Schwedenklees Erlebnis

Part 10

Chapter 103,676 wordsPublic domain

Ellen, zierlich, leicht, gewandt, kletterte in das Rad, und Schwedenklee führte die Maschine voller Vorsicht. Ellen schrie, lachte -- und wenn sie fallen sollte, landete sie an Schwedenklees Schulter.

Schon am vierten Tage nach den ersten Übungen unternahmen sie eine kleine Radtour, die so reich an Erlebnissen war, daß sie tagelang darüber sprachen.

Schwedenklee wurde in der Tat täglich schlanker. Sein Blick wurde offener, freimütiger. Seine dicken roten Prälatenwangen wurden flächig und braun, sein Körper straffte sich. Seine Stimme bekam einen metallischen Klang.

Schwedenklee trug beim Lesen eine Hornbrille. Einmal trat Ellen ein, die ihn nie mit dieser abscheulichen Brille gesehen hatte. Sie lächelte, ja sie mußte laut herauslachen.

In Zukunft trug Schwedenklee diese Brille nicht mehr. Die frische Luft, die Bewegung stärkten seine Augen in wenigen Wochen so sehr, daß er keine Brille mehr brauchte.

* * * * *

Eine ganze Woche regnete es. Schwedenklee zeichnete wieder an seinem Zentralbahnhof.

Dann packte er die Geige aus und begann, lustlos anfangs, Instrument und Klang entfremdet, ganz leise zu spielen.

Da erschien Ellen plötzlich -- ganz entgeistert! -- in der Türe.

»Du spielst Geige?« rief sie maßlos überrascht aus. Freude stand in ihren hellen Augen.

»Du spielst ja sehr gut!« sagte sie, noch mehr überrascht.

Schwedenklee kam in Verlegenheit. Er erinnerte sich an die Zeit -- viele Jahre war es her -- da er begeistert mit den Musikstudenten zweimal in der Woche musizierte, da er sogar den Ehrgeiz besessen hatte, Geiger zu werden -- still!

Es stellte sich heraus, daß auch Ellen Geige spielte. Ihr Vater hatte sie unterrichtet.

»So spiele.«

»Nein. Ich werde üben, wenn du nicht zuhörst. Ich habe lange nicht gespielt.«

»Weshalb nicht?«

Ellen errötete.

»Papa verkaufte seine Geige.«

»Ja, weshalb denn?«

»Er verkaufte sie, als Mama starb. Wir hatten so große Ausgaben damals.«

Schwedenklee fragte nichts mehr.

»Es ist keine besondere Geige«, sagte er. »Aber wenn du mir eine Freude bereiten willst, Ellen, so nimm sie als Geschenk an.«

Alles, alles wollte er ihr schenken, nur um ein freudiges Feuer in ihren Augen zu entzünden. Zart und kühl war die Haut ihrer Schultern. Sie war nicht schöner als andere Frauen, oh, keineswegs, aber sie war jung und unerfahren, das war alles, was sie anderen Frauen voraus hatte. Es war die Jugend, nicht mehr, nicht weniger.

* * * * *

Er bemühte sich, Ellens Wünsche und Pläne zu erforschen. Sie war scheu, sprach nie von sich und den Dingen, die sie im Innersten beschäftigten. Sie errötete, wenn man sie nach ihren Wünschen fragte, und erklärte, sie wünsche nichts. Vielleicht aber hatte sie irgendwelche Neigungen, Lust zur Musik, zu irgendeinem Berufe? In allen Dingen wollte er ihr wie ein Freund zur Seite stehen.

Endlich überwand Ellen ihre Scheu und erschloß sich. Es fand sich, daß Ellen längst einen Entschluß gefaßt hatte. Verlegen und errötend bekannte sie, daß sie zur Bühne gehen wolle. Mehr als das, es stellte sich heraus, daß ihre Ausbildung bei verschiedenen Lehrern bereits so weit gefördert war, daß sie schon in diesem Sommer, wäre der Todesfall nicht eingetreten, in ihr erstes Engagement in einen kleinen Badeort hätte gehen sollen.

