Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 8
„Sie wollen also dem Postscheckverkehr beitreten?“ fragte er. „Es ist meine Pflicht, Ihnen vorher die Folgen Ihres Schrittes klarzumachen. Wissen Sie auch, daß Sie dann keine Postanweisung, überhaupt kein bares Geld mehr in die Hand bekommen? Man wird die Beträge unmittelbar Ihrem Konto gutschreiben. Paßt Ihnen das?“
„Gewiß,“ sprach ich -- völlig ruhig -- wie ichs immer bin, auch wenn ich noch so hohen Herren gegenüberstehe.
„Dann fertigen Sie hier die Vollmacht aus!“
Ich tat es. Er betrachtete wohlwollend die Unterschrift und sagte:
„Ah, der bekannte Operndirektor. Ich habe Ihre Werke wiederholt erwähnen hören. ‚Die lustige Witwe‘ und so. Sagen Sie: wie fallen Ihnen die vielen Melodien ein? -- Na, Sie wollen also dem Scheckverkehr... Gut, Sie können versichert sein: die Regierung wird Ihre Bitte wohlwollend in Erwägung ziehen. Guten Tag!“
Ich war entlassen.
Als ich vierzehn Tage nichts hörte, fragte ich auf dem Postamt: ob es nicht möglich wäre, jene dreihundert Mark einzuzahlen, die ich, zum Leidwesen meiner Mutter, immernoch mit mir herumtrug.
Man sagte mir:
„Nein, einzahlen können Sie nicht. Denn Sie haben noch kein Konto und keine Nummer.“
Es war eine schwere Zeit. Meine Mutter verlangte täglich das Geld zu sehen -- damit ich es nicht verbrauchte -- und auch bei Nacht erwachte sie öfters, kam herüber und guckte nach dem Geld.
Ich bat auf der Post, man möchte mir eine Kontonummer zuweisen. Sie sagten, es ginge nicht. Warum? Weil ich noch nichts eingezahlt hätte.
„Ich will gern einzahlen...“ antwortete ich.
„Ja -- da müßten Sie erst eine Nummer haben, unter der wir es buchen können.“
Endlich am 17. April -- nie werde ich den Tag vergessen -- am 17. also durfte ich mein Geld hinlegen. Der Amtsvorstand ließ mich zu sich rufen und sagte mir:
„Man hat, wie Sie sehen, Ihrem Ansuchen willfahrt -- wiewohl Sie Ausländer sind und Ihr Vorleben durch mancherlei bedauerliche Schatten getrübt ist. Die Regierung hofft, daß Sie sich der Aufnahme in den Postverkehr würdig erweisen werden. Geloben Sie das?“
„Ich gelobe es,“ versicherte ich.
Und ich bekam die Kontonummer 1130, Scheckamt München.
-- -- --
Wenn nun eine Postanweisung an mich kommt, schickt man mir nicht etwa das Geld, sondern ich erhalte -- ganz wie es der Amtsvorstand angedroht hat -- nurmehr die Verständigung, dieser und dieser Betrag wäre meinem Konto gutgebucht worden.
Jeden Betrag, den ich von irgendwoher bekomme, schickt man aufs Postscheckamt und schreibt ihn auf Nummer 1130.
Erst gestern kamen wieder:
Vom ‚Lustigen Sachsen‘ für ein hübsches Trinklied
2 ℳ 50.
Von der ‚Literarischen Rundschau‘ für einen Artikel ‚Sollen junge Mädchen Korsette tragen?‘
15 ℳ
Ich kriege das Geld nicht. Wir haben seit sechs Wochen nichts mehr im Haus.
Einmal füllte ich ein Formular aus und ging damit auf die Post.
Der Beamte sah die Geschichte durch, nickte beifällig, hielt das Papier gegen das Licht, um das Wasserzeichen zu prüfen, und sprach:
„Sie können ganz beruhigt sein. Der Scheck is echt.“
„Ich wollte hundert Mark...“
„Schicken S’ halt den Schein aufs Scheckamt.“
Ich schicke öfters einen Schein aufs Scheckamt.
Dann weist das Scheckamt hundert Mark an -- an Herrn Roda Roda, München 23, Leopoldstraße.
Das Postamt München 23 bekommt die Anweisung, sagt sich aber mit Recht: ‚Der Mann hat ein Konto, auf das wir diesen eingelaufenen Betrag überweisen müssen.‘ -- Und die hundert Mark gehen wieder ans Scheckamt.
