Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 9
Inhalt: Der Magistrat der kgl. Residenzstadt München stelle Henseln für seine patriotisch-künstlerischen Zwecke unter dem Vorhalt jederzeitigen Widerrufs, vorerst für die Dauer der Schulferien den Fest- und Prüfungssaal der Schwabinger Mädchenhandelsschule zur Verfügung.
Man muß den Saal gesehen haben; er ist einer der imposantesten Münchens. Er hat Fenster nach Osten, Süden, Westen; doch wenn die Sonne da in einem Tag rundherumkommen will, muß sie sich sputen. Der Saal hat eine gewölbte Decke; man nimmt es mit freiem Auge kaum wahr. Der Saal ist 1,4 lang; Kilometer? oder deutsche Meilen? -- das ist bisher nicht festgestellt. Bekannt ist nur, daß man die letzte Trambahn verpaßt, wenn man den Saal mittags zufällig durch den unrichtigen Ausgang verläßt. Ferner, daß sich einmal ein junges Mädchen im Festsaal verirrte, worauf die Rettungsexpedition der Polizeiwache Ungererstraße fünf Tage später von einer zweiten Rettungsexpedition in völlig erschöpftem Zustand nächst der nördlichen Saalecke aufgefunden wurde.
In diesem Saal also stand Georg Hensel und sollte da sein Medaillönchen schneiden. Selbstverständlich wuchs ihm die Idee, wenn er so in die Höh und Ferne sah.
Einen Augenblick dacht er noch an die Plastik, wie Kratz sie angedeutet hatte: 40 ~cm~ -- dann schämte er sich; schämte sich vor den Ausmaßen des Saals.
Eine Victoria... Sie mußte doch den deutschen Siegen in Belgien, Frankreich einigermaßen entsprechen. Nun waren aber Lüttich gefallen, Namur, Maubeuge. Ein doppelt lebensgroßes Eisengerüst für das Modell wird grade noch ausreichen...
Da fiel Antwerpen; Hensel ersuchte den Magistrat München, als welcher durch Darleihung des Saals so lebhaftes Interesse an dem vaterländischen Werk bekundet hatte, ‚zum Zweck der Verwirklichung der Kolossalgruppe‘ etliche Wagen Gips anfahren zu lassen.
So entstand die Schwabinger Alp. Sie stellt sich den ewigen Gletschern des Ortlers würdig an die Seite.
Nur ist sie künstlerisch gegliedert:
Oben auf barock-kubistischen Gewitterwolken der Kriegsgott (16,3 ~m~) mit hochgekämmtem Schnurrbart, Adlerhelm (Gips). Der Kriegsgott schwingt ein Banner -- na, ich sage Ihnen: ein Banner: wie das Focksegel eines Kauffarteischiffs. Der Kriegsgott ist von Wodans wildem Heer begleitet. (Alles Gips.) Im Gefolge erkennt man: den ehemaligen Chef des Generalstabs v. Moltke; Hindenburg; dann Kluck, Falkenhayn. Ungern reißt sich der Blick von ihnen los -- doch tiefer unten gibt es ebenso Anziehendes zu schauen: die deutschen Stämme mit den Kronprinzen Friedrich Wilhelm (11 ~m~), Ruprecht, Albrecht an der Spitze: im ganzen etwa 360 Figuren, keine unter 8 ~m~. Wer schwindelfrei ist und eine Feuerwehrleiter ganz hinansteigt, wird herrliche Details bewundern können.
Das Ganze ruht auf einem Sockel (in Wirklichkeit sollt ja der Spessart von Aschaffenburg bis Gemünden als natürlich überhöhte Basis dienen) -- und am Sockel werden ~en relief~ sämtliche deutschen Mitkämpfer in natürlicher Größe verewigt. (Alles Gips.)
Das ist die Schwabinger Alp, wie sie im Herbst 1914 als Modell fertigstand. Wenn man vom künstlerischen Wurf ganz absieht: schon als Äußerung roher Kraft allein eine ehrfurchtgebietende Arbeitsleistung.
Da schrieb der Magistrat München:
So, die Schulferien wären nun zu Ende -- Hensel werde ersucht, den Saal der Mädchenhandelsschule Schwabing bis 12. d. M. wieder für den Unterricht freizugeben.