Schwedenklee, der fürchtete, daß das Theater sie ihm entfremden könne, versuchte sie umzustimmen. Aber Ellen hing voller Leidenschaft an dem gewählten Berufe. Sie war fest entschlossen, denselben verführerischen und gefährlichen Weg zu gehen wie ihre Eltern.

»Nun gut«, dachte Schwedenklee. »Ich habe gute Beziehungen zu den Theatern in Berlin. Sie wird es leichter haben, soll es leichter haben, als andere. Freilich: das Theater -- lieber wäre mir ein anderer Beruf -- lieber wäre mir gar kein Beruf ...«

Ellen hatte einen hellen, ergreifenden Sopran: vielleicht Sängerin?

Nun, sie sollte wählen, sie sollte werden, was sie wollte!

Tagelang stand eine Überraschung in Schwedenklees Augen. Ellens Neugierde war aufs höchste gestiegen.

Eines Tages wurde ein kleiner funkelnagelneuer Stutzflügel vor dem Hause abgeladen. Es war ein Glück, daß Ellen im Walde war! Als sie zurückkam, fand sie den Flügel im Speisezimmer. Ein kleiner Strauß von Frühlingsblumen stand darauf, und an der Vase lehnte eine Karte, auf die Schwedenklee geschrieben hatte: der kleinen Ellen für ihre neue Wohnstube.

Ellen war überglücklich. Sie schlang ihre weichen, nach Gras und Wald duftenden Arme um seinen Hals. Die Berührung ihrer Arme war leise und doch unsagbar innig.

Am Abend fand das erste Konzert statt. Schwedenklee spielte aus bekannten Opern, und er spielte außerordentlich aufgeregt. Er spielte Klavier keineswegs so gut wie Geige. Aber er spielte ohne Mühe, las gewandt, und zudem konnte er die meisten Opern auswendig. Schon nach wenigen Tagen hatte er sich wieder eingespielt, und der kleine Flügel sang und donnerte wie ein Provinzorchester, das sich alle Mühe gibt. Nun begann er auch einzelne Partien halblaut zu singen.

Ellen war wie verzaubert. Mit glänzenden Augen saß sie da, den Mund offen, die Ohren leuchteten purpurrot. Ihre Kindheit erwachte, da sie in einer Luft von Musik aufwuchs.

Bald aber -- wie angezogen -- stand sie hinter Schwedenklees Stuhl und begleitete ihn mit leiser, erregt bebender Stimme.

Fast jeden Abend wurde musiziert. Draußen die Nacht, der Mond klettert in den samtschwarzen Himmel empor, die Bäume brausen.

Mehr und mehr verlor Ellen ihre Scheu, und ihre Stimme strömte klar, rührend, voller Leidenschaft. Sie glühte vor Erregung.

»Vielleicht werden wir doch noch eine Sängerin aus dir machen, Ellen?«

»Papa sagte, meine Stimme sei zu klein«, erwiderte Ellen, errötend über das Lob.

»Nun, wir werden ja sehen.« Schon war auch Schwedenklee vom Fieber ergriffen: oft sah er sie, Ellen, seine Ellen, auf der Bühne stehen, umbrandet vom Beifall.

22

Ellen verbarg nicht ihre Dankbarkeit für Schwedenklees Fürsorge und Anteilnahme an allem, was sie betraf. Sie hielt diese Fürsorge für völlig uneigennützig, der tiefen Freundschaft entspringend, die ihn mit ihren Eltern verbunden hatte. Natürlich verriet ihr ihr weiblicher Instinkt, daß er sie gern um sich sah. Wirkliches und aufrichtiges Vertrauen aber empfand sie erst seit den letzten Wochen, da er sich so lebhaft für ihre Pläne interessierte.

Er hatte ihr eine kleine Bibliothek, die sie für ihre Studien brauchte, besorgt.

Mit allem Eifer gab sie sich der Arbeit hin. Jeden Morgen verschwand sie nach dem Frühstück in den Wald, der an Schwedenklees Acker grenzte. Erst gegen Mittag kehrte sie zurück, die Wangen gerötet, Glanz und den Widerschein frohen Erlebens in den Augen.

Neugierig schlich ihr Schwedenklee eines Tages nach. Er hätte sie nie finden können, wenn nicht der Hund ihr Versteck verraten hätte. Auf einer Kuppe des Waldes war eine kleine, von Erlen umgebene Lichtung, so dicht abgeschlossen, daß es nahezu unmöglich war, die Lichtung zu finden.