Meine Mutter verkümmert in Not, Bettelstab ist bei uns Küchenmeister. Mein Geld geht ans Postscheckamt.
Gestern war ich persönlich bei einem Verleger und suchte ihm zwanzig Mark abzulisten.
Er sagte mir:
„Gewiß, mit Vergnügen. Ich überweise Ihnen das Geld durch einen Postscheck.“
Ich ging gebrochen vondannen.
Ich wiederhole den Versuch, Geld von der Post zu erhalten, jede Woche. Ich sehe ja ein, der Versuch ist töricht. Doch das eben ist die Art der Verzweifelten, törichte Versuche zu wagen.
Die Regierung bleibt unbarmherzig. Die Einführung des Postscheckverkehrs war ein Teil der Finanzreform des Reiches. Man wollte Geld haben, und nimmt es nun den Ärmsten. Meine kargen, sauern Schriftstellerhonorare wird man der Entente überweisen. Und die deutsche Kunst gibt man dem Hungertuch preis.
Die Löwen des Professors Behn
Es wird hier nicht die Rede sein von Behns Löwen aus Porphyr, Marmor, Syenit, Fayence, Gips, Erz, Eisen, Porzellan und Sandstein -- sondern von zwei wirklichen, lebendigen... eben: von Löwen schlechtweg. Aus allem möglichen Material hat Behn Löwen gehauen, gegossen, geknetet -- ruhende, zornige, brünstige, sterbende Löwen -- er hat aber auch zwei Stück selbst gefangen, nach München mitgebracht und jahrelang gehegt. Sie müssen nämlich wissen: Fritz Behn ist kein Professor mit Vollbart und Brille, er ist ein sehniger Sportsmann; nicht nur Bildhauer, nein, auch Afrikajäger.
Unten in der Villa Behn war der Zwinger, nebenan das Atelier -- oben die Wohnräume. Unten knurrten in jener Faschingsnacht die Bestien und fletschten ihre Reißer -- oben tanzte man Walzer, One-step und Tango. Es war im Tangojahr, Februar 1914.
Diese Nacht ist sehr unliebsam gestört worden; gegen vier Uhr nämlich stürzte Matthes, der Wärter, in den Salon und schlotterte und stotterte:
„Herr Professer! Auskummen saan s’.“
Nichts weiter.
Das Jazz war damals noch nicht erfunden -- Behn in seinem Schrecken erfand es: er machte einen regelrechten, riesigen Jazzsprung nach dem Flur; kehrte mit einer Pirouette um ins ‚Saharazimmer‘ und raffte rasch zusammen: einen derben Strick; die Rifleexpreßbüchse; eine Handvoll Patronen.
„Was ist denn geschehen? Was ist los?“ schnatterten die Damen, riefen die Herren; einige wollten mit Behn.
„Ruhe! Nichts ist geschehen. Bitte: sofort zurück in den Tanzsaal! Niemand darf hinaus.“ -- Frau von Pleininger, in Hermelin gehüllt, hatte eben mit ihrem neuesten Freund holländisch davongewollt, im Auto; Professor Behn hielt die Flüchtlinge unsanft auf.
Einen Herzschlag später stand Behn vor dem Käfig. Die Tür des Käfigs weit offen. Die Löwen weg.
„Sie werden im Garten sein...“ sagte sich Behn, glaubte sichs selber nicht und begann den Garten abzustöbern. Die Büchse hielt er schußbereit vor sich, den Finger am Züngel, und über der Schulter trug er den derben Strick.
Den Strick... hatte er in der ersten Verwirrung mitgenommen. Vor so viel Jahren am Taganjaka -- ja, damals hatte er die Löwen mit eben diesem Strick gefangen, gewiß. Drei Eingeborne hatten mitgetan. Die Löwen waren jung und dumm gewesen, die Nigger erzgescheit. Heute aber? Die Löwen sind seither voll erwachsen. Es besteht nur Hoffnung, sie lebendig zu kriegen, wenn etwa der Wärter sie mit rohem Fleisch...
„Matthes! Matthes!! Wo steckst du?“
Prost Mahlzeit! Matthes war nicht da, der Lump; er hatte sich verkrochen.