Wie sollte Hensel sein Modell hinausbringen -- durch die Tür oder durch die Fenster? -- Die Schulkommission erklärte, darüber möge sich der Künstler selbst schlüssig werden.
Wenn man aber die Mauer weit genug aufbrach, fiel die ganze Mädchenschule zusammen.
Nachdem sich erst eine Stimme aus der Bevölkerung im Generalanzeiger der Neuesten Nachrichten für ein pietätvolles Belassen des Werkes im Festsaal ausgesprochen hatte, nahm sich die Sezession der Sache an -- und ein Wink von oben gab den Ausschlag; man ließ Henseln einstweilen in Ruhe: bis zu den nächsten Ferien.
Indessen aber war die Mädchenschule dem Kriegsministerium überwiesen worden -- der Festsaal insbesondre als Bureau der siebenhundertgliederigen Zentrale zur Beschaffung von Ersatzhornknöpfen für Papierlitewkas.
Da fielen übereinander her: der Magistrat; die Schulkommission; die Künstlergenossenschaft; der Bund zur Erhaltung von Denkmälern; das Kriegsministerium; und eine Gruppe von Gläubigern, die Henseln Gips geliefert hatte. Es entstand ein Wirbel von Staats- und Bürgergewalten, von militärischen und kulturellen Belangen, die einander aufs schrecklichste flankierten.
Sie flankierten und befehdeten einander -- immerzu -- immerzu -- jahrelang. Schließlich drückten sie Henseln völlig an die Wand: er habe das Modell jedenfalls hinauszuschaffen, und zwar auf seine Kosten. Beinah mußt er nachgeben, seine Alp zerstören...
Da kam ihm ein erlösender Gedanke: in einem prachtvollen Brief schenkte er die Alp, wie sie stand, dem bayerischen Herrscherhaus.
Das war im Sommer 1918.
Das Oberhofmeisteramt dankte dem Künstler brieflich.
Worauf die Schulkommission sich an den König wandte -- mit dem Ansinnen, über ‚sein‘ Denkmal zu verfügen. München, 8. November 1918.
Das Haus Wittelsbach gedachte, die Schwabinger Alp ganz einfach der deutschen Nation zu stiften, da...
... da kam der Umsturz.
Nun war die Sache erst recht verfahren:
Die Münchener Gewerkschaften wollten die Schwabinger Alp als Gipsbergwerk sozialisieren.
Die Mehrheit der bayerischen Abgeordneten betrachtete das Ding als Krongut.
Hensels Gläubiger haben es mit Beschlag belegt.
Durch eine bereits ausgestellte, nur im Gesetzblatt noch nicht abgedruckte Urkunde ist die Schwabinger Alp Reichseigentum geworden.
Wem gehört sie also? Das ist das große Rätsel.
-- -- -- Unterdessen geht Georg Hensel in den Kaffeehäusern umher, mit den Händen in den Hosentaschen, und pfeift sich eins: ein Mann, der nach schweren innern Kämpfen zur Herzenseinfalt zurückgefunden hat.
Die Grandeln
Vorigen Frühling äußerte meine Frau die Absicht, im Juli nach Kissingen zu gehen.
Der Juli hat 31 Tage. Um diesen überaus langen Monat nicht allein in München verbringen zu müssen, sah ich mich als vorsorglicher Familienvater schon im Mai nach etwas um.
Ich fand es. In der Pinakothek.
Es war eine babylonische Witwe. Nicht besonders klug, aber freundlich, schwarz von Haar, finanziell unabhängig und mit etwas Malerei begabt. Sie hatte mit sechzehn geheiratet, berichtete sie, war fünf Jahre lang Gattin gewesen, fünf Jahre Witwe und zählte im ganzen zweiundzwanzig.
Sie hieß Ludovica. Ich liebe Frauen, deren Namen man sich leicht merken kann. Ein mnemotechnischer Zufall kam mir zu Hilfe: Ludovica war in diesem Jahr die Dritte.
Ludovica war sogleich entbrannt. Um mich nicht zu zersplittern, vertröstete ich sie auf den Juli; und sie wartete.
Plötzlich, am 1. Juli -- wer beschreibt meinen Schrecken? -- gab meine Frau ihre Kissinger Reise auf.