Dies war Ellens Versteck. Er beobachtete, wie sie mit dem Buche in der Hand auf und ab ging. Sie sprach, deklamierte, ohne daß er die Worte verstanden hätte. Sie spielte! Sie kniete flüchtig nieder, hob die Arme, sie flüchtete, sie wehrte unsichtbare Feinde ab, erstarrte in Qualen, löste sich befreit -- wieder klang ihre Stimme.

»Was mag sie wohl spielen?« dachte Schwedenklee neugierig in seinem Versteck. Nie kam sie ihm seltsamer, rührender vor als in diesem Moment.

Offenbar war sie nicht zufrieden. Wieder kniete sie nieder, ihre dünnen, zarten Hände flehten, ihre ganze Gestalt, die Arme, die Neigung ihres Kopfes. Wieder wich sie zurück -- herrlich und wunderbar erschien sie ihm, leidenschaftlich hingegeben ihrem Werke, inmitten der Einsamkeit und Heiligkeit des Waldes.

Strolly, der Hund, gewöhnt an ihr wunderliches Gebaren, lag im Grase, den Kopf zwischen die Pfoten gesteckt. In der Gabel eines Astes entdeckte Schwedenklee den schwarzen Kater.

Bei einer lebhaften Geste schreckte der Hund auf und sprang an ihr empor. Sie umarmte ihn, küßte ihn und beide wälzten sie sich im Grase. Hell und herzlich klang Ellens Gelächter.

Heute, morgen, übermorgen belauschte sie Schwedenklee klopfenden Herzens. Aber der Hund lief hin und her, bellte -- endlich stutzte Ellen, unterbrach ihre Deklamation und lauschte. Sie machte Miene, dem Hund zu folgen.

Schwedenklee entfloh und belauschte sie fortan nicht mehr.

Trotz dem kameradschaftlichen, harmlosen und nahezu kindlichen Tone, der zwischen ihnen herrschte, bewahrte Ellen immer noch eine gewisse Scheu und Fremdheit. Zuweilen sprach sie von ihren Hoffnungen in der Zukunft, niemals, oder fast niemals rührte sie an die Vergangenheit.

Bis zum Alter von ungefähr fünfzehn Jahren hatte sie wohl ein ziemlich sorgloses, ja heiteres Leben geführt. Dann kam die Krankheit der Mutter. Ellen, ein Kind noch, führte den Haushalt, die Sorge trat ihr ganz nahe. Früh gereift in manchen Dingen, hatte die Schwere dieser Jahre sie in ihrer seelischen Entwicklung in anderer Beziehung gehemmt. Unentwickelter als Mädchen ihres Alters, die sorglos und heiter erblühten, war sie in anderen Dingen.

Oft beobachtete Schwedenklee, wie sie mit den Tieren plauderte. Sie sprach mit ihnen wie mit kleinen Geschwistern, so naiv gläubig und zärtlich. Die Tiere aber schienen sie völlig zu verstehen.

»Wie rührend sie ist!« dachte Schwedenklee, und ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit und des Glückes erfüllte ihn.

23

Sterne, das Rauschen der Bäume, der laue Wind haucht, das Gras flüstert unter den Büschen, eine Eule schreit schwingend in der Finsternis. Die Dunkelheit berauscht, die Seele ist trunken von der Stille.

Unfaßbar war Schwedenklee diese wundervolle, weiche Dunkelheit, die in den Städten ausgestorben ist, vertrieben vom elektrisch glühenden Kohlenfaden. Jeden Abend überraschte sie ihn aufs neue. Unfaßbar die Stille. Unfaßbar die Sterne, die auf ihn herabstürzten, wenn er das Auge zum Firmament hob. Matter Glanz lag auf dem Meere, ein feiner roter Lichtfunke glitt irgendwo in die Weite.