Und die Löwen waren nicht im Garten; waren nirgends. Die erregte, die ängstliche, die schnatternde Gesellschaft konnte nach einer guten Stunde Zögerns, nach zahllosen Beteuerungen und Schwüren des Hausherrn die gastliche Villa verlassen. Sind die nach ihren Wagen gerannt, die Damen und Herren, an jenem Faschingsmorgen! Und haben tief aufgeatmet, als sie in den sichern Betten lagen. Frau von Pleininger hatte sich an ihren eignen Gatten geklammert; mein Gott -- in der Panik.
Behn war allein.
Zunächst rief er 20231 auf, Polizeidirektion.
Keine Antwort.
Ach so -- man muß die Nachtnummer verlangen.
Eine bärbeißige Stimme:
„Wos mögen S’ denn?“
„Hier Behn. Meine Löwen sind mir durchgegangen.“
„Wer is Eahna durchganga?“
„Meine Löwen.“
„I hör allweil ‚Löwen‘? Buchstabieren S’ mal!“
Behn buchstabierte:
„Louise, Otto, Ernst, Wilhelm, Ernst, Nikolaus.“
„Saan Eahna durchganga? Die Louis, der Otto, Ernst...? Melden S’ es halt um a neune auf Zimmer 126, ‚Vermißte Kinder.‘ Schluß.“
Behn blieb geduldig. Rief nochmals 20231 an.
„Jo??“
„Hier Behn.“ -- Weiter kam er nicht.
„Saan S’ scho wieder do? I hab Eahna scho gsogt: Zimmer 126, um a neune.“
„Aber hören Sie doch: es handelt sich garnicht um Kinder. Zwei L--ö--w--e--n sind mir ausgekommen.“
„L--ö--w--e--n?? Derblecken S’ Eahnern Großvatter!! Verstehn S’??“
„Mensch, es sind doch gefährliche Raubtiere -- Sie müssen etwas tun.“
„So? Raubtiere?? Ha. Wirkliche Löwen??“
„Gewiß.“
„So rufen S’ halt Amt Eglfing, Nummer vier!!“
Dem Professor fiel aber nicht ein, der behördlichen Weisung zu folgen. Eglfing Nr. 4 -- das ist nämlich die bayerische Irrenanstalt.
-- -- --
Eine halbe Stunde darauf schrillt Behns Telephon.
„Hallo! Hier Polizeidirektion... Sie selbst, Herr Professor? Man hat bei uns vorhin... Waren Sie es? Und Ihnen sind tatsächlich...??? Kommissariat Freymann meldet zwei Pudel in der Größe von Kälbern...“
Himmel, das sind sie! Freymann liegt nordöstlich von München, fünf, sechs Kilometer weit.
Von nun an stand die Klingel nicht mehr still.
Um acht waren die Löwen bei Ramersdorf; sie mußten im Bogen um die Stadt gelaufen und durch die Isar gefurtet sein.
Um zehn waren sie im Perlacher Forst.
Um elf kam eine betrübliche Nachricht aus Benediktbeuern, nicht weit vom Kochelsee: die Bestien hatten zwei Vollblutfohlen des Staatsgestüts gerissen. (Zwei Vollblutfohlen: es werden hoffentlich nicht gleich Derbycraks gewesen sein; immerhin kann man sich auf zehntausend Mark Schadenersatz gefaßt machen.)
Um ein Uhr: Garmisch.
Nun aber wurde Professor Behn stutzig. Garmisch -- Donnerwetter -- das liegt doch in der Luftlinie achtzig Kilometer weg von München -- und mit den Umwegen über Freymann, Benediktbeuern müssen es gut zweihundert sein, quer durch Gebirg und Flüsse... Sonderbar. Rasen sie denn wie Schnellzugslokomotiven, die verdammten Viecher?
Da hieß es im Fernsprecher:
„Wetterstelle Zugspitze, 2964 Meter über dem Meer. -- Herr Professor! Soeben sind Ihre Löwen wohlbehalten bei uns eingetroffen.“ -- Dazu lebhaftes Hohngelächter.
Behn wußte alles. Er sprach ohne Vorwurf, ohne Zorn:
„Sag mal, Ebbinghaus, wie lang willst du den langweiligen Ulk noch forttreiben?“
Denn nun wars gewiß: Behns Löwen hatten das Haus überhaupt nicht verlassen. Professor Ebbinghaus, der Spaßmacher, hatte sie des Nachts in Behns Keller gebracht; und dann von Stund zu Stunde vom Café Stefanie aus Berichte über Wege und Untaten der Löwen an den Professor telephoniert.