Augenblicks beschloß ich, auf die Hochwildjagd zu gehen.
Ich selbst habe natürlich kein Revier. Doch Walter Ziersch hat eins. Sooft ich nun Wert darauf lege, mich zu diesem oder jenem Zweck für ein paar Tage zu dematerialisieren, pflege ich meinen Verwandten gegenüber eine Jagdeinladung zu Walter Ziersch vorzuschützen.
Das Verfahren ist sehr einfach: ich passe im Flur auf, bis mich irgendwer telephonisch anruft; hierauf ergreife ich beide Höhrrohre -- jawohl, beide Höhrrohre -- und was mein Partner auch immer sage -- ich jauchze in die Muschel:
„Ah, du bists, lieber Doktor Ziersch? -- Fein, fein gehts mir, ich danke... Hochwildjagd? Gewiß, gewiß, mit Vergnügen.“
Der Mann am Telephon widerspricht eindringlich: er wäre der Gemüsehändler und wisse nichts von einer Jagd, es sei ein Mißverständnis.
Ich noch lauter, noch freudiger:
„Mittwoch? Famos! Herrlich! -- Wie, Auerwild gibts auch? Ich werde bestimmt erscheinen. Ich danke sehr. Schluß!“
Und ich wende mich an meine Familie:
„Denkt euch, Walter Ziersch hat mich schon wieder zur Hochwildjagd gebeten.“
Alle freuen sich mit mir und preisen den edeln Jagdherrn und Gönner.
-- -- --
Mittwoch also fuhr ich mit meiner Babylonierin nach Augsburg.
In Augsburg kaufte ich einen Rehbock und schickte ihn meinen Lieben, damit auch sie teil an Vaters Jagdvergnügen hätten.
Der Tante schickte ich zwei Fasanen.
Meinem Bruder nur ein Rebhuhn -- er glaubt die Geschichte von der Jagd ohnehin nicht.
Dem Onkel aber selbsterbeutete Hirschgrandeln, denn ich verehre den lieben Onkel sehr.
Ich weiß nicht, ob es allgemein bekannt ist, daß echte Grandeln heidnisch teuer sind. Ich kaufte nachgeahmte, für fünfzig Pfennig.
Onkelchen, der Schurk, muß auf den ersten Blick erkannt haben, daß diese Grandeln aus Zelluloid bestehen; er fand das Geschenk ‚zu kostbar für einen alten Onkel‘ und verehrte es... meiner Frau.
Meine Frau schmollte ein wenig, daß sie ihres Ehemanns Trophäe erst auf Umwegen bekommen hätte, beruhigte sich aber und ließ das kostbare Stück vom Juwelier in Gold fassen.
Dann trug sie die Grandeln öffentlich als Brosche.
Ich ärgerte mich bunt. Jeden Tag zweifelte ein andrer Mittagsgast die Echtheit meiner Jagdbeute an. Meine Lieben begannen, mich mit scheelen Blicken zu betrachten.
Da kam Professor Bechtel zu Besuch -- Bechtel, der Zoologe.
Meine Frau wollte offenbar die Gelegenheit ausnutzen und zeigte dem Herrn Professor die Grandelbrosche, natürlich um sie prüfen zu lassen.
Doktor Bechtel besichtigte die Brosche oberflächlich, nickte freundlich und schob sie zurück. Sie wäre sehr geschmackvoll, sagte er. Und hochmodern.
Schon atmete ich auf. Meine Frau aber hatte offenbar Verdacht gefaßt und wollte durchaus Sicherheit haben. Sie rief:
„Was sagen Sie nur, Herr Professor? Vetter Toni behauptet immer, die Grandeln wären nicht echt.“
„So?“ rief der Professor. -- „Nicht echt?“ -- Er schob die Brille in die Stirn und hielt sich die Brosche an die Nasenwurzel. -- „Man müßte das Ding chemisch untersuchen: das Gold mit Hilfe einer Mischung von Schwefel- und Salpetersäure, dem sogenannten Königswasser -- die organischen Bestandteile der Brosche mit...“
„Ha,“ unterbrach ich, „ich lasse mich von Vetter Toni nicht beleidigen. Die Grandeln sind echt. So lieb sie mir sind -- als Andenken an meinen ersten Hirsch -- ich werde sie erbarmungslos opfern. Bekanntlich,“ rief ich -- und meine Stimme hatte hier ehernen Klang -- „bekanntlich gibt es eine unwiderlegliche Probe: falsche Grandeln sind durch Feuer unzerstörbar, echte aber flammen auf und verbrennen.“
Ehe meine bestürzten Anverwandten noch ein Wort hatten erwidern können, zündete ich ein Streichholz an -- ein Zischen, ein wenig Gestank -- und die Grandeln waren gewesen.