Wie ein Verzauberter, sich selbst fremd, wanderte Schwedenklee in der Dunkelheit hin und her, sobald Ellen sich zurückgezogen hatte. Beglückt hörte er zuweilen ihre Stimme in die Stille dringen. Sie sprach mit dem Hunde, der in ihrem Zimmer schlief. Ellen schloß die Läden ihres Zimmers nicht, wenn sie sich entkleidete. Diese Reinheit rührte ihn, und er hütete sich wohl, ihrem Fenster zu nahe zu kommen. Nur aus der Ferne, durch die Büsche hindurch, wagte er zuweilen einen kurzen Blick: ihre Arme ordneten die Haare, sie schritt im Nachtgewand zur Kerze, spitzte den Mund und blies das Licht aus. Ihr schönes mädchenhaftes Profil blieb noch lange in der Dunkelheit haften, zuletzt verschwand der kindlich gespitzte Mund.

Schwedenklee setzte sich auf die Treppe des Hauses. Hingegeben, voller Andacht atmete er Stille und Dunkelheit ein. Zu denken, daß es Menschen gab, die in dieser Stunde in rauchigen Kaffeehäusern saßen und schmutzige Karten mischten! Zu denken, daß er vor Jahren gerade vor dieser Dunkelheit und Stille die Flucht ergriffen hatte! Unvorstellbar der Gedanke, daß er einmal wieder in diese Höllenstadt zurückkehren würde.

In der Tat, war sein Leben bisher nicht leer, sinnlos? Welche Freudlosigkeit, Nüchternheit, Betäubung, Unrast, Lärm, Flucht vor sich selbst.

Wunderbare Wendung, die sein Leben genommen hatte! Deutlich erkannte er die Hand eines wohlwollenden Schicksals.

Schwedenklee blickte in die Dunkelheit und überließ sich seinen Empfindungen. Schon fühlte er die Schwere nicht mehr, schon schien er zu schweben, schon schien er zu segeln auf den Fittichen der Nacht.

* * * * *

Mitten in einer lauten Nacht -- die Zweige peitschten gegen das Fenster und der Vollmond flog rasend dahin -- erwachte Schwedenklee plötzlich, von einem Gedanken gepeinigt. Dieser Gedanke quälte ihn so sehr, daß sein Herz schmerzte. Es war ein Gedanke, den er in all den Wochen verscheucht hatte, so oft er sich nahte.

Er erhob sich, in Schweiß gebadet, warf den seidenen Schlafrock über und ging in dem schattigen, von Lichtschwertern durchzuckten Zimmer hin und her, immer hin und her.

»Und wenn sie doch mein Kind wäre?« flüsterte er. Da! Nun war er ausgesprochen, der Gedanke!

Schwedenklee taumelte, so stark erschütterte ihn der Gedanke.

Die arme Ellen, sie war damals von Paris nach Nürnberg gefahren und hatte dort schon in den ersten Tagen Blank kennengelernt. Blank hatte sich sofort in sie verliebt und sie hatten -- nach anfänglichem Zögern Ellens -- geheiratet. Anfangs Januar des nächsten Jahres war die kleine Ellen geboren worden.

Soweit die Tatsachen -- gänzlich unverfänglich, wie man zugeben wird, von dem verhältnismäßig frühen Termin der Geburt des Kindes abgesehen. Ja, wann zum Beispiel hatte Ellen Fröhlich Paris verlassen? April, März, früher? Ja, mein Gott, _man lebte damals in den Tag hinein_ -- wer dachte an solch abenteuerliche Möglichkeiten?

Nein, der Termin der Geburt war ohne Bedeutung. Leidenschaftlich und rasch ist die Jugend, hatte er nicht selbst in dieser Hinsicht genug Erfahrungen gesammelt?

Aber Schwedenklee erinnerte sich noch heute deutlich an eine Andeutung im ersten Brief, den Ellen Fröhlich von Nürnberg aus schrieb, eine Andeutung, die ihm sofort die Hitze ins Gesicht getrieben hatte. Er hatte diese Andeutung ignoriert, und in den folgenden Briefen war nicht mehr die Rede davon gewesen. Später hatte er sich seiner Feigheit geschämt, und gerade aus diesem Grunde erwachte ein leichtes, nicht abzuschüttelndes Gefühl der Scham in ihm im Augenblick, da die Erinnerung an Ellen Fröhlich unerwartet in ihm geweckt wurde. Es war natürlich auch möglich, daß er diese Andeutung, jene dunkel klingende Bemerkung, völlig mißverstanden hatte?