Die Angelegenheit war also ziemlich glatt verlaufen.
Die einzig Leidtragende war Frau von Pleininger; sie glaubt, in jener Nacht eine große Chance versäumt zu haben; und bis heute hat sie es Behn und Ebbinghaus nicht verziehen.
Die Trauung
Eines Tages beschlossen wir, meine Frau und ich, einander zu heiraten. Nämlich mit Hilfe der Staatsgewalten -- damit wir ein anerkanntes, königlich bayerisches Ehepaar würden. Wir besprachen unsern Entschluß -- und auch, daß wir vom nächsten Ersten an ein Abonnement auf die Straßenbahnen nehmen würden. -- Doch was sind menschliche Entschlüsse? Wir vergaßen den einen wie den andern.
Irgend einmal sprach uns Väterchen Rößler von der schlechten Zugsverbindung, die er nach Dachau habe (er käme, wenn er erst in München sei, nicht vor dem dritten Morgen heim) -- da erneuerten wir unsre Vorsätze, nahmen auch richtig das Abonnement -- mit der Heirat bliebs wieder bei der Absicht.
Nicht mehr lang. Am Abend nach der Taufe unsres Jüngsten sagte meine Frau:
„Du, erinner mich morgen, daß ich aufs Standesamt gehe.“
Und sie ging. Und erzählte mir später:
„Es sind ganz umgängliche Menschen, garnicht sehr roh. Ich fragte: ‚Bitte, was muß ich tun, um meinen Mann zu heiraten?‘ -- Sie schrieben mir sofort alles nötige auf. Hier ist der Zettel.“
Er enthielt im ganzen sieben oder acht Gegenstände.
* * * * *
Ich bin irgendwo an der serbischen Grenze geboren -- und als sei das des Jammers nicht genug, war unser Pfarrer am Tag meiner Geburt ein wenig angeheitert. Er schrieb mich nicht in die Matrikel.
Solang ich daheim lebte, machten sich die Folgen der hochwürdigen Laune nicht weiter fühlbar -- die Ämter bei uns begnügten sich mit meiner Anwesenheit und fragten nicht nach dem Schein.
Jetzt aber sollt ich erfahren, was es heißt: auf der Welt und nicht in der Matrikel sein. In Deutschland muß man beweisen können, daß man geboren ist. Ich konnt es nicht beweisen.
Ich schrieb sieben Briefe nach Haus: sie sollten mir einen Geburtsschein schicken. Irgendeinen. Wenn er auch nur im mindesten für mich passe.
Auf jeden der sieben Briefe blieb ich sieben Wochen ohne Antwort. -- Wer da berechnet, daß siebenmal sieben etwa fünfzig sind und daß ich vierzehn Tage brauchte, um mich zu besinnen -- der wird mir gern glauben, daß ein Jahr fruchtlos verging.
Als das Jahr um war, fuhr ich -- eine verdammte Reise! -- persönlich nach meinem Geburtsort. Ich erkannte ihn nicht wieder. Mein Vaterhaus fehlte, ein vorüberfahrender Fuhrmann hatte es gestohlen. Den kostbaren schmiedeeisernen Torflügel des Hofes, seit Generationen ein Stolz der Familie, hatte der wirkliche Eigentümer erkannt und reklamiert.
Ich ging gradenwegs zum Pfarrer.
„Mein Sohn...,“ begann er...
„Verzeihung, Hochwürden, Sie verwechseln mich mit jemand anderm.“
Der Irrtum klärte sich rasch auf -- der Pfarrer hatte die Anrede ‚Mein Sohn‘ nur figürlich verstanden.
Na, und da Seine Hochwürden zum Glück wieder gut gelaunt war, kriegte ich meinen Geburtsschein ohne weiters. Ich ordnete meine häuslichen Angelegenheiten, forschte den diebischen Fuhrmann aus, parierte geschickt seine Ohrfeigen, zeigte ihn an und fuhr vondannen.
Zu Haus in München empfing man mich mit großer Freude. Daß Papa so rasch heimkehren würde, hatte sich niemand gedacht.