Wie stand ich da? Ungefähr wie Mucius Scaevola. Oder wie Manlius Torquatus. Je 2,5 Zentimeter ein König.
-- -- --
Aus dieser schlichten Begebenheit erklärt sich die eigentümliche Stelle in Professor Doktor Bechtels ‚Leitfaden der Zoologie,‘ 17. Auflage, München, 1921:
„Die Schneidezähne mancher Hirscharten (Cerviden) zeichnen sich durch leichte Brennbarkeit aus, was unter Umständen die Unterscheidung von Schädelresten der Gattung ~Cervus~ von denen andrer Wirbeltiere erst ermöglicht.“
Tobias Leinzeltners Schicksale im Münchener Umsturz
Tobias Leinzeltner ist Diener der Süddeutschen Verlagsgesellschaft Euterpe, Wochenblatt für Milchwirtschaft und Käserei.
Georg Leinzeltner ist der Direktor; ein älterer, massiv gebauter Herr, den man beim ersten Ansehen eher den alkoholhaltigen Branchen zurechnen würde.
Zwischen Herrn und Diener besteht mehr als Namensverwandtschaft; sie sind richtige Vettern. Nur darf Tobias bei Strafe eines prasselnden niederbayerischen Ungewitters sich dritten gegenüber zu Georg Leinzeltner als Vetter nicht bekennen; muß ihn als Herrn Direktor anreden, auch in den vier Wänden und wenn sie unter sich allein sind, ‚sonst fliegt er von der Stelle;‘ muß vergessen, daß sie einst zu Dingolfing gemeinsam Schuljungen gewesen -- und er denkt stündlich daran; muß den nagenden Groll in seiner Brust erwürgen und verleugnen, daß sein Vetter Gebieter ist und er nur Sklave -- wo sie doch eines Bauernblutes sind, aus einem knorrigen Holz, Tobias sogar älter -- und Georg nur darum aufgeblasen sein darf und grob, weil sein Vater dem Vater Tobiae das Stammgut der Familie einst vor Jahren in langwierigen, sumpfigen Sitzungen abgeschmust und abgelachselt hat.
Nie sind Ketten knirschender getragen worden. Wenn Tobias vormittags um elf dem Herrn Direktor Weißwürscht aus dem Hackerbräu zu holen hat, so betrachtet er sie bei sich als seine Weißwürscht und sieht mit Neid und Ärger, wie der reiche Vetter sie frißt. Jeden Pfennig, den Georg ausgibt, reißt er dem Tobias vom Herzen. Er praßt unaufhörlich vor Tobiae Augen; so sieht es der Diener.
In Wahrheit ist auch Georg Leinzeltner, der Herr Verlagsdirektor, keineswegs auf Rosen gebettet. Man hegt ja große Hoffnungen für die Euterpe m. b. H. -- einstweilen aber geht das Wochenblatt nicht besonders gut. Man kann sagen, es geht garnicht. Es lebt von Anzeigen -- und die Anzeigen werden vom Herrn Direktor selbst äußerst mühsam ‚hereingeholt‘: indem der Herr Direktor zuerst einen saftigen Aufsatz I. schreibt ‚über gewisse gewissenlose Aussauger des armen Milchproduzenten‘ und mit dem Gelöbnis schließt, ‚in der nächsten Nummer unsres verbreiteten Blattes in diese Elemente ausführlich hineinleuchten‘ zu wollen. Die ewig drohende Fortsetzung II. ist noch nie erschienen; denn alles, was Butter in Milchdingen auf dem Kopf hat, beeilt sich, rechtzeitig in der ‚Euterpe‘ halbseitig zu annoncieren.