Und doch, um ehrlich zu sein, augenblicklich hatte er sich an diese seltsame Andeutung erinnert, als Blank ihm seinerzeit schrieb: vielleicht habe ich Ihnen Mitteilungen zu machen, die Sie interessieren könnten!

Es gab aber ein weiteres gewichtiges Argument: Weshalb hatte Blank, der ihm alle Einzelheiten seines Lebens anvertraute, _nie mit einer Silbe erwähnt, daß er eine Tochter besaß_? Ja, weshalb, bei allen Göttern?

Schwedenklees Herz blieb stehen. Der Schweiß brach erneut aus seiner Stirn.

Ja, war es nicht das allersonderbarste, daß Blank nie von seiner Tochter sprach? Wie?

War es -- mehr noch! -- nicht auffallend, daß Blank kurz vor seinem Tode alle Papiere, die er besaß, vernichtete?

»Es steht fest,« resümierte Schwedenklee, zitternd vor Erregung, »Ellen ist deine Tochter! Ich will es dir beweisen!«

Nehmen wir es einmal an: sofort ist Blanks sonderbares Benehmen, sind all seine Worte und Anspielungen sonnenklar.

Ellen Fröhlich trug dein Kind unter dem Herzen, als sie von Paris kam. Sie machte eine Andeutung, sie war überzeugt, du würdest auf diese Anspielung hin sofort zu ihr eilen. Blank berichtete ja, daß sie dich bestimmt erwartete. Du ignoriertest die Andeutung, du kamst nicht. Sie haßte dich! Ließ sie dir nicht bestellen: Sage ihm, daß ich ihm nicht mehr grolle! Grolle? Oh, ja, nun wurde es klar. Blank liebte sie rasend, er nahm das Kind als sein Kind entgegen. Das war das Geheimnis ihrer Ehe! Aus welchem anderen Grunde solltest du zwanzig Jahre hindurch in dieser Ehe diese wichtige Rolle gespielt haben? Weshalb vergaß man dich nicht? Nun, sehr einfach, weil man dich nicht vergessen konnte! Das Kind ...

Als Ellen fühlte, daß ihre Kräfte zu Ende gingen, war es da angesichts der wirtschaftlichen Not nicht naheliegend, daß die beiden im Interesse des Kindes beschlossen, das Geheimnis preiszugeben? Blank sollte zu dir kommen, dich sprechen, dir das Geheimnis enthüllen. Aber du wolltest ihn nicht empfangen -- er war gezwungen, Anspielungen zu machen, die dich stutzig machen sollten. Ja, ja -- so ist es und nicht anders!

Er kam zu dir -- aber im Augenblick, da er dich sah, war es ihm gänzlich unmöglich, aus rasender Liebe für das Kind, aus rasender Eifersucht, die entscheidenden Worte zu sprechen. Aus diesem Grunde sprach er nie von seiner Tochter ...

Es ist ja nur selbstverständlich: wäre mit der jungen Ellen nicht ein Geheimnis verknüpft, so würde Blank in der ersten Stunde zu allererst nur von ihr erzählt haben ...

»Alles, alles erklärt sich!«

Schwedenklee schwankte durch das Zimmer. »Ja,« sagte er zu sich, inbrünstig, bis zu Tränen erregt, »ohne jeden Zweifel -- sie ist dein Kind! Und morgen werde ich es ihr sagen. Von morgen an werden unsere Beziehungen einen anderen Charakter tragen.«

Schon aber blieb Schwedenklee verwirrt stehen. Obwohl es heiß im Zimmer war, zitterte er vor Frost. Nein, das, gerade das war ja gänzlich unmöglich!

»Oder werde ich es ihr lieber nicht sagen --?« flüsterte er, aufs äußerste erregt.

»Oder werde ich es ihr _nie_ sagen?«

»Aber selbst: wenn ich es ihr sagen würde, wie würde ich sie _überzeugen_ können?«

»Nie würde ich sie überzeugen können! Sie wird mich für einen Betrüger halten. Sie wird mich hassen, weil ich das Andenken ihrer Eltern schmähe ...«

Schwedenklee trat an das Fenster und blickte lange, ratlos, verquält, zum rasend fliehenden hellblinkenden Mond empor. Dann tauchte er wieder in das warme Dunkel des Zimmers zurück.