„Aber,“ sagte meine Frau, „du hättest auch gleich deinen Heimatschein mitbesorgen sollen.“
Richtig, den Heimatschein! Ein endloser Briefwechsel erhob sich. Ähnlich wie einst um die Geburt des Homeros, stritten sich sieben Städte -- nur verleugneten sie mich alle und schoben sich gegenseitig meine Angehörigkeit zu. Verleugneten mich unter den nichtigsten Vorwänden, das muß ich sagen. Endlich kamen Essegg und Agram in engere Wahl. Ich schlug vor, die Magistrate sollten um mich würfeln -- man lehnte mit Erlaß vom 23. Juni v. J., Zahl 12364, mein Ansinnen ab. Zehn Kronen Geldstrafe wegen versuchter Verleitung zur Veranstaltung eines unerlaubten Glücksspiels. -- Dank dem Eingreifen eines befreundeten Abgeordneten mußte Essegg klein beigeben, und -- da der Abgeordnete sehr mächtig war -- wälzte man meine Geldstrafe auf die Staatskasse über. Sie prangt im letzten Budget der Königreiche Kroatien-Slavonien ~sub titulo~ ‚Investitionen,‘ Punkt 7: ‚Kanalbau‘ -- kaum verschleiert durch einen Federhut für die Geliebte meines Beschützers.
Ich hatte also meinen Heimatschein und brauchte nichts weiter als die Bewilligung des ungarischen Justizministers ‚zur Verehelichung im Auslande.‘ Mir stiegen Beklemmungen auf. Das Justizministerium zu Budapest arbeitet bekanntlich fieberhaft. Doch die Last, die man ihm aufgebürdet hat, ist zu groß -- kein Amt der Erde kann eine solche Aufgabe bewältigen: 896 n. Chr., vor mehr als tausend Jahren, fielen die Madjaren in Ungarn ein und nahmen das Land in Besitz. Man nennt das kurz: die Landnahme. Die Landnahme ist im königlichen Grundbuch noch nicht ganz durchgeführt. Tag und Nacht schreibt man seit 896 die Grundstücke um -- man ist erst im dritten Achtel. Wie wird man da Zeit finden, mir meine Heiratsbewill...?
Ich bekam sie postwendend. ‚Seine Exzellenz freue sich ungemein, dem großen Künstler dienen zu können.‘ Ich fühlte mich mädchenhaft geschmeichelt, sah die Heiratsbewilligung durch -- da lautete sie für den Bildhauer Rodin.
Ich wehrte mich schriftlich. Man sah den Irrtum ein und gab mir meinen Schein. Die Budapester Blätter aber nennen Rodin seither ‚unsern verblichenen großen Landsmann.‘
So hatte ich meine Papiere denn mit vieler Mühe gesammelt. Meine Frau ist Deutsche, bei ihr dauerte es natürlich ein wenig länger: die deutschen Behörden sind zäh, und Gewalt darf man hierzuland nicht anwenden. Schließlich gelang es aber, auch die deutschen Papiere herbeizuschaffen.
Wir gingen nun vereint aufs Standesamt. Der Beamte beanstandete einige Dokumente -- wir drohten mit Konkubinat, und er gab nach. Nur müßte ich die Geschichte aus Budapest ins Europäische übersetzen lassen. Was mir mit Hilfe eines vom Polizeibezirk Schwabing beigestellten Taschendiebes sofort gelang.
Da sagte der Standesbeamte:
„Ja, das ist die Heiratsbewilligungsurkunde; aber nicht die Bescheinigung der Heiratswilligkeit. Ich brauche ein Dokument, aus dem Ihre Heiratswilligkeit hervorgeht. Wer bürgt mir denn dafür, daß Sie überhaupt heiraten wollen?“
Ein Naiver hätte nun vielleicht geantwortet:
„Herr, wenn ich nicht heiraten wollte, hätte ich doch all die Dinge nicht unternommen, die seit zwei Jahren an meinen Ganglien reißen, all die Schritte, die mir infolge ungeheurer Gallenabsonderung zu einem Leberleiden verholfen haben. Ich hätte mich überhaupt des Verkehrs mit den Behörden ängstlich enthalten.“
So hätte ein Naiver gesprochen. Ich aber weiß, daß man innerhalb von Amtslokalen Vernunftgründe nach Möglichkeit vermeiden muß -- weil Vernunftgründe nur zu leicht zu Beamtenbeleidigungen führen.