Wirkt Direktor Georg Leinzeltner also im Grund sittlich bessernd auf seinen Kreis, indem er die Schädlinge durch fortgesetzte Erpressung wirtschaftlich schwächt, so steht er doch stets mit einem Fuß in den Schlingen der öffentlichen Rechtspflege. Die Weißwürscht, wo das Schicksal ihm gewährt, sind nur eine -- nicht einmal unbescheidene -- Gefahrprämie.
Tobias merkt es nicht; sein Grimm nimmt die Weißwürscht des Vetters wahr, nicht die Seelenängste.
In Anbetracht der peinlichen Finanzlage des Verlags war es doch wohl übertriebene Vorsicht des Herrn Direktors, wenn er schon beim ersten Hahnenschrei des revolutionären Maschingewehrs aus München floh -- offenbar befangen von dem Irrwahn, er wäre Kapitalist und Zielscheibe des Proletenhasses. Andrerseits muß ein Schutzengel ihn gewarnt haben: denn schon am Geburtstag der Räteherrschaft hatte Tobias, der böse Diener, in einem blindgehässigen Brief ohne Unterschrift grade Herrn Georg Leinzeltner, den Vetter, als einen der reichsten Bürger gekennzeichnet, als Leuteschinder, vielfachen Millionär und fanatischen Weißwurschtgenießer, den das erwachende ‚Voik‘ zu allererst zu vernichten hätte ‚wannz überhaubz an Ordnung gäbet in der königlichen Rebublick.‘
Ob mit, ob ohne Not -- genug, Georg, der Herr Direktor, war nun einmal nicht da, sondern im heimatlichen Dingolfing und -- Tobias, der Diener, sah sich allein im Brausen des Umsturzes; sah sich, der Diener ohne das Korrelat eines Herrn. Und hatte die neue Regierung ohnehin verkündet: es gebe keine Diener mehr -- so ist ein herrenloser Diener am allerwenigsten denkbar. Tobias Leinzeltner tat also recht daran, wenn er sich seiner Stellung enthoben fühlte, für arbeitslos hielt.
Ob sein Vetter, der Herr Direktor, zurückkehren wird, stand in den Sternen geschrieben, Tobias Leinzeltners rückständiger Lohn vielleicht sogar im Schornstein. Tobias beschloß nach einiger Überlegung, sich an das Sichere zu halten: an die Arbeitslosenunterstützung des Staates.
Und Tobias stellte sich an -- hinten als letzter an eine endlos krumme Menschensäule, um seinen Anspruch auf die Unterstützung anzumelden. Nach der Hohenzollernstraße 15 sollt er, zwei Treppen, Zimmer 59, gleich links -- da war das Amt -- und er stand gegen Mittag noch auf dem Kaiserplatz. Herrgott, bis die Menschensäule da im stockenden Schritt der Wartenden nach der Hohenzollernstraße vorrückt! Er hatte mit dem Nachsinnen kostbare Stunden vertrödelt, das ist klar -- und wirklich, er kam zur unrechten Zeit: vor ihm waren schon Zehntausende auf dem Amt gewesen, vielleicht hunderttausend, und der Volksbeauftragte war sehr kritisch mit der Zuteilung der grünen Zettel; er sah sich jeden Bittsteller dreimal an.
„Du, Genosse,“ sagte er zu Tobias, „bist doch ein kräftiger Mann? Du könntst hinaus aufs Dorf? Kartoffeln graben? Torf stechen?“
Davon verstehe er nichts, wandte Tobias ein und blickte scheu hinweg; er sei nun einmal gelernter Redaktionsdiener für Milchwirtschaft.
„Na, deinetwegen werden wir keine Fachblätter gründen,“ brummte der Beauftragte. „Tritt in die Rote Garde ein -- anders gibts kein Brot!“
Tobias -- was sollt er? -- sagte: Gut! -- und sie führten ihn mit einem Trupp Leidensgenossen nach der Türkenkaserne, hängten ihm ein Gewehr um, steckten ihm fünf Handgranaten von oben in den Hosenriemen und gaben ihm eine gestempelte Binde, die sollt er auf dem Ärmel tragen. Die Hauptsache aber: einen Napf Pichelsteiner Fleisch kriegte er und zwanzig Mark Handgeld. Das ließ er sich wohl gefallen; und trollte sich nach Haus.