»Es ist ja alles Unsinn!« dachte er und nahm die Wanderung wieder auf. »Völliger Unsinn! Sie ist _nicht_ dein Kind!«

»Nein, nun werde ich es dir beweisen! Die Sache ist ja so einfach, wenn man sie ruhig betrachtet, und alles andere sind leere Spekulationen.«

Ellen Fröhlich war lange leidend. Sie lebte wie alle schwer Leidenden, fast ausschließlich in der Erinnerung. Ihre Erlebnisse, wie die der meisten Frauen, einfach, klar und nicht chaotisch, ließen sich leicht überblicken, und so konnte sie nicht umhin, an das Erlebnis in Paris zu denken. Sie fand das verblaßte Bild. Vielleicht sagte sie zu Blank: bring es ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, grüße ihn von mir. Ich grolle ihm nicht mehr -- weil er mich damals so schwer enttäuschte ...

Blank konnte auch recht gut ganz von selbst auf den Gedanken gekommen sein! Verlassen, arm, krank, suchte er Anlehnung, Stütze. Nichts wäre verständlicher. Der Gedanke an die Zukunft seines Kindes marterte ihn. Mit dem Starrsinn eines Verzweifelten klammerte er sich an dich. Vielleicht, sicher, hatte ihm auch seine Frau nahegelegt, daß in der letzten Not du dich wohl als Freund erweisen würdest.

Ich reagierte nicht auf seine Briefe. Er machte bedeutsam klingende Anspielungen, um meine Neugierde zu reizen -- Anspielungen, die er augenblicklich widerrief, als er seine Absicht, mich kennenzulernen, erreicht hatte.

Während er harmlos zu plaudern versuchte, während er zu lächeln versuchte, marterte ihn vielleicht der Gedanke: kann man diesem da -- wenn es zum Äußersten kommen sollte --, kann man diesem da, diesem Schwedenklee, das Kind anvertrauen? Wird er nicht, teilnahmslos und gleichgültig, die Bitte eines Unglücklichen verhallen lassen?

Nun schien auch plötzlich die Bemerkung Sinn zu bekommen, die er machte, als er nach dem Abendessen in der Droschke fortrollte: einmal werden Sie vielleicht begreifen, welche Bedeutung es für mich hat, Sie näher kennengelernt zu haben.

Weshalb aber sprach er nicht von Ellen? Aus Scheu, aus Scham -- aus letzter Scham ...

»So und nicht anders ist die Sache«, wiederholte Schwedenklee, »und alles andere sind nervöse Konstruktionen --«

»Und ein Argument gibt es, wichtiger als alle, unwiderlegbar!«

»Nehmen wir an, Ellen wäre deine Tochter -- hätte der sterbende Blank, der ja noch die Kraft hatte, dir zu schreiben, hätte er in dieser furchtbaren Stunde nicht die Wahrheit bekannt? Schon um sicher zu sein, daß du Ellen gut aufnehmen würdest?«

»Mit dem Tod vor Augen -- nein, nein, ganz unmöglich!«

»Sie ist natürlich nicht deine Tochter!« rief Schwedenklee beglückt aus.

Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Die Erregung hatte ihn völlig erschöpft.

»Wie albern die Menschen doch sind!« dachte er befreit und leicht. »Wie albern! Mit welchem Unsinn sie sich die Köpfe angefüllt haben! Es ist ja schließlich höchst einerlei, ob sie nun mein Kind ist oder nicht. Das wesentliche ist ja doch, daß sie bei mir ist! Sie ist mein, sie wird mein sein, sie wird meine Geliebte, meine Frau sein -- ja, selbst wenn ich es wüßte, daß sie mein Kind ist! Ich werde glücklich sein. Was kümmert mich schließlich alles andere?«

Schon graute der Tag. Abgezehrt, verhärmt sank der Mond, eine blasse, zerfressene Scheibe, in den Morgennebel, der aus den Feldern stieg. Ein früher Vogel schrie geisterhaft.

