar zurück, mit einem zweiten Brief erging es ihm ebenso. Sobald seine Tätigkeit es ihm erlaubte, fuhr er nach Berlin, um Ellens Spur aufzufinden, was ihm erst nach vieler Mühe gelang, nachdem er die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen hatte. Ja, und nun also war er endlich hier, und er strahlte vor Freude und Genugtuung, sein Ziel erreicht zu haben.
Schwedenklee hörte ihm mit zerstreuter Miene zu. Ganz offen gestanden, zu keiner Zeit hätte ihm der Besuch ungelegener kommen können als gerade heute, an einem solch ungeheuer bedeutsamen Tage.
»Welcher Teufel führt ihn gerade heute hierher!« dachte er, während Pohl seiner Bewunderung über die herrliche Aussicht beredten Ausdruck verlieh. Diese Aussicht riß ihn derart hin, daß er Miene machte zu singen. »Gerade heute, da ich auf Ellens Bescheid warte und nicht weiß, was ich vor Ungeduld tun soll!« Die überschäumende Fröhlichkeit und heitere Natürlichkeit des Sängers -- trotz seiner etwas erkünstelten Redeweise -- söhnten ihn indessen rasch wieder aus. »Nun gut, er wird über Mittag bleiben, und am Abend sind wir ihn wieder los!«
»Einen kleinen Imbiß werden Sie wohl nicht abschlagen?« Immer wenn Schwedenklee in Verlegenheit war, bot er seinen Gästen zu essen oder zu trinken an.
Pohl aß mit vorzüglichem Appetit. Er hatte seit Tagen, während seiner Irrfahrt, nur sehr wenig zu sich genommen. Mit Genuß schlürfte er eine kleine Flasche Bordeaux.
Ellen war noch immer nicht zurückgekehrt.
Pohl wollte sie im Walde suchen, aber Schwedenklee machte ihm klar, daß der Wald tief und labyrinthisch sei und Ellen ihre geheimen Schleichpfade habe.
»Gut, so werden wir sie rufen!«
Schwedenklee lächelte.
Aber Pohl kümmerte sich nicht darum. Er trat einen Schritt vor, reckte sich in die Höhe und legte die Hände an die Wangen. Dann pumpte er die breite Brust voller Luft und schrie: »Ellen!« Schwedenklees Ohren gellten, der Ruf fuhr hell dahin, das Echo klang aus dem Walde. In der Ferne arbeiteten Landleute auf dem Felde, sie alle hoben die Köpfe.
»Sie werden sehen, es wird nicht lange dauern und wir haben sie hier. -- Ellen!« Noch lauter hallte der Ruf. Die Luft schmetterte, der ganze Wald hallte. Laut und hell antwortete das Echo. Die Pferde, die in der Koppel grasten, blieben stehen und blickten neugierig herüber.
Das Sonderbare geschah: kurz nach Pohls drittem Rufe erschien etwas Gelbes zwischen den Büschen. Es war Strolly, hoch auf den Beinen stehend, den Kopf gehoben. Dann teilten sich die Brombeerstauden, und Ellen sprang auf den Acker. Ihr weißes Kleid flatterte im Winde.
Pohl rief und schwenkte die Arme. Ellens Haltung war ganz Staunen. Sie erkannte ihn nicht. Plötzlich aber stieß Ellen einen hohen Schrei aus und winkte und begann zu laufen. Wie der Wind flog der blonde junge Bursche ihr entgegen, und während er lief, lachte und rief er.
Schwedenklee kehrte, etwas übelgelaunt, zu seinem Terrassenbau zurück. Er wollte bei der Begrüßung nicht stören.
* * * * *
Ellen erschien bei ihm. Sie umschlang ihn freudig mit den Armen. »Ich habe Besuch bekommen!« rief sie, glühend vor Erregung. »Richard ist gekommen! Ich muß Augusta verständigen. Er hat Zeit bis zum Frühzug. Augusta muß ihm ihr Zimmer abtreten. Du bist doch einverstanden, daß er bei uns bleibt? Ich kenne Richard schon seit sieben Jahren.«
»Du bist ja die Herrin im Haus!« antwortete Schwedenklee schweißtriefend und strich etwas verlegen über ihre heiße Wange.