Am nächsten Morgen sitzt Leinzeltner gemütlich daheim mit seinen Spezis bei einer frischen Maß und erzählt seine Abenteuer von gestern und haut auf den Tisch und sagt: wenn jetzt, wenn heut, wenn abermals der saubre Herr Vetter käme, der Direktor, und tät wiederum so maulen und ‚Tobias, Tobias!‘ brüllen und ihn, den Leinzeltner, zehnmal an einem Vormittag auf die Post schicken -- und andre reaktionäre Umtriebe machen: so würde er als Rotgardist es garnie nicht dulden; für so was hätt er nun ganz einfach die Flinte da hinterm Bett und fünf Stück Handgranaten.
„Hehe!“ grinsten die Spezis, „hast denn schon amal aus an Gwehr gschossen?“
Habe er allerdings noch nicht, räumte Tobias ein -- indem er wegen seiner Plattfüße dauernd untauglich gewesen; doch wenns zum Knallen ist, werde er seinen Mann schon stellen, darauf könne man sich verflucht verlassen.
Da öffnet sich die Tür, und klirrend erscheint eine rote Patrouille, blutjunge Bursche.
„Achtung!“ ruft der Führer. „Saan Sö der Leinzeltner?“
„Ja.“
„Hände hoch!“
Aber, wandte Leinzeltner hilflos ein, er sei ja selber Rotgardist, da auf der Kommode -- er wies mit dem Finger hin -- liege doch seine Armbinde.
Pardautz! -- hatte er eins an der Schnauze sitzen, und „Hände hoch!“ brüllte der Führer. „Sö kommen mit auf die Polizei!“
Leinzeltner schritt knieweich und beklommen inmitten der Patrouille auf die Polizei, immer mit den Händen hoch -- nur eben verschränken durfte er sie im Nacken. O du lieber heiliger Tobias, Schutzpatron -- was wird man ihm dort antun, was von ihm wollen?
Auf der Polizei meldete der Führer:
„Leinzeltner zur Stelle gebracht.“
„Ah, der Herr Leinzeltner!“ riefen die Volksräte und schienen sich grimmig zu freuen. „Der Georg Leinzeltner?“
Nein, versicherte der Häftling; der Georg wär er nicht, vielmehr der Tobias.
Sie wollten es nicht gleich wahrhaben, doch er stellte die Sache dar, wie sie lag -- da sprachen sie zu ihm:
„Wanns so is, Genosse -- nachher geh nur schön heim und trink a Maß auf den Schrecken!“
Das ließ sich Tobias nicht zweimal sagen.
Saß eine halbe Stunde darauf mit seinen Spezis und schilderte ihnen haargenau sein Erlebnis...
Da öffnete sich die Tür, und klirrend erscheint -- wer?
Eine rote Patrouille: diesmal vier ältere, bärtige Männer.
„Achtung!“ ruft der Führer. „Saan Sö der Leinzeltner?“
„Ja -- aber...“
„Hände hoch!“
Ja -- aber... er sei doch eben erst auf der Polizei gewesen -- hier -- hier auf dem Nachttischchen habe er den Schein...
Weiter kam er nicht. Pardautz! -- hatte er eine rechts an der Schnauze, eine links -- einen Kolben im Bauch -- er merkte gleich, das waren Frontsoldaten. Und die Hände hoch sollt er halten, sowie das Mäu und augenblicklich mit auf die Polizei wandern.
„Herrgottfix -- des is ja scho wieder der Tobias Leinzeltner und net der Georg,“ riefen die Räte zornig, sowie er sich nur zeigte. „Was willst denn du bei uns, du damisches Rindviech, damisches? Schaug, daß d in Schwung kimmst, sonst wern mir dir scho helfen, du Bazi!“
Na, dachte der arme Tobias, gar a so mundartlich hätten s mit an Genossen und Gardisten net reden bräucht -- immerhin war er froh, aus der Höhle der neubayerischen Löwen draußen zu sein...
... Wollte eben daheim das Gespräch da fortsetzen, wo er es vorhin abgebrochen hatte, durch die Patrouille gestört -- -- wehe, wehe: sie holten ihn zum drittenmal.
Denn er sei durchaus nicht der Tobias Leinzeltner, für den er sich immer ausgebe, sondern der vielgesuchte Georg selbst, der ‚wo die Anzeige eines klassenbewußten Proletariers gegen ihn vorliege‘ wegen Leuteschindens, bürgerlichen Millionärprotzes und frevlen Weißwurschtfressens.