Spät am Morgen erwachte Schwedenklee. Als er sich ankleidete und durchs Fenster blickte, sah er Ellen hoch oben auf einem Wagen herrlich gehobelter Bretter sitzen, der so eben von einem Gespann starker Bauernpferde in den Hof gezogen wurde. Es war der Fußboden des Anbaues. Sie lachte mit dem Kutscher. Strolly, der Hund, tanzte wie rasend vor den Nasen der Pferde. Ellen erblickte ihn am Fenster, und ihr zarter Arm winkte, während die Sonne auf ihren Wangen funkelte.

Verflüchtigt waren die Nachtgespenster.

24

Die Saat schoß aus der Erde, über Nacht wuchs das Gras auf der Wiese. Die Wälder standen plötzlich in dichtem Grün. In Schwedenklees verwahrlostem Garten erblühten plötzlich Scharen von Lilien, Päonien, Stauden aller Art, Schlingrosen -- vor Jahren hatte er sie gepflanzt und völlig vergessen. Der kleine Obstgarten, Pflaumen und Birnen, war eine einzige schneeige Wolke, zwischen Haus und Wald gebettet. Ellen war nichts als seliges Staunen.

Heiß und plötzlich setzte der Sommer ein. Reichtum quoll aus der Erde, Gräser, Blumen, Unkraut. Schon wogte das junge Getreide, der Klee stand einen Schuh hoch. Bis an die Knie standen die Kühe im Gras, die Pferde grasten in der grünen Koppel, die Schweine grunzten auf dem schwitzenden Misthaufen. Die Hühner gackerten lärmend, und Scharen von Küken wimmelten um die Glucken. Der Bauer schnitt die erste Mahd, und der Schweiß rann ihm über das braune Gesicht.

Ellen hatte bis jetzt fast immer dunkle Kleider getragen. Sie vertauschte sie nun endgültig mit hellen Sommerkleidern. So erschien sie plötzlich weltlicher, reizender, strahlender -- Schwedenklees Blicke hingen an ihr, wie sie durch den Garten schritt, in den Wald lief, sich zu einer Blume bückte, das lockere Haar mit der Hand in den Nacken warf.

Schwedenklee schien größer geworden zu sein, da er sich besser hielt. Sein Bauch war fast völlig verschwunden, sein Gesicht, wenn auch noch massig und viereckig, war straff und braun, niemand konnte leugnen, daß er sich um zehn Jahre verjüngt hatte.

Er war in diesem Frühling und Sommer nicht müßig gewesen. Zusammen mit Ellen hatte er einen neuen Obstgarten angelegt, gegen hundert Bäume, er hatte eine Bewässerungsanlage von fünfzig Meter Länge gebaut. Er hatte Wege ausgehoben, Bauschutt und Sand gefahren und festgestampft. Nun war er dabei, eine Laube zu zimmern, die eine herrliche Aussicht bot. Er hatte Schwielen an den Händen, ganz wie der Bauer. Am Abend sank er todmüde ins Bett, um wie ein Stein zu schlafen.

Sie waren viel auf den Rädern unterwegs. Ein wenig außer Atem folgte Schwedenklee Ellen, die wie ein Rennfahrer dahinfuhr. Ellen hatte auch kutschieren gelernt, etwas ängstlich noch saß sie, die Peitsche in der Hand, in steifer Haltung auf dem Bock, und die Pferde trappelten hurtig dahin. Schwedenklee hatte ihr einen kleinen eleganten Wagen gekauft.

Das kameradschaftliche Verhältnis zwischen Ellen und Schwedenklee hatte an Herzlichkeit gewonnen. Sie lachten und schwatzten zusammen -- nicht wie Erwachsene eigentlich, eher wie Kinder. Sie umarmte ihn, schmiegte sich an ihn, er gab ihr einen Gutenachtkuß, wenn sie schlafen ging.

Bald!

Schwedenklee war in großer Erregung. Oft ging er, verwirrt und unruhig, mit großen Schritten im Garten hin und her und sprach halblaut mit sich selbst.

Bald! Bald! Tausend Kosenamen hatte er für Ellen in Gedanken, zärtliche Namen, deren er sich vor Wochen noch geschämt hätte.

* * * * *