Ich fragte also:.
„Wo ist das Amt, wo ist die Behörde, die mir bescheinigen kann, daß ich heiratswillig bin?“
„Im Rathaus, vierter Stock, Zimmer 235.“
Vierter Stock... Donnerwetter! Aber wer weiß? Wenn ich Glück habe, gibt es einen Fahrstuhl.
Ich ging aufs Rathaus, ich fand auch einen Fahrstuhl. Und daran die Inschrift: ‚Nur für Kranke und Gebrechliche.‘ -- Einen Augenblick spielte ich mit der Illusion, daß meine Leberverhärtung...
„Haben S’ an ärztliches Zeugnis?“ fragte der Portier. „Wann net, na schwitzens zwanzig Fennige, na fahr ich Ihnen hinauf.“
Ich schwitzte.
Wie hatte die Nummer des Zimmers gelautet? 253 -- nicht wahr?
Nein, da sitzt der Sachverständige für Bewertung von mäßiggekrümmten Metallgasschläuchen.
243 ist das Bureau für Bemessung bayerischer Starkbierbestände. 233: Amtslokal der Delegierten zur Besichtigung normalspuriger Straßenwalzen. Man glaubt nicht, wie verwickelt der Verwaltungsapparat einer Großstadt ist. Ein humaner Beamter wies mich auf das Zimmer 235, ‚Register der ausländischen Heiratswilligen.‘
Der Vorstand dort erklärte: es läge ein häretischer Aberglaube des Standesamtes vor; die Bescheinigung der Heiratswilligkeit könne man hieramts nicht ausstellen, die könne niemand auf Erden ausstellen als ich selbst; denn niemand als nur ich selbst könne wissen, ob ich Willens sei, eine Ehe einzugehen.
Die Gründe waren so einleuchtend, daß sie mir ganz und gar unrichtig erschienen. Und wirklich stellte sich später heraus: für Leute, die im ehemaligen Österreich-Ungarn geboren sind, besteht eine Ausnahme: sie müssen eine behördliche Bescheinigung ihrer Heiratsabsicht beibringen -- die einfache Erklärung von Österreichern hält das Standesamt nicht für glaubwürdig.
Schon rieten mir wohlmeinende Freunde, auf die Trauung zu verzichten.
„Denn,“ sagten sie mir, „du bist jung -- auch Sie, gnädige Frau, sind jung -- es wird euch früher oder später gereuen, den Behörden für nichts und wieder nichts soviel Plackerack gemacht zu haben.“
Indessen kehrten wir uns nicht an die Redereien und heirateten rüstig weiter. Ich stellte schriftlich die dezidierte Behauptung auf, heiratswillig zu sein, bat einen mehrfach, auch vor dem Feind dekorierten Oberstleutnant, mein Zeuge zu sein, und begab mich aufs Konsulat, um meine Identität beglaubigen zu lassen. Als das Konsulat immernoch zögerte, holte ich den Oberkellner aus dem Café Stefanie und stellte ihn als meinen Vetter, den Grafen Wiltschek vor. Das wirkte. Man beglaubigte mich.
Nun zurück aufs Standesamt. Der Beamte empfing mich freundlich. Meine Frau fand ihn sehr gealtert gegen das erstemal.
„Gut,“ sprach er, „Ihre Papiere sind in Ordnung. Ich kann Sie ohne weitres trauen. Haben Sie aber auch die Konsequenzen bedacht? Sie sind Österreicher. Österreicher, die sich im Ausland trauen lassen, werden daheim bestraft.“
„Bestraft?“
„Ja. Wegen Bigamie.“
„Erlauben Sie -- ich bin doch noch nie verheiratet gewesen?“
„Nicht? Dann wegen Monogamie. Bestrafen wird man Sie jedenfalls.“ -- Und mit leisem Mitleid: „So wollens die österreichischen Gesetze. Ich kann sie nicht ändern.“
~Tu, felix Austria, nube!~ Da stehe ich nun mit meinen Papieren. Mit meinem gräflichen Freund, dem Oberkellner. Dem mehrfach dekorierten Oberstleutnant. Der unüberwindlichen Zuneigung meiner Frau. Daheim schreien die Kinder.