Die Patrouille war nun mächtig verärgert über den frechen Burschoa, dem sie zweimal so weit hatte nachlaufen müssen.
Wieviel Holz der arme Tobias diesmal kriegte, auf den Buckel sowohl wie vornhin und drüber weg: Kinder, es geht auf keine Kuhhaut. Und es dauerte eine geschlagene -- wie geschlagene! -- Stunde, eh er alles klarstellen konnte -- teils, weil sie seine Sprüch nicht glaubten, teils, weil seine Red und Fresse so geschwollen war.
Endlich, endlich entließen sie ihn, und Tobias zog sich gebrochen zurück: scheinbar nur aus dem Zimmer der Räte, innerlich aber aus der Partei, aus der Welt, aus dem Umsturz überhaupt.
Er hat seine Flinte nie mehr angerührt -- noch weniger die Handgranaten.
Nach Dingolfing ist er geschlichen und Redaktionsdiener ist er worden bei seinem Vetter, dem Georg -- bei der Euterpegesellschaft, behaftet mit Beschränktheit, Wochenblatt für Milchwirtschaft und Käserei.
Die Reinhold Lenz-Gesellschaft zur Förderung junger Talente
Wenn Sie, Gnädigste, Ihr kleines Handbuch der Weltliteratur aufschlagen, wissen Sie gleich Bescheid:
„_+Lenz+_, Jak. Mich. Reinhold, * 12. (23.) Jan. 1751 zu Seßwegen (Livland), studierte i. Königsberg, ging 1771 n. Straßburg, trat hier alsbald in Berührg. m. Goethe u. Jung-Stilling. Nach Goethes Abreise unterhielt L. ein leidensch. Verhältnis zu Friederike Brion (s. d.!), dem Lieder entstammten, die man lange für Goethes Werk hielt. Am Weimarer Hof machte sich L. durch Taktlosigkeiten unmögl. Verfiel 1777 in Wahnsinn, ging 1780 n. Petersburg u. Moskau, † 1792. Dramen: D. Hofmeister, D. Soldaten; Roman: D. Waldbruder.“
Welch erschütternde Tragödie in wenig Zeilen!
Nun war in München etwas ähnliches geschehen -- ein junger Dichter war in Not umgekommen -- und damit der Fall sich gewißlich nimmer wiederhole, gründete Universitätsprofessor ~Dr.~ Beutemann die Reinhold Lenz-Gesellschaft. Mitglieder: die Münchener Dichter Mann für Mann -- an ihrer Spitze Georg Hirth, Graf Keyserling, Ruederer und andre. Sitzung: jeden Freitag abend, Eberlbräu.
Die Sache ließ sich schön an. Wir entdeckten Begabungen und unterstützten sie; lenkten die Aufmerksamkeit der Theater auf ringende Autoren; gaben Versbücher heraus, Almanache -- veranstalteten Vorlesungen, bis...
... bis sich dieser und jener verletzt fühlte, weil man seinen Schützling unaufgeführt ließ -- Lyrik, die er empfohlen hatte, für Mist erklärte...
Es starben Georg Hirth, Graf Keyserling und Ruederer -- Professor Beutemann verzog nach Berlin -- Gustav Meyrink nach Starnberg -- der Eifer erlahmte -- und von der Reinhold-Lenz-Gesellschaft ward es still. Malzumal hörte ich: anstelle Beutemanns wäre nun ~Dr.~ Kitzheimer Vorsitzender geworden; oder: die Lenzgesellschaft hätte die Absicht, im Schauspielhaus eine verschollene Komödie von Gumppenberg zu inszenieren. Wiederum vergingen Monate -- und ich wußte nicht: hatte man den Plan fallen lassen? vergessen? ausgeführt?
Ich kümmerte mich nicht um die Reinhold Lenz-Gesellschaft. Nur wenn ich irgendein Geschäft hatte, das ich mit meiner Frau nicht diskutieren wollte, verlegte ich es gern auf Freitag.
Und sagte nachmittag meiner Frau:
„Schatz, ich komme heut nicht zum Abendessen.“
„Oh! Warum?“