Kostenrechnung: 5 ℳ dem Oberkellner. 1,25 dem Portier. 20 ℳ für Papiere. Ein Vaterhaus -- 60 ℳ Eine Porzellanpfeife für meinen Beschützer, den Abgeordneten -- 3 ℳ 50.
Ruiniert, blamiert und ledig. Mit einem Haufen unnützer Papiere. Sämtliche Amtsdiener Bayerns grüßen mich auf der Straße -- wenn ich im Keller neben sie zu sitzen komme, trinken sie, ohne zu fragen, eine Maß auf meine Kosten.
5 ℳ dem Oberkellner, 1,20 dem Portier. Ein Vaterhaus -- 60 ℳ usw. usw.
Zusammen 182 ℳ 20. Hiezu für Amtsdiener bisher 13 ℳ 80. ----------------- Zusammen 196 ℳ --.
Ich bin entschlossen, diesem verfehlten Leben ein Ende zu machen.
B. G. Nuschitsch nacherzählt
Die Schwabinger Alp
Wenn Sie Ihre Schritte nach dem nördlichsten Schwabing lenken -- was ohne jegliche Gefahr geschehen kann -- wenn Sie Ihre Schritte dahin lenken, fällt Ihnen ein riesenhaftes Gebäude auf mit der Inschrift:
„Städtische Mädchenhandels- Schule“
Doch sollen da keineswegs auf Kosten der Stadt München Mädchenhändler fachlich herangebildet werden -- vielmehr ist eine Handelsschule geplant für Mädchen.
Geplant und erbaut -- doch nicht ins Leben gerufen. Das große, schöne Gebäude steht leer -- es enthält nur die Schwabinger Alp. Die Geschichte ist traurig und wahr:
Wir haben einen jungen Mann in München, Georg Hensel -- so was von Begabung schreit zum Himmel. Man kann Henseln nicht mehr einen Bildhauer nennen -- er ist schon Skülptör.
Im Jahr 1914 nun, knapp nach der Kriegserklärung, verdichtete sich die Stimmung des deutschen Volkes in Hensel zu einer Idee: er wollte ein kleines Medaillon schneiden, etwa in Pfenniggröße. Vorn: die Siegesgöttin; hinten Schrift: die Jahreszahl.
Ganz einfach, aber bezwingend -- wirksam grade durch die strenge Knappheit.
So geht Hensel sinnend die Friedrichstraße lang -- da begegnet ihm ~Dr.~ Kratz. Begrüßung und Händedruck -- ein Wort gibt das andre -- -- schließlich fragt ~Dr.~ Kratz:
„Und Sie, Hensel? Was treiben Sie?“
„Eigentlich nichts... Man hat so Entwürfe...“
„Ah!! Entwürfe?? Das berührt mich aber innig. Reden Sie!“
„Nun...,“ antwortet Hensel, „... ich denk mir halt: ein Medaillon wär fein; vorn die Siegesgöttin...“
„Außerordentlich!! Vorn die Siegesgöttin?? Glänzend!! Das wird gemacht, das ist ein Hauptschlager, das ist Sensation. Sofort, auf der Stelle modellieren Sie die Siegesgöttin! Medaille -- und gleichzeitig eine kleine Plastik. Vielleicht so...“ -- (Kratz zeigt durch eine oszillierende Gebärde 15 bis 65 Zentimeter Höhe an und bleibt bei 40 fest.)
Hensel wendet ein: er müßte doch noch überlegen, ob...
Kratz aber ist elektrisiert. „Ach was,“ sagt er „-- ich spreche heute noch mit Borscht“ (dem Herrn Oberbürgermeister) -- „verlassen Sie sich darauf: Sie kriegen ein Atelier.“
Hensel ist wie vor den Kopf geschlagen. Ein Atelier? -- für das Medaillönchen?
Kratz ist schon verschwunden.
-- -- --
Was dieser Kratz damals auf dem Rathaus gesagt und geschwafelt hat, wird ein ewiges Rätsel bleiben. Kratz selbst ist bekanntlich seit Jahren wegen unheilbaren Blödsinns unter Verschluß, und der Herr Oberbürgermeister erinnert sich des Vorgangs nicht mehr. Es wird ein ewiges Rätsel bleiben, warum, wieso...
Kurz, es kam plötzlich ein gewappelter Bote nach der Pension Schmal und begehrte den Bildhauer Georg Hensel zu sehen. Worauf er Henseln einen Dienstbrief übergab.